Wo Chaos ist gibt es auch Hoffnung

Aus der Eurokrise kann ein lebensbejahendes Geld- und Wirtschaftssystem hervorgehen

So, jetzt haben wir es also das verflixte Jahr 2012, und es wird sich zeigen, ob die Propheten der Mayas richtig lagen, als sie den Weltuntergang voraussagten. Ich bin da eher skeptisch, zumal die Propheten den Untergang ihrer eigenen glanzvollen Hochkultur überhaupt nicht auf dem Schirm hatten. Aber ich muss nicht an die Maya Legende glauben, um mir vorstellen zu können, dass dieses Jahr unter dem Motto in die Geschichte eingehen wird: „The shit hits the fan“. 

Während die Medien rund um die Uhr Katastrophenmeldungen über die Finanzkrise in die Welt trompeten und die Politiker kurzatmiges Krisenmanagement betreiben, kommt es mir so vor, als lebte ich in einem Irrenhaus. Wahnsinn und Verwirrung in Konferenzen und Talkshows – aber der Alltag geht weiter, so als wäre überhaupt nichts los. 

Vielleicht ist bei uns noch keine Panik ausgebrochen, weil die Leute nicht verstehen, worum es eigentlich geht. Schulden? Na klar – die macht doch jeder, warum soll das plötzlich ein Problem sein? Wir hören doch ständig, dass wir zügig konsumieren müssen, damit die Binnennachfrage gestärkt wird. Wenn wir nicht genug kaufen, kracht der Laden zusammen. Also kaufen wir, buchen Flüge für den Sommerurlaub, zahlen unser Auto in Raten ab, und auch den neuen HD Flachbildfernseher und, und, und…

Die Situation erinnert mich an einen Witz: Ein Bundestagsabgeordneter besucht ein Irrenhaus. Der Direktor führt ihn über das Anstaltsgelände. Es ist ein sonniger Tag. Von weitem beobachtet der Abgeordnete, wie Anstaltsinsassen um den Beckenrand herumtoben und kopfüber in den Pool hüpfen. „Da herrscht ja ein munteres Treiben“, begeistert sich der Abgeordnete, und der Anstaltsleiter antwortet ebenso begeistert: „Sie sollten mal erleben, was hier abgeht, wenn Wasser im Becken ist!" 

Ich habe versucht, mich durch einschlägige Lektüre mit der Finanzwirtschaft vertraut zu machen. Aber je mehr ich las, desto undurchsichtiger wurde die Sache. So wundert es mich überhaupt nicht, dass hochrangige Experten oft fundamental gegensätzliche Krisenanalysen vertreten. Wahrscheinlich liegt es daran, dass unsere Geldwirtschaft eine Projektionsfläche ist, die unsere Gier und unsere Ängste spiegelt. Wo solche Kräfte der Unbewusstheit entfesselt werden, hat Vernunft keine Chance. Die Player dieser globalen Wahnsinnsindustrie bewegen sich wie Drahtseilakrobaten in schwindelnder Höhe. Ein schwacher Windhauch, ein absurdes Gerücht, ein Computercrash, das unbedachte Wort eines Politikers bringt sie aus dem Gleichgewicht und verleitet sie zu verheerenden Panik-Reaktionen.

Wir ärgern uns über die gierigen Banker und wild gewordenen Spekulanten, die den Hals nicht voll kriegen können. Dabei sind sie doch Menschen wie du und ich. Sie greifen zu, wenn sie Geld riechen. Wir versuchen, uns mit Lottoglück zu bereichern. Völlig idiotisch. Die Banker gehen etwas professioneller vor und spekulieren auf den Finanzmärkten. Die meisten Menschen hassen sie dafür. Aber für einen Massenaufstand gegen die Manager reicht es noch nicht. 

Der „Spiegel“ kam Anfang Dezember – mitten in der schönsten Weihnachtsshoppingzeit – mit einer Titelgeschichte auf den Markt, die auf dem Cover mit der Frage „Und jetzt?“ einen zertrümmerten Euro vor pechschwarzem Hintergrund zeigte. Resignation pur! Hat der ultimative Crash vielleicht schon begonnen? Auf der „Titanic“ haben die Passagiere ja auch noch stundenlang fröhlich weiter getanzt, bevor sie endlich merkten, dass ihr Schiff unterging. 

„Und jetzt?“ Die Frage ist praktisch eine Bankrotterklärung und ein Warnsignal für diejenigen, die unsere Geldwirtschaft für reformierbar halten. Hier nur drei Gründe, für die Behauptung, dass das System letztlich nicht zu retten ist:

  • Die Finanzindustrie hat sich weitgehend von der sogenannten „Realwirtschaft“ abgekoppelt. Das meiste Geld wird mit Geld verdient, nicht mit der Produktion von Sachwerten und Dienstleistungen. Spekulation ist rentabler als Produktion. Vor dem Crash 2008 gab es Zeiten, in denen der VW-Konzern mit seiner hauseigenen Bank mehr Geld verdiente, als mit der Produktion von Autos. In England und den USA wurde an den Börsen der Wallstreet und der Londoner City das meiste Geld gemacht - auf Kosten der Industrieproduktion – nirgendwo schrumpfte sie mehr als in diesen beiden Ländern. Die moderne Finanzwirtschaft produziert Armut und Verzweiflung, zerstört Arbeitsplätze, zerreißt das soziale Netz, und  macht die Demokratie zur Farce. Das führt zwangsläufig zu einem Ende in Chaos und Gewalt.
  • In der Frühzeit des Kapitalismus haben die Banken nur so viel Geld verliehen, wie sie in Form von Einlagen und Sachwerten besaßen. Heutzutage brauchen die Banken ihre Kredite nur noch mit zwei bis höchstens zehn Prozent Eigenkapital abzusichern. Weil den Bankern das noch zu viel ist, haben sie „Schattenbanken“ gegründet, die sogenannten Investmentbanken. Hier tobt sich die Lust am Risiko aus. Es gibt keine Kontrollen und Auflagen und – kaum zu glauben – das irre Spekulationsgeschäft wird nicht besteuert. Dabei entstand eine regelrechte Geldschwemme. Die Anleger wussten gar nicht, wohin damit. Die Kredite wurden billiger und haben die meisten Staaten dazu verführt, sich gigantisch zu verschulden. Aber Kredite müssen irgendwann zurückgezahlt werden. Wer nicht zahlen kann ist pleite. Die Griechen waren die ersten. Und sie werden nicht die letzten sein.
  • Das Krisenmanagement der Politiker beschränkt sich darauf, die Wirtschaft wieder so aufzustellen, wie sie vor der Krise war. Mit Rettungspaketen für die Pleitestaaten sollen Konjunktur und Wachstum wieder angekurbelt werden. Dabei leben wir doch auf einem Planeten, dessen Rohstoffe nicht unerschöpflich sind. Unaufhörliches Wachstum ist folglich ein Irrglaube.

Was jetzt? Die gute Nachricht ist, dass die Finanzkrise die Mittelklasse erreicht hat. Die Kinder der bürgerlichen Intelligenz haben lange geschlafen und die Krisensignale aus dem Irrenhaus nicht gehört. Sie wollten vor allem Karriere machen – innerhalb des Systems. Jetzt wachen sie langsam auf, und so wächst die Hoffnung auf Veränderung. 

Die Occupy Wallstreet - Bewegung ist ein guter Anfang. Aber Wutbürger-Proteste reichen natürlich nicht, um ein Wirtschafts-und Finanzsystem aus den Angeln zu heben, das seit hundert Jahren von der Gier und der Angst der Menschen lebt. Es gibt nur eine Kraft, die es mit der zerstörerischen Macht des Geldes aufnehmen kann – und das ist die Kraft der Liebe. Der Wiener Wirtschaftswissenschaftler Franz Hörmann, formuliert die Essenz einer neuen Geldwirtschaft mit einem Satz: „Weg von Konkurrenz und Kampf und hin zu Transparenz und Kooperation“. 

Sind wir bereit dazu? Eine neue Geldwirtschaft der Transparenz und Kooperation kann ja der Gesellschaft nicht von oben her verordnet werden. Sie braucht die Menschen, die sie in die Praxis umsetzen. Sind wir bereit dazu, weniger zu kaufen und mehr zu geben? Können wir unsere Angst vor Armut überwinden? Können wir auf den eigenen Vorteil verzichten und mit denen teilen, die am Rand der Gesellschaft leben – den Alten, den chronisch Kranken, den Behinderten, den Immigranten aus armen Ländern? Können wir bescheiden sein und auf Luxus verzichten? 

Und last but not least: sind wir bereit, Verantwortung zu übernehmen und uns einzubringen? Die Geldwirtschaft ist unglaublich kompliziert. Und sie ist keine abstrakte Theorie, sondern ein Prozess, der von uns, den Marktteilnehmern, kreative Teilnahme verlangt. Wir müssen uns damit beschäftigen, wenn der Übergang zu einer neuen Geldwirtschaft gelingen soll. 

Die Diskussion hat schon lange vor der Finanzkrise begonnen. Sie ist von Wissenschaftlern angestoßen worden, die den Crash unserer dysfunktionalen Finanzmärkte erkannt haben. Jeden Tag kommen neue Leute dazu. Sie tauschen sich über das Internet aus. In den Chat-Foren blühen die interessantesten Konzepte (siehe die Link-Vorschläge am Ende des Klartexts). 

Wie soll es weitergehen? Vor den Portalen der Konzernpaläste protestieren die Wutbürger und machen denen Angst, die drinnen an ihren Computern sitzen. Schade eigentlich. Denn wahrscheinlich wird der komplizierte Übergang zu einem neuen und modernen Finanzsystem nur gelingen, wenn Tausende von Bankern ihr Know-how einbringen. Mit anderen Worten: die Protestbewegung muss – friedlich natürlich – von der Straße auf die Banken übergreifen. Das mag utopisch klingen. Aber ich bin überzeugt davon, dass viele Banker der mittleren Führungsebene insgeheim mit denen sympathisieren, die draußen auf der Straße protestieren. Wir sitzen alle im gleichen Boot.

Literatur und Links zum Thema: 

Bernard A. Lietaer: „Das Geld der Zukunft – über die zerstörerische Wirkung unseres Geldsystems und Alternativen hierzu“ – Riemann Verlag – ISBN 3-570-50035-7

Yoshi Frey: „Die gläubigen Schuldner – die spirituellen Gründe des Geldwahns“- Books on Demand GmbH – ISBN 3-8334-3310-8 – Vorwort von Margrit Kennedy 

www.faz.net/aktuell/feuilleton/oligarchie-der-finanz-der-krieg-der-banken-gegen-das-volk-11549829.html

www.youtube.com/results?search_query=Bernard+A.+Lietaer&oq=Bernard+A.+Lietaer&aq=f&aqi=&aql=&gs_sm=s&gs_upl=36506l48072l0l51748l20l20l0l10l0l0l447l1405l4.5.4-1l10l0

www.eco-world.de/scripts/basics/eco-world/service/literatur/basics.prg?a_no=449

www.youtube.com/results?search_query=Margarit+Kennedy&oq=Margarit+Kennedy&aq=f&aqi=&aql=&gs_sm=s&gs_upl=6535l18737l0l23347l16l15l0l8l8l0l195l884l3.4l7l0

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