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Hier und Jetzt am Kap der Guten Hoffnung

Eindrücke von einem Familienbesuch in Südafrika

Fünfzehn Stunden Flug mit Zwischenlandung in Dubai. Dann bin ich auf der südlichen Hälfte des Globus. Tochter Bettina holt mich vom Flughafen Kapstadt/Südafrika ab. Hier will ich Fußball spielen mit meinem 9-jährigen Enkel Livio. Aus der Menge der Wartenden löst sich ein kleiner Kugelblitz in roten Hosen und buntem T-Shirt und springt mit einem Riesensatz in meine Arme. Enkelin Gita, drei Jahre alt, ziemlich dunkle Hautfarbe, große, wache Augen – ein Energiephänomen wie ein Taifun. Bettina hat dieses afrikanische Kind indischer Abstammung vor drei Jahren adoptiert und sagt, das sei die beste Entscheidung ihres Lebens gewesen.

Anderthalb Stunden später sind wir in einem Villenviertel unterhalb des Tafelberges – Wahrzeichen der Stadt und beliebtes Ausflugsziel. Aus einer üppig blühenden Gartenpracht ragen Eisenzäune mit spitzen Kronen hervor und Stacheldrahtrollen auf hohen Mauern. Neben jedem Eingangstor ist ein Schild mit der Aufschrift befestigt: „Dieses Anwesen wird von bewaffneten Sicherheitskräften geschützt“. „Wir hatten schon dreimal Einbrecher im Haus“, sagt Bettina. „Jetzt haben wir alle Fenster vergittert.“

Enkel Livio, der die Deutsche Schule in Kapstadt besucht – spielt Fußball gegen eine andere Schule. Das muss ich natürlich sehen. Auf der makellos gepflegten Rasenfläche eines privaten Clubs direkt am Meer rackern sich die Kleinen ab, ballern drauflos, schreien und fallen sich um den Hals, wenn ein Tor fällt. Alles genauso wie beim Profi-Fußball.  Die Fan-Gemeinde besteht aus jungen, ehrgeizigen Müttern. Sie sitzen auf dem Rasen, fuchteln mit den Armen und schlagen entsetzt die Hände vors Gesicht, wenn ein Schuss daneben geht.

Auf dem Spielfeld gibt es weniger Schwarze, als in der Bundesliga. „Hier spielen Schüler von weißen Privatschulen“, sagt Bettina. „Die schwarzen Kinder spielen Fußball in den Townships, wo es keine weißen Kinder gibt. Manchmal fährt Livios Team mit dem Schulbus in die Townships und spielt dort gegen schwarze Mannschaften.“

Die schwarzen Kinder, die ich hier auf dem Rasen sehe, sind fast alle Adoptivkinder von weißen Eltern. Auch Paul ist dabei, Livios bester Freund. „Mit dem kann ich am besten lachen“, erzählt mir Livio später.

Vom Spielfeld her kommt der Jubelschrei „Tooor!“. 4:0 für die Deutsche Schule. Livio ist begeistert. Die Spieler steigen zu ihren Müttern in die Autos. Mir fällt auf, wie viele Mütter hochachsige Luxus-Geländewagen fahren, so als wären sie ständig auf Großwildjagd unterwegs.  „Statussymbol“, sagt Bettina. „Es gibt hier sogar Tankstellen, wo du deinen Geländewagen dreckig machen lassen kannst, damit es so aussieht, als kämst du gerade von einer Safari.“

Beim Abendessen sagt Bettina: „Es ist schon ein bisschen unheimlich, in einem Land zu leben, in dem mindestens fünfzig Prozent der Bevölkerung dich nicht mögen - einfach deshalb, weil Du eine weiße Hautfarbe hast. Die Folgen der Apartheid sind noch längst nicht überwunden“.

Wir essen relativ spät, denn Bettinas Mann, Schwiegersohn Marco, kommt fast nie vor 20:00 Uhr nachhause. Er ist Betriebsleiter einer italienischen Werft, die Segelrennyachten für sportliche Multimillionäre baut. Ein Boot ist gerade fertig geworden – ein traumhaft schönes Wunderwerk, in dem Hightech und Kunst miteinander verschmelzen. Es kostet 11 Millionen Euro.

„Manchmal“, sagt Marco, „frage ich mich natürlich, ob es sinnvoll ist, für die Superreichen teure Spielzeuge zu bauen. Der Sinn liegt eher darin, dass ich damit 350 Arbeitsplätze in Südafrika schaffe. Das Gesetz schreibt vor, wie viel Prozent der Belegschaft Schwarze sein müssen. Sie kommen ohne jede Ausbildung und ich versuche, ihren Ehrgeiz zu wecken, damit sie sich auf Schulungen einlassen und für Führungsaufgaben auf der mittleren Ebene qualifizieren. Aber das Problem ist, dass sie sich nichts zutrauen und keine Verantwortung übernehmen wollen. Ich bin enttäuscht, aber ich gebe nicht auf.“

Ein paar Tage später besuchen wir eine Ausstellung im aufwändig renovierten Museum für Moderne Kunst. Die Kern-Aussage der Ausstellung ist erschreckend eindeutig: sie zeigt, dass die Weißen den Schwarzen die Seele geraubt haben. Wer die Ausstellung gesehen hat, der ahnt, dass die Apartheid nicht nur die Exekution einer brutalen Rassentrennung war. Sie war ein psychologischer Massenmord. Sie hat das Selbstbewusstsein von Millionen von schwarzen Menschen systematisch zerstört.

Über viele Generationen hinweg haben die Weißen den Schwarzen eingebläut, dass sie dumm und minderwertig sind und nur für primitivste Arbeiten taugen. Die Apartheid war darauf angelegt, die schwarzen Südafrikaner auf das Niveau von Nutztieren herunterzudrücken. Die Wirkung dieser Gehirnwäsche verblasst offenbar nur langsam, und sie erklärt vielleicht, warum die Bewohner der Townships noch nicht über die Villenviertel der Weißen hergefallen sind.

Mit elementarer Wucht entladen die Künstler ihren Schmerz, ihre Trauer, ihr Leid. Das beherrschende Thema ist Gewalt. Liebe kommt nur in einem einzigen Bild vor, das zwei nackte Menschen in zärtlicher Umarmung zeigt - ein schwarzer Mann und eine weiße Frau. Ein anderes Bild steht im Kontrast dazu: eine weiße Frau wird von einer Gruppe von schwarzen Männern vergewaltigt. Schönheit und Harmonie kommen in dieser Ausstellung nicht vor.

An Tumeika ist die Gehirnwäsche der Apartheid offenbar spurlos vorübergegangen. Sie sorgt für Ordnung in Bettinas Haushalt. „Sie ist meine Rettung“, sagt Bettina und Tumeika, eine schwarze Frohnatur mit einer unglaublichen physischen Präsenz, stemmt die Fäuste in die Hüften und lacht, dass die Fensterscheiben klirren. Punkt halb neun taucht sie morgens auf, stellt das Radio an (Bettina: „Ohne Radio geht bei ihr nichts“) und macht sich an die Arbeit. Am liebsten würde ich sie in meinen Seminaren als die Königin der Entschleunigung vorstellen. Niemand beherrscht die Kunst der Langsamkeit so meditativ und effizient wie sie. Keine hastige Bewegung. Kein Stress. Die Kinder lieben sie.

Ich möchte wissen, wie Tumeika lebt, und sie ist einverstanden, dass wir sie nach Hause bringen. Nach einer Stunde Fahrt biegen wir von der Asphaltstraße ab.  Plötzlich ist das Kapstadt der Weißen und der Touristen, das Kapstadt der exklusiven Villenviertel, der 5 Sterne Hotels, der luxuriösen Einkaufszentren und prächtigen Strandpromenaden so weit weg, als läge es auf einem anderen Planeten.

Wir tauchen ein in eine Hölle aus fensterlosen Wellblechverschlägen und Bretterbuden, ein Inferno aus stinkenden Abflussgräben, Müll, Autowracks, leeren Flaschen und dreckigen Plastikfetzen. Überall Kinder, viele Kinder. Sie spielen Fußball mit leeren Coca Cola-Dosen, einige flitzen auf rostigen Fahrrädern durch Schlammpfützen. Junge Männer lungern herum und mustern uns mit einer Mischung aus Misstrauen und Gleichgültigkeit. Sie haben keine Arbeit und keine Zukunft, und ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass ich wahrscheinlich auch auf Raubzüge durch die schicken Villen-Viertel von Kapstadt gehen würde, wenn ich hier leben müsste.

Tumeika öffnet die Tür zu ihrem Verschlag. Als sich unsere Augen an das schwache Licht gewöhnt haben, sehen wir einen penibel aufgeräumten Raum mit Lehmfußboden. Ein Plastikeimer in der Mitte fängt Wasser auf, das durchs Dach kommt. Plötzlich knipst Tumeika Licht an. Elektrischer Strom! Wer hätte das gedacht! Und dann sehen wir den Kühlschrank , die Kaffeemaschine und sogar einen Mikrowellenofen. Tumeika hat hart dafür gearbeitet. Und sie ist stolz darauf, dass ihre zwei Söhne – 18 und acht Jahre alt – zur Schule gehen. Ihr Mann treibt sich irgendwo mit anderen Frauen herum. Manchmal taucht er stockbesoffen auf, schlägt um sich, klaut, was nicht niet- und nagelfest ist und verschwindet wieder. „So sind die Männer eben“, sagt Tumeika.

Wir bleiben nicht lange. Ich komme mir wie ein Voyeur vor, habe hier nichts zu suchen, fühle mich hilflos. Ich habe schon viele Slums auf der Welt gesehen, aber nirgendwo erschien mir die abgrundtiefe Kluft zwischen den Besitzenden und den Habenichtsen so bedrohlich wie hier in Kapstadt.

Auf der Rückfahrt stelle ich Bettina die nahe liegende Frage: „Was machst du, wenn das Pulverfass explodiert? Wie kommst du hier weg, mit Marco und den Kindern, wenn in den Townships die Revolution ausbricht?“

„Die Frage höre ich seit Jahren immer wieder“, sagt Bettina. „Auf dem Vulkan gibt es nur ein Leben im Hier und Jetzt. Du darfst dich nicht verrückt machen lassen. Natürlich denken wir immer wieder mal daran, hier weg zu gehen. Aber im Augenblick ist es o.k. Für die Kinder ist es sogar wunderbar. Sie leben in einem spannenden Umfeld, sprechen mehrere Sprachen, haben schwarze Freunde, gutes Wetter, viel Sport, gute Luft. Marco fühlt sich verantwortlich für die Leute, die mit ihm in der Werft arbeiten. Wenn er hinschmeißt und geht, kracht der Laden zusammen und sie verlieren ihre Arbeit. Das macht ihm zu schaffen. Das Italien des Silvio Berlusconi lockt uns nicht und in Deutschland würden wir wahrscheinlich einschlafen.“

Im Hier und Jetzt läuft die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika. Was danach kommt… Ach, wer weiß das schon?


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