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„Ich werde mich nicht wie ein Opferlamm abschlachten lassen.“

Satyananda belauschte einen Monolog des Steuersünders Klaus Zumwinkel

„Es war wie im Krimi. Jemand klingelte Sturm im Morgengrauen. Ich dachte, was ist denn jetzt los? Was mit der Postbank vielleicht? Als ich die Tür aufmachte, standen sie da, die Häscher mit hochgestelltem Kragen, und hielten mir einen Durch­su­chungsbescheid vor die Nase. Verdacht auf Steuerhinterziehung! Mindestens fünf waren an der Tür. Im Morgennebel sah ich noch weitere auf der Straße. Und da war auch ein Kerl, der mit einer Fernsehkamera filmte. Was hat der denn hier zu suchen, dachte ich. Dann wurde mir klar: Hier soll eine Hinrichtung vor laufender Fernseh­kamera inszeniert werden! Antje zitterte am ganzen Leibe. Ich hielt sie fest am Arm. Gottseidank haut mich so schnell nichts um. Ich bin nicht einer, der ausrastet.
Manche finden mich vielleicht langweilig, weil ich keine Gefühle zeige. Aber das ist mir natürlich egal. Ich punkte mit Selbst­beherrschung, und zwar in jeder Lebens­la­ge. Noch bevor ich zum Telefon greifen konnte, um meine Anwälte zu alarmieren, fingen die Fahnder schon an, meinen Schreibtisch zu durchwühlen und den Com­puter abzubauen. Und da frage ich mich natürlich: Warum denn ausgerechnet ich?

Steuerhinterziehung? Na und?
Ich habe aus dem aufgeblähten Beamtenapparat der Deutschen Post innerhalb von achtzehn Jahren einen effizienten, globalen Logistik-Konzern gemacht, mit weltweit über 500.000 Mitarbeitern. Als die Post noch von Postministern regiert wurde, machte sie verheerende Verluste. Dann kam ich. Und schaufele mit der Post jedes Jahr Milliarden in die Staatskasse. Das macht mir so leicht keiner nach. Der Bundespräsident hat mir dafür das Große Verdienstkreuz verliehen. Herr Steinbrück sollte mir die Füße küssen. Stattdessen schickt man mir im Morgengrauen die Polizei auf den Hals. Und das vor laufender Kamera. Das wird für die Staatsanwaltschaft noch Folgen haben. Dafür werde ich sorgen. Steuerhinterziehung? Na und? In den Kreisen, in denen ich verkehre, kenne ich niemanden, der sein Geld nicht draußen geparkt hat – in Liechtenstein und anderswo. Das weiß doch jeder. Auch die Politiker wissen es seit Langem. Plötzlich rasten sie aus und nennen uns die „neuen Asozialen“. Die werden noch ihr blaues Wunder erleben. Ich jedenfalls werde mich nicht wie ein Opferlamm abschlachten lassen. Nicht ich. Diese Herrschaften in Berlin wurmt es doch nur, dass sie nicht so viel verdienen wie die Leistungselite der Wirtschaft. Jetzt gehen sie in der Gosse auf Stimmenfang. Reden von Ethik und sozialer Verantwortung und lassen sich von Lobbyisten mit dicken Scheckbüchern zum Essen einladen.

Die Weichensteller
Die meisten Politiker verstehen null von Wirtschaft. Wenn der Nokia-Vorstand die Produktion von Bochum nach Rumänien verlegt, schmeißen die vor laufender Fernsehkamera ihr Nokia-Handy an die Wand. Damit wollen sie die Straße gegen uns mobilisieren. In der globalisierten Wirtschaft macht man keinen Unterschied zwischen Deutschen und Rumänen. Wenn die Rumänen die gleiche Arbeit zum halben Preis machen, können wir das doch nicht einfach ignorieren und sie in ihrer Armut sitzen lassen. Die wollen doch auch endlich mal Geld verdienen nach fünfzig Jahren Sowjet-Terror. Auf dem globalen Arbeitsmarkt ist soziale Verantwortung keine nationale Verpflichtung mehr. Wir müssen über die Grenzen hinweg an alle Menschen denken.
Wir sind für alle Menschen da. Wir denken global, wir handeln global und deshalb ist es selbstverständlich, dass wir unsere eigenen Bezüge auch den globalen Standards anpassen. Warum sollte auch ein deutscher Konzernchef nur halb so viel verdienen wie ein amerikanischer? Wo ist denn da die Logik? Wir sind eine globale Elite. Wir haben kein Vaterland, wir sind in der ganzen Welt zu Hause. Wir stellen die Weichen – nicht die Politiker. Man muss ihnen mühsam beibringen, wo es langgeht. Und viele muss man ganz einfach bestechen, damit sie spuren. Natürlich nervt es sie, dass sie immer weniger zu sagen haben. Das geht gegen ihr Ego. Sie möchten gerne mit uns Golf spielen. Aber sie trauen sich nicht. Das könnte sie Wählerstimmen kosten. So bleiben sie auf ihrem Frust sitzen und mobilisieren den deutschen Neid gegen uns.

Wer kriegt den schwarzen Peter?
Wir bereichern uns auf Kosten der Arbeitnehmer? In der Gosse kann man mit solchen Parolen punkten. Die Globalisierung macht uns kaputt und die Manager sind an allem schuld. So einfach ist das. Richtig ist, dass die Globalisierung viele Deutsche aus dem Tiefschlaf gerissen hat. Plötzlich muss man auf dem Arbeitsmarkt mit Chinesen und Indern konkurrieren. Da fließen Blut und Tränen. Das ist klar. Aber wir leiden wenigstens auf hohem Niveau.
Der Lebensstandard in Deutschland war noch nie so hoch wie jetzt. Man sieht es doch überall. Jeder fährt Auto. Millionen fliegen zum Urlaub in die Sonne. Aber natürlich gibt es auch Leute, für die es hinten und vorne nicht mehr reicht. Um die wird das große Geschrei gemacht. Und die Politiker brauchen Sündenböcke dafür, dass der Speck in der Kartoffelsuppe nicht mehr für alle reicht.
Plötzlich reden alle von der Gier der Eliten. Die Medien sind dankbar für das neue Reizthema. In den Talkshows quatschen linke Politiker, Ethiker und Wirtschaftsgurus über rücksichtslose Manager, die massenhaft Arbeitsplätze vernichten und sich die Taschen vollstopfen. Das ist ein Diskurs auf erbärmlichem Niveau.
Tatsache ist: Im Zeitalter der Globalisierung gibt es nur ein Rezept gegen die Armut – nicht Moral, Ethik oder Gerechtigkeit, sondern Bildung, Bildung und nochmals Bildung. Wir brauchen in Deutschland keine ungelernten Arbeiter mehr. Von denen gibt es auf dem Globus mehr als genug. Wir brauchen Menschen mit guter Schulbildung, die sich ständig weiterbilden.
Aber wo bleibt die große deutsche Bildungsreform? Der Schwarze Peter ist bei den Politikern, nicht bei uns. Mehr als 30% der Volksschulabgänger können nicht mal anständig lesen und schreiben. Ist das etwa unsere Schuld? Was sollen wir denn mit solchen Leuten machen? Die Politiker belohnen die Verlierer und bestrafen die Leistungsträger. Das nennen sie soziale Marktwirtschaft. Mit den Milliarden, die sie für Sozialhilfe ausgeben, finanzieren sie die Arbeitslosigkeit von heute und auch die von morgen. Die Milliarden gehören in die Bildung. Jedes Jahr verschleudert der Staat 10 Milliarden Euro Steuergelder. Das rechnet der Bundesrechnungshof den Politikern immer wieder vor. Aber sie unternehmen nichts. Sie beschweren sich lieber über die Manager.
Dabei sind wir es, die das Land in diesen stürmischen Zeiten über Wasser halten. Wir können uns keine 35-Stundenwoche leisten. Wir arbeiten bis zum Umfallen – jeden Tag 16 Stunden, und oft mehr. Von einem Familienleben kann da gar keine Rede sein. Die Globalisierung hat eine multidimensionale Eigendynamik entwickelt, die uns bis zum Äußersten fordert. Wir müssen dauernd Entscheidungen treffen, ohne zu wissen, wie sie sich auswirken.

Und was habe ich davon?
Die Wahrheit ist, dass wir mit der Stange im Nebel herumstochern. Von dem Stress kann sich niemand eine Vorstellung machen, der nicht selbst am Ruder steht. Kein Wunder, dass die Vorstandsvorsitzenden der deutschen Aktiengesellschaften sich im Durchschnitt nur fünf Jahre auf ihren Chefsesseln halten können. Mit meinen achtzehn Jahren als Chef der Post war ich der Senior unter den deutschen Konzernchefs. Und einer der erfolgreichsten. Und was habe ich davon? Das Große Verdienstkreuz. Aber dafür kann ich mir nichts kaufen. Im internationalen Vergleich ist mein Gehalt eher bescheiden. Und der Staat zieht mir fast jeden zweiten Euro aus der Tasche. Einkommenssteuer nennen sie das. Ich nen­ne es Raub. Ich habe es mir nicht gefallen lassen. Dazu stehe ich. Ich brauche kein schlechtes Gewissen dafür zu haben, dass ich mit meinem sauer verdienten Geld dorthin gegangen bin, wo man als Leistungsträger noch wie ein Mensch behandelt wird und nicht wie ein asozialer Verbrecher.
Das Einzige, was ich mir vorzuwerfen habe, ist eine kleine Dummheit, die unangenehmes Aufsehen erregt hat. Ich hätte die Zinserträge aus meinen Ersparnissen nicht so niedrig angeben sollen, dass sie unter den Steuerfreibetrag fallen. Der soll ja nur den kleinen Sparern zugute kommen. Ein solcher bin ich offensichtlich nicht. Will ich auch nicht sein. War vielleicht ein Fehler. Okay. Aber meine Anwälte werden es schon richten …“


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