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Der Formel-1-Rowdy

Ich bin auch nur ein Mensch, keine Maschine“, sagte Michael Schumacher, der vor einiger Zeit ins Gerede gekommen war, als er beim Saisonfinale der Formel 1 im spanischen Juarez versuchte, seinen Konkurrenten Jaques Villeneuve aus dem Weg zu räumen. Ein Manöver, das die Vermutung nahe legt, Michael Schumacher habe – bewusst oder unbewusst – den Tod seines ärgsten Rivalen um den Weltmeistertitel in Kauf genommen – denn wer einen anderen Autofahrer mit voller Absicht rammt, um ihn bei Tempo 250 von der Fahrbahn zu schleudern, der muss damit rechnen, dass sein Opfer dabei zu Tode kommt.

Den Bonus des Idioten, der vielleicht nicht zurechnungsfähig gewesen wäre, lehnte Schumi jedenfalls ab: „Ich bin kein Supermann“, sagte er zu dem Vorfall,. „aber ich bin auch kein Idiot, ich liege wohl irgendwo dazwischen.“ Nur ein Halbidiot also. Aber ist Schumi wirklich ein Mensch und keine Maschine, wie er behauptet?

Zur Definition des Menschen gehört unverzichtbar das Bewusstsein. Die Weisen aller religiösen Traditionen haben deshalb seit Jahrtausenden immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass ein Individuum auf zwei Beinen und mit einem Gehirn im Kopf erst dann zum Menschen wird, wenn er ein funktionierendes Bewusstsein besitzt. Ein Individuum, das diese Bezeichnung verdient, ist sich der Konsequenzen seines Handelns und Denkens bewusst, und es tut nichts, was es von anderen Individuen nicht erdulden möchte.

Ein wirklicher Mensch braucht keine moralischen Gesetze, weil er sich bewusst verhält und folglich keinem Lebewesen etwas zuleide tun kann. Nach diesen ewig gültigen Kriterien fällt es schwer, Schumi als etwas anderes einzustufen, als einen Roboter. Der russisch-armenische Sufi-Mystiker George Gurdjeff hat immer wieder gesagt, dass der Mensch eine Maschine ist. Nur wer sich durch „freiwilliges Leiden und bewusstes Bemühen“ Bewusstheit aneignet, könne sich von einer Maschine in einen Menschen verwandeln.

Osho sprach oft davon, dass die Welt von „Humanoiden“ bevölkert sei, und er meinte damit unbewusste Individuen, die viel Tempo drauf haben, aber kein Ziel, keine Orientierung, keine innere Integration, keinen Kern.

Wenn ich den Ex-Weltmeister der Formel 1 – den Gott von Millionen technik-verliebten Buben, die deutsche Ikone des weltweiten Autofetischismus, die Kultfigur des motorisierten Massenwahnsinns – einen gefährlichen Roboter nenne, meine ich nicht, dass er eine moralische Ausnahmeerscheinung ist. Er ist mit seinem totalen Mangel an Bewusstheit nur einer von vielen Millionen. Er gehört zu denen, die Jesus meinte, als er am Kreuz ausrief: „Oh Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Die ganze Welt ist voll mit Robotern, die nicht wissen, was sie tun. Sie sind überall dort zu finden, wo Unheil angerichtet wird – im Waffenhandel, bei der Organisation von Völkermord, bei der Entwicklung lebensfeindlicher Technologien, auf den internationalen Rennpisten und so weiter und so fort. Unter ihnen sticht Schumi, wie ihn Millionen von Verehrern liebevoll nennen, nur deshalb hervor, weil ihn seine Sponsoren mit einem Aufwand von Hunderten von Millionen Mark weltberühmt gemacht haben.

Er, der so furchtlos aufs Gaspedal tritt, ist zur Symbolfigur eines Zeitalters geworden, in dem bei einer völligen Abwesenheit von Bewusstsein die Energien des technisch-wissenschaftlichen „Fortschritts“ außer Rand und Band geraten sind. Der Atomphysiker C. F. von Weizsäcker nannte dieses Phänomen die „irrationale Dynamik des Machbaren.“ Diese Dynamik treibt nicht nur Michael Schuhmacher an. Überall toben sich die Roboter aus. Es ist kein Zufall, dass nach dem skandalösen Ramm-Manöver auf der Piste von Juarez zunächst einmal nur von einem unsportlichen Faux pas gesprochen wurde.

Selbst Schumis Opfer Jaques Villeneuve, der den Rammstoß wie durch ein Wunder überlebt hatte, spielte den Skandal sportlich-gentlemanlike herunter: „Ich glaube“, stichelte er, „dass Michael für einen Augenblick die Hände gar nicht am Steuer gehabt hat.“ Schumi selbst versuchte sich mit der erstaunlichen Bemerkung zu rechtfertigen, er habe einfach nicht damit gerechnet, dass Villeneuve an ihm vorbeiziehen wollte.“ Ach so? Bisher hatten wir immer geglaubt, dass bei Autorennen so lange überholt wird, bis einer als erster durchs Ziel geht.

Bedenklicher noch als Schumis mörderisches Manöver auf der Piste ist die öffentliche Reaktion darauf. Zwar sind die Medien nach ein paar Tagen aus dem Vollschlaf zu einem Halbschlaf erwacht und haben angefangen, sich über Schumi's Unsportlichkeit zu beklagen. Aber niemand hat von einem Verbrechen gesprochen und kein Staatsanwalt hat Anklage erhoben. Es hat nur zwei Wochen gedauert, bis Stern-TV schon die Frage aufwarf, ob „Schumi das Opfer einer Verschwörung“ geworden sei. Ex-Formel-1- Weltmeister Niki Lauda findet es gar unerhört, dass der „Internationale Automobilverband“ (FIA) seinen Kollegen Michael Schumacher schuldig gesprochen und ihm seine Vize-Weltmeisterschaft aberkannt hat. Der Automobilverband solle sich doch bitte sehr nur einmischen, wenn es um „eine echte Gefährdung“ geht. Natürlich hätte der FIA Michael Schumacher auf Lebenszeit vom Rennsport ausschließen müssen, aber ihr Vorsitzender Max Mosley war zu der Überzeugung gekommen, dass Schumi das Ramm-Manöver „zwar gewollt, aber nicht geplant“ habe.

Wenn man die Sache so sieht, erscheint es ganz logisch, dass der Automobilverband Schumacher dazu „verurteilt“ hat, „an einigen Aktionen teilzunehmen, die der Sicherheit des Straßenverkehrs dienen“. Schon bald werden es unsere Teenies – von Schumi dazu inspiriert – richtig lustig finden, sich mit ihren Mofas und Motorrädern gegenseitig von der Straße zu puschen. Wenn es um viel Geld geht, kann man schon mal wie Niki Lauda eine etwas schräge Optik riskieren oder auch beide Augen zudrücken.

Alle machen es doch so: wenn Schumi seinen ärgsten Widersacher aus dem Weg räumen will, verschwendet er keinen Gedanken daran, ob sein Opfer mit dem Leben davonkommt. Es fehlt ihm einfach die Phantasie, sich vorzustellen, was Villeneuves Freundin wohl empfinden würde, wenn ihr Freund als Leiche aus einem brennenden Autowrack gezerrt wird. Wenn ein Fernseh-Intendant Gewaltfilme ins Haupt-Programm seines Senders aufnimmt, um die Einschaltquote zu steigern, interessiert er sich nicht dafür, dass labile Jugendliche unter dem Eindruck solcher Filme immer wieder zu Straftätern werden. Wenn ein Manager mehr Arbeitsplätze vernichtet, als für das Überleben seines Betriebes unbedingt nötig ist, denkt er nicht darüber nach, was der Job-Verlust für einen Endfünfziger und seine Familie bedeutet, der dem Betrieb seit Jahrzehnten treu gedient hat und plötzlich vor dem Nichts steht.

„Die Welt ist ein Irrenhaus“, hat Osho oft gesagt. Daran musste ich denken, als ich las, dass Niki Lauda Schumi's Ramm-Manöver bei 250 Stundenkilometern einen „Parkschaden“ genannt hat. Das ist der Jargon im Irrenhaus, wo man einen „Dachschaden“ leicht mit einem „Parkschaden“ verwechseln kann.

(Erschienen in der „Osho Times“, Oktober 1998)


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