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Die Mächtigen freuen sich, wenn wir im Fussballrausch nicht aufpassen

von Jörg Andrees Elten

Normalerweise bemühen wir uns um Distanz und lassen den inneren Zeugen fleißig beobachten, während wir durch die Höhen und Tiefen des Lebens gehen. Aber manchmal gibt es Ereignisse, die wir gerne so erleben wollen, wie die Leute von nebenan – im Rausch der Gefühle und wonnevoll unreflektiert. Zum Beispiel ein großes Fußballereignis.

Wie alle anderen richtigen Männer saßen wir also bei der Europameisterschaft  vor dem Fernseher, die eine Hand an der Bierflasche, die andere gestikulierend in der Luft, und als unsere Jungs im Spiel gegen Tschechien sang- und klanglos untergingen, waren wir ganz schön sauer. Da hättet Ihr uns mal hören sollen!

Unsere Frauen hatten keine Lust auf unsere grobstofflichen Gefühlsausbrüche. Schade eigentlich, denn sie versäumten eine wunderbare Chance, das erste und das zweite Chakra einmal voll durchschlagen zu lassen. In solchen Augenblicken spürt man ganz existenziell, was die Weisen aller Traditionen und Jahrhunderte schon immer gesagt haben: Niemand ist eine Insel – wir sind alle Eins! Eingebunden in das große unergründliche Ganze.

Die Pleite von Portugal ist vorbei, aber noch nicht ganz vergessen, zumal sie Aspekte hat, die Rückschlüsse auf unser Allgemeinbefinden erlauben. Während wir vor der Glotze saßen und unseren Fußball-Profis bei der Arbeit zuschauten, war der Fernsehschirm wie ein Spiegel, in dem wir uns selbst erkennen konnten.

Diese Halbherzigkeit unserer Helden, ihre umständliche Sachbearbeitermentalität, ihr Mangel an Spielfreude, ihre verkrampfte Zögerlichkeit, ihre Unlust, mal etwas zu wagen- kommt uns das nicht bekannt vor?

Unsere Fußballhelden können sich offenbar der miesen deutschen Stimmung zwischen Konstanz und Flensburg nicht entziehen. Und auch uns fällt es manchmal nicht so leicht, fröhlich verspielt im Hier und Jetzt zu sein, total unbesorgt und heiß vor Tatendrang.

Neulich kam Freund Satprem von einer mehrmonatigen Reise nach Brasilien zurück. „Es war ein Schock“, sagte er. „Schon am Frankfurter Flughafen fiel mir auf, wie mies die Leute drauf sind. In Brasilien tobt das Leben. Die meisten Menschen sind bitter arm. Aber sie können lachen und tanzen. Und hier? Ich dachte, ich bin in einem Leichenschauhaus gelandet!“

Satprem hatte die Fußball-Europameisterschaften verpasst. Da hätte er uns in Ekstase sehen können. Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Begeistert und entsetzt – und non-stop im Hier und Jetzt! Am Ende, als die deutsche Mannschaft schon längst ausgeschieden war, ließen sich endlich auch unsere Frauen von dem Taumel hinreißen, und sogar Gitama weiß jetzt, was „abseits“ und was eine „Ecke“ ist.

Inzwischen aber hat uns der Alltag wieder. Wenn wir in der U-Bahn sitzen und die Gesichter der Mitfahrer beobachten, wenn wir im Fernsehen die Reformdebatte verfolgen, wenn wir mit den Mühseligen und Beladenen beim Arzt im Wartezimmer hocken, kann es schon vorkommen, dass uns das Herz in die Hose rutscht und Unbehagen die Lebensgeister dämpft.

Woher kommt die miese Laune? Warum rührt sich in diesem Land so wenig? Wir hungern und frieren doch nicht; wir leben in schmucken Städten und Dörfern. Auf unseren Straßen und Parkplätzen gibt es mehr Luxusautos, als sonstwo in der Welt. Auch als Häuslebauer sind wir weltweit Spitze. Und jedes Jahr düsen Millionen mit Charterfliegern zu den Traumstränden des Südens.

Könnte es vielleicht sein, dass wir so lasch drauf sind, weil es uns einfach zu gut geht? Strengt uns der Tanz ums Geld so sehr an, dass keine Kraft für die Freude übrig bleibt?

Der Verdacht drängte sich auf, als wir unsere Fußballprofis beobachteten. Bei den älteren, die schon in ihren Dreißigern sind, hatte ich während des Spiels gegen Tschechien manchmal den Eindruck, als ob sie nur mit einem Bein spielen und mit dem anderen schon im vorzeitigen Ruhestand sind. Sie haben ja alle längst ausgesorgt mit ihren Millionen auf dem Konto. Sie können sich auf ihre Latifundien zurückziehen und ihre Memoiren schreiben. Seriöse Verlage freuen sich schon darauf. Kein Wunder dass bei Umfragen an deutschen Schulen  „Berühmtwerden“ als Berufsziel genannt wird.

Seit der Fußball vom Geld der Sponsoren und den Übertragungsgeldern der Fernsehgesellschaften beherrscht wird, haben alle Profispieler nur noch ein Lebensziel: sie wollen – so wie die Gäste von Günter Jauch – so schnell wie möglich Millionäre werden. Und weil Ihre Beine ihr Betriebskapital sind, müssen sie damit ein bisschen vorsichtig umgehen. Bei Länderspielen in der deutschen Nationalmannschaft für Deutschland fließt wenig Geld, da lohnt es sich vielleicht nicht so recht, seine Knochen für die Ehre des Vaterlandes zu riskieren. Wie leicht kann man sich doch in Zweikämpfen eine gefährliche Verletzung zuziehen, die den Profispieler monatelang aus dem Rennen wirft und am Geldverdienen hindert.

Es ist gewiss kein Zufall, dass die Länder, in denen Fußballprofis das meiste Geld verdienen, bei den Europameisterschaften schon in den Vorrunden ausgeschieden sind – Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, England. Da drängt sich doch der Verdacht auf, dass die Fußballstars dieser Länder nicht so hungrig und so heiß waren, wie z. B. die griechischen, die portugiesischen und die tschechischen Spieler.

Wo das Geld die Herzen regiert, spielen Ehre, Volk und Vaterland keine große Rolle. Man denkt da lieber an die Rendite und bleibt auf dem Teppich der Realität.

Die Realität ist dort, wo das Geld verdient wird – in den regionalen Vereinsspielen, zum Beispiel in den Spielen der Bundesliga. Die Vereine zahlen zweistellige Millionenbeträge für Spieler, die Tore schießen können. Das ist Big Business ohne Wenn und Aber.

Fußballmillionäre denken und handeln genau wie Konzernmanager. Sie fühlen sich nicht ihrem Heimatland verpflichtet. Sie investieren ihr Kapital dort, wo die Rendite am höchsten ist. Im internationalen Profi-Fußball ist die Globalisierung längst die eigentliche Geschäftsgrundlage.

Kein Wunder, dass die reichen europäischen Clubs ihren Spielerbedarf zum großen Teil in Afrika und Lateinamerika decken. Die Beschäftigung dieser Gastarbeiter aus der Dritten Welt kommt billiger, als die Aufzucht eines eigenen Nachwuchses. Immer häufiger sieht man bei europäischen Vereinsspielen mehr schwarze und braune Spieler auf dem Rasen, als weiße.

Auch hier fällt die Parallele zur Wirtschaft auf. Multinationale Konzerne beschäftigen gerne Spezialisten aus Billigländern, zum Beispiel Softwareingenieure aus Indien, anstatt sich angemessen an den Kosten für Bildung und Ausbildung im eigenen Land zu beteiligen.

Das ist die Situation im Hier und Jetzt. Immerhin hat sie wenigstens einen erfreulichen Aspekt: Mit unserem Enthusiasmus für den Fußball reißen wir die Rassenschranken ein. Wenn ein schwarzer Ballkünstler mit deutschem Pass auf dem Rasen Tore für Deutschland schießt, lieben wir ihn genau so innig, wie einen blonden deutschen Star. Und wie schön ist es doch, wenn sich schwarze und weiße Spieler – umjubelt von den Fans – nach einem Treffer in den Armen liegen.

Auf unseren Fußballplätzen funktioniert die Integration, und wir bekennen uns dazu, dass wir ein Einwanderungsland sind. Wir freuen uns über jeden Afrikaner oder Latino , der für uns seine Knochen riskiert und den deutschen Fußball nach vorne bringt. Der Deutsche Fussballbund (DFB) möchte diese Gastarbeiter aus der Dritten Welt lieber heute als morgen zu deutschen Staatsbürgern machen. Das ist eine starke Botschaft an die Stammtische der Provinz und an unsere christlichen Politiker, die mit ihren Angstparolen gegen die Einwanderung bei den Spießern punkten wollen.

Auch bei der Weltmeisterschaft, die 2006 in deutschen Stadien ausgetragen wird, werden wir uns am Fußball berauschen und der deutschen Mannschaft die Daumen drücken – auch wenn sie bis dahin nur noch aus schwarzen und braunen Spielern mit deutschem Pass bestehen sollte.

Aber Vorsicht, Leute! In kulturellen Spätzeiten freuen sich die Regierungen, wenn sie das Volk mit Brot und Spielen ruhig stellen können. Im Colloseum des Alten Rom hat man das Volk von der zügellosen Dekadenz, der Korruption und Verschwendungssucht der Herrschenden mit einem spannenden Schauspiel abgelenkt: christliche Sektenmitglieder wurden in der Arena Löwen zum Fraße vorgeworfen.

Bei unseren Fußballspielen geht es gesitteter zu. Aber der Ablenkungseffekt ist der gleiche. Ist euch aufgefallen, dass unser Finanzminister Eichel einen unglaublich frechen Staatshaushalt 2005 durchs Kabinett gemogelt hat, während wir vor dem Fernseher saßen und die Fußballhelden bewunderten? Schon wieder 22 Milliarden Euro neue Schulden! Und dazu soll nun auch noch das restliche Tafelsilber der Nation verscheuert werden – die Bundesanteile an Bahn, Post und Telekom. Hat uns einer gefragt? Haben wir was gemerkt? Nein, wir waren ja mit Fußball beschäftigt.

© Jörg Andrees Elten


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