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Das Ende der sozialen Marktwirtschaft eröffnet Perspektiven für eine bessere Welt

von Jörg Andrees Elten

Sie wollen „Deutschland dienen“, sie wollen einen „ehrlichen Wahlkampf“ führen und – ihr ahnt es schon! – sie wollen die Steuern senken. Solche Sprechblasen gehören zum Wahlkampf, wie die Blasmusik zum Trachtenfest. Aber was ist wirklich Sache?

Kanzler Schröder und seine Herausforderin Andrea Merkel haben beide das gleiche zentrale Thema: Arbeitslosigkeit senken. Die Frage ist nur: „Wie?“ Die Konzepte der beiden Kontrahenten sind gar nicht so weit voneinander entfernt. Beide setzen auf Wirtschafswachstum und beide wissen, dass die Soziale Marktwirtschaft unter den Bedingungen der Globalisierung nicht zu retten ist. Der deutsche Freizeitpark, in dem auf hohem Niveau konsumiert wird, gehört schon jetzt der Vergangenheit an.

Was Schröder und Merkel voneinander unterscheidet, ist vor allem ihre Klientel. Die benachteiligt eindeutig den Kanzler. Denn mit der SPD, so hat sich gezeigt,  ist ein massiver Abbau des Sozialstaates nicht zu machen.

Angela Merkel braucht keine Rücksicht zu nehmen auf den linken Flügel der SPD und auf die Bosse der Gewerkschaften. Sie hat die Unternehmer auf ihrer Seite, und die Konservativen in ihrer Partei brennen schon darauf, das Mitbestimmungsrecht, die Tarifhoheit, den Kündigungsschutz, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und vieles mehr einfach zu entsorgen. Eine Blockade des Bundesrates der Länder ist nicht zu befürchten, denn er wird von der CDU/CSU beherrscht.

Das „Eiserne Mädel“ aus Thüringen wird sich an ein Vorbild halten, das zur Legende geworden ist: die „Eiserne Lady“ Margaret Thatcher. Die hat im England der 80er Jahre vorgemacht, wie man den Gewerkschaften das Genick bricht und aus einem Sozialstaat ein Billiglohnland macht. In Großbritannien liegt die Arbeitslosigkeit bei 4,5  Prozent. Immer mehr Menschen verdienen dort immer weniger.

Gerhard Schröder, der „Genosse der Bosse“, wollte Deutschland an die Realitäten des Globalen Marktes anpassen und dabei viele mühsam erkämpften Rechte und Errungenschaften der Arbeitnehmer retten. Er sucht einen Ausgleich zwischen Kapital und Arbeit in einer Zeit, in der das Kapital weltweit die Szene beherrscht und es überhaupt nicht nötig hat, auf die Interessen der Arbeitnehmer Rücksicht zu nehmen. Der Abbau von Arbeitsplätzen geht weiter.

Nur wenige, die im Herbst 2005  gegen Schröder stimmen werden, dürften eine Vorstellung davon haben, was unter einer konservativen Regierung auf sie zukommt. Die Verzweiflung macht blind. Und Angst ist ein schlechter Ratgeber.

Der deutsche Gemütszustand ist schizophren. Die Mehrheit hasst die Globalisierung -  und doch ist sie im Begriff, sich den Konservativen und den Managern auszuliefern, die mit der Globalisierung erst richtig ernst machen wollen. Dabei ist das Image der Manager doch jetzt schon verheerend: Raffgierig, unmoralisch, rücksichtslos, machtgeil, arrogant. Tatsache ist freilich, dass die Herren in den Chefetagen selber Opfer des globalen Raubtierkapitalismus sind  - wenn auch auf einem höheren Niveau. Ständig leben sie in Angst davor, dass ihre Unternehmen von stärkeren Raubtieren geschluckt werden. Die Globalisierung rollt über sie hinweg, wie eine Sturmflut.

Kein Wunder, denn die Globalisierung ist eine Urkraft, die ihre Dynamik aus dem Ungleichgewicht bezieht, das zwischen den industriell unter entwickelten und den industriell über entwickelten Zonen des Planeten besteht. Beide Zonen sind höchst potente Kraftquellen. Die unterentwickelten Zonen haben eine explosive biologische Energie  - die überentwickelten Zonen haben eine explosive wirtschaftliche Energie.

Jedes Ungleichgewicht tendiert zum Ausgleich. Das ist ein physikalisches Gesetz, das im Kleinen wie im Großen wirkt. Wenn es sich um ein Ungleichgewicht von planetarischer Größenordnung handelt, drängen Urkräfte mit der Gewalt eines Erbbebens zum Ausgleich.

Wie geht man damit um? Die Urkräfte lassen sich nicht bändigen, aber man kann sich ihnen anpassen. Das ist die anspruchslose Variante, die Schröder nicht geschafft hat und die Merkel nun radikal umsetzen will. Sie führt letztlich zu einer Gleichmacherei zwischen „reichen“ und armen Ländern auf niedrigem Niveau. Wir werden uns dabei an einen deutlich niedrigeren Lebensstandard und an einen Verfall unserer kostspieligen Infrastruktur gewöhnen müssen: weniger Geld für Kultur und Bildung, für soziale Einrichtungen, für Straßen, öffentliche Parks, Kindergärten, Altenheime, Schwimmbäder und so weiter und so fort.

Die anspruchsvollere Alternative könnte darin bestehen, die Urkräfte des Ausgleichs als Antrieb für eine Kulturrevolution zu nutzen, die geistige Fesseln sprengt und alle Werte und Lebensgewohnheiten der industriellen Zivilisation fundamental verändert. Diese Variante wäre nicht darauf gerichtet, einen Lebensstandard aufrecht zu erhalten, der uns zunehmend psychisch überfordert und die Umwelt unerträglich belastet. Diese Variante wäre der Versuch, unserem Leben einen neuen Sinn zu geben. Er würde den Fokus verschieben von der Materie zum Geist, vom Konsum zur Kreativität, von der Ich-AG zur Solidarität.

Eine Utopie? Gewiss. Aber in kulturellen Spätzeiten sind Einfallsarmut und Passivität Selbstmordstrategien. Und oft erweisen sich Utopien als die Realität von morgen. Jedenfalls macht Not erfinderisch, und wenn uns erst mal das Wasser bis zum Hals steht, werden wir vielleicht eher geneigt sein, unser Leben fundamental zu verändern.

Noch ist es nicht so weit. Noch halten die Menschen an der Vorstellung fest, sie könnten das verteidigen, was sie in der Zeit des stürmischen wirtschaftlichen Aufschwungs gewonnen haben. Dabei wissen sie nicht oder sie wollen nicht daran denken, dass ihr Wohlstand zu einem guten Teil auf Kosten der armen Länder gegangen ist. Jetzt schlägt das Pendel zurück. Viele Millionen Menschen in den sogenannten Schwellenländern tauchen als Konkurrenten auf dem internationalen Arbeitsmarkt auf und machen verwöhnte Wohlstandsbürger in den reichen Ländern zu Arbeitslosen.

Die Politik ist ratlos. Weder in den Parlamenten noch in den Medien kommt die eigentliche Herausforderung unserer Zeit zur Sprache: wie können wir mit den Energieströmen sinnvoll umgehen, die zum Ausgleich zwischen Arm und Reich in unserer klein gewordenen Welt drängen?

Inzwischen nehmen die Kräfte des Ausgleichs dramatisch zu. Auf der biologischen Ebene haben sie eine Völkerwanderung ausgelöst –  Millionen von Menschen aus den armen Ländern bewegen sich wie eine Sturzflut in das biologische Vakuum der hochzivilisierten Welt. Auf der wirtschaftlichen Ebene bewegen sich massive Kapitalströme in die industriell unterentwickelte Welt. Das bedeutet für uns: Mehr Einwanderung – legal oder illegal -  und weniger Geld für Arbeitnehmer und Rentner.

Wir sollten nicht darauf warten, dass unseren Eliten dazu etwas Sinnvolles einfällt, zumal ja die Verantwortung für unsere Probleme und ihre Lösung auch nicht bei den Politikern und den Managern liegt. Jeder Einzelne muss Verantwortung übernehmen. Konkret heißt das zunächst: Augen aufmachen, die Situation begreifen und  Illusionen loslassen. Zum Beispiel die Illusion, dass uns neues Wirtschaftswachstum aus dem Tief holen wird. Unendliches Wachstum ist in einer endlichen Welt nicht möglich.

Das wichtigste Beispiel ist das Erdöl. Alles, was wir unter Lebensqualität im Industriezeitalter verstehen – Ölheizung, Autofahren, Ferienflüge, Fernseher, Waschmaschine, Kühlschrank - all dies und vieles mehr hängt vom Öl ab. Aber die globale Erdölproduktion ist im Begriff, ihren Höhepunkt zu überschreiten. Das Angebot kann mit der Nachfrage nicht mehr Schritt halten. Viele Ölfelder sind ausgepumpt. Neue Ressourcen sind weniger ergiebig oder können nur mit großem Aufwand erschlossen werden. Und ausgerechnet zu  diesem Zeitpunkt tauchen Indien und China mit insgesamt fast drei Milliarden Menschen als Großeinkäufer auf dem Ölmarkt auf, um den gewaltigen Bedarf ihres rasanten Wirtschaftswachstums zu befriedigen.

Die Preise für Benzin, Diesel, Gas und Strom werden also von jetzt an immer schneller steigen. Damit wird auch alles andere teuerer, vor allem die Lebensmittel der modernen Agro-Industrie , die mit Dieselkraft arbeitet. Unvermeidlich werden die ständig steigenden Energiekosten zum wirtschaftlichen Null-Wachstum führen.

Aber das ist nur ein Teil der Herausforderung. Unabhängige Fachleute sagen voraus, dass die Welt-Erdölreserven schon in zwanzig Jahren erschöpft sein werden. Das würde bedeuten, dass der globale Energiekollaps unvermeidlich ist. Ein radikal beschleunigter Ausbau der Wind- und Solarkraft kann nur höchstens 20 Prozent des Bedarfs decken. Selbst der Bau neuer Atomkraftwerke, den Angela Merkel – und nicht nur sie – zweifellos fördern wird, könnten das Blatt nicht mehr wenden, denn ihre Zahl würde nicht ausreichen und sie würden zu spät ans Netz gehen.

Vor diesem Hintergrund erscheint unser politisches Theater wie eine Posse, um es milde auszudrücken. Je ernster die Situation – so scheint es – desto unterhaltsamer wird der Stil der politischen Berichterstattung. Das sogenannte „Infotainment“ -  vor allem Talkshows, in denen alle Teilnehmer gleichzeitig reden – lullt die Menschen ein. Die meisten Leute meinen, dass es mehr oder weniger so weiter gehen wird wie bisher.

Eine öffentliche Diskussion darüber, wie wir uns und unsere Lebensweise verändern müssten, zeichnet sich nicht einmal ab. Stattdessen hören wir uns an, was Frau Merkel zu Herrn Stoiber und Herr Schröder zu Herrn Fischer sagen und was sie sich alle gegenseitig vorwerfen – und wenn wir nicht aufpassen, finden wir es womöglich auch noch wichtig, wer auf dem Sofa von Sabine Christiansen Platz nehmen darf.

Es ist höchste Zeit, dass wir uns unsere eigenen Gedanken darüber machen, wie die Welt von morgen aussehen soll – die Welt ohne Erdöl. Je mehr wir uns damit beschäftigen, desto schärfer werden die Umrisse einer neuen Welt. Wir haben die Chance, nicht nur für uns, sondern für alle Menschen auf diesem Planeten Lebensweisen zu entwickeln, die Modellcharakter haben.

Wir können unsere Kreativität nutzen, unser technisches Knowhow , unsere reiche Erfahrung mit den Schattenseiten der technisch-zivilisatorischen Hochkultur, um zu beweisen, dass ein Leben in selbstverwalteten umweltfreundlichen Gemeinschaften sinnvoll sein kann. In Gemeinschaften, deren Mitglieder ohne Rang und Klassenunterschiede zusammeleben. Die natürliche Resourcen intelligent und erfindungsreich entwickeln und nutzen. Die ihre materiellen Bedürfnisse mit ihren spirituellen Bedürfnissen in Einklang bringen. Die mit der Natur leben und sie pflegen. Die das Glück nicht im materiellen Erfolg suchen, sondern in der Befreiung von Eigennutz, Neid und Gewalt.

Es gibt viele Beispiele dafür, dass ein Leben ohne Verkehrsstau und Kreditkarten, ohne Konsumzwang und Zinsterror, ohne allein erziehende Mütter und einsame Alte, ohne Gift in Lebensmitteln und Gewässern und ohne die Angst vor Einsamkeit und Armut möglich ist. Die Kibbutzim in den Gründerjahren Israels waren so ein Beispiel. Sie waren ein großartiges soziales Experiment – und sie waren nicht perfekt. Auch die Rajneesh Kommune in Oregon/USA war nicht perfekt. Und doch war sie ein Experiment, das wunderbare kreative Kräfte entfaltet hat. Wer Perfektion will, soll sich ins Grab legen. Wer leben will, muss experimentieren. Immer und immer wieder.

© Jörg Andrees Elten


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