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… denn unsere Eliten tun es nicht

Neulich schrieb ich in einem Klartext, dass ich in Zukunft, der Umwelt zuliebe, auf Vergnügungsflüge zu fernen Traum­strän­den verzichten wolle. Das Echo darauf war nicht durchweg positiv. So beschwerte sich z. B. Gerda, eine Marketing-Managerin aus Düs­sel­dorf, und meinte, ich sei offenbar Opfer der allgemeinen „Klimahysterie“ geworden, die von „Katastrophengurus und Wichtig­tuern“ angeheizt werde. Sie jedenfalls sehe keine Veranlassung, in Panik auszubrechen. Und natürlich fliegt sie auch in diesem Jahr wieder nach Indien.
Gerda ist nicht allein. Kürzlich las ich im „Hamburger Abendblatt“, dass die Teilneh­mer einer Umfrage mit der Frage konfrontiert wurden, ob sie angesichts der starken Luftverschmutzung durch den Flugverkehr bereit seien, ihre Feriengewohnheiten zu ändern. 78 Prozent der Befragten lehnten das ab. In einer anderen Umfrage gaben 75 Prozent der Befragten an, dass sie kein umweltfreundliches Auto kaufen würden, das weniger Komfort und weniger Leistung auf die Rä­der bringt als ein herkömmliches Auto. Und natürlich dürfte es auch nicht mehr kosten.

Wer ist denn hier Vorbild?
Auf allen Kanälen hämmern uns die Medien ein, dass es schon fünf Minuten vor zwölf ist. Manche seriösen Wissenschaftler sagen sogar, dass es für eine Umkehr schon zu spät sei. Sind wir beunruhigt? Liegen wir nachts wach und überlegen, was wir tun können? Haben wir ein schlechtes Gewissen, weil wir uns nicht rühren? Nichts dergleichen! Business as usual ist angesagt. Der Flugtourismus meldet neue Rekordzahlen. Die Staus auf den Autobahnen werden immer länger. Das ist die spannende Begleiterscheinung der Klimadiskussion: Wir sind offenbar katastrophenresistent.
Woran mag das bloß liegen? Warum wachen wir nicht auf? Liegt es vielleicht an unseren Idolen und Vorbildern, die von der Masse als Elite verehrt werden? Ich habe gehört, dass Osho einen weltweiten Be­wusstseinswandel für möglich hält, wenn „nur fünf Prozent der intelligenten Menschheit“ sich der Meditation zuwendeten. Er spricht hier also von einer Elite mit Vorbildfunktion: Wenn die Elite die Medi­tation zu ihrem Fokus mache, könne sie die Menschen aufwecken und sie dazu bringen, verantwortungsbewusst zu handeln. In allen Gesellschaften gibt eine Elite den Ton an. Die Masse bewundert sie und folgt ihr.
Wer gehört bei uns zur Elite? Königliche Hoheiten, Filmstars, Top-Manager, Milliardäre, Spitzenpolitiker, Fußballstars, Fernseh­stars, Top-Models, Bandleader, Mafiosi und Oligarchen. Mit anderen Worten: die Prominenten.
Jede Gesellschaft verdient die Elite, die sie hat. In unserer Spätkultur haben wir es mit einer Gesellschaft zu tun, die von Glamour und Geld besessen ist. Die Weisen, die Wissenschaftler, die Naturschützer, die spirituellen Lehrer, die Philosophen und die Künst­ler sind eher Randfiguren. Manche von ihnen mögen relativ bekannt sein. Aber die Menschen betrachten sie nicht als Vorbilder. Wir leben in einer Zeit, in der die Ver­packung wichtiger ist als der Inhalt. Im Allgemeinen gilt: „Du bist, was du hast.“ Je mehr Geld du hast, desto wichtiger bist du. Nur bei den Spitzenpolitikern ist es anders: Sie gehören dazu, weil ihnen der Nimbus der Macht anhaftet.

Meditation – kein Fremdwort mehr
Nun bleibt die Zeit nicht stehen. Die Dinge entwickeln sich mit zunehmender Geschwindigkeit. Alles ist im Wandel und so auch unsere Eliten. Meditation ist kein Fremdwort mehr, und so kann es durchaus sein, dass sie ganz allmählich auch in die Kreise eindringt, die bei uns den Ton angeben. Immerhin ist Richard Gere, einer der einflussreichsten Hollywood-Schauspieler, mit dem Dalai Lama befreundet und bekennt offen, dass er regelmäßig meditiert. Auch Richard von Weizsäcker, unser ehemaliger Bundespräsident, soll angeblich meditieren. Aber leider schweigt er in der Öffentlichkeit darüber. Wie schade! Wo es doch so wichtig wäre, dass Politiker ein gutes Beispiel geben.
Aber sogar Angela Merkel hat hier starke Defizite. Auf der internationalen Bühne agiert sie zwar medienwirksam als Vorkämpferin für eine energische globale Umweltpolitik. Aber auf die Idee, ihren wuchtigen Achtzylinder Dienstwagen gegen einen etwas umweltfreundlicheren Golf einzutauschen, kommt sie überhaupt nicht. Könnt Ihr euch die Schlagzeilen vorstellen, die eine solche Geste auslösen würde? Und die Diskussionen! Millionen von Menschen würden sich daran beteiligen. Es könnte der Todesstoß für den deutschen Autofetischismus sein!
Letztlich sind es nicht Worte, sondern symbolträchtige Signale, die die Menschen aufwecken. Besonders wenn es um den Schutz der Umwelt geht, müssten die Eliten mit gutem Beispiel vorangehen, denn die Umwelt kann nur geschützt werden, wenn wir alle unsere Lebensgewohnheiten radikal verändern. Bei den Politikern hat sich das noch nicht herumgesprochen. So können wir z. B. immer wieder in der Tages­schau sehen, wie Reinhard Hans Bütikofer, der Bundes­vor­sitzende der Grünen (wie die meisten Spitzenpolitiker) zu seinen Terminen im dicken Mercedes oder BMW vorfährt – mit Chauffeur natürlich.

Luxus, Glamour und Verschwendung
Und unser ehrgeiziger Umweltminister Sigmar Gabriel setzt noch einen drauf. Kei­ner tönt so laut wie er, wenn es um den Schutz der Umwelt geht. Und dann meldet der Spiegel, dass Sigmar Gabriel die umweltschädlichsten Reisegewohnheiten überhaupt hat. Der 1. Klasse Komfort der Luft­hansa reicht ihm oft nicht. Häufiger als jeder andere Spitzenpolitiker nimmt er lieber den exklusiven Service der sogenannten Flug­bereitschaft der Bundesluftwaffe in Anspruch, die ihm einen kleinen schicken Managerjet zur Verfügung stellt – das teuerste und umweltschädlichste Verkehrs­mittel überhaupt.
Vielleicht beneidet Sigmar Gabriel den saudischen Prinzen Walid ibn Talal vom Per­sischen Golf, der kürzlich eine Kauf­option für einen Airbus 380 erworben hat. Der Riesenvogel, in dem 800 Menschen Platz haben, soll in Hamburg für den Scheich in einen Palast der Lüfte verwandelt werden – mit Dampfbad, Sauna, Salon, Bordkino, Planetarium und Gästesuiten.
Das ist das Kennzeichen unserer Welt-Eliten: Je mehr Geld einer hat, desto verheerender wirkt sich seine energieaufwändige Existenz auf die Umwelt aus. Zum Glamour gehört die 100 Meter lange Luxusjacht mit Hubschrauberlandeplatz, der Privat-Jet, der Landsitz mit eigenem Golfplatz, das Apartment an der Park Avenue in Man­hat­tan und weitere Residenzen – überall dort, wo es schön ist und sich die Rei­chen und die Schönen gerne treffen. Diese Eliten werden uns nicht zeigen, was wir tun müssen, um den Klimakollaps abzuwenden.

Wandel kommt durch Katastrophen
Tatsächlich lehrt uns die Geschichte, dass die Menschen erst aufwachen, wenn die Katastrophe schon da ist. Bewusst­seins­wandel durch illusionsfreie Vorausschau und freiwilliges Bemühen ist noch nie ein Massenphänomen gewesen. Macht mich diese Einsicht zum Pessimisten? Neulich habe ich eine witzige Definition gefunden: „Was ist ein Pessimist? Ein Pessimist ist ein Optimist mit Erfahrung.“ Mit dieser Definition kann ich gut leben. Ich erfahre die Welt als ein Irrenhaus, lasse mich aber von dieser Erfahrung nicht runterziehen. Ich bin ein optimistischer Pessimist, der das Leben im Hier und Jetzt genießt.
Ich beobachte das Chaos um mich herum. Ich beobachte, wie die Menschen blindlings auf den Abgrund zutreiben. Und das Merkwürdige ist, dass mir das nicht den Schlaf raubt. Ich weiß, dass der Sog auch mich erfasst hat. Auch ich treibe auf den Abgrund zu. Aber ich bin kein Getriebener. Im Hier und Jetzt gibt es für mich den Spielraum für eine freie Lebensgestaltung. Ich kann die Höllenfahrt als eine spannende Herausforderung annehmen - und dabei etwas dazulernen. Ich bitte die Existenz um die Kraft zu ändern, was ich ändern kann, ich bitte um die Gelassenheit, zu ertragen, was ich nicht ändern kann, und ich bitte um die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
P.S. Übrigens habe ich vor ein paar Tagen auch meinen Strom-Anbieter gewechselt – ich bin von eon zu Greenpeace Energie übergelaufen. Heute gehen wir zu Aldi: Dort gibt es Energie-Sparlampen im Son­deran­gebot. Sie sollen uns erleuchten. Und nächste Woche kaufen wir einen Öko-Kühlschrank, der nur halb so viel Strom verbraucht wie unser alter.


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