Der ungeliebte Kraftakt
Zwanzig Jahre nach der Wende gibt es für uns guten Grund zum Eigenlob
Ein Dorf in Mecklenburg: 150 Einwohner. Kleine Reihenhäuser ducken sich an eine staubige Dorfstraße. Zur Linken taucht die Ruine einer riesigen Scheune auf. Das Dach ist zum Teil eingefallen. Holzsparren ragen nackt in den Himmel. Keine Kirche, kein Marktplatz, keine Kneipe. Eine junge Frau schiebt einen Kinderwagen vor sich her. „Hier ist das Ende der Welt“, dachte ich. Das war vor sechzehn Jahren.
Eines Tages hatte uns unsere Freundin Marianne angerufen: „Habt ihr Lust mitzukommen? Nach Meckpomm, Ossi-Land. Da kommt meine Mutter her. Ihr Elternhaus steht zum Verkauf und sie möchte es zurückhaben. Wir wollen mal gucken, wie es da jetzt aussieht.“
Das „Schloss“
Also fuhren wir los – Marianne mit ihrer Mutter Berta, Gitama und ich. Hinter Lübeck hörte die Autobahn auf. Dann schlichen wir auf der B 105 weiter und erreichten schließlich über holprige Kopfsteinpflasterwege unser Ziel. Als wir an der verfallenen Scheune ankamen, rief Berta aufgeregt: „Jetzt halbrechts in die Lindenallee!“ Dann tauchte das Gutshaus vor uns auf. Ein stolzer zweistöckiger Ziegelbau mit Freitreppe und reich verziertem Sandsteinportal. Von den Fensterrahmen war die Farbe abgebröckelt. Wir parkten auf einem trostlosen Betonplatz hinter dem Haus. „Früher gab es hier Blumenbeete. Wir hatten herrliche Rosen!“, sagte Berta. Sie zeigte auf den Kücheneingang und ich sah, dass sie Tränen in den Augen hatte. „Durch diese Tür habe ich 1945 mein Elternhaus verlassen“, sagte sie, „mit Boris auf dem Arm. Der ist jetzt 52 und war noch nie hier.“
Der weitläufige Garten rund ums „Schloss“, wie die Einheimischen das Gutshaus nannten, war verwahrlost. Unkraut auf den Wegen, überwucherte Beete. Ein paar windschiefe Schuppen. Weit und breit kein Mensch. Über dem halb zugewachsenen Schlossteich wölbten sich die imposanten Kronen mächtiger Trauerweiden.
Ein junger Angestellter vom Bezirksamt kam auf dem Fahrrad an und brachte Schlüssel mit. Im Haus sah es besser aus, als wir erwartet hatten. Der Stuck war noch an der Decke des Festsaales und auch das Eichenparkett und die holzgetäfelten Wände sahen noch ganz ordentlich aus. Aber die Kronleuchter waren natürlich weg.
Wir erfuhren, dass das Gutshaus in der DDR-Zeit als Internatsschule genutzt worden war. Drei Jahre nach der Wende fehlte das Geld für die dringend notwendige Renovierung. So wurde das Schloss zur Versteigerung ausgeschrieben. Als Berta zögernd, aber mit leuchtenden Augen ihr Kinderzimmer betrat, wusste ich, dass die alte Dame ihr Elternhaus zurückkaufen würde, koste es, was es wolle.
Ein Kraftplatz für Entfaltung
„Habt Ihr vielleicht Lust, hier einzuziehen?“, fragte Marianne. „Ihr könntet doch das Haus hüten, bis es hier richtig losgeht. Sie wusste, dass unser Mietvertrag in Hamburg gerade ablief und Gitama und ich auf der Suche waren. Der Mann vom Bezirksamt schlug die Hausmeisterwohnung im Obergeschoss vor. „Drei Zimmer mit Bad und schönem Ausblick“, schwärmte er. Als wir dort oben ankamen, stellten wir fest, dass uns Vandalen zuvorgekommen waren. Im Bad lag das Waschbecken zertrümmert auf dem Boden und im Klobecken lag eine eindrucksvolle Fäkalie. Außerdem waren überall die Schalter und Steckdosen aus den Wänden gerissen. Kurzum: Wir waren in der Realität angekommen. Dass die Dorfbewohner uns mit offenen Armen herzlich willkommen heißen würden, erschien uns jetzt eher unwahrscheinlich.
Bevor wir zurückfuhren, machten wir noch einen Spaziergang. Ich kann es heute noch nicht erklären, warum auf diesem Spaziergang plötzlich klar wurde, dass wir hier leben wollten. War es die Weite? War es der große Himmel? War es die Einsamkeit? War es die zenmäßige Klarheit und Harmonie der Landschaft? Die großartige Ereignislosigkeit? Wahrscheinlich war es all das zusammen genommen – und die Ahnung, dass wir hier, am Ende der Welt, einen Kraftplatz mit unbeschränkten Entfaltungsmöglichkeiten entdeckt hatten. Nichts würde uns hier vom Wesentlichen abhalten.
Am Ende der Welt
Ein Jahr später feierten wir Richtfest. Die Nachbarn kamen und feierten mit uns. Nur Arnold, unser Nachbar von gegenüber, kam nicht. Er hatte unser Grundstück früher als Pferdeweide genutzt. Für ihn waren wir typische „Wessis“, Leute, die mit gefüllten Taschen von „drüben“ kamen und sich breit machten. Aber Arnold blieb der Einzige im Dorf, der mit uns nichts zu tun haben wollte. Heinz, der alte Dorfschmied, wurde mein bester Freund. Ich besuchte ihn oft und hörte ihm stundenlang zu, wenn er, der Beinamputierte, im Rollstuhl saß und mir von seinen Abenteuern als Fallschirmjäger im Zweiten Weltkrieg erzählte. Er machte keinen Unterschied zwischen Ossis und Wessis. „Wir sind doch alle nur Stimmvieh für die da oben“, meinte er sachlich. Und als ich ihn fragte, wie es denn im Dorf während der DDR-Zeit gewesen sei, sagte er: „Die haben uns in Ruhe gelassen und wir sie auch.“ Mit „die“ meinte er die Funktionäre der SED. Leider ist Heinz vor zwei Jahren gestorben.
Das Gefühl, am Ende der Welt zu leben, hat uns noch ein paar Jahre begleitet. Wenn wir nach Schwerin, Wismar oder Rostock fuhren, um etwas einzukaufen, ins Kino zu gehen oder im Restaurant zu essen, beschlichen uns manchmal leise Zweifel: rissige Häuserfassaden, geschmacklose Auslagen, muffige Verkäuferinnen und Kellner, öde Speisekarten und Kinoprogramme drückten auf die Stimmung. War es vielleicht eine blöde Idee gewesen, uns im ehemaligen Arbeiter- und Bauernparadies anzusiedeln?
Die Begeisterung über die Wiedervereinigung war schnell verflogen – auch bei uns im Dorf. Wenn ich hier die Nachbarn mit einem freundlichen „Nun, wie geht´s denn?“ begrüßte, kam unweigerlich die muffige Antwort: „Muss ja …“ Mein Nachbar Jens setzte noch einen drauf und sagte: „Beschissen wäre geprahlt!“ Um seinen Sohn Harald, einen gutaussehenden, aber missmutig verschlossenen Teenager, haben wir uns Sorgen gemacht. Die Polizei ermittelte gegen ihn wegen Vandalismus, und wir wären nicht überrascht gewesen, wenn er eines Tages mit einer Jagdflinte um sich geballert hätte.
Ein belebender Frühlingssturm
Aber jetzt, zwanzig Jahre nach der Wende, ist alles ganz anders. Marianne ist über das Dorf gekommen wie ein belebender Frühlingssturm. Innerhalb von wenigen Jahren hat sie das heruntergekommene Schloss in ein schickes 100-Betten-Wellnesshotel mit eigener Biolandwirtschaft verwandelt. Ein Seminarhaus ist dazugekommen und ein Gesundheitszentrum, in dem mehr als zwanzig Therapeuten arbeiten. Im Mai wurde die „Saunalandschaft“ eröffnet, mit Naturteich und einem grandiosen Panoramablick in die mecklenburgische Weite. Überall dampft die Energie auf hohem Niveau und Harald kurvt glücklich mit seinem Bagger durch die Gegend. Fast ein Jahr lang hat er seinen Feierabend damit verbracht, einen abgewrackten Golf mit Schraubenschlüssel und Schweißbrenner in einen 250 PS-Flitzer mit Rennreifen und Spoiler zu verwandeln. Er ist einer von fast hundert Leuten aus dem Dorf und seiner Umgebung, die für Marianne arbeiten.
Die Hotelgäste kommen aus allen Teilen Deutschlands und nicht wenige sogar aus dem Ausland. Junge Frauen aus dem Dorf sitzen an Computern, schreiben Emails, erledigen Zimmerreservierungen und sind in der Rezeption des neuen Gesundheitszentrums beschäftigt. Die Dorfstraße ist voriges Jahr gepflastert worden und es gibt eine neue Straßenbeleuchtung mit Sparbirnen. Einige Dorfbewohner haben eine Genossenschaft gegründet, die ein umweltfreundliches Holzschnitzel-Fernheizkraftwerk betreiben wird, sobald die zugesagten Fördermittel fließen.
Eine echte Aufbauleistung
Aber auch in der Umgebung weht ein frischer Wind. Nachdem der Nach-Wiedervereinigungs-Schock abgeklungen war, haben viele Ossis den Sprung in die kalte kapitalistische Wettbewerbsgesellschaft gewagt und ihre Chance wahrgenommen. Dabei mussten sie auf die Herausforderungen ihrer Zeit sehr viel lebhafter reagieren als die satten Wessis. Schwerin, Rostock und Wismar erstrahlen nach aufwendiger Sanierung in neuem Glanz. Das Ostseebad Boltenhagen – vor zwanzig Jahren noch ein verlorenes Kaff – war nach der Wende ein paar Jahre lang der Ort in Deutschland mit der höchsten Investitionsrate pro Kopf der Bevölkerung. Jetzt gibt es dort außer neuen Hotels und Ferienhäusern einen hochmodernen Jachthafen und Boltenhagen schickt sich an, dem Schickimicki-Rivalen Timmendorfer Strand auf der anderen Seite der Lübecker Bucht Konkurrenz zu machen.
Warum ich das alles schreibe? Weil ich meine, dass es an der Zeit ist, uns auch mal selber auf die Schulter zu klopfen: Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer können die Deutschen stolz auf eine Aufbauleistung sein, die in unserem Land wenig, aber in der Welt umso mehr bewundert wird. Der Kraftakt war nicht gerade populär, aber ich kenne zum Beispiel viele Amerikaner, die uns darum beneiden. Der alte Kohl hat recht behalten: Die total abgewirtschaftete ehemalige DDR hat sich in eine „blühende Landschaft“ verwandelt. Es war wahnsinnig teuer und manches ist auch schiefgegangen. Aber warum sollte es nicht möglich sein, die Dynamik dieses ungeheuren Kraftakts in die nächste, noch größere Herausforderung einzubringen: den Sprung in ein neues Zeitalter kreativer Bewusstheit, umweltfreundlicher Lebensführung und globaler Solidarität.