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Das Programm Mensch braucht ein Update

Die Erde ist ungefähr 46 tausend Millionen Jahre alt. Um diese unvorstellbar lange Zeit begrifflicher zu machen, können wir pro tausend Millionen Jahre EIN Jahr rechnen und uns vorstellen, dass die Erde ein 46 Jahre altes Wesen ist.

Über die ersten sieben Jahre dieses Wesens Erde ist fast gar nichts bekannt. Über die nächsten 25 Jahre gibt es nur dürftige Informationen. Erst mit 40 Jahren begann die Erde aufzublühen. Als Dinosaurier in ihr Leben traten, war das Wesen Erde schon 44 Jahre alt. Und Menschen, wie wir sie kennen, gibt es erst seit vier Stunden. Vor einer Stunde haben sich die ersten Menschen sesshaft gemacht und mit der Landwirtschaft begonnen. Die letzte Eiszeit endete vor weniger als einer Stunde. Vor einer knappen halben Stunde wurde das Rad erfunden, vor 26 Minuten und 18 Sekunden entwickelten die Sumerer die erste Schrift. Noch vor weniger als drei Minuten glaubte die gesamte Menschheit, dass sich die Sonne um die Erde dreht. Das industrielle Zeitalter begann vor einer Minute und 19 Sekunden, das Zeitalter des Autos begann mit der Entwicklung des Otto Motors vor 42 Sekunden. Vor einer halben Minute gelang es den amerikanischen Brüdern Wright das erste Motorflugzeug 300 Meter weit durch die Luft zu bewegen. Das post-industrielle Zeitalter der globalen Informationsvernetzung ist erst 6,3 Sekunden alt. 

Im Zeitraffer wird deutlich, dass der Mensch bisher eine eher flüchtige Rolle auf Erden gespielt hat. Eine flüchtige, aber durchaus keine unbedeutende Rolle, denn in der kurzen Spanne seiner Existenz hat der menschliche Geist ungeheuere Energien entfacht und die Erde in einem atemberaubenden Ausmaß verändert.

Dabei ist die biologische Dynamik des Menschen nicht weniger eindrucksvoll, als seine geistige. Im Zeitraffer betrachtet, gleicht die Menschheit einem Mikrobenschwarm, der sich mit wahnsinniger Geschwindigkeit vergrößert und seinen Gast-Organismus, die Erde, in Schwierigkeiten bringt. Wie war noch der Witz mit den beiden Planeten, die sich treffen und ins Gespräch kommen? „Wie geht's denn?“, sagt der eine Planet zum anderen. „Beschissen“, sagt der. „Ich habe Homo sapiens!“ „Habe ich auch gehabt“, beruhigt der andere, „das geht vorüber!“

Der Witz hat, wie viele gute Witze, einen ernsten Kern, der uns an ein zentrales Problem unserer Zeit erinnert: Viele Errungenschaften unserer Epoche entpuppen sich als Gefahren, weil wir sie nicht so recht in den Griff kriegen. So ist die Bevölkerungsexplosion eine verheerende Begleiterscheinung unserer wunderbaren Fortschritte in der Medizin und Hygiene.

Der technisch-wissenschaftliche Fortschritt, der eigentlich den Karren ziehen soll, hat den Menschen vom Kutschbock verdrängt. Und sich selbständig gemacht.

Es scheint so, als ob der Mensch in der kurzen Spanne seiner Existenz auf Erden bisher einfach nicht genug Zeit gehabt hat, sich als ein Wesen zu etablieren, das ein harmonisches Gleichgewicht zwischen Intelligenz und Verantwortung, zwischen Wissen und Weisheit herstellen kann. Dazu müsste er fähig sein, in allen Situationen angstfrei und bewusst zu handeln. Aber wie in seiner Frühzeit wird sein Handeln oft von den animalische Instinkten geprägt, die er einst für sein Überleben brauchte. Flucht oder Angriff – Angst oder Gewalt?

Die atavistische Alternative beherrscht immer noch weitgehend das menschliche Verhalten – in der Politik, in der Wirtschaft und natürlich auch im Ehebett und im Kinderzimmer. Der Kopf ist dem Herzen davongelaufen. Kein Wunder, denn es ist ja bekanntermaßen viel einfacher, über die segensreiche Kraft der Liebe zu philosophieren, als seinen Nachbarn vertrauensvoll ins Herz zu schließen.

Jeder weiß, wie schwer es ist, schlechte Angewohnheiten loszulassen und gute Einsichten und Vorsätze in die Tat umzusetzen. Dazu gehört totales Engagement und viel Geduld. Und viele, die sich Mühe geben, werden von mangelnden Erfolgserlebnissen geplagt.

Es gibt jedoch auch Fortschritte des Bewusstseins. Diktatoren haben es heute schwerer, an der Macht zu bleiben und Menschen zu misshandeln. Die Einsicht, dass die Natur geschützt werden muss, wächst überall, und es gibt eindrucksvolle Leistungen im Umweltschutz. Immer mehr Menschen suchen nach spiritueller Erfüllung und wollen das Leben als Lernprozess nutzen.

Und ist es nicht ein gutes Zeichen, dass der menschliche Geist sich neuerdings immer mehr mit dem Menschen selbst beschäftigt? Bisher schaute er nach außen und wollte vor allem verstehen, wie die Natur funktioniert. Aber die Mysterien des Universums wurden eher mehr als weniger und auch der forschende Mensch blieb ein rätselhaftes, weitgehend unerforschtes Wesen. Seit etwa einem halben Jahrhundert hat sich der Focus verschoben – der Mensch schaut nach innen und stellt sich selbst in den Mittelpunkt der Forschung.

Wissenschaftler verschiedener Disziplinen arbeiten zusammen und erkunden das geheimnisvolle Zusammenwirken von Körper, Geist und Seele. Alle Aspekte des menschlichen Lebens sind sozusagen auf dem Prüfstand, und schon zeichnet sich ab, dass der Mensch von morgen über Fähigkeiten und Möglichkeiten verfügen wird, deren Grenzen noch gar nicht abzusehen sind. Vor allem hat sich gezeigt, dass Mensch und Natur eine Einheit bilden.

Ein wichtiger Schwerpunkt der Forschung ist das Gehirn. Die Gehirnforscher wollen nicht nur die Funktionsweise des Denkapparates entschlüsseln, sie sind auch auf der Suche nach dem Bewusstsein. Dabei weiß niemand so recht zu sagen, was dieses Bewusstsein nun eigentlich ist. Etwas materielles, das irgendwo im Gehirn zu finden ist, oder eher etwas ideelles? Einig ist man sich nur darin, dass das Bewusstsein dringend entwickelt werden muss, damit der Mensch die Energien, die er frei gesetzt hat, sinnvoll kontrollieren kann.

Es ist kein Zufall, dass der Zen Buddhismus in dieser Zeit der Erforschung des Menschen im hochentwickelten Westen eine Renaissance erlebt. Zen gründet nicht auf den Glauben an einen Gott, der nicht so recht greifbar ist. Zen ist pragmatisch. Nicht Gott, auch nicht Moral und Ethik stehen im Zentrum der Lehre, sondern das Bewusstsein. Zen definiert es ganz einfach: „Tue niemandem etwas an, das du von anderen nicht erleiden möchtest.“ Zen fordert nicht den gläubigen, sondern den selbstverantwortlichen Menschen.

Im Zen existiert das Bewusstsein unabhängig von Körper und Geist. Es ist der „Zeuge“ oder der „Beobachter“, der den Körper, die Gedanken und die Gefühle beobachtet. Über sein Bewusstsein, das den innersten Kern seines Wesens ausmacht, ist der Mensch mit dem Ganzen verbunden, sagt die Lehre des Zen. Mit dem Ganzen, mit der Existenz, mit Gott oder wie immer man es nennen mag. Je stärker das Bewusstsein aktiviert ist, desto enger und harmonischer fügt sich der Mensch in die Ordnung des Ganzen ein.

Vielleicht hat in der kurzen Geschichte des Menschen eine Entwicklungsphase begonnen, in der Forschung und pragmatische Zen-Spiritualität zusammenwirken und den „Neuen Menschen“ schaffen, von dem viele Mystiker seit Jahrhunderten sprechen. Eine gute Update-Version des Homo sapiens könnte vielleicht schon ausreichen, um das Paradies auf Erden zu schaffen.

Freilich kann nichts dergleichen geschehen, ohne die aktive Mitwirkung des Individuums. Dabei geht es nicht um gute Einsichten, sondern um Selbstveränderung, nicht um Information, sondern um Transformation.

Während des Vietnamkrieges haben viele Kriegsgegner in Amerika einen Aufkleber an die Stossstangen ihrer Autos geklebt: „Peace begins at home!“

Große Veränderungen beginnen immer beim einzelnen Menschen.

(erschienen in der Osho Times)


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