Anschnallen und Relaxen
Die globale Finanzkrise als Chance
Alle, die es wissen wollten, konnten es voraussehen. Nur Richard S. Fuld jr. konnte es nicht. Der Chef des Pleite gegangen Investmentbank-Riesen Lehman Brothers (weltweit 28.000 Angestellte) sagte den erstaunten Mitgliedern eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses in Washington: „Es ist einfach unvernünftig, wenn man mir vorhält, ich hätte das Ausmaß der Finanzkrise voraussehen können.“
Komisch. Da wusste ich doch glatt mehr, als dieser Global Player von der Wallstreet. (siehe Klartext „Die Gier und das große Zittern“ im OshoTimes-Novemberheft 2007). Er muss also mit einer Binde vor den Augen und Ohropax in den Ohren in seinem Chefbüro gesessen haben. Oder wie sonst soll man sich erklären, dass er noch vier Tage vor der Pleite drei Kollegen, die wie die Ratten das sinkende Schiff verließen, eine Sonderzahlung von 20 Millionen $ mit auf den Weg gegeben hat.
Zugegeben - gemessen an den milliardenschweren Extra-Vergütungen, die an der Wallstreet Jahr um Jahr in die Taschen der Manager fließen, waren diese 20 Millionen nur ein Klacks. Aber bei der Lehmann-Pleite haben Tausende von kleinen Anlegern ihre Altersrente verloren. Gretchen Morgenson, die Börsen-Korrespondentin der »New York Times«, empört sich: „Während Banken zusammenkrachen, machen sich die Spekulanten wie Diebe in der Nacht mit ihrer Beute aus dem Staub. Und niemand hindert sie daran!“
Mr. Fuld hat während seiner siebeneinhalb jährigen Amtszeit an der Spitze von Lehman Brothers sein ohnehin üppiges Gehalt mit Sondervergütungen von 350 Millionen $ angereichert. Muss er das Geld nun zurückzahlen? Das kam im parlamentarischen Untersuchungsausschuß gar nicht zur Sprache. Politik und Wallstreet sind in Amerika eng verflochten - insbesondere in Wahlkampfzeiten, wenn die Spendengelder für die Politiker fließen.
Nach der Devise „Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing“ haben Politiker beider Parteien in den USA dafür gesorgt, dass die Manager der Hedgefonds („Heuschrecken“) und der Investmentbanken ihren Geschäften ohne staatliche Einschränkungen und Kontrollen nachgehen konnten. Niemand hat sich eingemischt, als ein ganzes Heer von Bankangestellten in den amerikanischen Arbeitervierteln unterwegs war, um den Leuten Hypotheken mit kriminellen - im Kleingedruckten gut versteckten - Rückzahlungsbedingungen aufzuschwatzen.
Kürzlich konnte man im ARD-Weltspiegel sehen, was dabei herauskam: Ganze Wohnviertel am Stadtrand der amerikanischen Auto-Metropole Detroit sind inzwischen entvölkert. Die Banken haben zugeschlagen und Tausenden von Menschen ihre Häuser weggenommen, weil sie ihre fiesen Hypotheken nicht mehr abbezahlen konnten. Verwilderte Gärten, von Unkraut überwucherte Wege und Strassen, obdachlos Gewordene zwischen Sitzgarnituren, Betten und anderen Möbeln, die im Freien verrotten, weil es keinen Platz mehr für sie gibt. Und natürlich waren Plünderer unterwegs und haben Fensterscheiben eingeschlagen und Türen aufgebrochen.
Während die Banken beben und die Börsen rund um den Globus in fiebriger Hektik die Höllenfahrt der Weltwirtschaft begleiten, geben die Weltspiegel-Aufnahmen der internationalen Finanzkrise ein Gesicht. So sieht es aus, wenn die Gier explodiert und die Vernunft irgendwo zwischen den Bürotürmen der Finanzindustrie verloren gegangen ist.
Und was jetzt? Jetzt sind wir alle dran - du und ich und viele Millionen Menschen auf dem Planeten, die ein bisschen Geld aufs Konto schieben konnten - für die Altersvorsorge etwa, für ein neues Auto oder für medizinische Notfälle.
Wir sollen Vertrauen haben, rät uns unsere Bundeskanzlerin. Die Regierung werde unsere Ersparnisse retten, wenn unsere Bank Pleite gehen sollte. Ich habe das gerne gehört, muss ich gestehen, obwohl ich doch weiß, dass Angela Merkel ihr Versprechen - wenn es zum äußersten kommt - nicht halten kann.
Ich vertraue gerne, weil ich den Tsunami der Gier und seine Folgen als eine willkommene Wachstumschance begreife - nicht für die Wirtschaft natürlich, sondern für unsere innere Entwicklung. Wenn man die Sache so sieht, kann man durchaus dankbar dafür sein, was die Banker in ihrer Gier angerichtet haben. Obwohl sie sich gegenseitig nicht die Bohne Vertrauen schenken, geben sie uns, den Sparern weltweit, die Gelegenheit, sie mit unserem Vertrauen aus der Scheiße zu ziehen. Wir können nicht wissen, ob am Ende genug Sparer mitmachen. Aber das könnte uns Meditierer/innen schon fast egal sein. Wir wollen uns vor allem darin üben, im Zentrum des Orkans gelassen und entspannt zu bleiben. Dass das globale Finanzsystem unser Vertrauen braucht, mag uns als Ansporn dienen, aber letztlich geht es uns darum, unser Vertrauen unter extremen Bedingungen zu testen.
So ist es gut, wenn wir ein paar Schritte zurücktreten und uns das Spektakel an den Finanzmärkten aus der Distanz ansehen. Dabei ist vor allem auch Selbstbeobachtung angesagt: wie reagiere ich auf die schrille Katastrophenberichterstattung der Medien? Macht sie mir Angst vor der Zukunft? Wecken mich Alpträume in der Nacht? Fürchte ich mich davor, meinen Job und mein Geld zu verlieren? Zerbreche ich mir den Kopf darüber, wie ich meine Ersparnisse retten kann? Sehe ich mich schon als Obdachlose(r) mit dem Aldi-Karren unter der Brücke? Mache ich mir Gedanken darüber, ob ich in den Blumenbeeten meines Gartens lieber Kartoffeln und Zwiebeln anpflanzen sollte?
Vielleicht entdecken wir bei unserer Selbstbeobachtung, dass es höchste Zeit ist, unsere Gedanken aus der ungewissen Zukunft abzuziehen und uns lieber im Hier und Jetzt einzurichten. Das wäre der Schritt von der Angst zum Vertrauen, vom Tiefschlaf zur wachen Bewusstheit.
Im Hier und Jetzt geht es immer darum, mit der augenblicklichen Situation bewusst umzugehen. Also keine Apathie und kein Fatalismus. Wir lassen uns nicht einfach von den Ereignissen überrollen. Wir antworten auf die Herausforderung des Augenblicks immer wieder spontan und angstfrei. Jede Situation ermuntert uns, lebendig und kreativ zu experimentieren und zu handeln.
Vielleicht wird uns bei unserer Selbstbeobachtung auch klar, welchen Anteil wir selber zur Krise beigetragen haben. Sind wir frei von Gier? Haben wir die Kraft aufgebracht, uns dem Sog unserer Konsumgesellschaft zu entziehen? Kaufen wir mehr, als wir gebrauchen können? Sind wir in unser Auto verliebt? Leben wir vielleicht sogar über unsere Verhältnisse? Können wir verzichten? Üben wir uns in der Kunst der Bescheidenheit?
Solche Ausflüge in das Reich unserer Gewohnheiten und Ansichten führen uns vielleicht auch zu der Erkenntnis, dass es wenig Sinn macht, die Schuld an der Finanzkrise allein den Spekulanten zuzuschieben. Die gäbe es doch gar nicht, wenn die Gier nach immer mehr und immer besser nicht der Antrieb für unser Wirtschaftssystem wäre. Es ist fast unmöglich, sich dem Konsumterror in den Industriegesellschaften zu entziehen. Immer mehr Menschen verlieren den Kontakt zur Realität und zu sich selbst. „Ich konsumiere, also bin ich“ lautet das Mantra von Millionen, die sich daran gewöhnt haben, mehr Geld auszugeben, als sie verdienen.
Damit sind die Amerikaner anderen Nationen weit voraus. Seit Jahrzehnten verbrauchen sie mehr, als sie produzieren. Ihre Spar-Rate liegt nicht bei Null - sie liegt sogar im Minus. Die Amerikaner finanzieren ihren Konsum mit der Kreditkarte, und die Vereinigten Staaten sind das größte Schuldnerland der Welt. Besonders ihren Feinden schulden sie gigantische Summen: den Ölscheichs am Persischen Golf, die den islamischen Terrorismus finanzieren, und den Chinesen, die ihnen Angst machen.
Wir können nicht wissen, wie sich das globale Finanz-Chaos weiter entwickelt und wie es unsere materielle Lebenssituation beeinflusst. Vielleicht geht alles noch mal gut, während die Spekulanten an ihren goldenen (Abfindungs-)Fallschirmen baumeln und sanft im Reich der Illusionen landen - bereit für die nächste Runde auf dem Spekulationskarrussel. Vielleicht gibt es aber auch den totalen globalen Crash. Was immer geschehen mag - wir wollen es begrüßen als eine Herausforderung, wach, munter und bewusst zu sein.
Mein Rat im Hier und Jetzt: Anschnallen und relaxen!