Kinderschändung in der Kirche
Wie katholische Priester Kinder missbrauchten und die Kirche sie schützt
von Jörg Andrees Elten
Vor ein paar Tagen las ich in der „New York Times“ einen Kommentar, der mit folgenden Sätzen begann: „Niemand sollte sich von Roger Mahony, Kardinal der Erzdiözese Los Angeles, zum Narren halten lassen. Sein jüngster Versuch den Skandal pädophiler Priester zu verharmlosen, die Jahrzehnte lang über ihre Schüler hergefallen sind, ist weiter nichts, als ein trügerischer PR Trick.“
Die NYT wirft dem Kardinal vor, dass er Gerichtsbeschlüsse ignoriert, die ihn veranlassen sollen, Dokumente der Erzdiözese über ihre Kinderschänder der Staatsanwaltschaft lückenlos zugänglich zu machen. Er drücke sich davor, die grauenhaften Details dieser Taten offen zu legen. In seiner „jüngsten irreführenden Kooperationsnummer“ habe der Kardinal nur summarische Angaben über 126 angeklagte Kinderschänder gemacht. Das bestätige lediglich das Ausmaß „dieser Seuche“. Die Erzdiözese sei immerhin mit den Regressansprüchen von 560 Katholiken konfrontiert, die in ihrer Kindheit von Priestern sexuell missbraucht worden seien. Der Missbrauchskandal erstrecke sich über ganz Amerika und habe in den vergangenen drei Jahren zur Amtsenthebung von mehr als 700 kriminellen Priestern geführt.
Als ich das las, wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass der Missbrauchskandal der katholischen Kirche weit mehr ist, als die Verfehlungen einiger schwarzer Schafe im Priestergewand. Der eigentliche Skandal besteht darin, dass der Klerus bis hinauf zum jetzigen Papst Benedikt XVI. sich weigert, mit den Strafverfolgungsbehörden zusammen zu arbeiten.
Die katholische Kirche hat die sexuellen Übergriffe ihrer Priester immer als kleines, peinliches Geheimnis behandelt. Die Kinderschänder durften beichten. Ihre Sünden wurden ihnen vergeben. Manche wurden zum Psychotherapeuten geschickt. Manche durften einen Zwangsurlaub antreten. Es gab bis auf ganz wenige Ausnahmen keine harten Konsequenzen. Das oberste Gebot hieß: kein Aufsehen erregen und Schwamm drüber.
Je mehr ich im Internet über die sexuellen Übergriffe katholischer Geistlicher recherchiere, desto weniger Mitleid habe ich mit den Hirten, die in leeren Kirchen predigen. In meinen Recherchen bin ich auf einen irischen Priester gestoßen, der tatsächlich ein 16-Jähriges Mädchen auf dem Altar seiner Kirche vergewaltigt hat. Ich habe von anderen Priestern gelesen, die sich über viele Jahre hinweg Dutzende von Messdienern gefügig gemacht haben. Ich habe von gesicherten Erkenntnissen erfahren, wonach zahllose Priester ihre Opfer mit Drohungen, Erpressungen und Geld zum Schweigen gebracht haben – und dies mit Unterstützung ihrer Vorgesetzten.
Inzwischen steht fest, dass vier Prozent der katholischen Geistlichen in den Vereinigten Staaten Kinderschänder sind. Unabhängige Experten sprechen von einer hohen Dunkelziffer und glauben, dass der Prozentsatz viel höher liegt. Und natürlich drängt sich die Frage auf: Warum sollte es bei uns anders sein, als in den USA, wo das Thema Furore macht und sich sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen als ein systemisches Problem der katholischen Kirche erwiesen hat?
Aber bei uns rührt sich nichts. Nur in der Nachbarschaft rumort es. So hat sich die Regierung in Irland bei Tausenden von Menschen entschuldigt, die in katholischen Waisenhäusern und Kinderheimen schwer geprügelt, sexuell missbraucht und sogar vergewaltigt worden sind. Weil der Staat seine Aufsichtspflicht nicht wahrgenommen hat, versprach die Regierung den Opfern Entschädigung. Wer Entschädigung annimmt – durchschnittlich 43 000 € – muss allerdings darauf verzichten, gegen die Kirche gerichtlich vorzugehen. 18 irische katholische Orden steuern 140 Millionen Dollar zur Entschädigung bei. Den Rest muss der irische Steuerzahler aufbringen. Manche Experten halten für möglich, dass die Abwicklung des Missbrauchsskandals mehr als eine halbe Milliarde € betragen könnte. Die Antragsfrist für die Opfer läuft Ende 2005 ab.
Etwas harmloser waren die Skandale, die das Nachrichtenmagazin „Profil“ in Österreich aufgedeckt hat: Der Kardinal von Wien, Hans Hermann Groer, so berichtete „Profil“ vor einigen Jahren, werde von mehreren jungen Männern beschuldigt, sie sexuell missbraucht zu haben. Der Kardinal stritt alles ab und der Vatikan hielt seinen schützenden Schirm über seinen hohen Würdenträger. Aber er musste sein Amt aufgeben und sich in ein Kloster verziehen. Auch der österreichische Bischof Kurt Krenn, der den sogenannten „Kinderporno-Skandal“ im Priesterseminar St. Pölten zu verantworten hatte, wurde vom Vatikan aus der Schusslinie gezogen. Er hatte sich im Ton vergriffen, als er die Angewohnheit seiner Zöglinge, sich gegenseitig abzuknutschen und Kinderpornos aus dem Internet auf ihre Rechner herunterzuladen, „dumme Bubenstreiche“ nannte.
In den USA waren es die Reporter der angesehenen Tageszeitung „Boston Globe“, die den Missbrauchssumpf in der katholischen Diözese Boston aufdeckten und damit eine Enthüllungslawine auslösten. In sorgfältig recherchierten Berichten konfrontierten sie einige katholische Priester der Erzdiözese mit den Vorwürfen zahlreicher Missbrauchsopfer. Kaum waren die Artikel erschienen, meldeten sich weitere Opfer – zuerst waren es Dutzende dann Hunderte. Am Ende wurden mehr als 500 Priester beschuldigt, im Zeitraum von 60 Jahren Kinder sexuell misshandelt zu haben. Die Diözese zahlte 2003 in einem Zivilverfahren 85 Millionen Dollar an Opfer, die sich mit der Kirche arrangierten.
Aber schon bald erhielt der Skandal eine neue Dimension, als sich herausstellte, dass der Erzbischof von Boston, Bernard Law, die Untaten seiner Priester systematisch vertuscht hatte, anstatt sie – wie das Gesetz es vorschreibt – bei der Staatsanwaltschaft anzuzeigen. Kardinal Law war der erste hohe Würdenträger, von dem herauskam, dass er Kinderschänder einfach von einer Pfarrei in eine andere versetzte, wenn sie mit ihren sexuellen Übergriffen ins Gerede gekommen waren. Hunderte von jungen Menschen sind von solchen kirchlich geschützten Gewohnheitsverbrechern seelisch schwer verletzt und traumatisiert worden. Kurz vor Weihnachten 2002 „akzeptierte“ Papst Johannes Paul II den Rücktritt von Erzbischof Law und gab ihm ein wichtiges Amt in der Römischen Kurie.
Law's Nachfolger, Bischof Séan P. O'Malley musste eine Menge Grundstücke verkaufen und einige Kirchen in der Erzdiözese schließen, um weiteres Geld für die Entschädigung der Opfer aufzubringen – 130 Millionen Dollar. Was hinten herum an Entschädigungen gezahlt wurde, lässt sich schwer ermitteln. Nur soviel steht fest: In ungezählten Fällen wurden Eltern von missbrauchten Kindern mit Drohungen und auch mit Geldzuwendungen zum Schweigen gebracht.
Die Lawine rollt weiter. Nachdem die Erzdiözese von Portland (Oregon) schon mehr als hundert Missbrauchopfer individuell mit rund 53 Millionen Dollar abgefunden hatte, sah sie eine Sammelklage weiterer Opfer auf sich zukommen. Um das restliche Kirchenvermögen vor dem Zugriff der Opfer zu schützen, meldete die Diözese wenige Stunden vor Prozessbeginn offiziell Bankrott an. Jetzt argumentieren die Anwälte der Opfer, dass der Vatikan für den Schaden aufkommen muss, weil die katholische Kirche eine Einheit bildet, von der die Erzdiözese von Portland ein integraler Bestandteil sei.
Das Beispiel von Portland hat Schule gemacht. Im September 2004 hat die Diözese von Tuscon Bankrott angemeldet – drei Monate später folgte die Diözese von Spokane. Inzwischen hat die Diözese von Tuscon im Sommer dieses Jahres in einem gerichtlichen Bankrottverfahren ihre Missbrauchopfer mit 22,2 Millionen Dollar abgefunden.
Aber das ist noch nicht alles. Die Diözese Orange – südlich von Los Angeles – hat sich mit 85 Missbrauchsopfern arrangiert und 100 Millionen Dollar Entschädigung gezahlt. In Los Angeles geht es um mehr. Dort muss sich die Erzdiözese mit 560 Klägern auseinandersetzen, die als Opfer sexuellen Missbrauchs von der Erzdiözese Entschädigung verlangen. Die „New York Times“ hat von Anwälten dieser Kläger erfahren, dass es bei dieser Sammelklage um eine Summe von mehr als 500 Millionen Dollar geht. Sollte die Diözese nicht darauf eingehen, so müssten die Fälle einzeln gerichtlich geklärt werden. Das würde die Kosten für die Diözese auf weit über 500 Millionen steigern.
Im Mai 2001 hat der damalige Kardinal Joseph Ratzinger in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der vatikanischen Kongregation für Glaubensfragen einen Brief an sämtliche katholischen Bischöfe geschrieben und kategorisch erklärt, dass kirchliche Unterlagen in Sachen sexuellen Missbrauchs von Kindern der „pontifikalen Geheimhaltung“ unterliegen und den Strafverfolgungsbehörden nicht zugänglich gemacht werden dürften. Zuwiderhandlungen, so drohte Kardinal Ratzinger, könnten zum Verstoß aus der katholischen Kirche führen.
Die Vertuschungspolitik der katholischen Kirche führt dazu, dass praktisch jeder Priester zur Zielscheibe des Misstrauens wird. Wie kann ich sicher sein, dass der Hirte unserer katholischen Gemeinde nach der Abendmesse nicht mit einem der Messdiener in der Sakristei verschwindet und ihn dort als sexuelles Lustobjekt missbraucht? Ein hässlicher Gedanke, aber in der Kirche geschieht offenbar viel mehr, als wir uns bisher vorstellen konnten.
Swami Satyananda
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