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Leben wie die Lilie auf dem Felde

Die Existenz kümmert sich nur um dich, wenn du ihr behilflich bist

von Jörg Andrees Elten

Neulich hatten wir ein Meditationsausbildungsseminar. Alle bemühten sich, im Hier und Jetzt zu sein, aber plötzlich fuhren die Teilnehmer in der Teepause auf eine Diskussion über Altersvorsorge ab. „Die Existenz wird schon für uns sorgen!“, sagte Christine. Und Roland höhnte: „Da wirst du dich noch wundern, wenn du im Rollstuhl sitzt und aus dem Altenheim rausfliegst, weil das Wohlfahrtsamt deine Miete nicht mehr zahlen will.“

Zwar sagen uns die Weisen, dass wir wie die Lilie auf dem Felde leben sollen, unbesorgt um das Morgen, aber auch meditative Schwergewichte kommen plötzlich auf die Idee, dass sie im Hier und Jetzt vielleicht etwas unternehmen sollten,  damit sie nicht im hohen Alter hilflos auf der Straße sitzen. Denn schon zeichnet sich am Horizont eine massive Flutwelle ab. Sie wird unser ganzes wirtschaftliches und soziales Gefüge mit sich reißen. Es ist an der Zeit, die Schwimmweste anzulegen und sich nach einem Floß umzuschauen.

Die beiden Rettungsringe, die den Menschen bisher Halt gegeben haben, existieren praktisch nicht mehr: die Familie als fundamentaler Zeckverband zur gegenseitigen Unterstützung ist praktisch schon tot  – jede dritte Ehe wird geschieden, jede dritte Mutter ist allein erziehend. Auch der zweite Rettungsring -  die Solidargemeinschaft in der sozialen Marktwirtschaft – trägt nicht mehr. Die Luft ist raus. In der Spätzeit unserer Kultur gilt die Devise: „Jeder für sich und keiner für alle!“

Tatsache ist, dass sich die Existenz nur um dich kümmert, wenn du dich um dich selber kümmerst. Wer kein Brett vor dem Kopf hat, hält es mit dem Sufi-Meister, der mit seinem Schüler durch die Wüste reitet. Bei Einbruch der Dunkelheit erreichen sie eine Karawanserei , wo sie übernachten wollen. Der Meister sagt seinem Schüler, er solle sich um die Kamele kümmern. Am nächsten Morgen sind die Kamele weg.

Es stellt sich heraus, dass der Schüler die Kamele nicht angebunden hat, und der Meister fragt ihn: „Warum hast du die Kamele nicht angebunden?“

„Du hast mich doch gelehrt“, antwortete der Schüler, „dass ich Vertrauen in Allah haben soll. Ich dachte, dass Allah sich um mich und um die Kamele kümmern wird.“

Und der Meister sagte: „Allah kümmert sich nur um dich, wenn du dein Kamel anbindest.“

Das Kamel muss also angebunden werden. Die Frage ist nur „Wie?“

Je mehr ich recherchierte, desto komplizierter wurde das Problem. Private Lebensversicherung? Viele haben noch schnell einen Vertrag abgeschlossen, weil die private Altersvorsorge nur noch bis zum Jahresende 2004 von der Steuer befreit war. Aber wenn man das Kleingedruckte aufmerksam liest, merkt man, dass die Versicherungsgesellschaften sich an dir schadlos halten können, wenn es eng wird. Wenn du heute monatlich 300 Euro einbezahlst, musst du schon Glück haben, wenn du in 30 Jahren eine monatliche Summe zurückbekommst, deren Kaufkraft höher  ist, als die deiner heutigen 300 Euro. Davon kannst du nicht mal deine Beerdigung bezahlen. Horst Afheldt, einst Geschäftsführer des Max Planck Instituts zur „Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt“,   schreibt in seinem brillanten Buch „Wirtschaft die arm macht“, dass sich die private Altersvorsorge nur in Zeiten anhaltenden Wirtschaftswachstums rechnet. Die hoch entwickelten Industrieländer gehen jedoch auf ein Nullwachstum zu. Das würde letztlich auf Null-Zinsen hinauslaufen. Afheldt: „So besteht ein hohes Risiko, dass Kapitalanlagen zur Alterssicherung sich in Zukunft nicht mehr rentieren werden.“ Bei den staatlichen Rentenkassen sieht es noch schlimmer aus. Die sind nämlich praktisch längst pleite. In den OECD-Ländern (den 29 „reichsten“ Industrienationen der Welt) belaufen sich die ungedeckten Rentenverpflichtungen inzwischen auf 35 Billionen Dollar (eine Billion sind gleich 1000 Milliarden!). Sollte man also lieber ein biederes Sparkonto eröffnen? Alle Banken reißen sich um dein Geld. Im Moment geben sie dir zwischen 1,5 und 3,5 Prozent Zinsen, und behalten 30 % davon als Steuer für's das Finanzamt ein. Bei einer Inflationsrate zwischen 1,5 - 3,5% hast du eigentlich keine Chance, dein Geld zu vermehren, wenn du es der Bank anvertraust. Und wehe, wenn du mal einen Dispo-Kredit brauchst! Dafür zockt dir die Bank locker 12, 75 % Zinsen ab. Und was ist mit Fonds? Es gibt mehr als 3000 und alle versprechen dir, dass sie dein Geld zügig vermehren werden, indem sie es professionell und umsichtig anlegen. Das hat meine Freundin Angelika geglaubt, als sie 120 000 Euro „bombensicher“ in einen Fond der Berliner Bank eingezahlt hat. „Die Kohle ist absolut sicher“, hat ihr Steuerberater gesagt. „Da steht die Stadt Berlin dahinter, und hinter Berlin steht der deutsche Bundesstaat.“ Um es kurz zu machen: das Geld ist weg. Nun investiert Angelika ein paar tausend Euro in Anwaltskosten bei dem Versuch, irgendwie doch noch an ihr Geld heranzukommen. Natürlich sind nicht alle Fonds Schwindelunternehmen.  Aber ich traue den Leuten einfach nicht, die mit Geld Geschäfte machen. Wenn du nicht übers Ohr gehauen werden willst, musst du dich praktisch rund um die Uhr selber um dein Geld kümmern. Und wer hat dazu schon Lust? Die Skandale häufen sich. Bilanzfälschungen, kriminelle Kursmanipulationen, betrügerische Anlagebratungen, Geldwäsche, illegale Gewinntransfers in schräge Steueroasen, persönliche Bereicherung auf Kosten der Aktionäre, Bestechung von Politikern – all das gehört heute zur Kultur des internationalen Geldgeschäfts. Einige der feinsten Adressen in den internationalen Finanzmetropolen sind in solche Machenschaften verwickelt. Das Treiben auf den Finanzmärkten bezieht seine Dynamik vor allem aus den Ängsten, Wünschen, Hoffnungen, llusionen und Neurosen der Makler, Analysten und Spekulanten, die total verunsichert sind, weil der Markt nicht berechenbar ist. Diese hektischen Neurotiker schieben jeden Tag 2000 Milliarden kreuz und quer über den Globus und haben keine Ahnung, wohin die Reise geht. Der Belgier Bernard A. Lietaer ,  einst als Banker in der belgischen Zentralbank und später erfolgreicher Währungsspekulant und Berater multinationaler Konzerne, beschreibt in seinem Buch „Das Geld der Zukunft – über die zerstörerische Wirkung unseres Geldsystems und Alternativen dazu“, wie die entfesselte Raffgier der „Global Player „ auf den Finanzmärkten im Begriff ist, die ganze Welt ins Chaos zu stürzen. Lietaer macht seine Prognosen vor allem an der Entwicklung des internationalen Devisenhandels fest. Das ist ein Handel, dessen einziger Zweck darin besteht, aus den Wertschwankungen verschiedener Währungen zu profitieren. Lietaer spricht von einem „Globalen Casino“, in dem hemmungslos spekuliert wird. Das Volumen der Devisentransaktionen wachse mit der „halsbrecherischen Rate“ von 20 - 25 Prozent pro Jahr, während der Welthandel mit realen Gütern und Dienstleistungen nur um 5 % pro Jahr wachse. Die Gewinne bei diesem Roulett sind gigantisch. So verdient zum Beispiel die Hausbank des Volkswagenkonzerns mit Devisengeschäften mehr, als mit seiner gesamten Autoproduktion. Das irrsinnige Währungsgeschäft ist völlig abgekoppelt von der Produktion konkreter Waren. Nicht ein Gramm Stoff wird bewegt – es gibt nur elektronisch transportiertes Geflüster. Lietaer meint, es sei höchste Zeit, das nervöse Spekulanten-Business unter Kontrolle zu bringen, bevor es aus dem Gleichgewicht gerät und die gesamte Weltwirtschaft in den Abgrund reißt. Aber Washington und die Wallstreet wollen von Kontrolle nichts wissen. So dreht sich das Karussell im Globalen Casino immer schneller und schneller. Müssen wir uns Sorgen machen? Ich denke nicht! Wir sollten eher froh sein, wenn unser lebensfeindliches Finanz – und Wirtschaftssystem zusammenkracht. Vielleicht muss das geschehen, damit die Menschen ihr Zusammenleben sinnvoller und freundlicher organisieren können. Lietaer gibt dazu sehr interessante Anregungen. Ich denke, dass die Zeit der Kommune gekommen ist. Wer sein Kamel gescheit anbinden will, sollte sich mit Gleichgesinnten zusammentun. Gründet Arbeitsgemeinschaften, beginnt mit der konkreten Planung, legt euer Geld zusammen, kauft einen Bauernhof – und legt los! Leben wie die Lilie auf dem Feld? Ja, es ist möglich, wenn man den Boden dafür bereitet. © Jörg Andrees Elten


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