Haben Sie noch Sex oder spielen Sie schon Golf?
Die Frauenbewegung hat die Männer verunsichert und die Frauen nicht glücklicher gemacht
„Haben Sie noch Sex oder spielen Sie schon Golf?“ Die Frage ist nicht so doof, wie sie daherkommt. Denn sie trifft einen empfindlichen Nerv: Sex ist nicht mehr das, was er hierzulande mal war. Jedenfalls legt das eine Studie nahe, die der Urologe und Experte für Männergesundheit am Hamburger Universitätskrankenhaus Eppendorf erarbeitet hat. 10 000 Männer und Frauen waren vor 30 Jahren zu ihrem Sexualleben befragt worden – nun wurde noch mal nachgefragt. Das Ergebnis ist aufschlussreich. So hat z.B. die Gruppe der 18- bis 30-Jährigen vor 30 Jahren noch 18 bis 22 Mal im Monat Sex gehabt – heute sind es nur noch 4 bis 10 Mal monatlich!
Was ist hier los?
Bei den 30- bis 40-Jährigen sieht es noch trauriger aus. Mit nur 8 bis 12 zärtlichen Vereinigungen im Monat konnten sie schon vor 30 Jahren nicht besonders eindrucksvoll punkten. Heute bringen sie es nur noch 3 bis 6 Mal im Bett.
Was ist hier los? Frank Sommer hat eine simple Erklärung. Wenn ein Mensch hart arbeitet, meint der Professor, könne es schon sein, dass seine oder ihre Triebenergie am Abend nahezu erschöpft sei. Und wenn man dann noch ein kräftezehrendes Hobby habe und sich zum Beispiel im Fitnessstudio auspowere, bleibe für Sexualität einfach nichts mehr übrig.
Wie haben das bloß unsere Urgroßeltern gemacht, die in den Fabriken noch 14-Stunden-Schichten schoben, das Korn mit Sichel und Sense schnitten und die Kartoffeln mit bloßen Händen ausbuddelten? Die waren im Ehebett genauso fleißig wie bei der Arbeit. Familien mit 16 Kindern waren durchaus keine Seltenheit. Kann es sein, dass die Beziehung zwischen Mann und Frau damals sexier war als heute?
Es gibt viele Fragen und wenig Antworten. Wie kommt es zum Beispiel, dass Männer in hochindustrialisierten Ländern nur noch halb so viele Spermien produzieren wie ihre Väter? Außerdem, so behaupten die Forscher, habe die Qualität des Spermas nachgelassen. Der angesehene britische Fruchtbarkeitsexperte Professor Bill Ledger sagte kürzlich voraus, dass sich die Unfruchtbarkeit in Europa in den nächsten zehn Jahren verdoppeln werde. Was läuft hier schief im Bett?
Zeugung im Labor?
Man muss kein Wissenschaftler sein, um mitzubekommen, dass die Beziehung zwischen Mann und Frau nicht mehr so intensiv ist wie zu Zeiten unserer Großeltern. Jede dritte Mutter ist alleinerziehend. Fast jede zweite Ehe wird geschieden. Immer mehr Frauen leben lieber allein als mit einem Mann im Haus. Immer mehr schöne, attraktive Männer outen sich als Schwule. Männer, die Männer lieben, und Frauen, die Frauen lieben, sind keine Außenseiter mehr. Auf den Loveparaden feiern sie sich selbst und ihre Lebensart mit fröhlicher Selbstbewusstheit. Sind sie Avantgardisten einer verführerischen Kultur der Gleichgeschlechtlichkeit, die sich als Alternative zu dem ewigen Zoff zwischen Mann und Frau anbietet?
Es gibt sogar Zukunftsforscher, die damit rechnen, dass die Zeugung eines Tages nicht mehr in den Schlafzimmern stattfinden wird, sondern in den Labors. Kinder nach Maß gelten heutzutage schon fast als normal. Frauen gehen zu sogenannten Spermabanken und bedienen sich aus dem reichhaltigen Angebot von tiefgefrorenen Samenergüssen gesunder junger Spender. Leistungssportler, einsfünfundachtzig groß, blond, grünäugig, Akademiker mit Universitätsabschluss? Kein Problem. Die Samenbank hat für jeden Geschmack den Passenden. Die Befruchtung findet lustfremd im Reagenzglas statt. Der Spender tritt nicht in Erscheinung. Schade eigentlich.
Das alles ist erst der Anfang. Die Genforscher können das Erbgut des Menschen „verbessern“ und mit Hilfe von elektronischen Chips kann man die Informationsverarbeitung und die Reaktionsgeschwindigkeit des Gehirns aufpolieren. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Nietzsches Supermensch ein Zwitter aus Mensch und Maschine? Auch das ist schon machbar. Und wir sollten nicht vergessen, dass Wissenschaftler wie spielende Kinder sind. Neugierig wollen sie alles tun und ausprobieren, was sich irgendwie machen lässt – ob es eine Atombombe ist oder genmanipuliertes Saatgut.
Erlahmendes Interesse
Doch kehren wir ins Hier und Jetzt zurück. Was ist schiefgelaufen zwischen Mann und Frau? Woher kommt das erlahmende Interesse am anderen Geschlecht? Als Erstes fällt mir die Frauenbewegung ein. Sie hat die Männer verunsichert und die Frauen nicht glücklicher gemacht. Im Gegenteil: Soziologen der amerikanischen Harvard Universität haben in einer groß angelegten Umfrage festgestellt, dass die Frauen heutzutage weniger glücklich sind als die Männer. In früheren Umfragen war es immer umgekehrt – die Männer fühlten sich glücklicher als die Frauen.
Dabei haben die Frauen doch eine Menge erreicht. Mehr Frauen als je zuvor studieren an den Universitäten. Sie schneiden dort sogar besser ab als die Männer. Alle Berufe stehen Ihnen offen. Inzwischen gibt es sogar weibliche Lufthansa-Piloten und weibliche Offiziere in der Bundeswehr. Frauen als Staats- und Regierungschefs sind nicht mehr ungewöhnlich, und im Fernsehen moderieren sie die wichtigsten Talkshows.
Andererseits ist es aber auch so, dass viele Frauen schlechter bezahlt werden als ihre männlichen Kollegen. Und in den obersten Chefetagen der Wirtschaft sind die Frauen eindeutig unterrepräsentiert. Ist das der Grund, warum heute mehr Frauen als früher nicht mehr so glücklich sind? In meinem Umfeld, besonders in meinen Seminaren, bestätigt sich das nicht. Nur relativ wenige Frauen beklagen sich darüber, dass sie im Beruf benachteiligt werden. Viel häufiger höre ich Klagen über die Männer – die Männer als Liebhaber, als Partner, als Ehegatten, als Väter.
Starke Frauen machen Angst
Das Fazit dieser Klagen sieht – stark vereinfacht – etwa so aus: Vielen Männern ist es bis heute nicht gelungen, mit erfolgreichen und starken Frauen entspannt umzugehen. Sie sind ihnen etwas unheimlich. Nicht wenige Männer haben sogar Angst vor emanzipierten Frauen. Manche flüchten sich in die Rolle des verständnisvollen sensiblen Gefühlsmenschen, der den Abwasch macht und den Kinderwagen schiebt. Das sind die sogenannten „Weicheier“, die unter Frauen längst genauso verpönt sind wie Machos. Viele Männer starker Frauen ziehen sich zurück, klinken sich aus, stecken einfach keine Energie in ihre Beziehung.
Je erfolgreicher die Frauen sind, desto mehr ziehen sich die Männer von ihnen zurück. Minderwertigkeitskomplexe! Trotz aller Gleichberechtigung haben z. B. die meisten Männer (Sannyasins ausgenommen?) immer noch ein Problem damit, den Frauen im Restaurant die Rechnung zuzuschieben, wenn der Kellner abkassieren will. Aus solchen Problemen haben die Autoren von „Sex and the City“, eine der weltweit erfolgreichsten Fernsehserien, ihren Stoff gezogen.
Man kann das komplizierte Beziehungsgeflecht zwischen Mann und Frau nur verstehen, wenn man sich das Grundproblem bewusst macht: Im Bett ist die Frau die stärkere. Zum einen, weil sie zu einem multiplen Orgasmus fähig ist, und zum anderen, weil der Mann der Frau nichts vormachen kann. Wenn seine sexuelle Kraft versagt, ist das erschreckend offensichtlich. Er ist einfach vollzugsunfähig. Eine Niete! Eine lächerliche Figur. Wenn er Pech hat, lacht ihn die Frau aus. Davor hat er die meiste Angst.
Das ungleiche Kräfteverhältnis im Bett ist die eigentliche Ursache für das verheerende Phänomen der Unterdrückung der Frauen. Seit Jahrtausenden sind Männer von der Angst besessen, dass die Frauen ihre sexuelle Überlegenheit ausnutzen und sich mit anderen Männern vergnügen. Ihr Minderwertigkeitskomplex hat sie dazu gebracht, die Frauen mit schierer physischer Gewalt unter ihre Kontrolle zu zwingen.
In hoch entwickelten Industrieländern haben die Frauen ihre Fesseln gesprengt. Aber es war nicht die Liebe, die hier gesiegt hat. Die Frauen haben gekämpft. Viele Männer fühlen sich als Verlierer. So hat sich an der psychologischen Grundsituation nicht viel geändert: Das Verhältnis zwischen Mann und Frau wird nach wie vor von Ängsten beherrscht, besonders von männlichen Ängsten. Je freier die Frauen werden, desto größer werden auch die Ängste.
Es war Osho, der die Ursache für die missliche Situation auf den Punkt gebracht hat. Letztendlich, so meinte er, sei die Emanzipationsbewegung der Frauen kein Erfolg gewesen, weil die Frauen für ihre Rechte gekämpft hätten und nicht die Männer. Nur wenn die Unterdrücker für die Frauen eingetreten wären, hätte es zu dem nötigen Bewusstseinswandel im Verhältnis zwischen den Geschlechtern kommen können. Keine Minderwertigkeitskomplexe, sondern Respekt. Keine Konkurrenz, sondern Verständnis. Keine Angst, sondern Vertrauen. Kein Kampf, sondern Liebe.