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Can we wirklich?

Obama siegte mit der Parole „Yes, we can!“ Aber ohne einen Bewusstseinswandel geht nichts.

Es war Mitte der 70er-Jahre, als ich in einem Mietwagen in Carlin/Nevada ankam, einem Kaff mitten im Nichts. „Carlin ist dort, wo der Zug anhält und der Goldrausch beginnt“ – so wurde die Bedeutung des 1000-Einwohner-Ortes vor 150 Jahren beschrieben. Der Goldrausch ist längst vorbei, aber die Eisenbahn hält dort immer noch. Ich war hier auf der Suche nach einem Mann, der auf den Zügen als Bremser arbeitete.
Der Bremser, den ich suchte, war kein einfacher Bremser. Er nannte sich „Rolling Thunder“ (Rollender Donner) und war Medizinmann aus dem Stamme der Cherokee. Damals machten Schamanen auf den Esoterikmärkten noch keine Furore. Und so kam es, dass ein Rolling Thunder nicht zu Workshops und Vorträgen um den Globus jettete, um seine guten Vibrationen mit gestressten Zivilisationsmenschen zu teilen. Er schob Dienst bei der Bahn und war zu jener Zeit lediglich ein Geheimtipp unter amerikanischen Hippies.

Rolling Thunder
In Carlin, so hatten mir Hippies in San Franzisko verraten, habe Rolling Thunder einen Aschram gegründet, in dem Weiße und Indianer in einer spirituellen Gemeinschaft zusammenlebten. Als ich dort ankam, wurde ich freundlich begrüßt. Die Schüler des Medizinmanns – durchweg junge, offene und begeisterungsfähige Leute – lebten spartanisch in indianischen Zelten. Als ich nach Rolling Thunder fragte, leuchteten ihre Augen. Sie waren schwer beeindruckt davon, dass ein deutscher Reporter so weit gereist war, um ihren Guru kennenzulernen.
Rolling Thunder werde in einer Stunde kommen, sagten sie. Als nach zwei Stunden noch nichts von ihm zu sehen war, fuhr ich zu einem Kentucky Fried Chicken Lokal, dem einzigen Restaurant in Carlin. Eine Stunde später war ich wieder im Aschram – keine Spur von Rolling Thunder. Ich verplauderte eine weitere Stunde mit seinen Schülern und fuhr dann zurück zum Fast Food Restaurant.
Da saß ich und erinnerte mich daran, dass Zen-Meister den Leuten, die ihnen begegnen wollen, erst mal Knüppel zwischen die Beine werfen. Ein Motivationstest. Also fasste ich mich in Geduld.
Und so vergingen noch ein paar Stunden. Plötzlich trat ein Mädchen an meinen Tisch und sagte: „Rolling Thunder lässt ausrichten, dass du kommen kannst!“

Als ich im Aschram ankam, hieß es, Rolling Thunder sei noch gar nicht in Carlin. Inzwischen war es dunkel geworden, und meine Geduld war am Ende. Ich verabschiedete mich von Rolling Thunders netten Anhängern. Als ich im Auto saß und den Motor startete, klopfte ein hochgewachsener Mann mit wehenden Haaren und unglaublich intensiven Augen an das Autofenster. Ich rollte die Scheibe herunter, und er sagte: „Willkommen. Steig aus und komm mit!“
So begann meine Begegnung mit dem Schamanen, den ich damals für den „Stern“ interviewte. Später am Abend lud er mich zu einem rituellen Indianerfest ein. Unter dem Sternenhimmel wurde ein Lagerfeuer entzündet. Trommelwirbel, traditionelle Tänze und Gesänge. Rolling Thunder saß in einem zerschlissenen Ledersessel und starrte in die Flamme. Hin und wieder stand er auf, trat ans Feuer und hielt eine kleine Rede. Eine davon ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben.

Die drei größten Kraftzentren
In den Vereinigten Staaten von Amerika, sagte der Schamane, befänden sich die drei größten Kraftzentren des Planeten: das Pentagon (das Zentrum der amerikanischen Kriegsmaschine), Hollywood (die Filmstadt mit globaler kultureller Ausstrahlung) und die Wall Street (das Welt-Finanzzentrum). Was immer in Amerika geschähe, meinte Rolling Thunder, habe unmittelbare Auswirkungen auf die ganze Welt. Dann hob er seine rechte Hand, spreizte ihre fünf Finger und rief: „Wenn es gelingt, das amerikanische Bewusstsein um nur fünf Grad in die positive Richtung zu lenken, kann der Planet gerettet werden.“
An diese Szene musste ich denken, als ich 33 Jahre später morgens um halb sechs vor dem Fernseher saß und sah, wie Barack Obama mit seiner Frau Michelle und ihren beiden Töchtern auf die festlich geschmückte Bühne im Grant Park von Chicago trat und sich mit erhobenen Armen Hunderttausenden von Menschen als ihr soeben gewählter nächster Präsident vorstellte.

War das die Wende?
Die Masse explodierte in einem Taumel der Begeisterung. Ich sah, wie sich Menschen in die Arme fielen und hemmungslos weinten, ich sah junge Paare, die sich tief in die Augen schauten und in einem zeitlosen Kuss versanken, ich sah das tränenüberströmte Gesicht des schwarzen Bürgerrechtlers Jesse Jackson, ich sah, wie Oprah Winfrey, eingekeilt von jubelnden Menschen, in regloser Ekstase verharrte und Barack Obama mit ihrem Blick verschlang. Und plötzlich entdeckte ich, dass auch mir die Tränen in die Augen traten.
War das die Wende? War es die Bewusstseinsbewegung ins Positive, von der der Schamane in Carlin gesprochen hatte?
Wie gerne hätte ich es geglaubt! Aber was Millionen von Menschen in der ganzen Welt am 5. November auf den Fernsehbildschirmen sahen, war erst mal nur ein wunderbar inszeniertes Theaterstück mit dem Titel „Yes, we can!“ Das Beste an diesem Stück ist natürlich ihr Held Barack Obama. Der Hoffnungsträger, die Lichtgestalt. Seinen unglaublichen Erfolg verdankt er vor allem der Tatsache, dass die meisten Amerikaner (und mit ihnen Hunderte von Millionen Menschen auf aller Welt) in diesem lässigen, eleganten und blitzgescheiten Afro-Amerikaner das verwirklicht sehen, was ihnen selber häufig abgeht: Ehrlichkeit, Offenheit, Urteilskraft, Disziplin, Mut und Durchsetzungsvermögen.

Oder eher ein Wunschtraum?
Barack Obamas Wahlsieg ist nicht die Wende. Er ist eher die Verwirklichung eines Wunschtraums, der in den schlaflosen Nächten der Not und der Angst geboren wurde. Die Mehrheit der Wähler traut Obama zu, dass er sie vor Arbeitslosigkeit, Elend und Not bewahren kann.
Bei aller Begeisterung sollten wir nicht vergessen, dass es der Zusammenbruch des Investmentbank-Riesen Lehman Brothers war, der Obama im Wahlkampf nach vorne brachte. Erst als die gigantische Pleite die Krise auf den internationalen Finanzmärkten in eine Katastrophe verwandelt hatte und die Höllenfahrt in die globale Rezession begann, zog Obama bei den Umfragen an seinem Rivalen McCaine vorbei.

Bewusstseinswandel – wäre schön
Yes, we can? Das muss sich nun erst noch erweisen. Obama hat viel erreicht. Er hat Millionen von jungen Menschen begeistert und politisch motiviert. Er hat einen brillanten Wahlkampf geführt. Er hat schon jetzt eine neue politische Ästhetik geschaffen. Er hat vor allem in einem mörderischen Rennen um die Macht ein unglaubliches Durchhaltevermögen und Nervenstärke gezeigt. Aber mit Bewusstseinswandel hat das alles nichts zu tun. Das Ungleichgewicht zwischen Geld und Geist besteht weiter. Die Kräfte der Beharrung und der Unbewusstheit werden sich aus den drei amerikanischen Kraftzentren nicht kampflos zurückziehen. An der Wall Street, im Pentagon und in Hollywood wird es auch unter Obama erst mal so weitergehen wie bisher – business as usual.
Mit Nationen ist es nicht anders als mit dem einzelnen Menschen. Bewusstseinswandel ereignet sich nicht im Paradies, sondern im Tal der Tränen. Die Amerikaner sind auf dem Weg dorthin. Obama kann das nicht verhindern. Aber er kann der ganzen Welt zeigen, wie man die Menschen auf dem Weg durch das Tal der Tränen hindurchführen und dabei ihre positiven Stärken wecken kann – ihre Opferbereitschaft, ihr Mitgefühl, ihre Bescheidenheit, ihre Ehrlichkeit. Das traue ich ihm zu.


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