Alles klar auf der Concordia

Aus dem Tagebuch des Kreuzfahrtschiffkapitäns Francesco Schettino

Die Medien haben mich natürlich zur Sau gemacht. Plötzlich war ich der „ehrlose Lügen-Kapitän“. Ich hätte das sinkende Schiff als einer der Ersten verlassen, anstatt – „wie es sich für den Kapitän gehört“ – als Letzter von Bord zu gehen. Diese Idioten haben ja keine Ahnung.  Wir leben doch nicht mehr im 19. Jahrhundert! Oder im Krieg, wo die Kapitäne zum Heldentum verdonnert wurden. Ich habe kein Schlachtschiff gesteuert, sondern einen Vergnügungsdampfer.

Wenn ein Kreuzfahrtschiff sinkt, ist es völlig unmöglich, Tausende von Passagieren und Besatzungsmitgliedern innerhalb von 30 Minuten in Rettungsboote zu verfrachten und in Sicherheit zu bringen. Selbst ein Stunde reicht dafür nicht. Das steht natürlich nicht in den allgemeinen Geschäftsbedingungen, die die Passagiere unterschreiben müssen. Stattdessen verbreiten die Reedereien das Märchen, dass die modernen Kreuzfahrtschiffe praktisch unsinkbar seien. Das ist eine kriminelle Lüge. Mit ihrem geringen Tiefgang und den hohen Aufbauten ist eher das Gegenteil der Fall. Je höher die Aufbauten, desto mehr Stockwerke hat das schwimmende Luxushotel. Und je mehr Passagiere man unterbringen kann, desto rentabler ist das Geschäft. Es geht hier nicht um Sicherheit, sondern schlichtweg um Gewinnmaximierung.

Als ich mich ins Rettungsboot fallen ließ, war ich fest davon überzeugt, dass das Schiff in Minutenschnelle absaufen würde, wie eine kaputte Spielzeugente in der Badewanne. Das kann mir keiner zum Vorwurf machen. Mein Anwalt, Dottore Lorenzo, sieht das auch so. Es gibt keinen Paragraphen im Gesetzbuch, der vorschreibt, dass der Kapitän als Letzter sein sinkendes Schiff verlassen muss.  Das wissen die Bosse von der Costa Reederei natürlich auch. Als sie mich zum Kapitän der „Concordia“ machten, hat mir keiner gesagt, dass ich im Ernstfall zum Selbstmord verpflichtet wäre.

Ich kann den Schock nicht beschreiben, diesen Augenblick, als mir bewusst wurde, dass das Schiff verloren war. Mein erster Gedanke galt Domnica, die ich als blinde Passagierin an Bord geschmuggelt hatte. Ich rannte los, um sie zu suchen. Ich wollte Domnica in Sicherheit bringen, noch bevor ich den Befehl zur Evakuierung des Schiffes gab.

Als ich die Tür zu meiner Kabine – unserem Liebesnest – aufriss, war sie weg. Das schlaue Kind hatte offenbar Lunte gerochen, als das Geschirr in den Bord-Restaurants anfing, von den Tischen zu rutschten. Aber wo war sie? Ich griff zum Handy und wählte ihre Nummer. Dann ihre Stimme: „Hallo, mein süßer Seebär!“ sagte sie mit einer geradezu irrsinnigen Fröhlichkeit. Und ich schrie: „Wo steckst du??“ – „Ich bin schon an Land“, jubelte sie. Mir blieb die Spucke weg. Erst viel später erfuhr ich, dass sie einen netten Matrosen dazu überredet  hatte, sie in einem Beiboot an Land zu rudern bevor der Run auf die Rettungsboote losging. „Ich komme!“ brüllte ich und steckte das Handy ein.

Für einen Augenblick vergaß ich, was um mich herum geschah. Plötzlich war ich umringt von schreienden Passagieren. Einer von meinen Offizieren hatte den Evakuierungsbefehl gegeben. Und dann ging natürlich das Chaos los. Alle drängten zu den Rettungsbooten. Ich wollte nur noch weg und mich in Domnicas Arme werfen.

Als ich das Ufer erreicht hatte, sah ich meine gekenterte „Concordia“ aus einem neuen Blickwinkel. Sie lag da wie ein riesiges Meereswesen, unbeweglich, hilflos, und tödlich verwundet. Ich fühlte mich winzig klein, und als mir bewusst wurde, dass ich es war, der dieses wunderbare 400 Millionen Euro teure Schiff in den Untergang gesteuert hatte, traf mich das wie ein Schlag mit dem Dampfhammer. Von da an hatte ich den totalen Black-out. Stundenlang. An Domnica habe ich überhaupt nicht mehr gedacht.

Jeder in der Branche weiß, dass Kreuzfahrtschiffe mit ihrem geringen Tiefgang und den hohen Aufbauten unsicher sind. Der geringe Tiefgang gibt den Kapitänen die Möglichkeit, auch in relativ flachen Gewässern zu navigieren, besonders in Küstennähe. Die meisten Passagiere langweilt es nämlich, wenn sie ewig nur Wasser bis zum Horizont sehen. Die wollen was erleben. Wenn so ein Koloss wie die „Concordia“ auftaucht – turmhoch und 293 Meter lang – rennen die Einheimischen natürlich zum Ufer und staunen, und halten sich die Ohren zu, wenn das Schiffshorn brüllt. In der Kreuzfahrt-Branche nennt man solche riskanten küstennahen Manöver „Vorbeifahrten“ oder „Verneigungen“.

Ich habe meinen Spaß dabei gehabt, zumal die Costa-Reederei mich immer wieder dazu ermuntert hat. Ehrlich gesagt habe ich gar nicht daran gedacht, NEIN zu sagen, obwohl ich wusste, dass die Sache gefährlich ist. Ich bin halt ein Draufgänger. Deshalb habe ich mitgemacht bei diesem Quatsch. Außerdem wollte ich mich bei meinen Bossen nicht unbeliebt machen. Kapitän eines Kreuzfahrtschiffes vom Kaliber der „Concordia“ ist ein Traumberuf. Wer gibt den schon freiwillig auf?  Jetzt bin ich klüger. Aber es ist zu spät.

Die Bosse der Costa-Reederei haben mich den Medien zum Fraße vorgeworfen. Diese Sauerei werde ich ihnen heimzahlen, wenn es zum Prozess kommt. Auf keinen Fall werde ich mich wie ein Opferlamm abschlachten lassen. Ich werde den Richtern sagen, dass mich die Reederei gedrängt hat, möglichst dicht an der Küste von Giglio entlang zu fahren. Es war das zweite Mal. Beim ersten Mal war ich sogar noch dichter am Ufer. Die Reederei hat es gewusst, aber mich nicht verwarnt. Beim zweiten Mal habe ich den Kurs nur ganz geringfügig verändert. Und dann plötzlich… ich konnte es nicht fassen.

Pater Bertoldi, unser Bordpfarrer, hat später behauptet, ich hätte eine Viertelstunde lang schluchzend in seinen Armen gehangen. Daran kann ich mich nicht erinnern. Ich nehme mal an, dass er mit dieser Behauptung darauf aufmerksam machen wollte, dass auch ich ein Opfer der Katastrophe bin und Mitleid verdiene.

Tatsächlich stimmt das ja auch. Ich fühle mich jedenfalls nicht als Schuldiger. Ich habe nur das gemacht, was von mir verlangt wurde. Meine Hauptaufgabe bestand darin, dafür zu sorgen, dass die Passagiere jede Menge Spaß haben. Ich denke jetzt viel darüber nach. Und frage mich, ob es für mich nicht besser gewesen wäre, Kapitän auf einem Containerschiff zu sein. Je mehr Abstand ich zu diesem ganzen Kreuzfahrt-Business gewinne, desto absurder erscheint es mir. 

Man nennt diese schwimmenden Luxushotels „Traumschiffe“. Im Rückblick kann ich sehen, dass ich selber wie in einem Traum gefangen war. Die Passagiere haben mich angehimmelt, besonders die Frauen. Ich war ihr Liebling. Alle wollten beim Kapitänsdinner an meinem Tisch sitzen. Ich war der Star. Und 2000 Mann Besatzung hörten auf mein Kommando. Es war gut für mein Ego. Für mich nicht.

Ich drehte mit der Concordia meine Runden. Fünf Mittelmeerstädte in einer Woche. Kein Problem! Es geht den Passagieren ja nicht darum, fremde Länder und Menschen kennen zu lernen. Wenn das Schiff in einem Hafen anlegt, wollen sie vor allem knipsen und shoppen. Auf den Kais wartet schon die Bus-Flotte. Man steigt ein. Stadtrundfahrt. Fotos durch das Bus Fenster. Dann endlich shoppen. Nach ein paar Stunden sind Städte wie Marseille oder Barcelona abgehakt. Und es geht weiter mit dem Remmidemmi an Bord. Drei Hauptmahlzeiten am Tag. Dazwischen Obst und Gebäck, Kaffee und Kuchen. Auf den Sonnendecks liegt man Schulter an Schulter in schnurgerade ausgerichteten Liegestühlen und lässt sich von der Sonne braten. Diskotheken. Swimmingpools. Und am Heck ein Platz, wo die Golfspieler den Abschlag üben können – irgendwo zwischen Barcelona und Sizilien.

Heute erst frage ich mich: was sind denn das für Leute, die auf einem Traumschiff durch die Welt fahren, vor allem, um sich mit Prosecco aufzufüllen, den Bauch voll zu schlagen und ein permanentes Entertainment Programm durchzuziehen?

Vielleicht hat mein Anwalt, Dottore Luigi Recht. Neulich sagte er zu mir: „Francesco, die Medien schütten Kübel von Jauche über deinem Kopf aus, aber im Grunde verdienst du einen Orden. Die Concordia ist nämlich eine wunderbare Metapher. Eigentlich hätte die Concordia besser ‚Traumschiff Europa‘ heißen sollen. Wir sind alle Passagiere auf diesem Vergnügungsdampfer. Das Entertainment lenkt uns angenehm ab. Wir brauchen nicht nachzudenken. Wir wollen uns keine Sorgen machen. Wir wollen stressfrei die Weltmeere befahren. Wir wollen etwas von der Welt sehen, aber auf keinen Fall wollen wir dabei unsere Komfortzone verlassen. Wir sind nicht unterwegs, um uns Elendsviertel anzuschauen. Exotische Folklore-Truppen, die für uns an Bord tanzen und singen, sind uns lieber…“

 „Und was dich anbetrifft, mein lieber Francesco“, sagte Dr. Luigi zum Schluss, „so hast du die Illusion, dass die Party ewig so weitergeht und wir nicht untergehen können, gründlich zerstört. Das ist dein Verdienst. Dafür sollten wir dir alle dankbar sein!“


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