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Die Gier und das große Zittern

Über das harte Leben der Spekulanten und Zocker

Eines Tages saß ich in meiner kleinen, feinen Privatbank am Hamburger Ballindamm einem freundlichen Kreditmanager gegenüber. Ich wollte bauen. Er kannte mich noch aus der Zeit, als ich bei seiner Bank ein dickes Konto und ein gut bestücktes Aktiendepot besaß. Das war, bevor ich meinen Fokus von außen nach innen verschoben und sich mein Vermögen im Zuge dieser spirituellen Richtungsänderung verflüchtigt hatte. Aber ein Giro-Konto hatte ich noch.
„Was kann ich für Sie tun?“, fragte mein Banker höflich und ich sagte, eher beiläufig: „Ich brauche einen Baukredit von dreihunderttausend Mark“ Der Herr zupfte nervös an seiner eleganten Krawatte. Dann erkundigte er sich vorsichtig nach meinem Alter. Ich tat empört: „Sie glauben wohl, dass ich sterbe, bevor der Kredit zurückgezahlt ist?“ Er hob abwehrend die Hände: „Um Gottes Willen, Herr Elten - das liegt mir doch völlig fern! ..." Bla, bla, bla. Aus dem Kredit wurde nichts. Das war 1998. Heute ist es sehr viel leichter, Schulden zu machen, denn die Leute, die Geld gegen lukrative Zinsen ausleihen, sind risikofreudiger geworden.
Und so kommt es, dass wir mitten in einer globalen Kreditkrise stecken, die wir der Raffgier der internationalen Finanzelite zu verdanken haben. Nur wenige von uns haben das bisher mitgekriegt. Ist denn nicht alles in bester Ordnung? Die Wirtschaft brummt, sagen die Medien. Die Steuereinnahmen sprudeln nur so. Der Finanzminister will schon bald keine Schulden mehr machen. Aber in den Chefetagen der Finanzkonzerne ist das große Zittern ausgebrochen.

Seifenblasenkonjunktur

Was ist passiert? Die Seifenblasenkonjunktur auf dem amerikanischen Immobilienmarkt ist geplatzt. Und was haben wir damit zu tun? Eigentlich nichts, aber leider ist es so, dass clevere sogenannte Finanzingenieure ein raffiniertes Modell entworfen haben, das es möglich macht, mit einem schlecht abgesicherten Baukredit z.B. aus Oakland/Kalifornien überall auf der Welt dickes Geld zu verdienen. Die Sache ist so kompliziert, dass sogar viele Experten sie nicht durchschaut haben. Dabei ging es letztlich einfach darum, faule Eier mit frischen Eiern zu vermengen und sie in attraktiv geschmückten Körbchen auf den Markt zu bringen. Mit anderen Worten, die riskanten amerikanischen Immobilienkredite („Subprime Baukredite“) wurden mit soliden Finanzprodukten so kunstvoll zusammengeschnürt, dass die Rating-Gesellschaften den Mogelpackungen auch noch ahnungslos das feinste Gütesiegel (AAA) verpassten. Dann konnte es losgehen mit dem großen Geldverdienen.
Alle stiegen ein – vorneweg die von keinerlei Kontrollen behelligten „Hedgefonds“ – die sogenannten „Heuschrecken“. Die sind auf die Geldvermehrung superreicher Familien spezialisiert, und da man dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden soll, haben die Superreichen nichts dagegen, dass die Hedgefondmanager 20 Prozent der Spekulationsgewinne (darum handelt es sich vor allem) in ihre eigenen Taschen schieben. Für einige hat das zu Jahreseinkünften von über einer Milliarde Euro geführt - das sind immerhin fast drei Millionen Euro am Tag! Damit haben sie für die Managereliten rund um den Globus neue Maßstäbe gesetzt. Im Kreise der Hedgefond-Titanen nimmt sich inzwischen ein Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, mit seinen lumpigen 1,2 Millionen Euro pro Monat geradezu wie ein Penner unter der Brücke aus.

Bankgeheimnisse

Wenn die Gier keine Grenzen kennt, verliert der Verstand den Überblick. Das ist eine uralte Weisheit. Und so geschah das, wovor aufmerksame Marktbeobachter schon vor zwei Jahren gewarnt hatten: Die Konjunktur auf dem amerikanischen Immobilienmarkt brach ein und das Business mit „Subprime Krediten“ platzte. Die Banker, die am Roulette mächtig mitgemischt hatten, sitzen jetzt auf ihren Mogelpackungen, die in den Tresoren wie Zeitbomben leise und unheimlich vor sich hin ticken.
Wie viel gibt es überhaupt von diesem Zeug? Und wie viel ist es noch wert? Das ist das große und düstere Geheimnis. Die Banker wissen es selber nicht. Schlimmer noch: Sie misstrauen sich gegenseitig, weil niemand weiß, wie tief der andere im Sumpf der Subprime Kreditkrise steckt. Keine Bank will einer anderen noch Geld leihen. Wo früher jeden Tag Billionensummen auf dem globalen Kapitalmarkt hin und her geschoben wurden, ist das Geld plötzlich knapp geworden.
Zehntausende von Menschen, die in der Finanzindustrie emsig das Spekulationsrad gedreht und die wunderbare Geldvermehrung in Gang gehalten hatten, sind auf der Straße gelandet. Einige Hedgefonds haben still und leise ihren Geist aufgegeben. Einige Banken sind haarscharf an der Pleite vorbeigerauscht. Die Großbanken melden hohe Verlustabschreibungen. Auch Josef Ackermann hat zugegeben, dass er auf faulen Eiern im Wert von mehr als zwölf Milliarden Euro sitzt. Viele Geldanleger fühlen sich geprellt. Tausende von kleinen Leuten, denen man in Amerika Immobilienkredite aufgeschwatzt hatte, haben inzwischen ihre Häuser verloren, und jeden Tag werden es mehr. Unabhängige Marktbeobachter zeigen sich vom Ausmaß der Katastrophe überrascht. Das große Schreckgespenst ist eine amerikanische Rezession. Viele sehen sie kommen.

Die Geldvermehrer

Kein Wunder, dass die „Global Player“ in den Finanzzentren der Welt vor ihren Laptops sitzen und zittern. Die New York Times berichtete kürzlich, dass einige Hedgefonds Psychiater verpflichtet haben, die ihre total gestressten Manager vor dem Nervenkollaps bewahren sollen. Das sind zum Teil junge Leute, die direkt von den Elite- Business Schulen amerikanischer Universitäten kommen, wo die hohe Kunst der Geldvermehrung zugunsten der Kapitaleigner in immer neuen Variationen gelehrt wird.
Sie leben in einer virtuellen Welt, in der es weder Tag noch Nacht gibt. Denn das Geschäft läuft rund um die Uhr, weil zu jeder gegebenen Zeit irgendwo auf dem Planeten ein hektisches Börsenbusiness tobt, in das man sich einbringen muss. Das nervt, und wenn es nicht gut läuft, müssen Aufmunterungstabletten helfen.
In der Welt der Global Player kommen reale Menschen gar nicht vor, die Autos, Brücken, Straßen und Häuser bauen, die auf Traktoren sitzen und Felder pflügen, die in Labors forschen, in Fernsehstudios Kabel schleppen oder Nachrichten verlesen. Da gibt es auch keine Arbeitslosen, keine Rentner und keine alleinerziehenden Mütter, bei denen das Geld hinten und vorne nicht reicht. Die Finanzjongleure sind mit ihren Millioneneinkommen in der abstrakten Welt der Zahlen zu Hause. Sie interessieren sich nicht für Schicksale, sie interessieren sich für Prozente.
Dabei gibt es keinen Grund, die hektischen Geldvermehrer zu beneiden, wie es hierzulande eher üblich ist. Sie sind die Totengräber einer Kultur, die an ihren Exzessen zugrunde geht. Je mehr sie verdienen, desto bedauernswerter sind sie. Denn hinter ihrer Gier verbirgt sich Angst. Sie befinden sich ständig im Krieg. Feindliche Übernahmen, Konkurrenzschlachten, Werbefeldzüge … Das ist ihre Welt. Ständig geht es um Sein oder Nichtsein. Für Liebe und Mitgefühl ist da kein Platz. Wer Angst hat, will Kontrolle ausüben. Je mehr Macht, desto mehr Kontrolle. Und das Instrument der Macht ist das Geld.
Die Geldvermehrer finanzieren die Wahlkämpfe der Politiker und bringen sie damit unter ihren Einfluss. Sie lassen ihre Lobbyisten wie Kettenhunde von der Leine, wenn es darum geht, Gesetze zu verhindern, die ihren Interessen schaden. Kein Parlament kann sie in ihre Schranken verweisen, denn sie kontrollieren die Parlamente. Sie kaufen Fernseh- und Radiostationen, Zeitungen und Magazine, Werbeagenturen und Filmgesellschaften, weil sie die Medien brauchen, um die Menschen in einen kollektiven Tiefschlaf zu versetzen.

Angst, Gier und Erwartungen

Paradoxerweise ist die Macht der Geldvermehrer ihre eigentliche Schwäche. Je mehr Macht sie anhäufen, desto weiter entfernen sie sich von der Realität. Sie sehen die Welt durch die Brille ihrer Ängste und ihrer Gier. Nirgendwo zeigt sich das deutlicher als auf dem Parkett der internationalen Börsen, wo sich Wünsche, Erwartungen und Hoffnungen austoben. Und die Angst natürlich, die Angst davor, dass riskante Spekulationen nicht aufgehen, dass die Gier sich nicht bezahlt macht, dass man nicht rechtzeitig auf den Gewinn-Express aufgesprungen ist – oder dass man den Absprung verpasst, bevor die höllische Talfahrt beginnt.
Kommt uns das bekannt vor? Wenn wir ehrlich sind, kennen wir die Nöte dieser Herrschaften auch aus eigener Erfahrung. Auch wir sind gierig und ängstlich. Nur schieben wir mit unserer Gier nicht gleich eine globale Krise an. Oder doch? Hängt nicht alles mit allem zusammen? Gäbe es denn diese Leute, wenn es uns nicht gäbe? Spielen wir nicht ganz gerne mal Lotto? Träumen wir nicht vom großen Geld? Sind wir nicht ständig auf Schnäppchenjagd? Beteiligen wir uns nicht an der Ausbeutung von Arbeitssklaven in armen Ländern, wenn wir billig bei Versandhaus- und Supermarktkonzernen einkaufen? Neigen wir nicht zu Depression oder gar Hysterie, wenn die Bewegung auf unserem Bankkonto in die falsche Richtung geht?
Würden wir NEIN sagen, wenn uns ein Banker einen Kredit zum Häuslebauen geben will, obwohl wir gar nicht wissen, wie wir ihn abzahlen werden?


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