Yes, we can?
Viel ist nicht daraus geworden
Was für ein wunderschöner Tag das war, dieser 5. November 2008, als Barack Obama mit seiner Frau Michelle und ihren beiden Töchtern auf die festlich geschmückte Bühne im Grant Park von Chicago trat und sich mit erhobenen Armen Hunderttausenden von Menschen als ihr soeben gewählter nächster Präsident vorstellte. Ich saß morgens um sechs mit angehaltenem Atem vor dem Fernseher und war überzeugt davon, dass ich gerade Zeuge eines historischen Ereignisses war.
Die globale Finanzindustrie war im Begriff, auseinander zu brechen. Die Weltwirtschaft befand sich auf einer rasenden Talfahrt. Jeden Monat verloren, allein in Amerika, Hunderttausende ihren Arbeitsplatz. Immer mehr Menschen – am Ende waren es fast zwei Millionen – verloren auch ihre Häuser, weil sie ihre Hypothekenzinsen nicht mehr bezahlen konnten. Überall herrschte Verzweiflung, Angst, Hoffnungslosigkeit. Und dann kam ER – Barack Obama, der Retter, der Hoffnungsträger, die Lichtgestalt .
Besonders die junge Internetgeneration schwärmte für ihn. Obama versprach ihr, aufzuräumen mit der Washingtoner Lobbykratie, in der Interessengruppen durch Bestechung von Abgeordneten und mit teuren Desinformationskampagnen die parlamentarische Demokratie ad absurdum führen.
Auch ich war begeistert von diesem lässigen, blitzgescheiten Afro-Amerikaner, der seinen Wahlkampf mit so viel Fairness, Offenheit und selbstbewusster Bescheidenheit geführt hatte. Mir war klar, dass er als Präsident vor einer ungeheuren Herausforderung stand, aber mit seinem Wahlsieg hatte seine Partei auch die Mehrheit im amerikanischen Abgeordnetenhaus und im Senat gewonnen. Obama hatte also die besten Startbedingungen.
Drei Jahre später ist der Lack ab von der Lichtgestalt. Von „yes we can!“ kann keine Rede mehr sein. Der „mächtigste Mann der Welt“ ist von seinen Gegnern demontiert worden – von den Banken, den Energiekonzernen, der Pharma-Industrie, der Israel-Lobby, der Rüstungsindustrie und last, but not least, von dem rechtsextremen Flügel der Republikanischen Partei, der sogenannten Tea-Party, die ständig an Einfluss gewinnt.
14 Millionen Arbeitslose. Die Wirtschaft am Abgrund. Nach zwei Jahren im Amt hat Barack Obama bei den Zwischenwahlen die Mehrheit im Kongress eingebüßt. Seitdem ist er auf die Unterstützung der Republikaner angewiesen, wenn er Großes vollbringen will. Aber die Republikaner stehen auf der Bremse. Sie haben nur ein Ziel: „Der Schwarze muss raus aus dem Weißen Haus!"
Dahinter verbirgt sich der düstere Schatten des amerikanischen Rassismus. Die Wahl Barack Obamas zum ersten afro-amerikanischen Präsidenten der Vereinigten Staaten wurde als der Sieg über den Rassismus gefeiert. Jetzt zeigt sich, dass die Angst vor dem schwarzen Mann tief in der Seele der weißen Amerikaner verankert ist – jedenfalls derjenigen Amerikaner, die den rechten Flügel der republikanischen Partei beherrschen. Für sie ist ein schwarzer Präsident eine Katastrophe. Sie wollen ihn los sein, koste es was es wolle. Sie haben das Gerücht gestreut, er sei gar nicht in Amerika geboren worden. Deswegen sei seine Wahl zum Präsidenten gesetzeswidrig gewesen.
Umfragen haben gezeigt, dass jeder fünfte Amerikaner den Schwindel glaubt, obwohl er tausendfach widerlegt worden ist. Für sie ist Obama ein Ausländer. Sie haben Angst vor diesem schwarzen Sklaven im Maßanzug. Er passt nicht in ihr Weltbild. Die amerikanische Nation ist so tief gespalten wie noch nie.
Mit seiner Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses hätte Obama Washington aus den Angeln heben können, so wie er es im Wahlkampf versprochen hatte. Daraus ist nichts geworden. Anstatt Washington umzukrempeln, ist Obama von Washington verschluckt worden. Viele meiner Freunde – hier und in Amerika – sind maßlos enttäuscht. Auch ich war es – bis ich die spannende Obama-Biografie von David Remnick gelesen hatte, dem Chefredakteur des Magazins „The New Yorker“. („The Bridge“- Verlag Knopf, 2010). Dieses Buch machte mich mit dem wirklichen Barack Obama bekannt. Der wirkliche Obama ist kein Idealist und erst recht kein Ideologe. Er ist ein Mann des nüchternen Kalküls – kein Revolutionär, sondern Pragmatist.
Er ist zwischen zwei Welten aufgewachsen, als Sohn einer weißen Mutter und eines Schwarzen aus Kenia. Seine Bezugspersonen waren seine weißen Großeltern, bei denen er den größten Teil seiner Kindheit verbrachte. Er wuchs nicht im schwarzen Ghetto auf. Er musste sich in Schulen bewähren und durchsetzen, die fast nur von weißen Kindern besucht wurden. Er musste ein besserer Schüler sein als die anderen, um anerkannt zu werden. Er durfte nicht aus der Rolle fallen, sich keine Feinde machen, er musste sich anpassen, ohne sich aufzugeben.
Das sind die Prägungen, die zunächst seine Karriere als Harvard Professor beflügelten und später seinen politischen Stil formten – vom Lokalpolitiker in Chicago bis zum Präsidenten im Weißen Haus. Barack Obama, der ausgleichende Faktor zwischen den Extremen, der Versöhner der Gegensätze, der taktvolle Manipulator, der geschmeidige Vermittler, der Mann, der zutiefst davon überzeugt ist, dass in allen menschlichen Konflikten am Ende die Vernunft siegt.
Mit dieser charakterlichen Ausstattung war Obama für einen Fehlstart in Washington geradezu prädestiniert. Dabei ist die Bilanz seiner bisherigen Amtszeit gar nicht mal so schlecht. Immerhin ist es ihm – damals, 2009 - gelungen, den Absturz der Wirtschaft in eine tiefe Rezession zu verhindern. Und mit seiner Gesundheitsreform hat er 35 Millionen Menschen die Tür zu einer Krankenversicherung geöffnet - gegen den geballten Widerstand der Pharmaindustrie und anderer mächtiger Interessengruppen.
Von Anfang an aber gab er seinen Anhängern Rätsel auf. So umgab er sich zum Beispiel, als es nach dem Zusammenbruch der Finanzindustrie darum ging, die Wirtschaft vor dem Absturz in eine tiefe Depression zu bewahren, mit Leuten, die durchweg aus der Finanzindustrie kamen und für das Chaos an der Märkten mitverantwortlich waren. Als Berater des Präsidenten sorgten sie nun dafür, dass die Großbanken nicht nur gerettet wurden, sondern einfach so weiter machen durften wie bisher. Warum hörte der Präsident nicht auf den Rat der beiden Nobelpreisträger Paul Krugman und Josef Stiglitz? Sie wollten, dass die Banken für den Schaden, den sie angerichtet hatten, haftbar gemacht werden und sich in Zukunft scharfen Kontrollen unterwerfen.
Was ist stattdessen geschehen? Obama hat die Banken mit vielen Milliarden an Steuergeldern aus dem Sumpf gezogen, damit sie so weiter machen können wie bisher. Das Spielcasino an der Wallstreet ist wieder geöffnet. Kein einziger von den Herren, die mit ihren kriminellen Geschäftsmethoden die Finanzindustrie an die Wand gefahren haben, ist zur Verantwortung gezogen worden. Und dann auch noch dies: Ohne jede Gegenleistung hat Obama die milliardenschweren Steuererleichterungen, die sein Vorgänger George W. Bush den Reichen und den Superreichen gewährt hatte, um drei Jahre verlängert.
Yes we can? Dem Pragmatiker Obama ist offenbar nichts anderes übriggeblieben, als sich den Machtverhältnissen in Washington zu beugen. So hat er gezeigt, was er nicht kann. Zum Beispiel:
- Der berüchtigte Folter-Knast von Guantanamo existiert immer noch.
- In Afghanistan geht der Krieg weiter, obwohl die Mehrheit der Amerikaner den Krieg nicht will. Obama hat seinen Generälen nachgegeben und die Truppen in Afghanistan um 30.000 Mann verstärkt. Der Krieg kostet jeden Tag eine Milliarde Dollar – die Rüstungsindustrie freut sich.
- Obamas Friedensbemühungen im israelisch-palästinensischen Dauerkonflikt sind an der Israel-Lobby kläglich gescheitert. Der Bau israelischer Siedlungen auf palästinensischem Boden – das Haupthindernis auf dem Weg zum Frieden – geht ungebremst weiter, obwohl Obama einen sofortigen Baustopp gefordert hatte.
Unsere Erwartungen an den jungen Präsidenten waren viel zu hoch. Entsprechend groß ist nun die Enttäuschung:
Trotzdem bin ich froh, dass der amerikanische Präsident Barack Obama heißt und nicht George W. Bush. Und wenn ich mir die Leute aus der republikanischen Partei anschaue, die bei der Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr gegen Obama antreten wollen, weiß ich, dass ich meinem Freund Barack die Daumen drücken werde. Er hat es mit der Vernunft versucht und ist gescheitert. Aber jeder andere an seiner Stelle wäre auch gescheitert. Einer seiner Berater sagte kürzlich: „Baracks größter Fehler ist der, dass er mit unvernünftigen Leuten vernünftig reden will.“
So leidet Amerika weiter unter Angst, Hoffnungslosigkeit und Depression. 60 Prozent der Amerikaner glauben, dass Amerika auf dem falschen Weg ist. Damit haben sie Recht. Aber sie glauben auch, dass sie daran nicht schuld sind, dass „Washington“ dafür verantwortlich ist oder die Islamisten, die Umweltschützer, die Sozialhilfeempfänger, die Terroristen und natürlich Barack Obama, der „Sozialist“ (schlimmstes amerikanisches Schimpfwort!) der die Steuern erhöhen will.
Das ist die Lehre, die wir aus Obamas Problemen ziehen können: positive Veränderungen werden nicht von Politikern in Gang gesetzt – seien sie auch noch so charismatisch. Sie können erst stattfinden, wenn eine kritische Masse ein Bewusstseinspotenzial aufgebaut hat, das vernünftige Entscheidungen und aufgeklärtes Handeln auf allen Ebenen möglich macht.
Die kritische Masse – das sind wir. Während die Welt immer schneller zusammenwächst, ist Bewusstseinswandel ein Phänomen mit globaler Ausstrahlung. Jedes Individuum, das sich positiv verändert, stärkt die Energie des Wandels in der ganzen Welt. Das ist die gute Nachricht.