Jörg Andrees Eltens Vita

Ich komme aus einer gutbürgerlichen Familie. Mein Vater war Diplomingenieur. Während des Studiums verlor er als Corpsstudent auf dem Paukboden seiner Verbindung beim Duell mit schweren Säbeln ein halbes Ohr, worauf er ebenso stolz war, wie auf das Eiserne Kreuz, das er sich im Ersten Weltkrieg als Oberleutnant der Luftwaffe verdiente.
Meine Mutter kam aus einem eher liberalen Haus. Ihr Vater besaß eine äußerst lukrative Zahnarztpraxis in Dresden und war auch der Hofzahnarzt des Königs von Sachsen. Als ich zwei Jahre nach meiner Schwester Gerdi geboren wurde, leitete mein Vater in der Nähe von Dresden eine Fabrik.
Als patriotischer Bismarckianer litt er, wie viele andere deutsche Konservative, unter der „Schmach von Versailles“, dem Friedensvertrag von 1918. Deshalb, so vermute ich, war er – wenigstens bis 1938 für Adolf Hitler, der „Deutschlands Ehre“ wieder herstellen wollte. Und so erklärt sich vielleicht auch, dass mein Vater nichts dagegen hatte, als ich ihm mit neun Jahren eröffnete, dass ich auf eine NAPOLA wollte, eine „Nationalpolitische Erziehungsanstalt“. Die NAPOLA's waren Kaderschmieden für den Elitenachwuchs des Dritten Reichs. Sie verbanden preußische Disziplin mit dem Glaubensfanatismus der Jesuiten und der ideologischen Brutalität sowjetischer Kadettenschulen. Acht Jahre hielt ich dort durch – bis ich, mit einem Einser-Abitur in der Tasche, Panzergrenadier der Waffen-SS-Division „Das Reich“ wurde. Im Mai 1945 floh ich – kaum achtzehn Jahre alt – aus einem amerikanischen SS-Gefangenenlager und tauchte in der Nähe des Schaalsees bei einem Bauern als Knecht unter.
Kurz darauf lernte ich ein Ehepaar kennen, das am Schaalsee ein Gartenhaus bewohnte. Ich hatte keine Ahnung, dass sie Juden waren. Ich fand sie auf Anhieb sympathisch. Als ich ihnen erzählte, dass ich bei der Waffen-SS gewesen war, lächelten sie vielsagend und sagten: „Na so was! Wir sind nämlich Juden!“ Sie waren die ersten Juden, die mir in meinem Leben begegneten. Die Judenhetze in Deutschland war auch durch unsere Schulmauern gedrungen, aber vom Holocaust wussten wir auf der NAPOLA nichts.
Ich war darauf gefasst, dass mich meine neuen jüdischen Freunde in hohem Bogen aus dem Haus werfen würden. Aber es kam ganz anders. Mit einer geradezu gespenstischen Freundlichkeit erzählten sie mir von der systematischen Ausrottung der Juden in den Vernichtungslagern und wie sie – mit Hilfe einiger nichtjüdischer Freunde – im Untergrund gelebt hatten und mit dem Leben davon gekommen waren.
Zunächst glaubte ich ihnen nicht. Aber je mehr sie erzählten, desto weniger konnte ich mich ihrer Glaubwürdigkeit entziehen, und innerhalb weniger Stunden begriff ich, dass Hitler ein wahnsinniger Verbrecher gewesen war. Acht Jahre NAPOLA erschienen mir wie ein böser Traum. Alle meine Ideale lagen in Scherben. Mein Glaube an den „Führer“ erwies sich als perverser Irrtum. Es war unglaublich schmerzhaft, aber in der Leere, die mich plötzlich umgab, spürte ich auch eine merkwürdige Leichtigkeit. Es gab keinen Halt mehr. Ich war frei!
Zwei Jahre später begann ich eine Karriere als Journalist bei der „Süddeutschen Zeitung“ in München. Mit 29 Jahren ging ich als jüngster deutscher Auslandskorrespondent nach Kairo und wurde Nahost-Spezialist. U.a. nahm ich als Kriegsberichterstatter an drei Kriegen teil – Suezkrieg 1956, Sechstagekrieg 1967 und den sogenannten Yom Kippur Krieg 1973.
Nach einem Zwischenspiel als Afrikakorrespondent wechselte ich 1962 zum „Stern“ und reiste fortan als politischer Korrespondent durch die Welt. Geld spielte keine Rolle. Alle interessanten Projekte konnten beim „Stern“ ohne Rücksicht auf Kosten umgesetzt werden. Und wie schon bei der „Süddeutschen Zeitung“ gab es auch beim „Stern“ keine interne Zensur. Ich konnte schreiben, was wich wollte. Es herrschte ein kreatives Chaos. Das gefiel mir. Ich war der geborene Beobachter – unersättlich neugierig, vorurteilsfrei und kritisch.
Als Internatskind aus geschiedener Ehe, fiel es mir schwer, meinen beruflichen Erfolg auf mein Privatleben zu übertragen. Als Familienvater bin ich zweimal gescheitert. Mein privates Unvermögen löste einen Desillusionierungsprozess aus, der schon bald auch auf meine Arbeit als „Stern“-Autor übergriff.
Ich war nicht Journalist geworden, um ein interessantes und flottes Leben zu führen, viel Geld zu verdienen und gesellschaftliches Ansehen zu gewinnen. Das hatte ich zwar erreicht, aber meine eigentliche Motivation war es doch gewesen, als schreibender Moralist in den Trümmern des Nazi-Reiches ein besseres Deutschland aufzubauen. In 30 Nachkriegsjahren hatte es ein deutsches Wirtschaftswunder gegeben, aber waren die Menschen friedlicher, aufgeschlossener, liebvoller und intelligenter geworden? Davon konnte nach meiner Meinung keine Rede sein. Als ich die Mitte des Lebens überschritten hatte, wurde mir klar, dass ich mich selber verändern musste, wenn ich etwas Positives in meinem Umfeld bewirken wollte.
In dieser kritischen Phase meines Lebens begegnete ich einem indischen Weisen, der die Antworten auf die Fragen hatte, die ich mir immer dringlicher stellte: Wer bin ich? Woher komme ich? Warum bin ich auf der Welt? Der Weise hieß Osho. Als er mich begrüßte, kam er mir geradezu unheimlich vertraut vor. Ein Jahr später brach ich alle Brücken hinter mir ab, flog nach Indien und widmete mich fortan in Osho's Aschram der Meditation.
Von Indien ging es nach Amerika, wo ich acht Jahre verbrachte, die meiste Zeit im schönen Santa Barbara an der kalifornischen Pazifikküste. Als ich 1992 wieder nach Deutschland zurückkehrte, war es klar, dass ich nicht dort weitermachen konnte, wo ich zehn Jahre zuvor aufgehört hatte, denn inzwischen hatte ich mich in meiner Lebensauffassung zu weit vom Mainstream entfernt.
So gründete ich, zusammen mit meiner Partnerin Martina Kaltenbach, das „Institut für Kreativität und Meditation“, um meine Erfahrungen als Medien-Profi einerseits und als spiritueller Sucher andererseits in Seminaren und Workshops weiter zu geben.
Als Journalist hatte ich meine ganze Aufmerksamkeit auf die äußere Welt gerichtet. Jetzt richte ich sie vor allem nach innen. Dabei habe ich mein Interesse am Weltgeschehen nicht verloren. Ich verfolge es vielmehr aufmerksam. Meine hauptsächlichen Informationsquellen sind die „International Herald Tribune“, das Internet und viele Bücher, die ich mir von Amazon.de in mein kleines mecklenburgisches Dorf schicken lasse.
Die letzten Bücher, die ich mit Gewinn gelesen habe, sind: „Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn“ von Gerald Hüther, „The Quantum and the Lotus – a Journey to the Frontiers where Science and Buddhism meet“ von Matthieu Ricard & Trinh Xuan Thuan, „Wirtschaft die arm macht“ von Horst Afheldt, „Das Geld der Zukunft“ von Bernard A. Lietaer, „Darwin among the Machines – the Evolution of Global Intelligence“ von George B. Dyson, „The Human Cloning Debate“ von Glenn McGee, „Höhenrausch“ von Jürgen Leinemann“, „Der blinde Adler“ von Heinrich Jaenecke und „Generation des Unbedingten – das Führungscorps des Reichssicherheitshauptamtes“ von Michael Wildt. Meistens lese ich mehrere Bücher nebeneinander. Im Augenblick lese ich „Deutsche Predigten“ von Meister Eckhart, „The End of Faith – Religion, Terror and the Future of Reason“ von Sam Harris, „Freakonomics – A Rogue Economist Explores The Hidden Side of Everything“ von Steven D. Levitt und Stephen J. Dubner und “Ramana Maharshi and the Path of Self- Knowledge” von Arthur Osborne.
Die Nachmittage versuche ich von Kopfarbeit frei zu halten. Dann arbeite ich gerne im Garten, gehe am nahe gelegenen Ostseestrand spazieren oder fahre mit dem Fahrrad an der Küste entlang und durch die Wälder und Felder Nordwest Mecklenburgs. Ab und zu fahre ich mit Martina nach Berlin oder Hamburg zum Kulturtanken: Ausstellungen und Kino vor allem. Meine Lieblingsfilme sind z.B. „Jenseits der Stille“, „Der Club der Toten Dichter“, „Rhythm is it!“, "Das Leben der Anderen".
Mein Fernsehkonsum wird immer geringer, dafür verbringe ich mehr Zeit beim Surfen im Internet.
Mein Interesse am Weltgeschehen ist von zwei Einsichten geprägt, die ich zwei großen spirituellen Meistern verdanke: „Sei in der Welt, aber nicht von dieser Welt (Buddha) und „Damit sich etwas zum Guten wenden kann, muss es erst einmal ganz schlecht werden (Laotse).
Ich bin also ein kritischer Optimist. Dabei bemühe ich mich, ständig im Hier und Jetzt zu sein. Jeder Tag ist ganz neu für mich. Ich lebe nach Osho's Devise: "Wirkliches, lebendiges Leben gibt es nur auf Messers Schneide". Ich mache keine Pläne mehr. Was sich ereignet, das ereignet sich – ich nehme es an und mache das Beste daraus. Das ist meine Hingabe an das Leben in all seiner wunderbaren Unberechenbarkeit.




