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Schluss mit Jammern

Warum die „Kampagne für Deutschland“ als Flop verpufft

von Jörg Andrees Elten

Alle wollen mitmachen bei der Kampagne gegen das Jammern. Vor allem solche, die keinen Grund zum Jammern haben. Günter Jauch zum Beispiel. Infiziert vom Optimismus seiner Sendung „Wer wird Millionär?“ verrät uns der hochdotierte TV-Entertainer: „Jammern ist langweilig“. Die Popsängerin Sarah Conner möchte die Menschen „aufwecken“ und ihnen sagen: „Du selbst bist das Wunder von Deutschland!“ Auch die Schauspielerin und Sängerin Yvonne Catterfeld macht bei der Anti-Jammer-Kampagne mit, denn sie findet: „Rückschritt ist Stillstand.“ Sandra Maischberger, Harald Schmitt, Marcel Reich-Ranitzky, Walter Kempowski, Oliver Kahn und viele andere Prominente wollen dazu beitragen, dass endlich dieser „Ruck“ durch Deutschland geht, den unser Ex-Bundespräsident Roman Herzog schon vor Jahren gefordert hat – leider vergeblich.

Auch der zweite Ruck-Versuch wird von ganz oben angeschoben. Gunter Thielen Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann AG – eines der größten Medienkonzerne der Welt – hat die Kampagne „Du bist Deutschland“ gestartet. Sie soll nun dafür sorgen, dass die Deutschen sich am Riemen reißen und endlich mit der Jammerei aufhören. Die anderen Größen der Medien-Branche fanden Thielens Idee ganz toll und gingen sofort mit an Bord – Burda, Spiegel, Springer, ARD, Pro Sieben/Sat 1 und natürlich die Bertelsmann Firmentöchter RTL und Gruner und Jahr („Stern“, „Brigitte“, „Schöner Wohnen“ u.a.). 34 Millionen Euro wollen sie sich die Sache kosten lassen.

Sandra Maischberger, die hübsche Stahlfaust im Samthandschuh, gehörte zu den ersten, die in einem TV -Spot zur besten Sendezeit in die Kamera strahlte und den überraschten Zuschauern mitteilte: „Du bist Deutschland!“

Dieser Spruch ist Oliver Voss eingefallen, einem flotten Werbeagenturfuzzi von der renommierten Hamburger Firma Jung von Matt. Er hat zusammen mit Michael Trautmann von der Firma KemperTrautmann das Konzept für die „Kampagne für Deutschland“ entworfen. Trautmann will die deutschen Jammerlappen „emotional aufwühlen und zum Nachdenken bringen.“ Und Kollege Voss meint laut „Hamburger Abendblatt“, dass sein Spruch „Du bist Deutschland“ Mut machen soll. „Der Spruch ist entwaffnend ehrlich“, versichert Voss. „Man kann sich nicht entziehen, muss den Ball aufnehmen.“

Sorry, bei mir ist der Ball nicht angekommen. Wieso bin ich Deutschland? Ich dachte immer Ich sei Ich. (oder sogar: „Ich bin Nicht“). Aber vielleicht bin ich gar nicht gemeint? Zielt die Anti-Jammer-Kampagne womöglich eher auf die Obdachlosen, die Penner, die Kiffer, die allein erziehenden Mütter, die chronisch Kranken, die Langzeitarbeitslosen, das deutsche Hartz IV – Volk?

Wohl eher nicht. Denn den meisten von diesen ca. zehn Millionen Verlierern im deutschen Sozialstaat kann man es kaum übel nehmen, wenn sie jammern. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass sie begeistert vom Sofa hochspringen, wenn sie im „Manifest“ der Anti-Jammer-Kampagne lesen: „Wie wäre es, wenn du dich mal wieder selbst anfeuerst? Dein Wille ist wie Feuer unterm Hintern…Gib nicht nur auf der Autobahn Gas, geh runter von der Bremse…?“

Toll, diese volksnahe Sprache, die Voss und Trautmann da eingefallen ist. Besonders viel versprechen sie sich von der Identifikation mit Erfolgstypen. Du sitzt vor der Glotze und plötzlich schaust du z.B. Oliver Kahn ins kantige Gesicht und der Bayerntorwart sagt zu dir: „Du bist Einstein!“ Erstaunlich, was die kreative Kultur der Werbeagenturen so alles hervorbringt, wenn es darum geht „ein Produkt erfolgreich am Markt aufzustellen“. Unvergesslich sind Sprüche wie „Geiz ist geil!“ oder „Ich rauche gern“. Und nun kommt „Du bist Deutschland“ hinzu.

Die Erfinder der Anti-Jammer-Kampagne haben herausgefunden, dass 70 Prozent der Deutschen der Meinung sind, sie hätten keinen Einfluss auf ihr persönliches Schicksal und auf das Schicksal Deutschlands. „Das müssen und wollen wir ändern!“ sagte Trautmann dem „Hamburger Abendblatt“. Er und sein Kollege Voss wenden sich also nicht nur an die Verlierer, sondern an alle, die das Gefühl haben, in dieser Zeit des rasanten Wandels Spielball von Kräften zu sein, die sie nicht beherrschen können.

Nach meiner Erfahrung plagt dieses Ohnmachtgefühl vor allem Manager und Politiker. Kommen die Kräfte der Globalisierung nicht wie eine Sturzflut über sie? Leiden die Manager nicht darunter, dass sie ständig Entscheidungen treffen müssen, ohne zu wissen, wie sie sich auswirken werden? Sind die Politiker nicht total genervt, weil sie den Ereignissen ständig hinterherhinken und mit ihrem permanenten Krisenmanagement die Erwartungen „der Menschen draußen im Lande“ enttäuschen? Haben sie nicht furchtbare Angst davor, dass sie den Karren immer weiter in den Dreck fahren? Fürchten sich die Manager nicht Tag und Nacht davor, dass ihre Aktiengesellschaften von der Konkurrenz geschluckt werden? Dass internationaler Terrorismus, der unaufhaltsame Anstieg der Erdölpreise, die gigantische amerikanische Staatsverschuldung früher oder später zum großen internationalen Börsencrash führen werden? Dass sie, die Bosse, als Versager ihren Abschied von der Chefetage nehmen müssen?

Ich wette, dass auch Gunter Thielen nicht frei von solchen Ängsten ist, zumal die Bertelsmann Vorstandsvorsitzenden schon häufig vorzeitig ihre Chefsessel räumen mussten. Öffentlich jammert so einer wie Thielen nicht, aber natürlich wird auch im Bertelsmann Konzern gejammert – zum Beispiel bei der Tochterfirma Gruner und Jahr, wo der „Stern“ zu Hause ist.

In den letzten Jahren sind die Redaktionen „verschlankt“ worden, das heißt, viele fest angestellte Mitarbeiter sind rausgeflogen – und die wenigen Mitarbeiter, die dazu gekommen sind, kriegen keinen Anstellungsvertrag mehr. Auch die Redaktionsetats sind gekürzt worden. So gibt es weniger Geld für Recherchen und Reisen und gar kein Geld mehr für 1. Klasse Flüge und schicke Restaurants. Besonders im „Stern“, der seit Jahrzehnten Millionen-Gewinne an seine Inhaber abwirft, wird kräftig gejammert. Das gefällt G&J-Chef Bernd Kundrun überhaupt nicht. In einem Rundschreiben an die Mitarbeiter forderte er sie auf, sie sollten die „Kampagne für Deutschland“ nicht nur publizistisch nach außen hin vertreten, sondern auch ganz persönlich verinnerlichen. Weniger Jammern Leute!

Konzernchef Thielen gehört zu der Kaste, die nicht ganz unbeteiligt daran ist, dass Deutschland sich in ein Jammertal verwandelt hat – die Kaste der Topmanager. Das sind die Leute mit den unfassbaren Millionengehältern, Aktienoptionen, unbegrenztem Spesen-Etat und Millionenabfindungen für den Fall, dass sie vorzeitig aus ihrem Vertrag aussteigen müssen. Es sind auch die Leute, die ein paar Millionen deutsche Angestellte und Arbeiter auf die Straße gesetzt haben.

Die meisten Topmanager haben sich innerlich längst von Deutschland verabschiedet. Sie sind in New York, London, Hongkong oder Tokio genau so zu Hause, wie in Berlin oder Frankfurt. Ihre Geschäftssprache ist häufig nicht Deutsch, sondern Englisch. Viele von ihnen haben auf internationalen Business Schulen raffinierte „Rekonstruktions“ – Methoden gelernt, mit denen man ein gesundes und gewachsenes Unternehmen relativ schnell in eine Profitmaschine verwandeln kann. Vor allem durch Massenentlassungen und oft auch auf Kosten von Investitionen, die den Bestand der Unternehmen langfristig sichern.
Der Berliner Soziologe Reinhard Blomert nennt die deutschen Manager kurzweg „Söldner“. In der „Berliner Zeitung“ schrieb er kürzlich: „Sie haben den Gesellschaftsvertrag aufgekündigt, und sie haben auch nicht ihr Versprechen eingehalten, dass die Globalisierung Gewinne für alle mit sich bringen werde… Was sie den Aktionären an Dividenden abgeliefert haben…wurde nicht ‚am Markt' verdient – denn dort war das Geschäft trotz Exportbooms eher flau – sondern hauptsächlich aus dem Lohntopf abgeschöpft… Man kann also feststellen, dass die Massenentlassungen zu Gunsten der Aktionäre und der Investmentfonds stattfanden…“

Als ich von der „Kampagne für Deutschland“ zum ersten Mal aus dem „Hamburger Abendblatt“ erfuhr, gab es auf der ersten Seite die Schlagzeile „Mercedes streicht 8 500 Jobs – die Aktie steigt!“ Das sind die Signale, die aus dem Jammertal kommen. Aber die Situation ist komplizierter, als man denkt. Mit der Massenentlassung will Mercedes Boss Dieter Zetsche vor allem verhindern, dass sein Laden plötzlich einer „feindlichen Übernahme“ zum Opfer fällt, wie zum Beispiel der deutsche Traditionskonzern Mannesmann, der von der britischen Telefongesellschaft Vodafon geschluckt wurde.

Mercedes ist hoch gefährdet. Eine radikale Sparpolitik ist auf Kosten der Qualität gegangen und teuere Rückrufaktionen haben das Image der deutschen Nobelmarke stark beschädigt. Auch haben die Mercedes Manager den Anschluss an die moderne Motorentechnologie verschlafen. Der neue Hybrid Antrieb steckt in japanischen Autos, die auf den Weltmärkten Furore machen. Kein Wunder, dass ständig das Gerücht grassiert, Mercedes könnte „geschluckt“ werden. Von Toyota vielleicht?

Schon lange ist der Stuttgarter Autokonzern gar kein deutsches Unternehmen mehr. Seine Besitzer sind überall auf der Welt – nur das Management ist deutsch. Damit es deutsch bleibt, muss Dieter Zetsche den Börsenwert von Mercedes so hoch wie irgend möglich halten. Also raus mit 8 500 Mercedes Arbeitern. Ihre Arbeit kann sowieso längst von Robotern gemacht werden.

Vielleicht ist das Jammern gar nicht das wirkliche deutsche Übel, sondern die Misere der deutschen Eliten? Nicht der kleine Mann gibt den Ton im Lande an, sondern diejenigen, die den Taktstock führen. Je besser die Dirigenten, desto schöner der Klang. Was wir hören, ist die Kakophonie, die von schlechten Dirigenten erzeugt wird.

Auch ich finde Jammern nicht gut. Wenn ich schlecht drauf bin, schmeiße ich den inneren Beobachter an und meditiere. Dabei sehe ich deutlich, dass ich die Verantwortung für mich selbst übernehmen muss. Illusionen verschwinden. Alte Verletzungen können heilen. Ich vertraue darauf, dass die Existenz mich trägt und sogenannte Schicksalsschläge in Wahrheit Wachstumschancen sind. Langsam, langsam mache ich mein persönliches Glücksgefühl von äußeren Umständen etwas unabhängiger.

Das würde ich gerne als Beitrag in die Kampagne gegen das Jammern einbringen. Ich stelle mir vor, dass ich in einem TV-Spot mit dem Finger auf Gunter Thielen zeige und knurre: „Hör' auf zu jammern. Du bist ein Buddha!“ Dafür würden die Medienkonzerne wohl kein Geld ausgeben. Noch nicht. Aber wie sagt der Anti-Jammer-Protagonist „Kaiser“ Franz Beckenbauer so gerne in seiner tiefsinnig-optimistischen Art? „Schaun wir mal…“

Swami Satyananda
www.hierjetzt.de


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