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Bei der Integration von Einwanderern müssen die Alten die Führung übernehmen

Neulich telefonierte ich mal wieder mit Jan. Er gehört zu den alten Freunden, mit denen ich früher als Journalist zusammengearbeitet habe. Wir sprachen über das Abenteuer des Alterns und über die Alten, zu denen wir inzwischen selber gehören. Auf allen Fernsehkanälen wird über sie diskutiert. Es gibt zu viele von ihnen, und die Jungen kriegen nicht genug Kinder. Das ist das Problem.

Jan ist mit einer üppigen privaten Rente ausgestattet. Aber er gehört nicht zu denjenigen, die ihre Zeit auf Golfplätzen und Kreuzfahrtschiffen verbringen. Nach wie vor schreibt er für angesehene Magazine. Dabei leidet er an Parkinson, das er mit Tabletten einigermaßen in Schach hält.

Während wir über das Thema der aussterbenden Deutschen sprachen und über den Generationenkonflikt, fiel uns auf, dass die alten Menschen an den Diskussionen über den Alterungsprozess der deutschen Gesellschaft kaum teilnehmen. Jan sagte: "Die Alten werden nur noch als Kostenfaktor und Problem wahrgenommen."

Ich erzählte ihm, dass meine Betriebskrankenkasse mich schon als potentiellen Kostenfaktor auf dem Schirm hat. Kürzlich schickte sie mir eine Einladung: Vier Tage und drei Nächte in einem Vier Sternehotel auf der schönen Ferieninsel Rügen. Dort soll ich mich mit "progressiver Muskelentspannung" fit halten. Angesichts der Tatsache, dass über 90% der Patientenkosten von Menschen über 65 Jahren verursacht werden, ist das sicher eine clevere Strategie. Doch hatte ich ein komisches Gefühl -  die Einladung hat mir bewusst gemacht, dass auch ich älter werde.

In den zunehmend giftigen Diskussionen über den so genannten Generationenkonflikt wird freilich oft vergessen, dass die Alten als fleißige Pflichtversicherte nach dem verlorenen Weltkrieg den Wiederaufbau herbeigeschuftet haben. Wenn die Malocher von damals heute mit ihren Wohnmobilen unterwegs sind und es sich gut gehen lassen, so haben sie sich das redlich verdient. "Die Jungen sind neidisch auf die Alten", sagte Jan, "das ist verständlich. Sie wissen, dass es ihnen selbst später mal nicht so gut gehen wird wie uns".

Viele Experten versichern, dass in den Ländern, wo die Alterspyramide auf dem Kopf steht, die Armut der Alten vorprogrammiert ist. Es gibt nicht nur immer weniger Junge in unserer Gesellschaft, es gibt vor allem auch immer weniger Arbeit für die Jungen.

Und nun soll auch noch die Lebenserwartung der alten Menschen drastisch steigen! Ich erzählte Jan, was ich neulich in der "New York Times" gelesen habe: "In vielen Laboratorien rund um die Welt sind Wissenschaftler dabei, im Reich der Tiere Methusalems zu züchten - ungewöhnlich langlebige und gesunde Würmer, Fische, Mäuse und Fliegen." Der Artikel stand unter der irritierenden Überschrift: "Mensch, du siehst ja überhaupt nicht einen Tag älter als 135 aus."

Laut NYT  macht die Wissenschaft rasante Fortschritte bei dem Versuch, den Beginn des Alterns nach hinten zu verschieben. In einem Labor an dem "Wisconsin National Primate Research Center" kann man den Erfolg dieser Anstrengungen schon in Augenschein nehmen. In einem der Käfige sitzt ein 28 jähriger Rhesus Affe namens Matthias. Es geht ihm gar nicht gut. Er verliert seine Haare, schiebt einen Bauch vor sich her und macht einen lustlosen Eindruck.

Im Käfig nebenan ist der gleichaltrige Rudy viel besser drauf. Er begrüßt Laborarbeiter und Besucher mit fröhlichem Getute, springt munter hin und her, grapscht gierig nach einem knackigen Apfel und ist fit wie ein Turnschuh. Kein Haarausfall, keine Falten, keine depressive Laune. Der Unterschied zwischen den beiden Affen besteht im wesentlichen darin, dass Matthias so viel fressen darf, wie er will, während Rudy schon vor Jahren auf eine strikte Diät gesetzt worden ist - 30% weniger Kalorien.

Ob die "calorie restriction"-Methode auch beim Menschen greifen wird, ist noch nicht bewiesen, aber sehr wahrscheinlich. Auf alle Fälle haben die Forscher noch einen zweiten Pfeil im Köcher: Resveratro, ein anti-oxidant, das in geringer Dosis im Rotwein vorkommt und den Alterungsprozess erheblich verzögern soll. Schon gibt es eine synthetisch erzeugte Resveratro-Pille, die an Patienten ausprobiert wird. Dr. Richard Miller, Pathologe am Michigan Universitätskrankenhaus, ist obendrein davon überzeugt, dass man mit einer Pille, die den Effekt der "calorie restriction" simuliert, die Lebensspanne des Menschen auf 112 gesunde Jahre verlängern kann, wobei 140 jährige Greise durchaus vorkommen können.

Jan kommentierte knapp: "Der reine Wahnsinn!" Wenn die Jungbrunnen-Pillen erst mal auf dem Markt sind, wird es noch ein paar Millionen Alte mehr bei uns geben. Die Rentenkasse wird zusammenkrachen und die Alten werden, wenn sie nicht verhungern wollen, auf dem schrumpfenden Arbeitsmarkt als Konkurrenten gegen die Jungen antreten. Jan: "Bevor man die Alten immer älter macht, sollte man vielleicht überlegen, wie man unsere Gesellschaft wieder jünger machen kann." 

Mit Kindergeld und Erziehungsgeld wird das nicht funktionieren. Denn in unserer kapitalistischen Konsumgesellschaft sind Kinder ein Hindernis auf dem Weg zu Karriere und Wohlstand. Und das durchschnittliche Nettoeinkommen der Arbeitnehmer sinkt seit Jahren kontinuierlich. So müssen immer mehr Ehefrauen mitarbeiten, um den Lebensstandard zu halten.

Wenn die Experten Recht behielten, wird sich Deutschland in nicht allzu ferner Zukunft als Geronten-Staat in einem biologischen Vakuum etablieren. Aber das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Der gesunde Menschenverstand sagt mir, dass der Geronten-Staat ein Hirngespinst ist. Unser hoch entwickeltes Land mit seiner luxuriösen Infrastruktur wird sich nicht in eine biologische und industrielle Wüste verwandeln. Vielmehr werden wir erleben, dass das biologische Vakuum von dem biologischen Überfluss aufgefüllt wird, der in unserer Nachbarschaft explosive Dimensionen erreicht hat  -  vor allem in Afrika und in den arabischen Ländern.

Die Einwanderer, die jeden Tag in windigen Holzbooten über das Mittelmeer kommen und oft mehr tot als lebendig an den Küsten Südeuropas landen, sind die Vorboten der großen Süd-Nord Wanderungsbewegung, auf die wir uns einstellen müssen. Es sind nicht die Dummen und die Faulen, die da aus Afrika zu uns kommen. Eher eine Elite - intelligent, tatkräftig und unternehmungslustig. Schon in wenigen Jahren werden wir uns nicht mehr darüber streiten, wie wir diese Leute wieder loswerden können. Wir werden sie an unsere Brust ziehen und verzweifelt versuchen, sie zu Deutschen zu machen - zu Deutschen mit dunkler Hautfarbe.

Die Integration der Einwanderer ist neben dem Natur-und Klimaschutz die größte Herausforderung unserer Zeit. Wenn wir sie verdrängen, wird Deutschland nicht deutsch bleiben. Germany wird afro-arabisch werden. 

Als ich mit Jan darüber am Telefon sprach, waren wir uns einig, dass es auch eine gute Nachricht gibt: Der kulturelle Kraftakt der Integration ist ohne die tatkräftige Hilfe der Alten in unserem Lande nicht möglich. Sie haben eine einmalige Chance, sich vom Stigma der Nutzlosigkeit zu befreien, das ihnen seit dem Aussterben der Großfamilie anhaftet. In der Großfamilie haben sie einst eine wichtige Rolle gespielt - als Bewahrer bewährter Traditionen, als geduldige Gesprächspartner für die Enkel, als erfahrene Ratgeber für die Kinder.

Als mit der Industrialisierung die Großfamilie verfiel, wurden die Alten aufs Abstellgleis geschoben. Dort stehen sie schon seit mehr als 100 Jahren. Es gibt nur noch wenige, die in ihren Familien eine aktive Rolle spielen. Die meisten leben in Single Haushalten oder in Altenheimen. Der Kontakt zwischen den Alten und Jungen ist praktisch abgerissen. Für die Gesellschaft ist das ein katastrophaler Verlust. Denn wenn Lebensweisheit von den Alten nicht mehr an die Jungen weiter gegeben wird, geht ein Kapital verloren, das man in Ziffern gar nicht ausdrücken kann.

Jetzt werden sie wieder gebraucht, die Alten. Sie können ihre Erfahrung, ihre Geduld, ihre Lebensweisheit in die Integration von Einwanderern einbringen. Der Staat allein wird den bevorstehenden Umwandlungsprozess der Gesellschaft nicht  bewältigen. Wir brauchen vor allem das völlig ungenutzte Kraftpotential der Alten. Jeder alte Mensch, der sich fit fühlt und Herausforderungen liebt, könnte einen Einwanderer adoptieren und ihm bei der Integration behilflich sein, vor allem beim Deutsch lernen, bei Behördengängen und bei der Wohnungssuche. Und die jungen Einwanderer könnten sich bei ihren Paten revanchieren - den Wasserhahn reparieren, Einkaufstaschen die Treppe hoch schleppen, Botengänge erledigen und am Bett sein, wenn die Alten mal krank sind und Hilfe brauchen. Die Freundschaften, die daraus entstünden, wären eine effektiver, als jede staatliche  Integrationsmaßnahme. 

Wenn die Alten nicht vom Abstellgleis herunterkommen und diese Herausforderung erkennen, wird der Integrationsprozess in ein blutiges Drama ausarten. Die Krawalle in französischen Vorstädten zeigen, was da auch auf uns zukommen könnte.

Bevor wir den Hörer auflegten, sagte Jan: "Übrigens fällt mir gerade ein, dass es vielleicht doch  ganz gut wäre, wenn die Alten 130 Jahre alt werden. Dann wüssten sie nämlich, dass sie den Bockmist, den sie anrichten, am Ende selber ausbaden müssten, anstatt ihn an ihre Kinder und Enkel zu vererben."


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