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Auf der Suche nach dem Positiven

Betrachtungen beim Schreiben eines Klartextes

Mein Geschichtslehrer fasste seine Weltanschauung in dem knappen Satz zusammen: „Am Ende siegt immer die Canaille!“ Und die Lebensweisheit meines Großvaters gipfelte in der Feststellung: „Keine Hürde ist hoch genug, als dass ein Goldenes Kalb nicht darüberspringen könnte.“ Das war vor siebzig Jahren. Vieles hat sich verändert, aber die beiden Herren liegen mit ihren Weisheiten immer noch richtig.
Nach wie vor ist die Welt ein Irrenhaus voller Lärm und Gewalt. Wahnsinn überall – in der Politik, in der Wirtschaft, in der Kultur und sogar in den Kirchen. Politiker geifern und kassieren. Wirtschaftsbosse werden überall wegen Bestechung, Betrug und Untreue verurteilt. Auf renommierten Theaterbühnen wird kopuliert und onaniert. Durch alle Fernsehkanäle trieft blutrünstiger Irrsinn. Computerspiele – millionenfach verkauft – zeigen unseren Kleinen, wie man mit einem Mausklick Menschen abknallen und Autos in die Luft sprengen kann. Was für ein köstlicher Spaß! Die Filmstudios überschwemmen den Kinomarkt mit Perversion und Schwachsinn. Und in den Kirchen greifen frustrierte Pfarrer ihren Messdienern in den Hosenlatz.

Die Welt – ein Irrenhaus
Okay, ich weiß schon, welche Einwände jetzt kommen. „Du übertreibst doch maßlos!“, sagen die einen und die anderen sagen: „Die Welt war doch schon immer so!“ Soll das ein Trost sein? Oder ist es Zynismus? Ich bekenne, dass es mir leichter fällt, die Apokalypse zu sehen als den Hoffnungsschimmer. Je intensiver ich mich mit dem Zeitgeschehen und seinen Hintergründen befasse, desto dunkler wird das Bild, das ich sehe. Dabei weiß ich natürlich: Wo Schatten ist, da ist auch Licht. Das war schon immer so. Während zum Beispiel Tausende von Hexen unter dem Jubel des sensationsgeilen Pöbels bei lebendigem Leibe auf Marktplätzen verbrannt und Freigeister von Folterknechten in Stücke gerissen wurden, schrieben Komponisten unsterbliche Musik und schufen Maler zeitlose Bilder. Das war im Mittelalter.
Und heute? Wo ist das Licht?
Das frage ich mich, wenn ich am Computer sitze, um einen Klartext für die Osho Times zu schreiben. Ich bin auf der Suche nach dem Positiven. Aber das Positive verbirgt sich hartnäckig unter der Flut der Schreckensnachrichten. Sie sind es, die die öffentliche Diskussion beherrschen. Sie drängen sich auf. Sie lassen uns nicht los. Sie stören unseren Schlaf. Sie deprimieren und empören uns. Sie machen uns ein schlechtes Gewissen – weil wir uns nicht auflehnen, nichts unternehmen, weil wir uns ohnmächtig fühlen. Sie dringen in unser Unterbewusstsein ein und prägen unsere Grundstimmung.
Oder ist es vielleicht so, dass unsere Fixierung auf das Negative eine Form von Masochismus ist? Sind wir süchtig nach Leid? Lieben wir, was uns kaputt macht?
Das würde erklären, warum die Medien vor allem mit negativen Berichten punkten. Mord und Totschlag, Lug und Trug, Tragödien und Skandale, Naturkatastrophen und Kriege sind der Treibstoff, mit dem Auflagen und Quoten hochgeschoben werden. Sie bedienen die Ängste der Menschen, ihre Gier, ihre Grausamkeit, ihre Lust auf Selbstmitleid. Die Medien – so scheint es – führen innig umschlungen mit ihrem Publikum einen sado-masochistischen Tanz auf. Beide sind wie in Trance und kommen auf ihre Kosten. Das passt! Nichts funktioniert besser als eine sado-masochistische Beziehung.

Die Lust am Leid wird weniger
Aber es gibt auch Anzeichen dafür, dass immer mehr Menschen die Lust am Leid verlieren. Immer mehr entdecken die Meditation als einen Weg zur Selbsterkenntnis und zu einem erfüllten Leben im Einklang mit der Natur, mit dem Ganzen. Auf Kirchentagen stellen sich Protestanten und Katholiken zu Hunderttausenden die Frage nach dem Sinn des Lebens. Und in Amerika begeistert der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama Millionen von Menschen mit durchweg positiven Parolen. Er appelliert an ihren Idealismus, ihre Opferbereitschaft, ihr Pflichtgefühl und an ihre Sehnsucht, sich für etwas einzusetzen, das größer ist als ihr Eigeninteresse.
Tatsächlich also gibt es viele positive Entwicklungen und Ereignisse. Wir müssen sie nur sehen wollen. So sind zum Beispiel Diktatoren und totalitäre Regime seit ein paar Jahrzehnten auf dem Rückzug und es weiten sich demokratische Strukturen aus – in Osteuropa, in Asien, in Südamerika und neuerdings sogar in Afrika.
Die Menschenrechte sind zu einem globalen Thema geworden. Zum ersten Mal in der Geschichte gibt es so etwas wie das internationale Tribunal in Den Haag, das Massenmörder und Kriegsverbrecher aburteilt. Die Frauenrechtsbewegung hat beachtliche Fortschritte gemacht und in zivilisierten Ländern werden Schwule nicht mehr ausgegrenzt und verfolgt. Das Umweltbewusstsein wächst überall – Grün ist global auf dem Vormarsch. Im Hamburger Hafen gibt es wieder Lachse und in der Alster, die jahrzehntelang ein toter Fluss war, kann man wieder baden.
Wir können noch viel mehr erfreuliche Entwicklungen ans Licht ziehen, vor allem auf dem Feld der Wissenschaften. Aber Pessimisten können natürlich auch zu allen positiven Erscheinungen negative Gegenbeispiele anführen. Sie können mit dem Finger auf Robert Mugabe zeigen, den wahnsinnigen Präsidenten von Simbabwe, der seine Totschläger wie Kettenhunde auf politische Gegner hetzt. Sie können darauf verweisen, dass in der südsudanesischen Provinz Dharfur arabische Milizen Hunderttausende von Menschen vertrieben und Tausende von Frauen systematisch vergewaltigt haben (Haben wir uns darüber aufgeregt?). Sie können darauf aufmerksam machen, dass der CO2-Ausstoß nicht sinkt, sondern global weiter wächst. Und so weiter und so fort.

Ohne Masochisten kein Sadismus
Es ist durchaus möglich, dass die Kräfte der Selbstzerstörung stärker sind als die Kräfte der Vernunft und der Einsicht. Vielleicht sind wir zu spät aufgewacht. Vielleicht ist der Expresszug zum Abgrund nicht mehr aufzuhalten. Wir können es nicht wissen.
Ich erinnere mich an einen guten Freund, der vor dreißig Jahren unter Eingeweihten als einer der besten Astrologen galt. Manchmal nahm er mich zur Seite und verriet mir mit gedämpfter Verschwörerstimme, dass eine dramatische Sternenkonstellation Unheil verheiße. Ich sollte mich darauf gefasst machen, dass in den nächsten drei Monaten mindestens zwei französische Atomkraftwerke in die Luft fliegen und ganz Europa verstrahlen. Als ich ihn nach vier Monaten darauf aufmerksam machte, dass keine Atomkraftwerke explodiert waren, reagierte er muffig. Er konnte sich überhaupt nicht darüber freuen, dass die große Katastrophe ausgeblieben war. Stattdessen ärgerte er sich über meine Taktlosigkeit.
Während des Vietnamkrieges wurde die schöne Metapher geboren: „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin!“ Auf unsere gegenwärtige Situation bezogen, bedeutet das: Wir haben die Wahl, ob wir uns an dem sado-masochistischen Tanz beteiligen wollen oder eben nicht. Wir können uns dem Tanz entziehen. Wir können einfach nicht hingehen. Wir können aufhören uns als Opfer zu fühlen, die schlechten Nachrichten gierig aufzusaugen und die guten zu ignorieren. Wenn wir nicht mehr an dem sado-masochistischen Tanz teilnehmen, wird die Musik des Untergangs noch ein Weilchen weiterspielen. Aber dann wird sie verstummen: ohne Masochisten kein Sadismus.

Das Dunkle als Ansporn
Vielleicht werden wir dann sehen, dass jedes Ereignis seine zwei Seiten hat. Die eine, die ins Auge sticht, und die andere, die sich dahinter verbirgt. Lebenskunst besteht unter anderem darin, beide Seiten zu sehen. Nicht nur die dunkle, sondern auch die helle. Plötzlich begreifen wir, dass sogenannte Schicksalsschläge wichtige Wachstumschancen sind. Wir versinken nicht in unserem Leid, in unserer Enttäuschung oder Wut. Wir empfinden uns nicht als Opfer, sondern nutzen die Energie, die in jeder Katastrophe steckt, für einen Lernprozess. Kurz: Wir wachen auf.
Es liegt an uns, ob wir die Welt durch eine dunkle oder durch eine helle Brille anschauen wollen. Und wir haben auch die Freiheit, ins Weinglas zu schauen und zu sehen, dass es halb voll ist – und nicht halb leer. Das Positive ist das halbvolle Glas.
Zum Beispiel: Den täglich steigenden Benzinpreis empfinden die meisten Menschen als eine Katastrophe. Aber je teurer das Benzin, desto weniger wird Auto gefahren und desto weniger Dreck ist in der Luft. Wir fahren häufiger mit dem Rad und tun dabei etwas für unsere Gesundheit. Schließlich sind steigende Benzinpreise der beste Ansporn für die Autoindustrie, moderne Autos ohne Benzinmotor in Großserie zu bauen. So gesehen, erscheint die Katastrophe als Segen. Das Glas ist halbvoll.


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