Warten auf den Abschleppdienst
Betrachtungen zum Generationenkonflikt
von Jörg Andrees Elten
Es lässt sich nicht mehr übersehen: die Jungen werden nervös! Täglich sagen ihnen die Medien, dass die Zeit nicht mehr fern ist, wo jeder von ihnen mindestens einen Greis mit durchschleppen muss. Irgendetwas muss passieren! Der Vorsitzende der Jungen Union hat es kürzlich auf den Punkt gebracht: Die Pflicht-Krankenkassen, so meinte er, sollten künstliche Hüftgelenke für alte, unter Arthrose leidende Menschen, nicht mehr bezahlen. Seine Begründung? „Früher sind die Alten doch auch auf Krücken rumgelaufen !“
Als ich das hörte, dachte ich: das ist Kriegserklärung – jetzt wird's spannend mit dem Generationenkonflikt! Wenn dieser Obermacher des christlich-sozialen Parteinachwuchses erst mal am Drücker ist, wird es nicht bei den Krücken bleiben. Dann werden die Jungen alle Alten, die sich nicht mit 100 000 Euro Einstiegsbeitrag in ein schickes Seniorenheim retten können, auf dem Müllplatz entsorgen.
In einem Konfliktfall ist man gut beraten, seinen Gegner aufmerksam zu studieren. Deshalb drängt sich für die Leute, die schon die ersten grauen Haare auf dem Kopf haben, die Frage auf: Wie tickt eigentlich „die junge Generation“?
Gegenwärtig haben wir es vor allem mit einer Generation zu tun, die der hochbegabte Schnellschreiber Florian Illies (Jahrgang 71) die „Generation Golf“ nennt. Das ist also die Generation, die mit dem Volkswagenmodell „Golf“ aufgewachsen ist. Und wenn man Florian Illies Bestseller „Generation Golf“ und „Generation Golf Zwei“ gelesen hat, ist vor allem eines klar: der Golf braucht dringend eine Generalüberholung. Oder besser noch: das Modell muss aus dem Verkehr gezogen und durch ein Nachfolgemodell mit neuem Antrieb und Design ersetzt werden.
Florian Illies ' Bücher, so sagen die meisten Literaturkritiker, sind deshalb so erfolgreich, weil sie das Lebensgefühl der 30 - 40 Jährigen so realistisch einfangen. Das liest sich z. B. so: „Wir kämpfen nicht mehr für die Freiheit. Uns reicht es offenbar, die Möglichkeit dazu zu haben. Wir würden ja so gerne einmal etwas wirklich Sinnvolles tun. Aber leider sind wir zu abgeklärt, um uns in Indien auf die Suche nach uns selbst zu machen – schließlich haben wir, wie Julia vor kurzem schlüssig erklärte, uns dort auch nicht verloren. So warten wir zunehmend frustriert auf Veränderung .“
Die Generation Golf hält es laut Illich mit Altbundeskanzler Helmut Schmidt, der einmal gesagt hat:„Wer eine Vision hat, sollte den Arzt aufsuchen!“ Von dieser selbstverliebten Generation ist also offenbar nicht der „große Ruck“ zu erwarten, den unser Alt-Bundespräsident Roman Herzog fordert, damit Deutschland wieder in Bewegung kommt.
Und was ist mit der Generation, die nach der Generation Golf kommt? Deren Lebensgefühl, so lesen wir in den deutschen Feuilletons, wird von einem anderen literarischen Jung-Star beschrieben – Benjamin Lebert (Jahrgang 1981). Seine beiden Bestseller „ Crazy „ und „Der Vogel ist ein Rabe“ sind harte Brocken. Wenn man die Nerven hat, sie bis zur letzten Seite durchzulesen, steht einem der kalte Schweiß auf der Stirn. Meine Tochter, Angehörige der 68er Generation, hat es nicht geschafft: „Das zieht mich total runter!“ sagte sie und klappte das schmale Bändchen auf Seite 43 zu. Es war an der Stelle, wo Lebert die Verzweiflung seines sensiblen Helden über seine „hasserfüllten“ Zeitgenossen schildert. Das liest sich so:
„Manchmal, wenn ich . zum Beispiel in einem Buchladen war, hatte ich auf einmal so einen ekligen Geruch in der Nase. Immer, wenn dieser Geruch da war, hatte ich das Gefühl, alles, was ich in letzter Zeit bei meinen Durchfällen raus geschissen hatte, sämtliches Blut, das ich durch Nasenbluten in letzter Zeit verloren hatte, hätte sich irgendwo gesammelt und würde nun in einer riesigen Welle über mich und alle Leute im Buchladen schwappen. Ich stellte mir vor, wie diese Leute umgeworfen und fortgespült würden, die Bücherregale dem Druck der Welle nicht standhielten und zusammenbrächen. Und wie dann alle dalägen. In meiner Scheiße. Und sich darin wälzten. Auch ich hätte mich darin gewälzt. Und wäre dann irgendwann liegen geblieben. Völlig fertig.“
Das ist also Jahrgang 1981. Und wenn Benjamin Lebert – so wie sein älterer Kollege Florian Illich - bei seiner Generationsbeschreibung tatsächlich ins Schwarze trifft, dann muss man wohl davon ausgehen, dass das Nachfolgemodell vom Golf ein Vehikel ohne jeden Antrieb ist, das mit platten Reifen in der deutschen Wüste steht und auf den ADAC-Abschleppdienst wartet.
Irgendetwas ist falsch gelaufen. Vielleicht fing es schon mit meiner Generation an, der so genannten „Nachkriegsgeneration“. Unsere Väter hatten es fertig gebracht, nicht nur einen, sondern gleich zwei Weltkriege anzuzetteln und zu verlieren. Wir übernahmen von ihnen einen Trümmerhaufen und mussten damit fertig werden, dass wir als Deutsche in der ganzen Welt geächtet und verhasst waren.
Was taten wir? Wir akzeptierten die Teilung Deutschlands, legten Scheuklappen an, krempelten die Ärmel auf und schufteten für das deutsche Wirtschaftswunder. Dass viele alte Nazis unter unserem ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer munter weiter machen durften und dass man nach der Ermordung von sechs Millionen Juden einfach zur Tagesordnung überging, regte uns nicht weiter auf. Wir waren mit Geldverdienen und Häusle bauen beschäftigt.
Aber dann kamen unsere Kinder und machten Dampf gegen das „Establishment“. Nie gab es einen so vehementen und kreativen Aufstand einer jungen Generation gegen die Alten. Ich war begeistert. Endlich war mal wirklich was los in unserer miefigen Republik. Endlich gab es junge Menschen mit Visionen und Utopien. Endlich brachen die versteinerten Strukturen des deutschen Obrigkeitsstaates auf. „ Make love – not war!“ - war das nicht viel besser, als stramm stehen und „ Jawoll „ brüllen? Und diese wunderbare Musik! Joan Baez , Bob Dylan, Neil Young, der Beatles, die Rolling Stones, die Pink Floyds und viele andere, die mit ihrer Musik eine Kulturrevolution einläuteten. Das Musical „ Hair „ und Woodstock sind heute noch Metaphern für eine Epoche des Aufbruchs und der Hoffnung. Nur eines fand leider nicht statt: die Geburt des Neuen Menschen.
Und so kam es, wie es kommen musste: die Chaoten verdrängten die Kreativen. Der Aufbruch verlor sich in sterilen Ideologiedebatten. Plötzlich war von Gewalt die Rede – von „Gewalt gegen Sachen“. Der charismatische Drifter Andreas Bader zündete ein Kaufhaus in Frankfurt an und wurde zum Helden. Das erschreckte „Establishment“ schlug zurück und schon drehte sich die verhängnisvolle Spirale von Gewalt und Gegengewalt. Schließlich mündete das, was wir für eine befreiende Kulturrevolution gehalten hatten, in den Terrorismus der Roten Armee Fraktion.
Viele enttäuschte Rebellen pilgerten Mitte der 70er Jahre nach Poona , ließen sich zu Füßen des indischen Weisen Osho Rajneesh nieder, leckten ihre Wunden und stürzten sich in das Abenteuer der Selbstfindung. Sie hatten verinnerlicht, was Osho seit Jahren lehrte: wer die Welt verändern will, muss bei sich selbst anfangen. Aber die Botschaft verpuffte.
Die Poona Pilger der 70er Jahre wurden nicht zur Avantgarde einer spirituellen Revolution. Sie blieben eine kleine, missverstandene Minderheit und Osho's Lehre verschwand erst einmal unter den Giftschwaden einer hemmungslosen Anti-Sekten-Hysterie.
Jede Generation stellt gewöhnlich die Werte der Alten auf den Kopf und fährt das Gegenprogramm. Die „Generation Golf“ beobachtet, wie ihre Alten, die einst so aufmüpfigen und idealistischen Weltverbesserer der 68er Generation, überall in den Institutionen sitzen und ihre Privilegien verteidigen. Und sie fühlen sich auf dem richtigen Weg, wenn sie überhaupt nichts mehr ernst nehmen. Es kotzt sie an, dass ihre Eltern ihnen keinen Widerstand leisten, sondern für alles Verständnis haben, sogar dafür, dass sie die New Economy in den Sand gesetzt und dabei Milliarden verpulvert haben. Die Generation Golf ist total verunsichert, aber bisher fällt ihr nichts weiter ein, als darauf zu warten, dass ein Wunder geschieht und das große Geldverdienen irgendwie weiter geht.
Überbevölkerung, wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, AIDS, Global Warming ? Danke – kein Interesse! Ökologie, so zitiert Florian Illies einen seiner Freunde, ist nur interessant, wenn man Geld damit verdienen kann.
Sie sind im Wohlstand aufgewachsen. Ist das vielleicht ihr Problem? Dass ihnen die Eltern immer Geld in die Tasche steckten? Dass sie nicht wirklich kämpfen mussten, weil es keine Not gab und keine Unterdrückung? Sind sie unzufrieden und verunsichert weil es ihnen einfach zu gut geht?
Vielleicht liegt in dieser scheinbar so hoffnungslosen Situation auch eine große Chance? Einsamkeit, Verlorenheit, Hoffnungslosigkeit, Überdruss. nichts ist schwerer zu ertragen! Irgendwann wird der schiere Psychostress unerträglich werden und die Kinder des Wohlstandes werden aufwachen. Und vielleicht werden sie den Weg ausprobieren, den bisher noch keine Generation ausprobiert hat: den beschwerlichen Weg der inneren Transformation. Die Weichen dafür sind gestellt. Es ist offensichtlich, dass alle anderen Wege in die Irre geführt haben. Alle Illusionen sind zerstört und ein Zurück gibt es nicht mehr.
Aber was ist, wenn die Generation Golf und die Benjamin-Lebert-Generation aus ihrem Tiefschlaf nicht aufwachen wollen? Dann werden wir uns freuen über jeden jungen Afrikaner, Latino oder Asiaten, der bereit ist, sich in unserem abgeschlafften Land anzusiedeln und mit seiner frischen Energie den Ruck in Gang zu setzen, den Roman Herzog von uns vergebens gefordert hat.
© Jörg Andrees Elten