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Die Bestie in uns

In einem Gewaltmilieu können ganz normale Menschen zu Monstern werden

von Jörg Andrees Elten

In Auschwitz hatte er den Spitznamen Schaukel-Rudi. Seine Spezialität war es, Häftlinge zusammenzuschlagen und ihnen, wenn sie am Boden lagen, einen Spazierstock quer über den Hals zu werfen. Dann sprang er breitbeinig auf den Stock und schaukelte solange von einem Bein auf das andere, bis er das Opfer erwürgt hatte.

Zwanzig Jahre später wurde Schaukel-Rudi in West-Berlin von einem früheren Häftling erkannt. Die Polizei verhaftete ihn in einem Berliner Krankenhaus, wo er sich in zwei Jahrzehnten den Ruf eines liebevollen und gewissenhaften Krankenpflegers erworben hatte. Die Ärzte liebten ihn und die Patienten nannten ihn unseren „lieben Onkel Willy“.

Ich verabredete mich damals mit Prof. Bürger-Prinz, dem Chefarzt der Psychiatrischen Abteilung des Universitätskrankenhauses Hamburg – Eppendorf , um ihm die Frage zu stellen: „Wie ist aus dem 'Schaukel-Rudi' der 'liebe Onkel Willy' geworden?“ Seine Antwort kam spontan: „In uns allen steckt ein Schaukel-Rudi, aber Gott sei Dank auch ein guter Onkel Willy.“

Der Sadist von Auschwitz – ein Mensch wie du und ich? Die Frage ist gar nicht so absurd, wenn man bedenkt, dass die Psychologen uns allen einen eingeborenen Mordinstinkt bescheinigen. Der Mensch ist Engel und Teufel zugleich – und das ist das Problem in dieser kritischen Zeit nach dem 11. September.

„Ich könnte dich umbringen!“ Wem ist diese Floskel bei einem Streit nicht schon einmal herausgerutscht? Natürlich ist sie nicht ernst gemeint. Denken wir jedenfalls. Aber die Bestie, die in uns schlummert, kümmert sich nicht um unseren Denkapparat. Besonders gefährdet sind leicht erregbare Menschen mit einer schwach entwickelten inneren Sicherung.  Wenn sie, wie Schaukel-Rudi, in ein Milieu geraten, das von einer Atmosphäre der Gewalt und des Fanatismus geprägt ist, knallt ihre Sicherung durch und ihr Aggressionspotential wird frei gesetzt.

Wäre Schaukel-Rudi nicht als KZ-Wächter nach Auschwitz abkommandiert worden, dann hätte er möglicherweise sein Leben als ein ganz normaler Rudi verbracht. Er hätte vielleicht seinen Hund verprügelt und mit der Faust auf den Stammtisch gehauen, aber er wäre kein Monster gewesen.

Ich entsinne mich an ein feudales Bankett aus Anlass einer Hamburger Schiffstaufe, als eine bekannte Journalistin meine Tischdame war. Sie hatte nachdenkliche Augen, war hübsch und sexy und sie tanzte gut. Als wir eher zufällig auf den Schah von Persien zu sprechen kamen, trat plötzlich ein flackernder Glanz in ihre Augen. Der Schah sei eine Puppe der CIA, ein feudaler Ausbeuter seines armen Volkes, ein Handlanger des US-Imperialismus, sagte sie heftig. Ein paar Jahre später war sie der Kopf einer Bande von Terroristen, die mit abgesägten Schrotflinten Banken überfielen, Flugzeuge entführten und unschuldige Menschen kaltblütig liquidierten. Im Namen des Friedens natürlich. Und der Freiheit und der Gerechtigkeit. Sie hieß Ulrike Meinhoff.

Auch Ariel Sharon ist im persönlichen Gespräch ein sympathischer Mensch. Als ich ihn im sogenannten Yom-Kippur Krieg 1973 in seinem Kommandowagen in der Sinai Wüste besuchte, hatte er gerade den größten Triumph und die größte Niederlage seines Lebens hinter sich. In einem tollkühnen Alleingang war er mit seinen Panzergrenadieren direkt auf Kairo vorgestoßen. Aber dann hatte ihn das israelische Oberkommando unter dem Druck der Amerikaner zurückgepfiffen.

Der Draufgänger entkorkte eine Flasche Black Label, sägte feine Scheiben von einer Salami ab und fuchtelte triumphierend mit dem Messer in der Luft herum. „Der Nachschub war eine Katastrophe“, polterte er. „Munition, Ersatzteile, Treibstoff, Verpflegung… nichts kam pünktlich durch. Nur die Wurst von meiner Mutter, die kam immer zuverlässig an!“ Er hob sein Whiskyglas „Möge sie ewig leben!“

Wir tranken auf das Wohl von Mama Scharon und eine halbe Stunde später hatte Ariel Tränen in den Augen, als er erzählte, wie verzweifelt seine tapferen Soldaten gewesen waren, als er ihnen vor den Toren Kairos den Rückzug befehlen musste. Er war in meinen Augen ein ehrlicher Haudegen, kindlich impulsiv und ohne Maske. Nicht im Traum hätte ich mir damals vorstellen können, dass er ein paar Jahre später christlich-libanesische Kohorten, die unter seinem Befehl standen, auf zwei palästinensische Flüchtlingslager loslassen würde, wo sie fast 2000 wehrlose Männer, Frauen und Kinder niedermetzelten.

Jetzt hat den heutigen Ministerpräsident von Israel seine Vergangenheit eingeholt. Der Ankläger des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag sucht ihn als mutmaßlichen Kriegsverbrecher. Wenn er in Belgien einreist, wird er verhaftet.

Schaukel-Rudi, Ulrike Meinhoff, Ariel Scharon – darf man die drei überhaupt in einem Atemzug nennen? Sind ihre Charaktere, ihre Motive, ihre Ideale nicht total unterschiedlich? Gewiss, aber auf einer fundamentalen Ebene sind sie sich doch ganz ähnlich: sie haben ein starkes Aggressionspotential und eine schwache innere Sicherung, die in Extremsituationen einfach durchbrennt.

Für Schaukel-Rudi war die Extremsituation das sadistische Meister-Sklaven-Milieu des KZ Auschwitz. Für Ulrike Meinhoff war es das aufgeheizte Milieu der Friedensbewegung gegen den Vietnamkrieg. Für Ariel Scharon war es die Angst vor dem Hass und der Rache der Palästinenser.

Seitdem neunzehn arabische Terroristen drei Passagierflugzeuge in das Pentagon und das World Trade Center rammten, gebietet es unser Selbsterhaltungstrieb, die Frage nach den Motiven zu stellen und das Milieu zu erforschen, in dem gebildete junge Männer zu Selbstmordattentätern werden. Denn mit der Bestrafung der Hintermänner ist noch nicht viel gewonnen. Solange das Milieu, das sie hervorgebracht hat, nicht beseitigt ist, wird es ständig neue Terroristen hervorbringen.

Plötzlich müssen wir damit rechnen, dass der nette Orientale neben uns in der U-Bahn, ein „Schläfer“ ist, der seit Jahren seinen Selbstmordeinsatz vorbereitet. Vielleicht arbeitet er mit ein paar ebenso unauffälligen Komplizen gerade daran, einen Atomsprengkopf im Lieferwagen auf den Potsdamer Platz zu schaffen und sich damit in die Luft zu sprengen. Oder eine Ladung Nervengas in die Klimaanlage eines Bürowolkenkratzers einzubringen. Tausende von Menschen würden innerhalb von Minuten in ihren Schreibtischsesseln sterben – lautlos und gespenstisch. 

Und wie können wir uns vor Menschen wie Mohammed Atta schützen, den „Kopf“ der 19 Selbstmordattentäter von Amerika? Sein Vater, Rechtsanwalt in Kairo, nannte ihn „Bolbol“,  („Kleiner Singvogel“), weil er so zart und schüchtern war. Und Schulkameraden erzählen übereinstimmend, dass sie Mohammed Atta als einen stillen Außenseiter drauf hatten, der „keiner Fliege etwas zu Leide tun“ konnte.

Nach dem Architekturstudium in Kairo studiert Atta an der TU Harburg Stadtplanung. Jobbt als Tellerwäscher und Lagerarbeiter, um sein Studium zu finanzieren. Kommilitonen und Dozenten schildern ihn als eher weich, höflich und verschlossen. Sein Diplom macht er mit der Supernote 1,0 (mündlich) und 1,7 (schriftlich). Welche Mutter wünschte sich nicht einen Schwiegersohn wie ihn?

Aber irgendwann knallt Attas Sicherung durch: der Musterstudent verwandelt sich in einen religiösen Eiferer und kaltblütigen Massenmörder.

Niemand weiß wirklich, wie viele „Schläfer“ unter uns leben. Die Ermittler tappen weitgehend im Dunkeln. Es gibt viele Verdächtige, aber nur wenig Beweise. Unsere unabhängige Rechtssprechung erlaubt es nicht, einen Menschen als Kriminellen abzuurteilen, nur weil er Osama bin Laden in Afghanistan besucht hat. Solange eine konkrete strafbare Handlung fehlt, ist der Mann unbescholten und darf sich frei bewegen.

Die Welt wächst zusammen. Millionen von Menschen sind auf unserem kleinen Planeten unterwegs, überschreiten Grenzen, arbeiten in unseren Fabriken und Büros, heiraten unsere Freunde und Bekannten, studieren an unseren Universitäten. Man kann sie doch nicht einfach „aus Sicherheitsgründen“ ausweisen. Viele sind respektable Mitbürger. Zum Beispiel  Abdullah Mohammed Binladin, ein jüngerer Bruder des Oberterroristen Osama  bin Laden. Er lebt seit Jahren in den USA und hat kürzlich sein Jurastudium an der Havard Universität mit einer Doktorarbeit abgeschlossen hat. (Die Familie Bin Laden genießt übrigens an der  amerikanischen Eliteuniversität einen makellosen Ruf, zumal  sie zwei Millionen Dollar für Forschungszwecke gespendet hat).

Angesichts der komplexen „Feindlage“ wirkt die aufwendige Militäraktion gegen Afghanistan einfach absurd. Sie hat das ohnehin schon unvorstellbare Elend der Bevölkerung weiter vergrößert. Die Fernsehbilder von Tausenden halbverhungerter Flüchtlinge haben den Kriegseinsatz gegen Osama bin Laden und die Taliban in eine gigantische Publicrelations Katastrophe verwandelt.

Solange Gewalt mit Gegengewalt bekämpft wird, wächst der Hass. Und Hass ist der Vater des Terrorismus. Mit Bomben wird er nicht beseitigt, sondern verschärft. Verständnis ist die bessere Waffe.

Unter dem Eindruck der entsetzlichen Terrorakte in den USA ist es nicht leicht, um Verständnis zu werben. Aber wenn wir den Terror moslemisch-arabischer Terroristen wirksam bekämpfen wollen, müssen wir uns nicht nur polizeilich mit ihnen beschäftigen. Wir müssen ihnen aufmerksam zuhören und ihre Argumente ernstnehmen. Was sind ihre Ängste? Warum hassen sie uns? Warum glauben sie, dass wir ihre Religion zerstören wollen? Was macht sie zu Selbstmordattentätern? Verstehen heißt nicht zustimmen. Es geht nicht darum, Fanatikern entgegen zu kommen. Aber vielleicht hilft uns das Verständnis ihrer Motive dabei, unsere eigene Einstellung und Politik zu überprüfen.

Das wäre der positive Ansatz bei der Terrorismusbekämpfung. Wir könnten uns zum Beispiel nachdenklich fragen, ob der Fanatismus islamischer Fundamentalisten mit dem exzessiven Materialismus westlicher Spaßgesellschaften zusammenhängt. Bringt des spirituelle Vakuum in vielen Teilen der Welt religiöse Eiferer hervor? Stimmt es womöglich, dass der Siegeszug des „american way of life“ die Werte des Islam zerstört? Dann könnte man Terrorakte auch als perverse Notwehr begreifen. 

Es könnte auch sein, dass der Terrorismus das Symptom einer energetischen Schieflage auf unserem Planeten ist. Sie hat ihren Ursprung in dem extremen Ungleichgewicht zwischen Materie und Geist, zwischen Liebe und Hass, zwischen Angst und Vertrauen. Diese Erkenntnis würde den Terrorismus nicht entschuldigen. Aber sie könnte neue Denkansätze für seine Bekämpfung hervorbringen. Vielleicht brauchen wir eine spirituelle Erneuerung, um die Welt von dem Wahnsinn des Terrorimus zu befreien.

Können wir uns vorstellen, was geschehen wäre, wenn wir die zwei Milliarden Dollar, die die Militäraktion in Afghanistan bisher gekostet hat, in eine  gigantische, spontane und mit äußerstem Kraftaufwand in Szene gesetzte Hilfsaktion für die Ärmsten in der Welt angelegt hätten? Osama bin Laden und seinen Komplizen hätte nichts Schlimmeres geschehen können! Ihr Selbstverständnis und ihr ganzes Weltbild wäre zusammengebrochen.

© Jörg Andrees Elten


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