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Lernprozess in einem Katastrophengebiet

von Jörg Andrees Elten

Es fing alles so harmlos an. „Er ist ein ganz Süßer“, schwärmte unsere Nachbarin Grete und meinte damit Gerhard, den Teichbauer. Grete hatte ihn im Internet gefunden, und es war wie Liebe auf den ersten Blick. Dabei ging es gar nicht um Partnersuche auf einer Single-Homepage, sondern um die Anlage eines Schwimmteichs auf Gretes Grundstück.

Gerhard hatte mit seinem „Internet-Auftritt“ gepunktet: ökologisch, biomäßig, alternativ – umweltfreundlich bis zum geht nicht mehr. Einheit mit der Natur und mit dem Ganzen. Harmonie, Yin Yang und natürlich Feng Shui. Eines Tages kam er also an, der spirituelle Teichbauer.

Er kam mit einem Kleinlaster, einem Motor-Rüttler und drei Helfern. Einer sah aus wie zwölf, war aber schon sechzehn. Die anderen beiden waren wortkarge Waldschrate. Gerhard war für das Reden zuständig. Er redete ohne Unterlass, ganz egal wo er war – auf der Erde oder auf dem Bagger, oder – schon bald – bei Grete im Wohnzimmer vor dem Kamin. Oft redete er in sein Handy und erweckte dabei den Eindruck eines weiträumig vernetzten und viel gesuchten Machers. In ein paar Tagen waren wir mit ihm per „Du“.

Aus der Nachbarschaft beobachteten wir, wie auf Gretes Grundstück ein großes Loch ausgebaggert wurde. Ruck Zuck ging das, zumal das Wetter mitspielte und die Sonne schien. Viel Erde wurde bewegt und dann sahen wir, wie Gerhards Helfer und ein paar Leute aus der Nachbarschaft eine schwarze Folie in dem Erdloch ausbreiteten – nicht irgendeine, sondern eine total umweltfreundliche Naturkautschuk-Folie – das Beste vom Feinsten. Und teuer. Plötzlich hieß es „Wasser Marsch!“ und innerhalb von ein paar Stunden füllte sich der Teich mit kristallklarem Wasser.

Irgendwann – wahrscheinlich schon ganz am Anfang – keimte in uns der Wunsch: sowas wollen wir auch haben – keinen Schwimmteich, aber wenigstens einen Naturteich!

Großes fängt oft ganz harmlos an und wird von guten Vorsätzen beflügelt. Ja, wir wollten die Welt ein wenig schöner machen. Wir schwärmten von einem neuen Biotop, in dem Frösche quaken, Libellen flirren, seltene Vögel nisten – und natürlich wollten wir einen Wasserfall haben und daneben einen stillen Platz unter der Uferweide für die Meditation – mit weitem Blick bis zum Horizont.

„Na klaaa“, sagte Gerhard in seinem breiten Schwäbisch. „Des isch gar kei Problehm. Des packe mir sofort aaah!“

Es gab schon eine Grundwassermulde bei uns, in die einige Drainagen mündeten. Aber Wasser hielt sich dort nicht, weil es in eine uralte Drainage abfloss, die irgendwo unter der Mulde liegt. Wenn wir auf den Teichgrund eine Folie legen, so dachten wir, fließt nichts mehr ab – und wir haben einen Teich. „Logisch“, sagte Gerhard. „Kein Problem“. Ein Handschlag unter Freunden und die Sache war beschlossen.

Als wir am nächsten Tag vom Einkaufen zurückkamen, war aus der Mulde ein dreimal so großes, wahrhaft riesiges Loch geworden. Gerhard tobte sich mit seinem Bagger aus, der seine Zähne wie ein gefräßiges Ungeheuer in den Uferboden schlug. Mit jeder Minute wurde das Loch größer. Als Gerhard uns sah, hielt er den Bagger an. „Schön was?“ rief er und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Des wird ei Prachtschdück!“

„So groß hatten wir uns das eigentlich nicht gedacht!“ sagte Gitama unsicher. Aber Gerhard beschwichtigte: „Wir wollen doch keine Pfütze haben, oder?“ Und schon warf er den Bagger wieder an.

Als nächstes musste das hintere Ufer angehoben werden, denn der Teich lag auf abschüssigem Gelände. Gerhard erklärte: „Mir hebet den Wasserpegel an, sonst könnt ihr eueren Teich ja nur von eurem Dachfenster aus sehen, gell.“ Gitama sagte: „Da ist was dran. Aber wir müssen wirklich auf die Kosten achten.“ –  „Kein Problem“, sagte Gerhard und bestellte Füllboden vom Kieswerk

Sechs Kipp-Laster konnten ihre Fracht nicht am Teich entladen, denn inzwischen hatte es angefangen, zu regnen. Sie entluden den Füllboden in der Nähe. Jetzt kam Robert mit seinem Traktor. Kippe für Kippe transportierte er den Füllboden zum Teich. Ohne Unterlass regnete es weiter. Der Traktor wühlte sich durch den aufgeweichten Boden – und innerhalb von drei Stunden (pro Stunde 120 Euro netto) hatte sich ein Drittel unseres kultivierten englischen Rasens in eine Schlammwüste verwandelt. Gerhard telefonierte auf dem Handy.

Der Füllboden reichte nicht. Gerhard bestellte weitere vier LKW-Ladungen. Robert fuhr mit dem Frontlader hin und her. Die Schlammwüste um den Teich breitete sich aus.

Wir trauten uns kaum noch aus dem Fenster zu schauen. Aber dann sahen wir, wie Gerhard mit dem Bagger in Richtung Haus einen Graben aushob – mitten durch unseren schönen Rasen. Gitama stürzte ins Freie. „Was soll DAS denn?“ rief sie. Gerhard: „Da ist ein Überflussrohr vom Regenwassertank. Das müssen wir verlegen!“

In diesem Augenblick ahnte ich, dass die Sache eine Eigendynamik entwickelt hatte. Wir befanden uns in einem Katastrophengebiet.

Und ich ließ los. Oder doch nicht?

Wenn wir aus dem Fenster schauten, sahen wir Gerhard und seine Crew in Gummistiefeln und Regencape im Schlamm wühlen. Irgendwann verlegten sie die Kautschukfolie und dann schüttete Gerhard mit dem Bagger einen Damm quer durch den Teich auf, den der Kleine mit dem Rüttler fest stampfte. Jetzt gab es zwei Teiche, einen kleinen und einen großen. Rätselhaft.

Vertrauen ist alles, dachten wir uns. Für Fragen gab es auch keine Zeit mehr, denn Gerhard kam und sagte atemlos, er sei zeitlich ins Schleudern gekommen und müsse jetzt erst mal schnell in die Schweiz, wo ein neues Projekt auf ihn warte. „In ein paar Wochen bin ich wieder da“, sagte er und zog einen Bogen Papier aus der Tasche – eine Aufstellung der bisher angefallenen Kosten – rund 7000 Euro – davon zwei Drittel Lohnkosten!

„Ruhig durchatmen!“ ging es mir durch den Kopf. Gitama sagte: „Ist das nicht ein bisschen viel?“. Gerhard war beleidigt. „Du“, sagte er, „ich mache euch das fast zum Selbstkostenpreis. Wir sind doch befreundet, oder? Habt ihr das Geld in bar? Ich muss meine Leute bezahlen.“

7000 Euro war nur der Anfang, so viel stand fest. „Wenn ich wiederkomme, machen wir den Rest – das ist dann nur noch ein Klacks“, sagte Gerhard. „Echt wahr“.

Wir zahlten erst mal 5000 Euro für die beiden schwarzen Löcher im Garten. Gerhard freute sich. Erst als er mit seiner Truppe abgezogen war, entdeckten wir, dass die Folie für den Teich nicht gereicht hatte. Falsch berechnet. Nun erklärte sich, warum Gerhard einen Damm durch den Teich hochgezogen hatte. Für den kleineren Teil gab es gar keine Folie.

Es regnete weiter, die Löcher füllten sich mit Wasser. Der Damm bröckelte, dann auch das Ufer. Gerhard schickte ab und zu eine fröhliche e- Mail. Alles Paletti. Er käme nun definitiv. Erst im Februar, dann im März. Schließlich stand Ostern vor der Tür. „Jetzt ist es so weit!“ rief Gerhard fröhlich in sein Handy. Zu 99 Prozent sind wir noch vor Ostern da – sonst gleich danach. Im übrigen: ob er seine Freundin mitbringen könnte?  

Ostern ist lange vorbei. Von Gerhard keine Spur. Keine Mails mehr. Am Handy nimmt er nicht ab. Was nun?

Loslassen, natürlich. Ist doch ganz klar. Jeder Mensch, der an sich arbeitet, weiß doch, wie wichtig das ist: immer wieder loslassen. Leben im Hier und Jetzt! Was war, das war. Die Vergangenheit existiert nicht mehr. Die Zukunft existiert noch nicht. Keine Sorgen. Leben wie die Lilie auf dem Feld.

Inzwischen wissen wir auch, dass Gerhard die Drainagen, die den Teich mit Wasser versorgen sollen, zu tief unter der Wasseroberfläche in die Folie eingeschweißt hat. Die Folge ist, dass die Drainagen kein Wasser in den Teich leiten können, sondern dass der Teich Wasser in die Drainagen presst. Damit verkehrt sich ihr Zeck ins Gegenteil: anstatt Feuchtigkeit aus dem Grundstück zu ziehen, pressen die Drainagen nun Wasser in den umliegenden Boden hinein.

Immerhin – ein Entenpärchen kam und richtete sich auf dem Teich ein. Schon quakten Frösche in der Nacht. Und ein Storch hat uns einen Besuch abgestattet. Dann hörte es auf, zu regnen und das Wasser begann, langsam, ganz langsam, abzusacken. Die teuere Naturkautschukfolie hat also ein Leck. Und nun schlägt sie auch noch Blasen – wölbt sich vom Teichboden hoch und bildet auf der Wasseroberfläche mit Luft (oder Gasen?) gefüllte Inseln.

Gitama und ich wachen jetzt nachts öfters auf und denken an unseren Teich -  stundenlang. Dabei haben wir doch losgelassen, oder?

Loslassen, immer wieder loslassen. Aber irgendwie muss schließlich was geschehen. Vielleicht finden wir das Leck, wenn wir das Wasser abpumpen?

Wir haben es nicht gefunden.

Nun ist kein Wasser mehr im Teich. Das Entenpärchen ist ausgezogen. Die Frösche quaken nicht mehr. Der Storch meidet uns. Die Folie liegt wie ein mit Lehm verschmierter Fetzen in dem gähnenden Loch. Die Teichpflanzen, die schon angeliefert worden waren, verdorren langsam im Schatten einer Weide, obwohl wir sie jeden Tag begießen.

„Was macht das mit dir?“ frage ich Gitama und sie sagt: „Weißt du was? Ich habe neuerdings unheimlichen Bock auf geräucherten Schinken!“

„Komisch“, sage ich. „Ich auch – seit 30 Jahren zum ersten Mal.“

© Jörg Andrees Elten


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