Moral ist, wenn man´s trotzdem macht…
… und dabei kein schlechtes Gewissen hat / Über Werte, die nichts wert sind
von Jörg Andrees Elten
Wenn ich im Fernsehen die lachenden Gesichter der Top-Manager sehe, die im Düsseldorfer „Mannesmann-Prozess“ wegen schwerem Verdacht auf Untreue angeklagt sind, fällt mir ein, was mein Freund Sw.Vimalkirti , Welf Prinz von Hannover, mir von seinem Vater erzählt hat. Als die Sowjet-Armee den deutschen Osten überrollte, beschloss der alte Prinz von Hannover, seine Familie in Sicherheit zu bringen. „Für meinen Vater“, sagte Vimalkirti , „war es ganz selbstverständlich, dass er nicht einfach mit Frau und Kindern abhaute, sondern alle mitnahm, die ihm gedient hatten, einschließlich ihrer Familien – es waren mehr als hundert Leute. Sie spannten die Pferde vor die Leiterwagen und dann führte mein Vater diesen Flüchtlings-Trek nach Niedersachsen. Dort unterstützte er seine Leute, bis sie wieder auf eigenen Füßen standen.“
Der alte Prinz von Hannover und die Angeklagten im „Mannesmann-Prozess“ leben in verschiedenen Welten. Der Aristokrat aus dem Hause Hannover wäre sich wie ein Schwein vorgekommen, wenn er die Menschen, die ihm treu gedient hatten, einfach im Stich gelassen hätte. Für die Top-Manager steht nicht der Mensch im Mittelpunkt. Sie fühlen sich für den Börsenwert ihrer Unternehmen verantwortlich.
Josef Ackermann zum Beispiel, der ewig grinsende Ex-Aufsichtsratschef von Mannesmann, hat als Chef der Deutschen Bank innerhalb weniger Jahre mehr als 10 000 Arbeitsplätze vernichtet. Seine Aktionäre freuen sich darüber, denn je geringer die Arbeitskosten, desto besser der Profit und desto höher der Börsenkurs. Im modernen Kapitalismus zählt nicht, was die Manager für die Mitarbeiter tun. Die Mitarbeiter sind ein lästiger Kostenfaktor.
Ist das unmoralisch? Viele mögen es so sehen. Aber für die Manager stellt sich die Frage nicht. Aus ihrer Sicht handeln sie völlig korrekt, denn sie leben in einer Welt, in der Geld wichtiger ist, als der Mensch. Fairerweise muss man sagen, dass das ja nicht nur in den Chefetagen der Konzerne so ist. Unsere ganze Wirtschaft, unsere Kunst und Kultur, die Medien, die Wissenschaften, ja sogar unsere organisierten Religionen werden vom Geld beherrscht. Die Hauptantriebskraft unserer kapitalistischen Gesellschaft ist die Gier. Jeder bedient sich so gut er irgendwie kann und nicht wenige bescheißen sogar andere, um sich selber zu bereichern. Wer bescheißt, gilt nicht als unmoralisch, sondern eher als clever.
Nach den Spielregeln des modernen Kapitalismus hat ein Verlierer wie Klaus Esser durchaus Anspruch auf großzügige Abfindung. Der einstige Mannesmann Vorstandschef kassierte 30 Millionen €, nachdem er eine dramatische Börsenschlacht gegen den britischen Telekommunikations-Riesen Vodafone verloren hatte. Vodafon schluckte Mannesmann. Der deutsche Traditionskonzern verschwand. Esser kassierte für die Abwicklung der „feindlichen Übernahme“.
Unsere naive Logik sagt uns, dass Klaus Esser, der Verlierer, eigentlich Strafe verdient hätte. Nach Auffassung der Herren im Nadelstreifenanzug ist das ganz falsch. Banker Josef Ackermann findet, dass Klaus Esser den Wert des Unternehmens Mannesmann in kurzer Zeit mehr als verdoppelt habe. 111 Millionen € für ihn und andere verdienstvolle Top-Manager seien „im internationalen Vergleich“ doch eine ganz bescheidene Abfindungssumme. Und dann belehrte der Bankier mit dem Schweizer Pass die klein karierten Düsseldorfer Staatsanwälte: „Deutschland ist das einzige Land, in dem Männer, die Werte schaffen, bestraft werden.“
Werte schaffen? Hatte Esser nicht den Mannesmann Konzern zum Verschwinden gebracht? Wo werden denn dabei Werte geschaffen? Blöde Frage. Wenn Manager von Werten reden, meinen sie ja nicht die Motivation, den Fleiß oder die Kreativität der Mitarbeiter oder den guten Namen der Firma. Sie meinen den Börsenwert des Unternehmens.
Den Börsenwert hat Klaus Esser während der „feindlichen Übernahme“ in der Tat mit dem Talent eines Basarhändlers nach oben gejubelt. Er brachte vor allem die Mannesmann-Kleinaktionäre dazu, ihre Aktien nicht gleich an Vodafon zu verkaufen, sondern erst mal schön abzuwarten, bis der Vodafon-Chef Mr. Grant sein Angebot erhöhte. Das tat der dann auch ein paar Mal. Und als sich der Börsenwert der Mannesmann Aktie mehr als verdoppelt hatte, warf Esser das Handtuch, übergab Mannesmann an Vodafon und die Aktionäre machten Kasse.
Einer von ihnen, ein chinesischer Großaktionäre in Hongkong, gewann bei dem Deal mehr als fünf Milliarden Euro – das sind 5000 Millionen! Nicht schlecht, was? Kein Wunder, dass der Chinese das Bedürfnis hatte, sich mit einem kleinen Geschenk von 30 Millionen € bei Klaus Esser zu bedanken. Noch mal 30 Millionen € gab es aus der Mannesmann-Kasse. Und Klaus Esser meint, dass er eigentlich noch viel mehr hätte kriegen müssen. Unverschämt? Vielleicht! Aber nicht unmoralisch und auch nicht ungesetzlich.
Als die wunderbare Geldvermehrung beim Verschwinden des deutschen Traditionskonzerns ruchbar wurde, gab es große öffentliche Empörung. Plötzlich reden alle von Moral. Waren Konzern-Manager, die sich „schamlos“ bereicherten, nicht furchtbar unmoralisch? Aber diese Manager sind doch nicht anders, als die meisten anderen Menschen. Sie sitzen nur dichter an der Quelle. Und vielleicht raffen sie so unheimlich viel, weil sie besonders viel Angst haben.
Gier und Angst sind die beiden Seiten der gleichen Münze. Je ängstlicher die Menschen sind, desto gieriger sind sie. Und nirgendwo grassiert mehr Angst, als in den Chefetagen der Konzerne. Die Manager, die dort oben in der dünnen Luft ein großes Rad drehen müssen, haben keine Ahnung, wohin die Reise geht. Die Globalisierung hat Kräfte ausgelöst, deren Dynamik sich nicht abschätzen lässt. Während sie jeden Tag Entscheidungen treffen müssen, deren Auswirkungen ungewiss sind, spüren die Top Manager ständig die Faust der Shareholder im Genick. Das zehrt an den Nerven. Sobald es an der Börse nach unten geht, sagen die Aktieninhaber mit Blick auf die verantwortlichen Manager: „Entweder es ändern sich die Zahlen, oder die Gesichter!“ Jeder Managersessel ist ein Schleudersitz.
So leben die Manager in einer Welt, in der es keine Anerkennung für Treue gibt, kein Mitgefühl für den Schwächeren, keine Verpflichtung für das Gemeinwohl, keine Vision für eine bessere Welt und kein Bewusstsein dafür, dass Geben genauso wichtig ist, wie Nehmen.
Aber ist das unmoralisch? Wenn man das Wertebewusstsein eines Josef Ackermann hat, ist der Abfindungskünstler Klaus Esser ein durchaus moralischer Mensch, denn er hat doch bewiesen, dass er ein Herz für die Shareholder hat.
Und den Fernsehprogrammdirektor möchte ich erst mal kennen lernen, der sich für unmoralisch hält, nur weil er das Programm mit Mord- und Totschlag-Sendungen zumüllt . Er beruft sich auf freie Meinungsäußerung und darauf, dass die Menschen einen Anspruch darauf haben, sich bei ihren Lieblingssendungen zu entspannen. Und auch die Bosse der Autoindustrie, die neuerdings mit 800 PS Luxuslimousinen Furore machen, finden überhaupt nicht, dass es unmoralisch ist, diese Benzinfresser auf unsere bedrohte Umwelt loszulassen. „Der Markt verlangt es“, behaupten sie und wer gegen den Markt ist, der ist doch der Unmoralische, oder? Darf man sich denn gegen die Bedürfnisse, die Träume und Wünsche der Menschen stellen?
Moral ist das, was jeder Einzelne dafür hält. Mutter Theresa hielt sich für super-moralisch, während sie in den Slumvierteln von Kalkutta gegen Verhütungsmittel zeterte und tausende verzweifelter Mütter dazu brachte, ihre Babys auf der Straße auszusetzen. So gingen der frommen Nonne mit dem Friedensnobelpreis nie die Waisenkinder aus, die sie in ihren indischen Heimen zu Katholiken machte. Und die Terrorpiloten vom 11. September 2000 hielten sich für hoch moralisch, als sie mit einem frommen Gebet auf den Lippen tausende von Menschen in den Tod rissen.
Richtiges Handeln ergibt sich nicht im Einklang mit der herrschenden Moral, sondern im Einklang mit der Existenz, mit der Natur, mit Gott, oder wie immer man es nennen will. Und der Weg zum richtigen Handeln ist die Meditation. In der Meditation erfahren wir, dass wir in der Existenz gut aufgehoben sind. Langsam verschwindet die Angst und mit ihr die Gier und das Ego.
Ob die Düsseldorfer Angeklagten verurteilt oder frei gesprochen werden, ist letztlich ohne Bedeutung. Wichtig ist, dass der Mannesmann Prozess vielen Menschen bewusst macht, dass der moderne Kapitalismus im Begriff ist, sich gegen die Menschen zu wenden. Wir alle sind dafür verantwortlich – nicht nur die Aktionäre und ihre Manager. Je ängstlicher wir sind, desto weiter entfernen wir uns von einer Welt, in der ein Prinz von Hannover sich für die Menschen verantwortlich fühlte, die ihm in Treue verbunden waren.
© Jörg Andrees Elten