Mr. Brilliant und der freundliche Kapitalismus
Eine der interessantesten Nachrichten aus jüngster Zeit ist in der Medienflut fast untergegangen. Vielleicht, weil es eine gute Nachricht war: Die jungen Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin – Inhaber der größten und besten Online-Suchmaschine der Welt – haben ihre neue Eine-Milliarde-Dollar-Stiftung (Google.org.) einem Manager anvertraut, der bei einem indischen Guru in die Lehre gegangen ist: Dr. Larry Brilliant.
Der meditierende Top-Manager ist geradezu der Anti-Typ zu jenen Herren, die in den Chefetagen multinationaler Konzerne den globalisierten Raubtier - Kapitalismus praktizieren, den Kapitalismus mit hässlichem Gesicht, den Kapitalismus, der allein der Profitmaximierung dient und der dabei buchstäblich über Leichen geht und die Umwelt zerstört. Larry Brilliant verdankt seinen Erfolg allein seinem Engagement für zahlreiche humanitäre und ganzheitliche Projekte.
Die »New York Times« kommentiert: „Für eine neue Generation von Unternehmern gibt es keinen Konflikt zwischen Kapitalismus und Mitgefühl. Google's Philantropie ist die logische Umsetzung einer Strategie mit der wirtschaftlicher Erfolg durch gute Taten erzielt wird.“
Larry Brilliant ist ein Kind der amerikanischen Kulturrevolution der 60er Jahre. Es war eine Zeit des Aufbruchs, eine Zeit des Protests gegen Gewalt und scheinheilige Moral, eine Zeit kreativer Experimente und Ideen. Damals träumten die Hippys von einer besseren Welt. „Make love not war!“ war ihre Parole und Tausende machten sich in Indien auf die Suche nach spiritueller Erfüllung.
Einer von ihnen war der Psychologieprofessor der Harvard Universität Dr. Richard Alpert. Ein anderer war der junge Arzt Dr. Larry Brilliant. Beide zog es zu Neem Karoli Baba, der unter dem Namen Maharaj-ji im Westen bekannt wurde und das Mantra der wohltätigen Menschenfreundlichkeit verkündete.
Alpert und Brilliant wurden seine Schüler und übten sich vor allem im Raja Yoga und in Ahimsa (Gewaltlosigkeit). Dr. Alpert kehrte zwei Jahre später als Ram Das nach Amerika zurück. Mit seinem spirituellen Bestseller-Klassiker »Be Here Now« startete er seine Karriere als Guru der jungen amerikanischen Aufbruchsgeneration. Larry Brilliant blieb erst mal in Indien. Sein Guru gab ihm den Auftrag, sich einem UNO-Projekt anzuschließen, das in Indien den Kampf gegen die Pocken-Seuche aufgenommen hatte.
In einem Interview mit dem amerikanischen Kult-Magazin »Wired« erinnert sich Brilliant an diese Zeit: „Ich war das Maskottchen der Anti-Pocken Initiative der UNO. Ich war jung, ich sprach Hindi und ich konnte auf der Schreibmaschine tippen. Ich blieb länger als zehn Jahre in Indien und am Ende kriegte ich auch noch einen großen hochtrabenden Titel. Davon abgesehen wurde ich Seuchenspezialist, ich lernte öffentliches Gesundheitswesen, ich lernte etwas über Entwicklungsländer und ich lernte, wie man Überschwemmungen, Hungersnöte und andere Katastrophen überlebt. Ich habe Hunderte von toten Babys in meinen Armen gehalten. Vor allem habe ich gelernt, meinen Grips zu nutzen, während die Welt um mich herum zur Hölle fuhr“.
Als Brilliant aus Indien nach Amerika zurückkehrte, gründete er »Seva« eine gemeinnützige Organisation, die vor allem in den Entwicklungsländern Millionen von Menschen vor dem Erblinden bewahrte. Nebenbei marschierte er an der Seite von Martin Luther King im Kampf für die Gleichberechtigung der Schwarzen in Amerika und zog als junger Leibarzt von Jerry Garcia, dem legendären Leader der New Age Kultband „Grateful Dead“ durch die Lande.
1985 gründete Brilliant gemeinsam mit Stewart Brand, dem New Age Aktivisten und Schöpfer des berühmten „New Earth Catalog“ das Internetforum »The Well«, eine Diskussionsplatform für die fortschrittliche intellektuelle Elite der USA. Vor einem Jahr erhielt Brilliant den hoch angesehenen und mit 100.000 $ dotierten Preis der amerikanischen TED-Stiftung. Er wird jedes Jahr an drei Menschen vergeben, die etwas Bahnbrechendes für eine bessere Zukunft der Menschen und für die Gesundheit des Planeten geleistet haben. Brilliant arbeitet an einem globalen Frühwarnsystem für Seuchen und Naturkatastrophen.
Als Manager von Google.org hat Larry Brilliant drei Schwerpunkte gesetzt: Klima-Krise, globales Gesundheitswesen und Armut in der Welt. Dabei unterscheidet sich sein Ansatz von der Arbeitsweise anderer großer gemeinnütziger Stiftungen, die im Wesentlichen bestehende Projekte und Organisationen finanziell unterstützen. Larry Brilliant will dagegen das Geld von Google.org nicht verteilen, sondern es als Risiko-Kapital einsetzen, um damit Firmen anzuschieben, die die Ziele der Google.org Stiftung verfolgen.
Diese Firmen müssen keine Profite machen, aber es ist durchaus erwünscht, wenn sie auch ordentlich Geld verdienen. Insoferne ist Google.org auch keine klassische Stiftung. Brilliant verzichtet bewusst auf übliche Steuervorteile, die Stiftungen im allgemeinen gewährt werden. Das gibt ihm die Freiheit, manches zu tun, was eine normale Stiftung nicht darf: er darf z. B. Firmen gründen, er darf Geld in bestehende Firmen stecken und damit Gewinne machen, er darf Lobbyisten auf Politiker ansetzen und vieles mehr.
So hat Larry Brilliant z. B. eine Firma gegründet, die sein Steckenpferd, ein globales Frühwarnsystem für Seuchen und andere Katastrophen, entwickeln und aufbauen soll. Das wäre der Beitrag von Google.org zur Förderung der Weltgesundheit. Gegen die Klimakatastrophe setzt Brilliant ganz frech auf eine mit Google Geld gestartete Firma, die tempo presto einen abgasfreien Motor entwickeln und zur Serienreife bringen soll. Das hat viele Leute überrascht. So fragt der New York Times Kolumnist John Thierney süffisant: „Was könnte Google.org schon über abgasfreie Motoren herausfinden, was Toyota nicht längst weiß?“
Für Brilliant stellt sich diese Frage überhaupt nicht. Er geht davon aus, dass man die Lösung fundamentaler Menschheitsprobleme wie Gesundheit, Armut und Klimaschutz nicht allein den Konzernen (und natürlich erst recht nicht den Politikern) überlassen darf. Politiker und Bosse sind in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt – durch politischen Opportunismus, durch bürokratische Strukturen, durch Rücksichtnahme auf die aktuelle Marktsituation, durch den Einfluss mächtiger Interessengruppen, durch interne Machtkämpfe, durch den Einfluss von Kapitaleignern und vieles andere mehr. Wenn es diese Behinderungen nicht gäbe, dann würden schon seit Jahrzehnten abgasfreie Autos die Straßen beherrschen, abgasfreie Schiffe die Weltmeere befahren und abgasfreie Flugzeuge die Welt umrunden. Dann gäbe es heute keine Klimakatastrophe.
Larry Brilliant glaubt zwar an die finanzielle Effizienz des kapitalistischen Systems. Aber er sagt auch:"Unser wichtigstes Kapital ist nicht das Geld. Es sind die Menschen." Offenbar geht er davon aus, dass Google.org wie ein Magnet auf die globale intellektuelle Elite wirken wird: "60 bis 70 der gescheitesten Menschen der Welt werden versuchen, einige der größten Probleme der Welt in den Griff zu bekommen."
Im Interview mit »Wired« wurde dem Google.org Chef die Frage gestellt: „Können sie sich vorstellen, dass Sie einige ihrer Projekte gegen die Wand fahren?“
Brilliant antwortete lachend: „Mein Gott, das will ich doch hoffen! Ich bin Technologe. Wenn bei mir jeder Schlag ein Treffer wäre, sollte man mich rausschmeißen. Denn das würde bedeuten, dass wir nicht versucht haben, etwas wirklich Nobles anzupacken.“
Und auf die Frage „Wie passen Sie denn zur Google-Firmenkultur?“ erzählte Larry Brilliant, wie er zum ersten Mal Dr. Eric Schmidt getroffen habe, der gemeinsam mit den beiden Google Gründern Larry Page und Sergey Brin eines der erfolgreichsten Unternehmen der Welt leitet – eine Firma, die 1998 in einer Studierstube der kalifornischen Eliteuniversität Stanford als Idee geboren wurde und die acht Jahre später weltweit mehr als 5000 Menschen beschäftigt und das Wissenspotential des ganzen Globus jedem Online-Surfer zugänglich macht. Google ist das eigentliche Wunderkind der Globalisierung.
Brilliant: „Eric Schmidt sagte zu mir: ‚Wenn du freundlich zu deinen Mitarbeitern bist, wirst du gute Entscheidungen treffen, denn sie werden dich gut informieren. Und wenn du ehrlich mit ihnen bist, werden sie auch ehrlich mit dir sein.' Das ist es was Google von vielen anderen unterscheidet. Sie machen Fehler, sie bauen Mist, aber sie sind fest entschlossen, nicht bösartig zu sein.“
Wenn es eine Zukunft für den Kapitalismus gibt, dann wird es der menschenfreundliche Kapitalismus sein, wie ihn die Manager von Google mit überwältigendem Erfolg praktizieren.