Sind wir doch noch zu retten?
Die Elbeflut war ein Signal, das viele Menschen aufgeweckt hat
von Jörg Andrees Elten
Johannes meldet sich auf dem Handy. „Hast du noch trockene Füße?“ frage ich ihn. „Ich bin auf dem Deich“, ruft er. „Das Wasser steht schon bis an die Krone.“
„Und was ist mit deinem Haus?“
„Wollen mal sehen“, sagt Johannes. „Seit Tagen schleppen wir Sandsäcke rund um die Uhr. Ganz toll hier. Es wimmelt von Freiwilligen. Tausende tauchen plötzlich auf und legen los. Ich hab Blasen an den Pfoten, kann schon nicht mehr schleppen. Schmiere Stullen, besorge Getränke.“
Die Jahrhundertflut ist im Begriff, den alten Stammsitz seiner Familie zu überfluten, aber Johannes wirkt geradezu begeistert. „Eine Bombenstimmung hier!“, ruft er ins Handy. „Alle packen an und sind gut drauf. Keiner will was haben, alle wollen nur ihr bestes geben. Sowas habe ich noch nie erlebt. Es ist einfach Liebe da. Verstehst du?“
Ich bin nur zwei Autostunden entfernt. „Soll ich kommen?“ frage ich. Johannes lacht: „Leute mit einem kaputten Kreuz können wir hier nicht gebrauchen.“ Natürlich, ich wollte sie ja nur mit Händen greifen, diese große Liebe am Deich. Enttäuscht blieb ich mit meiner durchgescheuerten Bandscheibe wo ich war – nicht weit weg von der mecklenburgischen Ostseeküste.
Strahlendes Wetter. Alle Parkplätze voll. Alle Strandkörbe vermietet. Kinder plantschen glücklich im Meer und bauen Sandburgen. Drachen steigen. Schnelle Motorboote ziehen Wasser – Skieläufer hinter sich her. Ferienidylle. Heile Welt.
Heile Welt? Es ist geradezu unheimlich, wie lautlos und unauffällig sich die Katastrophe genähert hat. Wie ein Tiger, der sich auf Samtpfoten anschleicht. Es gab Nahaufnahmen im Fernsehen, die fast idyllisch wirkten – dieses lichtsprühende Funkeln der Rinnsale, die sich am Fuße der Deiche ihren Weg bahnten und unter Sandsäcken melodisch hervorgluckerten, während Schmetterlinge in der blauen Sommerluft tanzten.
So fing es mancherorts an und dann plötzlich diese unglaubliche Wucht, diese grenzenlose, alles niedermachende Dynamik der Zerstörung. Dabei fließt kein Blut, es tobt kein Sturm, kein Blitz und Donner, keine krachenden Einschläge. Aber der Atem stockt .
Die Sommerurlauber halten sich abends vor dem Fernseher auf dem laufenden. Kein Krimi kann konkurrieren mit dem Chaos in den überschwemmten Städten und Dörfern. Schwarzer Schlamm, eingestürzte Häuser, Möbeltrümmer, die in der Flut schwimmen, Dreck, Verwüstung, triefender Müll. Fassungslosigkeit, Tränen…
Aber immer häufiger tauchen nun auch Bilder von den vielen Freiwilligen auf, die sich spontan der Flut entgegenwerfen - Bilder einer hochgestimmten, mitunter geradezu fröhlichen Solidarität, die sich immer mehr in den Vordergrund schieben und die Flut zu einem Ereignis machen, das nicht nur Entsetzen auslöst, sondern auch Hoffnung.
Die Nöte unseres Planeten – Überschwemmungen, Waldsterben, Ozonloch, Rinderwahn, Aids, leergefischte Meere, Hungerepidemien, Erdbeben – wir haben sie in der Regel als Fernsehunterhaltung konsumiert. Und auf Durchzug geschaltet, zumal die Horrormeldungen meistens aus fernen Ländern zu uns kamen.
Das ist ja das eigentlich Gefährliche an unserer Situation: Das Unheil entwickelt sich so langsam und unauffällig wie das Altern. Man gewöhnt sich daran, man verdrängt es, man redet nicht gerne darüber – bis eines Tages der erste Schlaganfall kommt.
Längst haben wir uns daran gewöhnt, dass die Welt immer unwohnlicher wird. Wir legen Schutzfaktor 20 auf, lassen unsere Kinder am Strand nicht mehr ohne Hemd und Hose laufen. Wir übersehen die kranken Bäume im Wald, gewöhnen uns an unsere Allergien, schlucken Tabletten gegen Schmerz und Schlaflosigkeit, holen uns den Fisch, der in unseren Meeren knapp geworden ist, aus den Gewässern ferner Länder und hoffen, dass der Rinderbraten auf dem Teller okay ist. Wir kreisen endlos um den Häuserblock auf der Suche nach einem Parkplatz, zappen zum nächsten Kanal, wenn wir im Fernseher Bilder von halbverhungerten Kindern sehen, und wir wollen nicht hören, dass im südlichen Afrika schon jeder vierte junge Mensch mit AIDS infiziert ist. Wir wollen es einfach nicht wahrhaben, dass die Zeichen auf Sturm stehen.
Geht unsere Welt unter? Quatsch! Was nicht wahr sein soll, darf einfach nicht sein! Das ist die Logik der Spätkulturen. Verdrängung ist angesagt – nicht etwa Veränderung.
Oder doch? Hat die Elbe-Flut eine heilsame Wirkung auf unser Bewusstsein ausgeübt? Könnte es sein, dass die Katastrophe des Sommers 2002 als das begriffen wird, was sie wirklich ist – Vorbote einer noch größeren, globalen Katastrophe, die sich mit der langsamen Erwärmung des Planeten immer deutlicher abzeichnet?
In jeder Katastrophe steckt auch eine positive Kraft. Es kommt auf den Menschen an, diese Energie in kreative Aktion umzusetzen. Das hat sich an den Deichen gezeigt, als die Menschen plötzlich zusammenrückten, als es nicht um Geld ging, sondern um Liebe, als nicht geredet, sondern gehandelt wurde, als im Angesicht der entfesselten Flut das Herz aufging und es keinen Kleinmut gab.
Jeder Mensch wird mit einer Seele geboren, die ihre Erfüllung in der Hingabe an eine überirdische Kraft sucht, eine Kraft, die das Ego auflöst und uns mit der Natur, mit dem Ganzen, mit Gott, oder wie immer wir es nennen wollen, verschmelzen lässt. Es ist die Kraft der Liebe. In jedem Menschen beflügelt sie die stille Sehnsucht, sich für etwas einzusetzen, das nicht nur dem eigenen Vorteil dient. Der Mensch hat ein elementares Bedürfnis, sein idealistisches Potenzial zu leben. Nicht leicht in einer Gesellschaft, in der es nur ums Geld geht.
Tausende haben im Katastropheneinsatz dieses Glücksgefühl empfunden, das aus der Hingabe an die Liebe kommt. Und sogar die Menschen, die nicht unmittelbar dabei waren, wurden plötzlich von dieser Kraft berührt, und sie wussten, dass es wichtig war, Geld zu spenden.
Die Politiker wollen die neue Solidarität der Elbe-Flut politisch nutzen, vor allem für die Durchsetzung dringender Reformen. Aber fast alle Reformvorhaben sind letztlich anti-solidarisch. Der entfesselte Kapitalismus prägt unsere soziale Realität. Die Logik der Kosten-Nutzenrechnung beherrscht den Inhalt der Reformen, vor allem der geplanten Arbeitsmarktreform und der Gesundheitsreform. Mit Solidarität hat das alles nichts zu tun. Mit Liebe schon gar nicht.
Die Erfahrung hat gezeigt, dass die großen Probleme der Menschheit – Zerstörung der Natur, Armut, Hunger, Seuchen, Gewalt – mit politischen Mitteln nicht gelöst werden können. Politisches Handeln ist Machtausübung. Je mehr Macht, desto mehr politischer Handlungsspielraum. Aber Macht korrumpiert. Die Macht-Apparate – nicht nur die politischen, sondern auch die wirtschaftlichen, die kulturellen und die kirchlichen - sind überall mit Menschen durchsetzt, die ihr Gewissen der Macht geopfert haben. So erklärt sich letztlich, warum die Politik nicht die Lösung verspricht, sondern Teil des Problems ist.
Wenn sich die Dinge zum Guten wenden sollen, müssen wir uns von unserer ängstlichen Gleichgültigkeit befreien und die Verantwortung für uns selbst übernehmen. Der Schlüssel zur Lösung aller fundamentalen Probleme liegt in der Selbstveränderung des Einzelnen.
Wir können zwar nicht erwarten, dass die Masse aufwacht und sich verändert. Aber wenn der intelligente Kern der Menschheit – fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung - den Sprung aus der Angst in die Liebe wagt, kann Großes geschehen, zumal das Internet die Möglichkeit bietet, dass sich die Gleichgesinnten miteinander vernetzen und ihrer Vision von einer gewaltlosen und solidarischen Weltgesellschaft Gestalt geben.
Das Große wird durch die Summe vieler kleiner Anstrengungen bewegt:der Bemühung etwas lebendiger, mutiger, liebevoller, aufmerksamer und ehrlicher zu werden. Gar nicht so einfach, wie jedermann weiß, der sich um meditative Selbstveränderung bemüht,
Vielleicht ist es unser Schicksal, dass wir große Katastrophen brauchen, damit wir aufwachen können.
Der chinesische Weise Lao Tse hat oft davon gesprochen, dass alles furchtbar schlecht werden muss, bevor es schließlich besser werden kann. In diesem Licht betrachtet, erscheint die Elbe-Flut als ein notwendiges und segensreiches Ereignis. Und auch der Terrorakt vom 11. September vorigen Jahres war vielleicht nötig, um uns näher an den Punkt der notwendigen Umkehr zu bringen. Auch diese Katastrophe hat eine unglaubliche Kraft der Liebe und Solidarität hervorgebracht. Sie wird weiter leben, auch wenn es dem amerikanischen Präsidenten George W. Bush gelingen sollte, den Anschlag auf das World Trade Center für eine gewaltsame Eroberung der Welt-Erdölvorräte zu nutzen.
Unbewusstheit oder Bewusstheit, Apathie oder Verantwortung, Gewalt oder Liebe – jeder Einzelne hat die Wahl. Das Schicksal des Planeten wird in unseren Herzen entschieden.