Endlich ist small beautiful
Die weltweite Rezession als Schocktherapie für Autofetischisten
Wir fuhren im Frühjahr 1952 in einem funkelnagelneuen Opel „Kapitän“ los. Der Wagen mit dem bulligen Sechszylinder-Motor war von den Opel-Werken fit gemacht worden: verstärkte Federung, ein 50-Liter-Zusatztank anstelle der Rücksitze, spezieller Luftfilter für Wüstenfahrten. Das Ziel war Indien. Damals war der Landweg nach Indien noch kein ausgelatschter Hippie-Pfad. Hinter Belgrad hörten die Asphaltstraßen praktisch auf. Opel wollte mit unserer Expedition Werbung machen. So kriegten wir das Auto umsonst.
Kaugummi als Reparaturpflaster
Mitten in der südpersischen Salzwüste, wo wir mit Kompass fahren mussten, weil es überhaupt keine Straßen mehr gab, entdeckten wir, dass wir Öl verloren. Ein Stein hatte die Ölwanne durchschlagen! An Weiterfahren war nicht zu denken. Weit und breit kein Mensch. Wir kochten Tee auf einem Petroleumkocher. Schweigen. Warten. Nach ein paar bangen Stunden tauchte am Horizont ein LKW auf. Wir wedelten mit einem Bettlaken. Der LKW änderte seinen Kurs. Zehn Minuten später war er da. Ein kleiner bärtiger Fahrer stieg aus, kaute auf einem Kaugummi und reichte uns wortlos grinsend die Hand. Ibrahim hieß er. Wir krochen mit ihm unter den Wagen und zeigten ihm das Loch in der Ölwanne. Er holte sein Kaugummi aus dem Mund und klebte es auf das Loch. Fertig! Ein Trinkgeld lehnte er ab. Noch 350 km bis Isfahan? Kein Problem.
Warum ich das alles erzähle? Weil es in diesen Tagen bei Opel und seinem amerikanischen Mutterkonzern General Motors (GM) ums nackte Überleben geht und ich den Herren in Detroit und Rüsselsheim so einen genialen Problemlöser wünschte wie Ibrahim, der uns mit seinem Kaugummi aus der Not gerettet hat.
Vielleicht liegt es an der abenteuerlichen Indienreise vor 56 Jahren, dass ich bis heute ein eher biederes Verhältnis zum Auto habe. Für mich ist ein Auto eben nur ein Auto und sonst nichts – ein Fahrzeug, das mich zuverlässig von A nach B bringt.
Manchmal wundere ich mich darüber, denn ich wuchs im Zeitalter des Autofetischismus auf. Mit der „Tin Lizzy“ fing der Wahnsinn an. Das erste 1908 von Henry Ford in Serie gebaute Auto eroberte sofort die Herzen von Millionen. Plötzlich gab es ein relativ erschwingliches Vehikel, das mit dir losknatterte. Was für eine Freiheit! Und was für ein wunderbares Spielzeug!
Blechströme ohne Ende
Ende der 50er-Jahre – ich war zum ersten Mal in den USA – erlebte ich an einem Sonntagnachmittag, wie Zehntausende, wahrscheinlich sogar Hunderttausende, ihre Autos bei Los Angeles auf den Freeway 101 steuerten. Es gab keine Mega-Veranstaltung, die sie anlockte. Sie wollten nur spazieren fahren. Stundenlang fuhren sie hintereinander und nebeneinander her. Zwei Blechströme ohne Lücken und ohne Ende. Der eine von Nord nach Süd, der andere von Süd nach Nord. Und weil alle mit der gleichen gemächlichen Geschwindigkeit fuhren, konnte man unterwegs mit seinen Nachbarn kommunizieren, die Stunde um Stunde die gleichen waren. Das Pärchen zur Linken rief uns zu, dass es bald heiraten wollte. Die Oma mit den blau gefärbten Haaren zur Rechten jubelte: „It’s soo much fun!“
Zweckfreie Bewegung als Lifestyle – der Weg war das Ziel.
Bis heute ist das Auto das schönste Spielzeug der Welt. Nicht nur das: Es ist auch ein Aphrodisiakum, eine Aufreißerrakete für Schürzenjäger, eine Liebeslaube, in der Millionen von Kindern gezeugt werden, eine Potenzattrappe für sexuelle Dünnbrettbohrer, ein Kunstwerk aus Blech, Lack und Chrom, ein Traumobjekt in fast allen Hollywoodfilmen und last but not least das wichtigste Statussymbol der Konsumgesellschaft. „Zeige mir, was für ein Auto du fährst, und ich sage dir, wer du bist!“ Das galt damals und es gilt bis heute.
Autofetischismus ad absurdum
So fand ich es in den 60er-Jahren ganz plausibel, dass meine damaligen journalistischen Vorbilder – Henri Nannen, Chefredakteur des „Stern“, und Rudolph Augstein, Chefredakteur des „Spiegel“ – Cadillac „Eldorado“ fuhren. Cabrio natürlich. Rote Ledersitze. Beigefarben wie Vanille-Eis, sechs Meter lang, steil nach oben gezogene Heckflossen und eine Motorhaube, so groß wie eine Tischtennisplatte. Aus heutiger Sicht war das Flaggschiff von General Motors das absurdeste Auto, das je gebaut wurde. Aber damals signalisierte der Eldorado Dynamik, Modernität, Optimismus, Lebensfreude und grenzenloses Selbstbewusstsein. Der Liter Benzin kostete zwanzig Pfennig. Umweltschutz? Klimakatastrophe? Nie was von gehört.
In den 80er-Jahren hat Osho in Amerika versucht, den Auto-Fetischismus ad absurdum zu führen. 92 Rolls Royces wurden angeschafft. Er fuhr damit ein paar Kilometer herum – jeden Tag mit einem anderen. Mit dieser Eulenspiegelei, die weltweites Aufsehen erregte, wollte er den Autonarren einen Spiegel vor die Nase halten. Jeder hätte gerne einen Rolls Royce gehabt! Aber anstatt in den Spiegel zu schauen und sich als Autofetischisten zu erkennen, regten sich die meisten Leute über den „Rolls Royce Guru“ auf – allen voran die Besitzer von Autos der Marken Rolls Royce, Mercedes und BMW. Die Botschaft des indischen Weisen verpuffte.
Künftige Geschichtsschreiber werden unsere Epoche das „Zeitalter des Automobils“ nennen und feststellen, dass die Menschen für das Auto einfach noch nicht reif waren. Wir haben es nicht geschafft, mit dem Auto erwachsen und verantwortungsbewusst umzugehen. So kam, was kommen musste: Das Auto, einst Symbol für individuelle Mobilität und Freiheit, verwandelte sich in ein Monster.
Das Rennen ums Öl
Als es zum Massenverkehrsmittel mutierte, begann das Rennen um die Erdölvorkommen auf dem Planeten. In ölreichen Ländern fegten Gier und Gewalt Regierungen weg, die sich dem Diktat der Ölkonzerne nicht unterwerfen wollten. An ihrer Stelle wurden korrupte Machthaber inthronisiert, die ihre Beute auf Nummernkonten in der Schweiz verschieben. Fast überall, wo nach Öl gebohrt wird, herrschen Korruption, Gewalt, Ausbeutung und Armut.
Lange bevor auf den globalen Finanzmärkten der Wahnsinn ausbrach und eine verblödete Raffgier jegliche Vernunft, Ehrlichkeit und Anstand unter sich begrub, hatte das Geschäft mit der Motorisierung die Kultur des Raubtierkapitalismus hervorgebracht, den blinden Drang zum schnellen Geld.
Schon in den 80er-Jahren war offensichtlich, dass die Autos mit ihrem CO2-Ausstoß eine tödliche Gefahr für die Umwelt sind. Angesichts dieser Situation hätten die Manager der Autoindustrie alle Ressourcen für die Entwicklung von abgasfreien Autos mobilisieren müssen. Stattdessen schütteten sie das Geld, das für die Finanzierung der notwendigen technologischen Revolution gebraucht wurde, als Dividende an die Aktionäre aus und belohnten sich selbst mit fantastischen Gehältern und Sondervergütungen.
Vor allem die amerikanischen Manager steckten den Kopf in den Sand, während sie sich die Taschen füllten. Jetzt stehen ihre Konzerne vor der Pleite und sie müssen mit dem Hut in der Hand in Washington um rettende Milliarden aus der Steuerkasse bitten. Die Japaner entwickelten wenigstens den sparsamen Hybridantrieb. Die deutschen Automanager setzten auf Dieselmotoren, aber sie mussten vom Staat gezwungen werden, ihre Autos serienmäßig mit Katalysatoren auszustatten.
Vor diesem Hintergrund wirken der Zusammenbruch des globalen Finanzsystems, die hohen Benzinpreise und die weltweite Rezession wie eine segensreiche Schocktherapie. Millionen von Menschen in aller Welt wachen auf und wissen, dass es so, wie es war, nicht weitergehen kann. Wahrscheinlich werden sie es sich nicht mehr gefallen lassen, dass die Banker mit ihrem Spargeld Roulette spielen. Möglicherweise werden sie auch einsehen, dass Konsum auf Pump zu riskant ist und sich letztlich nicht lohnt. Und endlich gibt es auch Anzeichen dafür, dass sich (wenigstens in den Industrieländern) die Einstellung zum Auto zu ändern beginnt.
Klein, schnell und umweltfreundlich
Noch ist das „Zeitalter des Autos“ nicht vorbei, aber klotzige Spritfresser, die noch vor wenigen Monaten wie Ikonen angebetet wurden, sind out. Wir warten alle sehnlichst auf das Serienauto mit Brennstoffzellen-Antrieb, das keinen Dreck aus dem Auspuff bläst, sondern schönes, warmes Wasser. Der neue Trend heißt „Small is Beautiful!“ Irgendwann wird es sich sogar bei unserer politischen Prominenz herumsprechen, die immer noch Mercedes und BMW fährt, so als wäre nichts passiert in der Welt.
Als kritischer Optimist wage ich die Prophezeiung, dass Angela Merkel und SPD-Chef Frank-Walter Steinmeier im nächsten Jahr, wenn der Wahlkampf auf Touren kommt, auf VW Golf umsteigen werden. Und wenn wir Glück haben, wird es vielleicht sogar ein Auto der Zukunft sein – klein, leicht, schnell, komfortabel und total umweltfreundlich.
Vielleicht gäbe es dieses Auto längst, wenn die Autobosse den gesunden und praktischen Verstand von Ibrahim hätten, der uns in der persischen Salzwüste mit seinem Kaugummi aus der Patsche half.