Alles für die Katz
Der Mensch ist eine Katastrophe für den Planeten – lasst uns die Katzen stark machen
In unserem Dorf gibt es viele Katzen. Auch wir haben zwei - Leonardo und Lilly. Die meisten Katzen haben keine Adoptiveltern. Sie laufen frei in der Gegend herum. Hungern müssen sie nicht, denn es gibt genug Mäuse auf den Feldern, und außerdem gibt es einige Futterstellen, wo tierliebende Dorfbewohner Trockenfutter und Trinkwasser bereithalten. An einer solchen Futterstelle haben wir Leonardo kennengelernt, einen kleinen getigerten Kater. Er fiel uns auf, weil er sich am Futternapf frech durchsetzte und so manche große Katze in die Flucht schlug.
„Der hat Pepp“, sagte Gitama und entschied: „Den wollen wir haben!“ Also zog er bei uns ein. Wir tauften ihn auf den Namen Leonardo da Winzig, weil er doch so klein war. Leonardo fühlte sich sofort wohl bei uns und belegte gleich schon mal die kleine rote Couch, die wir im Esszimmer aufgestellt haben. Dort hatte ich zum morgendlichen Tee immer meine Zeitung gelesen. Damit war es jetzt vorbei. Wir mussten eine schützende Decke über der Couch ausbreiten, weil Leonardo ordentlich Dreck machte. Als Sitzgelegenheit hat die Couch ausgedient. Dafür finde ich sie als Katzenthron sehr schick und repräsentativ. Ich kann ja auch auf einem Stuhl am Tisch sitzen, wenn ich meinen Morgentee trinke und die Zeitung lese.
Yin und Yang aus dem Tierreich
Ein halbes Jahr lang hatten wir keine Katze gehabt. Diese Zeit brauchten wir, um den plötzlichen Tod von Kali psychisch zu verarbeiten. Während im Haus Trauer herrschte, konnten wir uns unmöglich auf eine neue Katze einstellen. Kali – kohlrabenschwarz und mit gelben Augen – war zusammen mit Devi zu uns gekommen. Devi hatte ein schneeweißes Fell und wenn sie mit Kali eng umschlungen auf dem Teppich lag, sahen die beiden Katzen aus wie ein lebendiges Yin-Yang-Symbol.
Eines Tages war Bauer Jochen vor unserer Haustür aufgetaucht und hatte uns einen Katzenkäfig vor die Nase gehalten. „Wollt ihr die haben?“, fragte er ohne Umschweife. Wir wussten gar nicht, wovon er sprach. „Was ist denn da drin?“, fragte Gitama und Jochen sagte: „Zwei Katzen. Ihr wolltet doch welche haben, oder?“ – „Das ist richtig“, sagte ich. „Aber nicht gerade jetzt. Wir sind nämlich schon mit einem Bein im Auto und kommen erst in zehn Tagen wieder.“ Jochen wandte sich zum Gehen – „dann bringe ich sie eben ins Tierheim.“ – „Moment mal!“, rief Gitama, „lass doch mal gucken!“ Jochen machte den Katzenkäfig auf. Gitama guckte – und jubelte: „Oooh! Guck mal, Satyananda!“
Was sollte ich sagen? Wenn es um Katzen geht, haben die Frauen unanfechtbares Hoheitsrecht im Hause. Die beiden Katzen zogen bei uns ein. Wir nannten sie Kali und Devi und ich raste mit dem Auto nach Klütz, um wenigstens das Nötigste einzukaufen: zwei Körbchen, zwei Kissen, zwei Trinknäpfchen, zwei Fressnäpfchen, Katzenfutter vom Feinsten sowie ein Katzenklo mit einem Sack Streu. Nachdem wir eine Babysitterin besorgt hatten, konnten wir mit zweistündiger Verspätung unsere Reise antreten.
Devi wurde drei Jahre später vor unserem Haus von einem Auto überfahren und Kali mussten wir einschläfern lassen, als sie an einer rätselhaften Vergiftung erkrankte. Das war vor zwei Jahren. Als wir Kali beerdigten, legten wir ihr einen Kristall zwischen die Pfoten. Sie war eine spirituelle Katze. Wenn Gitama und ich meditierten, hatte sie sich gern zu uns gesetzt und mitgemacht. Wahrscheinlich ist sie schon als Indigokind wiedergeboren worden und wird irgendwo im Kinderwagen durch die Gegend geschoben.
Natürliche Prioritäten
Katzen sind das Gesprächsthema Nummer eins im Dorf – jedenfalls bei den kinderlosen Paaren, die sich hier nach der Wende angesiedelt haben. Wir treffen uns jeden Montagabend um acht zum Meditieren. Nach der Meditation gibt es Tee und Katzengespräche. Alle haben Katzen und alle sind unheimlich scharf darauf, das Neueste über ihre lieben Kleinen auszutauschen.
Wenn man uns zuhört, könnte man meinen, es gäbe gar keine globale Finanzkrise, keine Abwrackprämie, keine Ulla Schmidt mit ihrer Dienstwagenaffäre und andere weltbewegenden Ereignisse. Wir finden das alles unwichtig. Wir sprechen über Katzen. Vor einem Jahr war die Geschichte mit Leonardo da Winzig der große Renner. Unser kleiner Kater entpuppte sich nämlich eines Tages als Katze und bevor wir uns von der Überraschung erholt hatten, war Leonardo auch schon schwanger.
Und dann hatten wir plötzlich vier Katzen im Haus. Überflüssig zu sagen, dass alle Katzenfreunde im Dorf zu Besuch kamen, um die Kleinen zu bewundern – den Kater Maxi, die kleine Luna und unsere Lilly. Sie tobten durchs Haus, purzelten durcheinander, verkrochen sich, jagten sich – kurzum, sie taten das, was alle Katzenliebhaber vor Begeisterung dahinschmelzen lässt wie Schokolade in der Sonne. Leider mussten wir einsehen, dass unsere Katzen-Babysitterin mit vier Katzen überfordert ist, also gaben wir Maxi und Luna in die Obhut netter Menschen.
Ich habe den Eindruck, dass das Katzenthema bei uns mit jedem Tag wichtiger wird. Welches Futter für die Kleinen wohl am besten ist? Wir sind jetzt bei einem Spezialfutter vom Tierarzt für kastrierte weibliche Jungkatzen, das die Funktion der sensiblen Katzenblase unterstützt.
Kampfkatzen
Besonders besorgt sind Niket und Sambodhi, unsere Nachbarn von gegenüber, mit ihrer kleinen schwarzen Lucy. Sie sind die einzigen, die Lucy für ein sanftmütiges Schnurrkätzchen halten. Im Dorf ist Lucy eher als Kampfkatze bekannt, die alle anderen Katzen in Panik versetzt. Wenn Lucy eine Zecke im Fell hat, herrscht bei Niket und Sambodhi Alarmstufe eins. Dann ruft Niket bei Gitama an: „Lucy hat eine Zecke!! Könntest du mal rasch kommen, bitte?“ Und dann geht Gitama rüber. Auch die Tierärztin ist Stammgast bei Niket und Sambodhi: Es müssen Wunden versorgt, Tabletten geschluckt und Impfungen gemacht werden. Lucy kann nämlich nicht im Auto transportiert werden, weil sie zu sensibel fürs Autofahren ist.
Nicht, dass Gitama und ich keine Katzenprobleme hätten! So sind wir zum Beispiel besorgt darüber, dass Leonardo (wir haben den Namen nach der Geschlechtsumwandlung einfach beibehalten), dass also Leonardo mit ihrer Tochter Lilly überhaupt nichts mehr am Hut hat. Lilly will ständig bei ihr andocken, aber Leonardo faucht sie an. No Love!
Immer häufiger wird es Leonardo zu viel und dann verschwindet sie einfach, und Gitama kann nicht einschlafen, wenn die Prinzessin sich irgendwo in der Nacht herumtreibt. Irgendwann ist Leonardo plötzlich wieder da, frisst ihren Napf leer, den wir ihr begeistert füllen, faucht ihre Tochter an und verschwindet wieder. Und wir kehren zu unserer Krisenanalyse zurück. Was ist los? Warum hasst sie ihre Tochter? Nach der Montagsmeditation wird das Problem mit der gebotenen Tiefe und Ernsthaftigkeit auch im größeren Kreis diskutiert.
Vorreiter eines neuen Bewusstseins?
Inzwischen versuche ich, die positiven Seiten unserer Katzenbeziehungen zu sehen. Es gibt ja noch Frauen, die lieber Kinder haben als Katzen. Aber die werden immer weniger. Neueste Umfragen haben ergeben, dass in Deutschland immer weniger Frauen immer weniger Kinder gebären. Manche Leute finden das alarmierend. Aber vielleicht ist es gar nicht so schlimm. Seit meiner Geburt hat sich die Weltbevölkerung verdoppelt, das muss man sich mal vorstellen! Müssen wir Schuldgefühle haben, weil wir uns an der Bevölkerungsexplosion nicht beteiligen? Oder können wir eher stolz darauf sein, wenn wir auf Kinder verzichten und uns lieber den Tieren zuwenden?
Die Vorherrschaft des Menschen ist eine Katastrophe für den Planeten. Wir machen lieber die Katzen stark! Vielleicht sind wir Katzenliebhaber Vorreiter einer Bewusstseinsentwicklung, die den Menschen mit der Natur und mit allem, was auf diesem Planeten kreucht und fleucht, versöhnt! Katzen sind gute Lehrmeister. Sie verlangen von uns Respekt und Liebe ohne Bedingungen. Wenn wir sie ihnen nicht geben, strafen sie uns mit Verachtung. Sie zertrümmern unser Ego, indem sie uns demütig machen. Ein Hund braucht einen Herrn, eine Katze hält sich Personal. So ist es, und Katzenliebhaber müssen sich daran gewöhnen.
Familienstellen mit Katzen!
Übrigens haben Gitama und ich gerade ein neues Thema: Rita, die Adoptivmutter unserer kleinen Luna, ist Ärztin und macht Familienaufstellungen mit Tieren. (Ja, sowas gibt es wirklich!) Gitama hatte ihr von dem gespannten Verhältnis zwischen Leonardo und ihrer Tochter erzählt. „Ja, weißt du“, antwortet Rita, „die Tiere agieren ja oft unsere eigenen Themen aus. Vielleicht hat das was mit der Beziehung zwischen dir und deiner Mutter zu tun?“ – Hm, eine originelle Idee. Sollten wir vielleicht eine Familienaufstellung mit Lilly und Leonardo machen? Die arme Leonardo. Sie leidet ja sicher auch an einer Identitätskrise, weil sie als Frau mit einem Männernamen angesprochen wird. Das muss auf jeden Fall auch noch ausreichend diskutiert werden, oder?