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Über die Folgen des Geburtenrückgangs und die moderne Kommune als Ausweg

Neulich kam unsere Freundin Bärbel zu Besuch und brachte Sven mit, ihren vierjährigen Sohn. So ein hübscher Junge. So unglaublich lebendig und gescheit. Wir waren begeistert! Und dann ging es los! Sven lief in Küche und Wohnzimmer umher, riss Schranktüren auf und knallte sie zu. Kam zwischendurch immer wieder zu uns an den Tisch und quengelte so lange, bis keiner mehr einen Satz zu Ende bringen konnte. Beim Essen waren wir damit beschäftigt, ihn abzulenken, damit die Mutter ihm immer wieder mal flink einen Bissen in den Mund bugsieren konnte. Mit Wonne legte er die Beine auf den Tisch und spielte den Suppenkaspar. Als Sven gegen Mitternacht eingeschlafen war, kam doch noch ein Gespräch zustande – über Kindererziehung natürlich. „Ich will keinen dressierten Affen aufziehen“, sagte Bärbel. „Ich will, dass Sven Vertrauen und ein gesundes Selbstbewusstsein entwickelt“.

Um genug Zeit für ihren Sohn zu haben, ist sie aus ihrer Erfolgs-Karriere ausgestiegen. Seither dreht sich alles nur noch um Sven: Erziehungsexperimente, Elternabende, Vorlesen, Spielen, Kinderpartys, Erfahrungsaustausch mit anderen Müttern und reichlich Chauffeurdienste für den Sohn.

Überall in unserem Bekanntenkreis sehe ich total engagierte und gestresste Mütter. Die amerikanische Journalistin Judith Warner – selber Mutter von zwei kleinen Kindern - schrieb kürzlich einen Bestseller über Karrierefrauen und ihre Kinder mit dem bezeichnenden Titel „Perfekter Wahnsinn “. Eine dieser Mütter, die einen Managerposten aufgegeben hat, sagt in dem Buch: „Kinder sind das Zentrum im Haus. Du möchtest alles für sie bedeuten und du möchtest alles für sie tun. Die ganze Energie und der ganze Enthusiasmus, den du bisher in deinen Job gesteckt hast, mobilisierst du jetzt für deine Kinder, weil du doch bei der Erziehung der Kleinen genau so erfolgreich sein willst, wie du es im Beruf warst. Und weißt du was? Du kannst dabei deine Kinder total verrückt machen!“

„Woher kommt dieser Frust, diese Wut, dieses schlechte Gewissen?“ fragt Judith Warner und gibt die Antwort: „Es liegt an unserer Kultur, an der Art und Weise, wie wir aufgewachsen sind im Spannungsfeld zwischen Idealen und politischen Realitäten, zwischen Feminismus und Familientugenden. Hinzu kommt unsere Angst und macht schließlich aus dem ganzen Cocktail der Widersprüche den perfekten Wahnsinn.“

Die Kleinfamilie als Brutstätte für Neurosen – immer mehr junge Menschen lehnen sie ab und so droht uns eine Gesellschaft, in der es mehr Greise als Kinder gibt. Besonders dramatisch ist die Kinderlosigkeit unter Akademikerinnen: 45 % verzichten auf Kinder. Und in den Haushalten der Mittelschicht ist das Einzelkind eher die Regel, als die Ausnahme. Kinder sind also eine kostbare Rarität. Je weniger es gibt, desto mehr beschäftigen sie ihre Mütter.

In letzter Zeit wird der Kindermangel in Deutschland heiß diskutiert. Dabei geht es meistens gar nicht um das Wohlergehen der Kleinen, sondern darum, dass der Kindermangel zum Rentencrash führen kann. In wenigen Jahren wird in unserem Land jeder zweite Mensch älter als 50 Jahre sein!

Die Politik ist endlich aufgewacht. Mit mehr Kindergärten und finanziellen Zuwendungen will sie junge Leute zum Kinderkriegen animieren. Für Einwanderer und sozial Schwache sind das attraktive Offerten. Aber ob die Anreize aus der Staatskasse die Besserverdienenden zum Kinderkriegen animieren werden, ist fraglich.

Die rückläufige Geburtenrate ist doch nur zum Teil ein finanzielles Problem. Viel wichtiger ist die Einstellung der Menschen zum Kind. Um die Lust zum Kinderkriegen zu steigern, müssten junge Menschen z. B. ein Baby reizvoller finden, als einen schicken Neuwagen oder die jährliche Ferienreise zu den Traumstränden des Südens. Sie müssten ihre Partnerschaftsbeziehungen so gestalten, dass die Geburt eines Babys die Beziehung nicht sprengt, sondern eher festigt - inzwischen ist aber fast jede zweite Mutter in Deutschland allein erziehend. Die Kleinfamilie – immer noch gepriesen als unverzichtbare Keimzelle unserer Gesellschaft - ist ein Auslaufmodell. Fast jede zweite Ehe wird geschieden. Unser Umfeld und unser Lebensstil sind schlichtweg kinderfeindlich, weil sie von einem außer Kontrolle geratenem Materialismus beherrscht werden.

Die meisten jungen Paare sind vollauf damit beschäftigt, für den Erhalt ihres Lebensstandards zu schuften. Viele berufstätige Mütter sind auch dann überfordert, wenn sie für ihr Kind einen Platz im Kindergarten ergattert haben. Wenn ihre Kleinen aus der Krippe nach Hause kommen, schmeißen sie das Kinderprogramm im Fernseher an. Während die Kleinen vor der Glotze hocken, müssen sich die Mütter erst mal vom Stress am Arbeitsplatz erholen. Und was ist mit den Ehemännern? Umfragen zeigen, dass die Väter mehrheitlich immer noch nicht bereit sind, die halbe Last der Hausarbeit und Kindererziehung zu übernehmen. Viele kinderlose Frauen beobachten, was im Haus ihrer Freundinnen mit Kindern abgeht. Ihre Reaktion: „ Kinder? Nein danke!“

Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, hat in zwei Büchern ein dramatisches Bild der Vergreisung unserer Gesellschaft gezeichnet. („Das Methusalem-Komplott“ und „Minimum“) Die Kleinfamilie schrumpft auf Single- Niveau. Das soziale Netz in Fetzen. Jeder für sich und keiner für alle. Millionen Singles ohne Brüder und Schwestern, ohne Onkel und Tanten veröden seelisch in einem narzistischen Individualismus. Keine Geborgenheit mehr. Und in das biologische Vakuum der deutschen Gesellschaft strömen Millionen von jungen Moslems ein – das Potential für soziale Erschütterungen, die die Grundfesten unserer Verfassung zerstören könnten.

Schirrmacher will erschrecken und aufrütteln. „Minimum“ hat sich innerhalb weniger Tage 100 000 Mal verkauft. Gibt es eine Rettung? Schirrmacher zaubert sie aus seinem Doktorhut und plädiert für die Widergeburt der Großfamilie als „Schicksalsgemeinschaft“, „Urgewalt“ und „Überlebensfabrik“! Wie diese Pop-Ikone der deutschen Intellektuellen auf die Idee kommen konnte, dass das Gesellschaftsmodell des frühen Agrarzeitalters perfekt in die Jetztzeit passt, ist mir ein Rätsel.

Die Großfamilie lebte auf der Scholle und war eine landwirtschaftliche Arbeitsgemeinschaft. Jeder hatte seinen festen Platz. Aber im Laufe der Jahrhunderte wuchs die Bevölkerung und damit auch die Not auf dem Land. Zu Beginn der Industrialisierung zogen Millionen Mitglieder von Großfamilien in die Städte und wurden Lohnsklaven im Frühkapitalismus. Die Mechanisierung der Landwirtschaft im vorigen Jahrhundert gab der Großfamilie schließlich den Rest.

Inzwischen sind Blutsbande in menschlichen Beziehungen nicht mehr so wichtig. Wir treffen unsere Verwandten gerne zu Omas Geburtstag, aber wer will heutzutage noch mit Mama und Papa, mit Onkel, Tante, Oma und Opa unter einem Dach leben? Ist es nicht so, dass wir uns vor allem mit Menschen zusammentun, die mit uns geistig, kulturell und spirituell auf der gleichen Wellenlänge sind?

Auf allen Ebenen weisen die Indikatoren in die gleiche Richtung: Das überlebensfähigste Gesellschaftsmodell der Zukunft ist die modere Kommune, die Gemeinschaft von Gleichgesinnten aus den verschiedensten Schichten der Bevölkerung, die gleichberechtigt zusammen arbeiten, die gemeinsam meditieren, innerlich wachsen und ihre Kinder gemeinsam erziehen.

Anandi, die verantwortliche Redakteurin der „Osho Times“ hat mit ihrem Sohn Christian in den USA in einer solchen Kommune gelebt. Menschen aus mehr als 50 Nationen und aus allen gesellschaftlichen Schichten haben innerhalb weniger Jahre ein blühendes Gemeinwesen aufgebaut. Es gab eine moderne Bio-Landwirtschaft, Obstplantagen mit computergesteuerter Bewässerung, ein Hotel, Geschäfte, Restaurants, Großraumbüros mit vernetzten Computern, eine Bildungsstätte für Körpertherapeuten und ein Zentrum für Selbsterfahrungsgruppen. Es gab sogar einen Flugplatz mit drei kommuneigenen Flugzeugen.

Anandi erinnert sich: „Mein Sohn wohnte mit den anderen Kindern in einem der Kinderhäuser. Morgens ging's in die Schule und nachmittags kam er mich manchmal auf der Farm besuchen, wo ich Hühner fütterte und Kühe molk. Wir hatten beide den Freiraum, zu wachsen – jeder auf seine Weise. Wir wohnten nicht unter einem Dach, aber wir waren uns doch ganz nah. Es fühlte sich völlig sicher an. Eine wahrhaft bessere Welt in meinen Augen.“

Und Christian erinnert sich: „Ich lebte von meinem siebten bis zehnten Jahr in der Kommune.

Sie war ein Paradies für Neugierige. Es gab so viel zu entdecken und alles war so aufregend und abenteuerlich. Wir Kinder sind oft Kilometer weit in die Berge gerannt. Manchmal haben wir auch den Schulbus sausen lassen und die Schule geschwänzt. War nicht so schlimm. Paradiesisch fand ich auch, dass alles umsonst war. Das Busfahren, das Essen …“

Die Kommune in Oregon / USA – ein aufregendes, viel umstrittenes Experiment - wurde 1985 von der Regierung Ronald Reagan zerstört. Aber die Idee der Kommune lebt weiter.

Mit jedem Jahr wird sie attraktiver und am Ende wird sie sich durchsetzen. Weil es einfach keine Alternative gibt.

 

Satyananda
www.hierjetzt.de


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