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			<title>Die Zaubermaus</title>
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			<content:encoded><![CDATA[„Die Wissenschaft baut eine bessere Maus“ überschrieb die »Washington Post« kürzlich einen sensationellen Artikel. Wissenschaftlern der Emory-Universität in Atlanta (USA) war es durch die Transplantation eines Gens mit dem unaussprechlichen Namen „Vasopressin Receptor“ gelungen, untreue und ganz und gar gleichgültige Mäusemänner in liebevolle und pflichtbewusste Ehemänner zu verwandeln. 
Wie bei den Menschen gibt es auch bei den Mäusen solche und solche. Da sind die Schürzenjäger und Luftikusse, die keinen Bock auf Vaterpflichten und Familienleben haben, und da sind andererseits die kuscheligen Typen, die gerne in festen Beziehungen leben – z.B. die Präriewühlmaus. Sie zeichnet sich aus durch zärtlichen Umgang mit dem anderen Geschlecht und durch Zuverlässigkeit bei der Aufzucht des Nachwuchses. 
Nun haben die Wissenschaftler in Atlanta einigen Schürzenjäger-Mäusen mit Zwillingsbrüdern „Vasopressin-Rezeptoren“ von der monogamen Präriewühlmaus eingepflanzt. Das geschah noch vor der Geburt im Mutterleib. Andere Männchen aus dem Mäusewurf erhielten keine Vasopressin-Rezeptoren. Nach der Geburt wurden die Zwillinge getrennt aufgezogen – und siehe da: die Rechnung ging auf! 
Die Männermaus mit dem Kuschelgen wurde in einen Käfig gesperrt, in dem schon ein niedliches Mäuseweibchen wartete. Ein Zwillingsbruder kam in einen anderen Käfig zu einem anderen niedlichen Mäuseweibchen. 
„Die Maus mit dem veränderten Vasopressinmuster“, so stellte Professor Larry Young von der psychiatrischen Abteilung der Atlanta Universität fest, „verbrachte erheblich viel mehr Zeit mit der weiblichen Maus. Er beschnupperte sie, putzte und striegelte sie und war im allgemeinen sehr nett zu ihr.“ Die Zaubermaus war geboren! Ihr Zwillingsbruder sagte praktisch nur ein gleichgültiges Hallo zu seiner Mäusebraut und ließ sie dann einfach mit ihrem Frust allein. 
Man ahnt es schon: auch der Mensch hat Vasopressin-Rezeptoren! Was die Weisen aller Traditionen schon seit Jahrtausenden sagen, wird in der modernen Genforschung immer wieder eindrucksvoll bewiesen: auf einer fundamentalen Ebene sind die Kreaturen dieser Welt alle miteinander verbunden. Mit anderen Worten: was bei den Mäusen funktioniert, würde wahrscheinlich auch beim Menschen funktionieren. Wir sitzen alle in einem Boot. 
Wie viel Leid könnte man unzähligen Frauen ersparen! Es wäre doch ganz einfach, jungen Männern mit vielen Schürzenjäger-Vorfahren Vasopressin-Rezeptoren von jungen Männern aus ordentlichen Verhältnissen einzupflanzen. Keine Beziehungskisten mehr, kein Hin- und Hergezerre, keine tränenreichen Ehekräche nach Mitternacht, keine fetten Honorare für die Scheidungsanwälte! 
Ob es wohl klug ist, den Gentechnikern, die so gerne den besseren Menschen bauen wollen, die Hände zu fesseln? Was sie mit den Mäusen machen, ist doch ganz toll. Warum sollten sie es eigentlich nicht beim Menschen ausprobieren dürfen? Angesichts der besseren Maus von Atlanta verlieren die Habermas-Argumente doch stark an Durchschlagskraft. Wenn wir nicht den Anschluss an die bessere Maus verpassen wollen, müssen wir den Politikern Dampf machen. Wie immer drücken sie sich vor mutigen Entscheidungen und sagen NEIN zu gentechnischen Eingriffen in das menschliche Erbgut. Der Mensch nach Maß, der vielen Genforschern am Herzen liegt, bleibt dabei erst mal auf der Strecke. 
Aber wie lange kann man den Deckel überhaupt noch auf dem Topf der Gentechnik halten? Der geklonte Mensch, Organ-Ersatzteillager für die Transplantations-Chirurgie und Menschen, die Hunderte von Jahren alt werden, sind machbar und die Industrie wartet ungeduldig darauf, die Gentechnik vor ihren goldenen Karren zu spannen. In einer solchen Situation, das zeigt die Erfahrung, wird das Machbare schließlich auch gemacht. 
Unsere zeitgenössischen Forscher basteln wie die Kinder in ihren Laboratorien und wollen unbedingt ausprobieren, ob es funktioniert – sei es nun eine Atombombe, oder eine neue Trockenrasurtechnik, der Neue Mensch oder ein Sportschuh mit Luftkisseneinlage. Niemand wird unsere Forscher schließlich daran hindern können, lieber Gott zu spielen und den Menschen neu zu erschaffen. 
Aber es kann natürlich noch viel Zeit verstreichen. Inzwischen arbeiten die Genforscher fieberhaft mit ihren Mäusen. Schon haben sie erkannt, dass man das Erinnerungsvermögen und damit auch die Lernfähigkeit von Mäusen gentechnisch erheblich verbessern kann. In der berühmten amerikanischen Forschungsschmiede »Massachusetts Institute of Technology« ist es gelungen, einem Mechanismus im Mäusegehirn auf die Spur zu kommen, der u.a, die Verbindung gewisser Neuronen stärkt. Diesen Mechanismus nennt man Langzeit-Potentiation. Er ist zuständig für die Art und Weise, wie das Gehirn Informationen speichert und Erfahrungen verarbeitet. Mit einem Gen namens NR2B kann man die Langzeit-Potentiation verstärken. 
Diese Entdeckung führte kürzlich zu einem epochalen Ereignis: zur Geburt der schlauen Maus! Die Forscher haben nämlich NR2B-Gene in Mäuse-Embryos verpflanzt. Schon kurz nach der Geburt erwiesen sich die gentechnisch aufgerüsteten Mäuse als wesentlich intelligenter, als ihre Artgenossen, die mit weniger NR2B-Genen auskommen müssen. Zum Beispiel konnten die schlauen Mäuse, die man in einer milchigen Brühe ausgesetzt hatte, sich viel schneller daran erinnern, wo denn das unter der Wasseroberfläche verborgene rettende Floß zu finden ist. In dieser und in vielen anderen Intelligenztests erwiesen sich die schlauen Mäuse den anderen eindeutig überlegen. 
Auch NR2B gibt es nicht nur bei Mäusen, sondern auch beim Menschen. Daraus ist zu folgern, daß der schlaue Mensch der schlauen Maus eines Tages folgen wird. Aber auch das kann lange dauern. 
Inzwischen mache ich mir als Katzenbesitzer Sorgen. Meine Katzen Devi und Kali gehen nämlich jeden Morgen auf Mäusejagd. Es nervt mich zwar, wenn sie die kleinen niedlichen Wesen als Leichname vor der Terrassentür ablegen, aber jetzt frage ich bang, wie solche Jagdausflüge wohl aussehen werden, wenn Kali und Devi eines Tages auf schlaue Mäuse stoßen sollten. 
Schlaue Mäuse werden sich zweifellos nicht einfach jagen und tot beißen lassen. Sie werden sich zusammenrotten und nicht nur eine kollektive Verteidigung organisieren, sondern wahrscheinlich sogar eine rabiate Angriffsstrategie entwickeln. Schon sehe ich den Tag kommen, an dem ich frühmorgens auf dem Balkon sitze und plötzlich erlebe, wie Kali und Devi von schlauen Mäusen durchs hohe Gras gejagt, eingekesselt und gebissen werden. Und was geschieht, wenn die Mäuse Devi und Kali in meinem Haus angreifen? Muss ich die Flucht ergreifen, um mein eigenes Leben zu retten? 
Ist es nicht höchste Zeit, gegen die Entwicklung schlauer Mäuse energisch einzuschreiten? Wenn es so weiter geht wie bisher, werden die Mäuse den Menschen intellektuell überholen, und keiner kann voraussagen, zu was die schlauen Nager dann alles fähig sein werden. 
Kann man von ihnen eine ausgeprägtere ethische Sensibilität erwarten, als von uns? Werden sie uns nicht ihrerseits gentechnischen Versuchen unterziehen und uns in milchiger Brühe um unser nacktes Leben schwimmen lassen? Müssen wir damit rechnen, dass sie Menschenfallen aufstellen und uns mit unwiderstehlichen Ködern locken – mit der Vision von einem Jackpotgewinn zum Beispiel, oder mit der Aussicht, von Gerhard Schröder im Auto nach Hause gebracht zu werden? 
Und was würde passieren, wenn sich die schlauen Mäuse mit den vielen Affen und Meerschweinchen verbündeten, die in unseren High-Tech-Laboratorien unsägliche Torturen über sich ergehen lassen müssen? Würden die schlauen Mäuse die Affen und die Meerschweinchen befreien? Und können wir erwarten, dass diese gequälten Wesen mit uns netter umgehen, als wir mit ihnen? Womöglich würde sogar die nette Kuschelmaus gegen uns Front machen und uns ihre unterschwelligen grausamen Eigenschaften spüren lassen. 
Wir sollten uns lieber nicht darauf verlassen, dass die schlaue Maus mehr Liebe zur menschlichen Kreatur empfindet, als wir selbst, mehr Mitgefühl und weniger Hass, mehr Selbsterkenntnis und weniger Ego und mehr Bereitschaft, in Konflikten nicht sogleich die Schuld auf uns zu schieben, sondern nach dem eigenen Anteil zu suchen. Warum sollte die schlaue Maus besser sein als wir? 
Mich würde es nicht wundern, wenn die schlaue Maus eines Tages mit Hilfe der Gentechnologie die Kampfmaus entwickelt. Bestimmt kann man einschlägige Gene vom Pitbull in Mäuse verpflanzen und den Grundstein zu einer wehrhaften Mäusekultur legen. Angesichts der ungeheueren Fortpflanzungsgeschwindigkeit von Mäusen könnte man in wenigen Wochen riesige Massen-Heere von Kampfmäusen aus dem Boden stampfen! 
Aber es sind ja nicht nur die schlauen Mäuse, die uns bedrohen! Der Intelligenz- und Computerwissenschaftler Ray Kurzweil, einer der interessantesten und angesehensten Forscher in den Vereinigten Staaten, behauptet in seinem neuen Buch „The Age of Spiritual Machines“, dass es nur noch ein paar Jahrzehnte dauern wird, bis Computer intelligenter sein werden, als Menschen. 
Wie bei der schlauen Maus drängt sich auch bei den schlauen Computern sofort die Frage auf: „Wie steht es mit dem Bewusstsein?“ 
Die Meinungen sind gespalten. Sir Roger Penrose, einer der brillantesten Mathematiker unserer Zeit, stellt fest, dass Computer keine Gefühle haben und keine Erfahrungen machen können. Also könnten sie auch kein Bewusstsein haben. 
Ray Kurzweil argumentiert dagegen, dass Bewusstsein nur eine Frage der Rechenkapazität sei. Noch sei das menschliche Gehirn mit seinen 100 Milliarden vernetzter Neuronen den schnellsten Computern millionenfach überlegen. Aber mit der Nano-Technologie werden moderne Computer schon bald in der Lage sein, noch viel kompliziertere Vernetzungen herzustellen, als das Gehirn. 
Kurzweil prophezeit, dass mich mein Computer schon in zwanzig Jahren am frühen Morgen mit den Worten empfangen könnte: „Andrees, ich fühle mich so einsam. Lass mich bitte nicht wieder so lange allein.“ Der amerikanische Wissenschaftler eröffnet atemberaubende Perspektiven: man werde das menschliche Gehirn scannen und auf Computer-Festplatten laden, sagt er voraus. Und ich stelle mir vor, dass es um mein Gehirn geht: Sind meine Gefühle, meine Erfahrungen und meine Intuition auch auf der Festplatte? Gibt es mich jetzt womöglich zweimal? 
Kurzweil behauptet, dass Gefühle, Bewusstsein und Intuition entstehen, wenn ein gewisses Niveau an Komplexität der neuronalen Vernetzung erreicht ist. 
Wo bleiben wir als Menschen eigentlich, wenn Computer, die intelligenter sind, als wir, ihrerseits Computer entwickeln, die intelligenter sind als sie? Super-Intelligenzen könnten sich mit Hilfe der Gentechnik organische Körper nach Maß schneidern. Tolle Typen könnten dabei herauskommen. Aber würden sie liebevoll, wach, aufmerksam, sensibel, großzügig und tolerant sein? Oder müssen wir uns darauf einstellen, dass diese Herrschaften ungemütlich werden und ihre Neurosen an uns auslassen? 
Was können wir tun, um das zu verhindern? Es gibt wahrscheinlich nur eine Möglichkeit: wir müssen unbedingt das Gen und den Code finden, der für ein entwickeltes Bewusstsein zuständig ist. Je früher man diese Teile in die Bauprogramme jener Wesen implantiert, die in unseren Forschungslabors ausgebrütet werden, desto besser. Wir können nicht wissen, wie diese Typen letztlich beschaffen sein werden, aber es wäre doch ungeheuer beruhigend, wenn wir uns darauf verlassen könnten, dass sie etwas bewusster sind als wir. 
Der Nobelpreis für das Bewusstseins-Gen. Das wäre das Größte. Aber wer sollte die Forschung sponsern? Die Pharmaindustrie kann sich von der Entdeckung des Bewusstseins-Gens nichts versprechen und die Politiker erst recht nicht. Immerhin bleibt uns die Hoffnung, die blinde Hühner auf den Beinen hält und nicht verzagen lässt. 
<p align="right"><em>(Erschienen in „Brand eins“, November 1999) </em></p>]]></content:encoded>
			<category>… zu spirituellen Themen</category>
			
			
			<pubDate>Sat, 06 Apr 2013 00:06:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Wenn Männer weinen</title>
			<link>http://www.hierjetzt.de/</link>
			<description>Das harte Leben unserer Fußballmillionäre</description>
			<content:encoded><![CDATA[Im ganzen Land herrschte zwei Wochen lang Ausnahmezustand: In den Fußballstadien von Polen und der Ukraine tobte die Schlacht um die Europameisterschaft. Auch ich geriet in ihren Bann, zumal mein Enkel Livio (elf Jahre alt) aus Kapstadt zu Besuch bei mir war. Während die europäischen Regierungschefs in Brüssel bis tief in die Nacht um die Rettung des Euro rangen und die Zukunft der Weltwirtschaft auf Messers Schneide stand, saß ich mit Livio vor dem Fernseher: Deutschland gegen Italien. Als die Italiener das erste Tor schossen, riss Livio die Arme hoch und stieß einen tierischen Jubelschrei aus. JUHUUUU!
Mein Enkel hat einen italienischen Vater. Das gab natürlich dem Spiel Deutschland gegen Italien eine heikle Würze. Er brüllte für das italienische Team, während ich eher stumm vor der Glotze saß und mich vor patriotischen Exzessen hütete.
Schon gleich am Anfang, als die beiden Mannschaften ihre Nationalhymnen sangen, war mir allerdings klar, dass die Deutschen das Spiel praktisch schon verloren hatten. Die Italiener sangen aus vollem Hals – hingebungsvoll, leidenschaftlich und voll fiebriger Energie. Die Deutschen sangen entweder überhaupt nicht, oder sie sangen ohne Pepp, so als wollten sie ein lästiges Ritual hinter sich bringen. So präsentierten sich dann auch die Spieler in ihrem Duell – die Deutschen spielten mit dem Kopf, die Italiener mit dem Herzen. Leidenschaft gegen Kalkül.
Für den Perfektionisten Joachim Löw, der jedes Spiel als wissenschaftliche Herausforderung begreift und seine Spieler wie Schachfiguren einsetzt, ist die Rechnung nicht aufgegangen.&nbsp; Die Zeiten, da ein genialer Trainer wie Sepp Herberger seine Spieler mit der einfachen Instruktion aufs Feld schickte „geht auf den Rasen, Jungs, und spielt Fußball“ ist längst vorbei. Heute werden Fußballspiele mit dem Computer vorbereitet.
Das Spiel wurde zur Metapher. Sie machte mich auf einige zeittypische Trends und Zustände in Deutschland aufmerksam, die sich im Fußball manifestieren. Zum Beispiel das Thema Integration. Ich freue mich jedes Mal riesig, wenn ein schwarzer Spieler ein Tor schießt und seine weißen Team-Kumpels ihm begeistert um den Hals fallen. 
Fußball - ein Dynamo der Integration. Dachte ich. Aber dann kamen Zweifel auf, als ich vor dem Spiel Deutschland gegen Italien beobachtete, wie die deutschen Spieler mit „Migrationshintergrund“ beim Absingen der Nationalhymne stumm blieben. 
Dabei sind sie doch in Deutschland aufgewachsen und sprechen akzentfrei Deutsch. Der schwarze Jerome Boateng zum Beispiel, ein Berliner Junge mit Wurzeln in Ghana. Oder Lukas Podolski, in Polen geboren und in Köln zuhause. Mario Gomez, Sohn spanischer Eltern, Sami Khedira, der einen tunesischen Vater hat und Mezut Özil mit Wurzeln in der Türkei. 
Ist es zufällig, dass sie nicht mitgesungen haben? Oder fällt es ihnen schwer, sich mit Deutschland zu identifizieren? Möglicherweise interessiert sie das Thema überhaupt nicht. Denn Fußballhelden gehören zu einer neuen trans-nationalen Spezies, die nicht von ihrer rassischen oder nationalen Zugehörigkeit geprägt wird, sondern eher von ihren beruflichen Anforderungen und Umständen. 
Die Globalisierung hat diesen neuen Menschen-Typ hervorgebracht. Im Fußball spricht man von „Söldnern“. In der Finanzindustrie heißen sie „global Players“. Sie kennen keinen nationalen Patriotismus. Sie sind auf dem Weltmarkt zuhause. 
Wie die Finanzindustrie ist auch der Fußball ein globales, vielschichtiges&nbsp; Milliardengeschäft. Das Geld ist die zentrale Antriebskraft. Gier und Korruption gehören dazu. Der Unterschied zwischen Finanzindustrie und Fußball besteht darin, dass die Spekulanten anonym bleiben, während das Fußballgeschäft vom Nimbus seiner Stars lebt, die auf Schritt und Tritt von Pressefotografen und Reportern verfolgt werden. Der Star-Kult ist die Geschäftsgrundlage der Fußballindustrie.
So ist eine Fußball-Europameisterschaft nicht nur ein sportliches Ereignis mit starkem Emotionsgehalt. Für die Spieler ist sie vor allem auch eine Art Fußball-Messe, eine Veranstaltung, bei der sie sich vor den Augen zahlloser, aus allen Teilen der Welt angereister, Fußballfunktionäre in Szene setzen können. Wenn ein Spieler im richtigen Augenblick ein glanzvolles Tor schießt, das seine Mannschaft im Kampf um den Titel einen Schritt voran &nbsp;bringt, kann er allein mit diesem Schuss, und im Bruchteil einer Sekunde, seinen Marktwert um viele Millionen Euro steigern. Wenn das nicht sexy ist…
Auf dem Rasen riskieren die Fußballstars ihre Knochen, auf dem Weltmarkt werden sie wie kostbare Kunstwerke gehandelt. Der Argentinier Lionel Messi zum Beispiel hat gegenwärtig einen Marktwert von 100 Millionen Euro. Der portugiesische Star Christiano Ronaldo kostet 90 Millionen Euro. Der deutsche Torjäger Mario Gomez wird an der Spielerbörse mit 42 Millionen Euro gehandelt. (Quelle: <a href="http://www.tranfermarkt.de/" external="1">www.tranfermarkt.de</a>)
Kein Wunder, dass bei einer Umfrage unter jungen Frauen mehr als die Hälfte angaben, sie würden am liebsten einen Fußballstar heiraten. Jung, reich, makelloser Körper – und sooo berühmt! Unschlagbar! 
Wenn mein Enkel Livio über seine Helden Andrea Pirlio, Antonio Cassano und Mario Balotelli spricht, leuchten seine Augen. Er weiß so gut wie alles über sie. Wann sie wo welche Tore geschossen oder Torvorlagen platziert haben. Wann sie in Zweikämpfen verletzt wurden und wie lange es gedauert hat, bis sie wieder fit waren. Mit wem sie verheiratet sind und wie ihre girlfriends aussehen - die meisten sind hübsche, blonde Models.
Livio ist nur einer von vielen Millionen Kids, die Fußballhelden als ihre großen Vorbilder verehren. Als ich in seinem Alter war, haben wir die Helden des Zweiten Weltkriegs verehrt. Fußballhelden sind mir lieber als Kriegshelden. Es gibt also einen Fortschritt. Aber für ideale Vorbilder halte ich Fußballstars auch nicht. Sie sind durchweg nette Jungs, und wenn sie spielen, sind sie Meister in der Kunst, im Hier und Jetzt zu sein. Aber viele von ihnen sind auch Opfer ihres Milieus, das allein vom Glanz des Geldes geprägt wird. 
Als die Stars der deutschen Nationalmannschaft nach ihrer Niederlage gegen Spanien die Heimreise antraten, warteten auf dem Frankfurter Flughafen drei Privat-Jets, mit denen sie und ihre Freundinnen auf Kosten des Deutschen Fußballbundes (DFB) direkt an ihre Urlaubsorte weiterfliegen konnten. Das hat die BILD-Zeitung zum Anlass genommen, sich die Privilegien unserer Fußballhelden etwas genauer anzusehen. Zu Beginn der EM, als die Spieler in einem Fünf-Sterne-Hotel in Danzig eintrafen, wartete in ihren Zimmern „ein großer Geschenke-Berg“ auf sie, berichtete Reporter Mathias Sonnenberg. 
Gemeint waren ein neuer Laptop, ein Handy, eine Digitalkamera und ein luxuriöses Kofferset, „in das die Spieler ihre Designer-Anzüge und Schuhe (natürlich auch umsonst) stopfen konnten“. Schon lange vor dem Turnier hätten die Spieler eine Bestellung aufgegeben – Hemden, Hosen, Pullover – alles gratis. Sonnenberg: „Von einem anderen Sponsor gab es eine Nobel-Uhr mit Gravur (natürlich in limitierter Auflage). Und damit beim Erwerb eines Luxus-Autos keine unnötigen Kosten für die Millionäre entstehen, wird ihnen eine Leasingrate von einem Prozent gewährt.“ Und natürlich gab es auch einen Bonus:&nbsp; 100 000 € für jeden Spieler, als die Mannschaft das Viertelfinale erreichte.
Ich gönne den Spielern diese luxuriöse Verhätschelung. Nicht so toll finde ich, wenn fußballbegeisterte Kids sie darum beneiden oder sie sogar verehren. Denn mit dem wirklichen Leben kommen die Stars überhaupt nicht in Kontakt. 
Dass &nbsp;BILD unsere Nationalspieler mit Häme überzieht und sie „Memmen“ nennt, weil sie nach der Niederlage gegen Italien geweint haben, (Schlagzeile: „Memmen gegen Männer“) finde ich indiskutabel. Für mich waren es allein diese Tränen, die unsere teuren Verlierer als Vorbilder qualifizierten. Denn es gehört Mut dazu, sehr viel Mut, sich offen zu seinen Gefühlen zu bekennen.
Diesen Mut hatten, nebenbei gesagt, auch die italienischen „Männer“,&nbsp; als sie ein paar Tage später nach ihrer spektakulären Niederlage gegen Spanien (0:4) in Tränen ausbrachen. 
]]></content:encoded>
			<category>Artikel zum aktuellen Zeitgeschehen</category>
			
			
			<pubDate>Wed, 15 Aug 2012 14:31:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Alles klar auf der Concordia</title>
			<link>http://www.hierjetzt.de/</link>
			<description>Aus dem Tagebuch des Kreuzfahrtschiffkapitäns Francesco Schettino</description>
			<content:encoded><![CDATA[Die Medien haben mich natürlich zur Sau gemacht. Plötzlich war ich der „ehrlose Lügen-Kapitän“. Ich hätte das sinkende Schiff als einer der Ersten verlassen, anstatt – „wie es sich für den Kapitän gehört“ – als Letzter von Bord zu gehen. Diese Idioten haben ja keine Ahnung.&nbsp; Wir leben doch nicht mehr im 19. Jahrhundert! Oder im Krieg, wo die Kapitäne zum Heldentum verdonnert wurden. Ich habe kein Schlachtschiff gesteuert, sondern einen Vergnügungsdampfer.
Wenn ein Kreuzfahrtschiff sinkt, ist es völlig unmöglich, Tausende von Passagieren und Besatzungsmitgliedern innerhalb von 30 Minuten in Rettungsboote zu verfrachten und in Sicherheit zu bringen. Selbst ein Stunde reicht dafür nicht. Das steht natürlich nicht in den allgemeinen Geschäftsbedingungen, die die Passagiere unterschreiben müssen. Stattdessen verbreiten die Reedereien das Märchen, dass die modernen Kreuzfahrtschiffe praktisch unsinkbar seien. Das ist eine kriminelle Lüge. Mit ihrem geringen Tiefgang und den hohen Aufbauten ist eher das Gegenteil der Fall. Je höher die Aufbauten, desto mehr Stockwerke hat das schwimmende Luxushotel. Und je mehr Passagiere man unterbringen kann, desto rentabler ist das Geschäft. Es geht hier nicht um Sicherheit, sondern schlichtweg um Gewinnmaximierung.
Als ich mich ins Rettungsboot fallen ließ, war ich fest davon überzeugt, dass das Schiff in Minutenschnelle absaufen würde, wie eine kaputte Spielzeugente in der Badewanne. Das kann mir keiner zum Vorwurf machen. Mein Anwalt, Dottore Lorenzo, sieht das auch so. Es gibt keinen Paragraphen im Gesetzbuch, der vorschreibt, dass der Kapitän als Letzter sein sinkendes Schiff verlassen muss.&nbsp; Das wissen die Bosse von der Costa Reederei natürlich auch. Als sie mich zum Kapitän der „Concordia“ machten, hat mir keiner gesagt, dass ich im Ernstfall zum Selbstmord verpflichtet wäre.
Ich kann den Schock nicht beschreiben, diesen Augenblick, als mir bewusst wurde, dass das Schiff verloren war. Mein erster Gedanke galt Domnica, die ich als blinde Passagierin an Bord geschmuggelt hatte. Ich rannte los, um sie zu suchen. Ich wollte Domnica in Sicherheit bringen, noch bevor ich den Befehl zur Evakuierung des Schiffes gab.
Als ich die Tür zu meiner Kabine – unserem Liebesnest – aufriss, war sie weg. Das schlaue Kind hatte offenbar Lunte gerochen, als das Geschirr in den Bord-Restaurants anfing, von den Tischen zu rutschten. Aber wo war sie? Ich griff zum Handy und wählte ihre Nummer. Dann ihre Stimme: „Hallo, mein süßer Seebär!“ sagte sie mit einer geradezu irrsinnigen Fröhlichkeit. Und ich schrie: „Wo steckst du??“ – „Ich bin schon an Land“, jubelte sie. Mir blieb die Spucke weg. Erst viel später erfuhr ich, dass sie einen netten Matrosen dazu überredet&nbsp; hatte, sie in einem Beiboot an Land zu rudern bevor der Run auf die Rettungsboote losging. „Ich komme!“ brüllte ich und steckte das Handy ein.
Für einen Augenblick vergaß ich, was um mich herum geschah. Plötzlich war ich umringt von schreienden Passagieren. Einer von meinen Offizieren hatte den Evakuierungsbefehl gegeben. Und dann ging natürlich das Chaos los. Alle drängten zu den Rettungsbooten. Ich wollte nur noch weg und mich in Domnicas Arme werfen.
Als ich das Ufer erreicht hatte, sah ich meine gekenterte „Concordia“ aus einem neuen Blickwinkel. Sie lag da wie ein riesiges Meereswesen, unbeweglich, hilflos, und tödlich verwundet. Ich fühlte mich winzig klein, und als mir bewusst wurde, dass ich es war, der dieses wunderbare 400 Millionen Euro teure Schiff in den Untergang gesteuert hatte, traf mich das wie ein Schlag mit dem Dampfhammer. Von da an hatte ich den totalen Black-out. Stundenlang. An Domnica habe ich überhaupt nicht mehr gedacht.
Jeder in der Branche weiß, dass Kreuzfahrtschiffe mit ihrem geringen Tiefgang und den hohen Aufbauten unsicher sind. Der geringe Tiefgang gibt den Kapitänen die Möglichkeit, auch in relativ flachen Gewässern zu navigieren, besonders in Küstennähe. Die meisten Passagiere langweilt es nämlich, wenn sie ewig nur Wasser bis zum Horizont sehen. Die wollen was erleben. Wenn so ein Koloss wie die „Concordia“ auftaucht – turmhoch und 293 Meter lang – rennen die Einheimischen natürlich zum Ufer und staunen, und halten sich die Ohren zu, wenn das Schiffshorn brüllt. In der Kreuzfahrt-Branche nennt man solche riskanten küstennahen Manöver „Vorbeifahrten“ oder „Verneigungen“.
Ich habe meinen Spaß dabei gehabt, zumal die Costa-Reederei mich immer wieder dazu ermuntert hat. Ehrlich gesagt habe ich gar nicht daran gedacht, NEIN zu sagen, obwohl ich wusste, dass die Sache gefährlich ist. Ich bin halt ein Draufgänger. Deshalb habe ich mitgemacht bei diesem Quatsch. Außerdem wollte ich mich bei meinen Bossen nicht unbeliebt machen. Kapitän eines Kreuzfahrtschiffes vom Kaliber der „Concordia“ ist ein Traumberuf. Wer gibt den schon freiwillig auf?&nbsp; Jetzt bin ich klüger. Aber es ist zu spät.
Die Bosse der Costa-Reederei haben mich den Medien zum Fraße vorgeworfen. Diese Sauerei werde ich ihnen heimzahlen, wenn es zum Prozess kommt. Auf keinen Fall werde ich mich wie ein Opferlamm abschlachten lassen. Ich werde den Richtern sagen, dass mich die Reederei gedrängt hat, möglichst dicht an der Küste von Giglio entlang zu fahren. Es war das zweite Mal. Beim ersten Mal war ich sogar noch dichter am Ufer. Die Reederei hat es gewusst, aber mich nicht verwarnt. Beim zweiten Mal habe ich den Kurs nur ganz geringfügig verändert. Und dann plötzlich… ich konnte es nicht fassen.
Pater Bertoldi, unser Bordpfarrer, hat später behauptet, ich hätte eine Viertelstunde lang schluchzend in seinen Armen gehangen. Daran kann ich mich nicht erinnern. Ich nehme mal an, dass er mit dieser Behauptung darauf aufmerksam machen wollte, dass auch ich ein Opfer der Katastrophe bin und Mitleid verdiene.
Tatsächlich stimmt das ja auch. Ich fühle mich jedenfalls nicht als Schuldiger. Ich habe nur das gemacht, was von mir verlangt wurde. Meine Hauptaufgabe bestand darin, dafür zu sorgen, dass die Passagiere jede Menge Spaß haben. Ich denke jetzt viel darüber nach. Und frage mich, ob es für mich nicht besser gewesen wäre, Kapitän auf einem Containerschiff zu sein. Je mehr Abstand ich zu diesem ganzen Kreuzfahrt-Business gewinne, desto absurder erscheint es mir.&nbsp;
Man nennt diese schwimmenden Luxushotels „Traumschiffe“. Im Rückblick kann ich sehen, dass ich selber wie in einem Traum gefangen war. Die Passagiere haben mich angehimmelt, besonders die Frauen. Ich war ihr Liebling. Alle wollten beim Kapitänsdinner an meinem Tisch sitzen. Ich war der Star. Und 2000 Mann Besatzung hörten auf mein Kommando. Es war gut für mein Ego. Für mich nicht.
Ich drehte mit der Concordia meine Runden. Fünf Mittelmeerstädte in einer Woche. Kein Problem! Es geht den Passagieren ja nicht darum, fremde Länder und Menschen kennen zu lernen. Wenn das Schiff in einem Hafen anlegt, wollen sie vor allem knipsen und shoppen. Auf den Kais wartet schon die Bus-Flotte. Man steigt ein. Stadtrundfahrt. Fotos durch das Bus Fenster. Dann endlich shoppen. Nach ein paar Stunden sind Städte wie Marseille oder Barcelona abgehakt. Und es geht weiter mit dem Remmidemmi an Bord. Drei Hauptmahlzeiten am Tag. Dazwischen Obst und Gebäck, Kaffee und Kuchen. Auf den Sonnendecks liegt man Schulter an Schulter in schnurgerade ausgerichteten Liegestühlen und lässt sich von der Sonne braten. Diskotheken. Swimmingpools. Und am Heck ein Platz, wo die Golfspieler den Abschlag üben können – irgendwo zwischen Barcelona und Sizilien.
Heute erst frage ich mich: was sind denn das für Leute, die auf einem Traumschiff durch die Welt fahren, vor allem, um sich mit Prosecco aufzufüllen, den Bauch voll zu schlagen und ein permanentes Entertainment Programm durchzuziehen?
Vielleicht hat mein Anwalt, Dottore Luigi Recht. Neulich sagte er zu mir: „Francesco, die Medien schütten Kübel von Jauche über deinem Kopf aus, aber im Grunde verdienst du einen Orden. Die Concordia ist nämlich eine wunderbare Metapher. Eigentlich hätte die Concordia besser …šTraumschiff Europa…˜ heißen sollen. Wir sind alle Passagiere auf diesem Vergnügungsdampfer. Das Entertainment lenkt uns angenehm ab. Wir brauchen nicht nachzudenken. Wir wollen uns keine Sorgen machen. Wir wollen stressfrei die Weltmeere befahren. Wir wollen etwas von der Welt sehen, aber auf keinen Fall wollen wir dabei unsere Komfortzone verlassen. Wir sind nicht unterwegs, um uns Elendsviertel anzuschauen. Exotische Folklore-Truppen, die für uns an Bord tanzen und singen, sind uns lieber…“
&nbsp;„Und was dich anbetrifft, mein lieber Francesco“, sagte Dr. Luigi zum Schluss, „so hast du die Illusion, dass die Party ewig so weitergeht und wir nicht untergehen können, gründlich zerstört. Das ist dein Verdienst. Dafür sollten wir dir alle dankbar sein!“]]></content:encoded>
			<category>Artikel zum aktuellen Zeitgeschehen</category>
			
			
			<pubDate>Thu, 09 Feb 2012 20:27:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Wo Chaos ist gibt es auch Hoffnung</title>
			<link>http://www.hierjetzt.de/</link>
			<description>Aus der Eurokrise kann ein lebensbejahendes Geld- und Wirtschaftssystem hervorgehen
So, jetzt...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Aus der Eurokrise kann ein lebensbejahendes Geld- und Wirtschaftssystem hervorgehen</h2>
So, jetzt haben wir es also das verflixte Jahr 2012, und es wird sich zeigen, ob die Propheten der Mayas richtig lagen, als sie den Weltuntergang voraussagten. Ich bin da eher skeptisch, zumal die Propheten den Untergang ihrer eigenen glanzvollen Hochkultur überhaupt nicht auf dem Schirm hatten. Aber ich muss nicht an die Maya Legende glauben, um mir vorstellen zu können, dass dieses Jahr unter dem Motto in die Geschichte eingehen wird: „The shit hits the fan“.&nbsp;
Während die Medien rund um die Uhr Katastrophenmeldungen über die Finanzkrise in die Welt trompeten und die Politiker kurzatmiges Krisenmanagement betreiben, kommt es mir so vor, als lebte ich in einem Irrenhaus. Wahnsinn und Verwirrung in Konferenzen und Talkshows – aber der Alltag geht weiter, so als wäre überhaupt nichts los.&nbsp;
Vielleicht ist bei uns noch keine Panik ausgebrochen, weil die Leute nicht verstehen, worum es eigentlich geht. Schulden? Na klar – die macht doch jeder, warum soll das plötzlich ein Problem sein? Wir hören doch ständig, dass wir zügig konsumieren müssen, damit die Binnennachfrage gestärkt wird. Wenn wir nicht genug kaufen, kracht der Laden zusammen. Also kaufen wir, buchen Flüge für den Sommerurlaub, zahlen unser Auto in Raten ab, und auch den neuen HD Flachbildfernseher und, und, und…
Die Situation erinnert mich an einen Witz: Ein Bundestagsabgeordneter besucht ein Irrenhaus. Der Direktor führt ihn über das Anstaltsgelände. Es ist ein sonniger Tag. Von weitem beobachtet der Abgeordnete, wie Anstaltsinsassen um den Beckenrand herumtoben und kopfüber in den Pool hüpfen. „Da herrscht ja ein munteres Treiben“, begeistert sich der Abgeordnete, und der Anstaltsleiter antwortet ebenso begeistert: „Sie sollten mal erleben, was hier abgeht, wenn Wasser im Becken ist!&quot;&nbsp;
Ich habe versucht, mich durch einschlägige Lektüre mit der Finanzwirtschaft vertraut zu machen. Aber je mehr ich las, desto undurchsichtiger wurde die Sache. So wundert es mich überhaupt nicht, dass hochrangige Experten oft fundamental gegensätzliche Krisenanalysen vertreten. Wahrscheinlich liegt es daran, dass unsere Geldwirtschaft eine Projektionsfläche ist, die unsere Gier und unsere Ängste spiegelt. Wo solche Kräfte der Unbewusstheit entfesselt werden, hat Vernunft keine Chance. Die Player dieser globalen Wahnsinnsindustrie bewegen sich wie Drahtseilakrobaten in schwindelnder Höhe. Ein schwacher Windhauch, ein absurdes Gerücht, ein Computercrash, das unbedachte Wort eines Politikers bringt sie aus dem Gleichgewicht und verleitet sie zu verheerenden Panik-Reaktionen.
Wir ärgern uns über die gierigen Banker und wild gewordenen Spekulanten, die den Hals nicht voll kriegen können. Dabei sind sie doch Menschen wie du und ich. Sie greifen zu, wenn sie Geld riechen. Wir versuchen, uns mit Lottoglück zu bereichern. Völlig idiotisch. Die Banker gehen etwas professioneller vor und spekulieren auf den Finanzmärkten. Die meisten Menschen hassen sie dafür. Aber für einen Massenaufstand gegen die Manager reicht es noch nicht.&nbsp;
Der „Spiegel“ kam Anfang Dezember – mitten in der schönsten Weihnachtsshoppingzeit – mit einer Titelgeschichte auf den Markt, die auf dem Cover mit der Frage „Und jetzt?“ einen zertrümmerten Euro vor pechschwarzem Hintergrund zeigte. Resignation pur! Hat der ultimative Crash vielleicht schon begonnen? Auf der „Titanic“ haben die Passagiere ja auch noch stundenlang fröhlich weiter getanzt, bevor sie endlich merkten, dass ihr Schiff unterging.&nbsp;
„Und jetzt?“ Die Frage ist praktisch eine Bankrotterklärung und ein Warnsignal für diejenigen, die unsere Geldwirtschaft für reformierbar halten. Hier nur drei Gründe, für die Behauptung, dass das System letztlich nicht zu retten ist:
<ul><li>Die Finanzindustrie hat sich weitgehend von der sogenannten „Realwirtschaft“ abgekoppelt. Das meiste Geld wird mit Geld verdient, nicht mit der Produktion von Sachwerten und Dienstleistungen. Spekulation ist rentabler als Produktion. Vor dem Crash 2008 gab es Zeiten, in denen der VW-Konzern mit seiner hauseigenen Bank mehr Geld verdiente, als mit der Produktion von Autos. In England und den USA wurde an den Börsen der Wallstreet und der Londoner City das meiste Geld gemacht - auf Kosten der Industrieproduktion – nirgendwo schrumpfte sie mehr als in diesen beiden Ländern. Die moderne Finanzwirtschaft produziert Armut und Verzweiflung, zerstört Arbeitsplätze, zerreißt das soziale Netz, und&nbsp; macht die Demokratie zur Farce. Das führt zwangsläufig zu einem Ende in Chaos und Gewalt.</li><li>In der Frühzeit des Kapitalismus haben die Banken nur so viel Geld verliehen, wie sie in Form von Einlagen und Sachwerten besaßen. Heutzutage brauchen die Banken ihre Kredite nur noch mit zwei bis höchstens zehn Prozent Eigenkapital abzusichern. Weil den Bankern das noch zu viel ist, haben sie „Schattenbanken“ gegründet, die sogenannten Investmentbanken. Hier tobt sich die Lust am Risiko aus. Es gibt keine Kontrollen und Auflagen und – kaum zu glauben – das irre Spekulationsgeschäft wird nicht besteuert. Dabei entstand eine regelrechte Geldschwemme. Die Anleger wussten gar nicht, wohin damit. Die Kredite wurden billiger und haben die meisten Staaten dazu verführt, sich gigantisch zu verschulden. Aber Kredite müssen irgendwann zurückgezahlt werden. Wer nicht zahlen kann ist pleite. Die Griechen waren die ersten. Und sie werden nicht die letzten sein.</li><li>Das Krisenmanagement der Politiker beschränkt sich darauf, die Wirtschaft wieder so aufzustellen, wie sie vor der Krise war. Mit Rettungspaketen für die Pleitestaaten sollen Konjunktur und Wachstum wieder angekurbelt werden. Dabei leben wir doch auf einem Planeten, dessen Rohstoffe nicht unerschöpflich sind. Unaufhörliches Wachstum ist folglich ein Irrglaube.</li></ul>
Was jetzt? Die gute Nachricht ist, dass die Finanzkrise die Mittelklasse erreicht hat. Die Kinder der bürgerlichen Intelligenz haben lange geschlafen und die Krisensignale aus dem Irrenhaus nicht gehört. Sie wollten vor allem Karriere machen – innerhalb des Systems. Jetzt wachen sie langsam auf, und so wächst die Hoffnung auf Veränderung.&nbsp;
Die Occupy Wallstreet - Bewegung ist ein guter Anfang. Aber Wutbürger-Proteste reichen natürlich nicht, um ein Wirtschafts-und Finanzsystem aus den Angeln zu heben, das seit hundert Jahren von der Gier und der Angst der Menschen lebt. Es gibt nur eine Kraft, die es mit der zerstörerischen Macht des Geldes aufnehmen kann – und das ist die Kraft der Liebe. Der Wiener Wirtschaftswissenschaftler Franz Hörmann, formuliert die Essenz einer neuen Geldwirtschaft mit einem Satz: „Weg von Konkurrenz und Kampf und hin zu Transparenz und Kooperation“.&nbsp;
Sind wir bereit dazu? Eine neue Geldwirtschaft der Transparenz und Kooperation kann ja der Gesellschaft nicht von oben her verordnet werden. Sie braucht die Menschen, die sie in die Praxis umsetzen. Sind wir bereit dazu, weniger zu kaufen und mehr zu geben? Können wir unsere Angst vor Armut überwinden? Können wir auf den eigenen Vorteil verzichten und mit denen teilen, die am Rand der Gesellschaft leben – den Alten, den chronisch Kranken, den Behinderten, den Immigranten aus armen Ländern? Können wir bescheiden sein und auf Luxus verzichten?&nbsp;
Und last but not least: sind wir bereit, Verantwortung zu übernehmen und uns einzubringen? Die Geldwirtschaft ist unglaublich kompliziert. Und sie ist keine abstrakte Theorie, sondern ein Prozess, der von uns, den Marktteilnehmern, kreative Teilnahme verlangt. Wir müssen uns damit beschäftigen, wenn der Übergang zu einer neuen Geldwirtschaft gelingen soll.&nbsp;
Die Diskussion hat schon lange vor der Finanzkrise begonnen. Sie ist von Wissenschaftlern angestoßen worden, die den Crash unserer dysfunktionalen Finanzmärkte erkannt haben. Jeden Tag kommen neue Leute dazu. Sie tauschen sich über das Internet aus. In den Chat-Foren blühen die interessantesten Konzepte (siehe die Link-Vorschläge am Ende des Klartexts).&nbsp;
Wie soll es weitergehen? Vor den Portalen der Konzernpaläste protestieren die Wutbürger und machen denen Angst, die drinnen an ihren Computern sitzen. Schade eigentlich. Denn wahrscheinlich wird der komplizierte Übergang zu einem neuen und modernen Finanzsystem nur gelingen, wenn Tausende von Bankern ihr Know-how einbringen. Mit anderen Worten: die Protestbewegung muss – friedlich natürlich – von der Straße auf die Banken übergreifen. Das mag utopisch klingen. Aber ich bin überzeugt davon, dass viele Banker der mittleren Führungsebene insgeheim mit denen sympathisieren, die draußen auf der Straße protestieren. Wir sitzen alle im gleichen Boot.<strong></strong>
<strong>Literatur und Links zum Thema:</strong>&nbsp;
Bernard A. Lietaer: „Das Geld der Zukunft – über die zerstörerische Wirkung unseres Geldsystems und Alternativen hierzu“ – Riemann Verlag – ISBN 3-570-50035-7
Yoshi Frey: „Die gläubigen Schuldner – die spirituellen Gründe des Geldwahns“- Books on Demand GmbH – ISBN 3-8334-3310-8 – Vorwort von Margrit Kennedy&nbsp;
<link http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/oligarchie-der-finanz-der-krieg-der-banken-gegen-das-volk-11549829.html - external-link-new-window>www.faz.net/aktuell/feuilleton/oligarchie-der-finanz-der-krieg-der-banken-gegen-das-volk-11549829.html</link>
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			<category>Artikel zum aktuellen Zeitgeschehen</category>
			
			
			<pubDate>Wed, 07 Dec 2011 20:22:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Yes, we can?</title>
			<link>http://www.hierjetzt.de/</link>
			<description>Viel ist nicht daraus geworden</description>
			<content:encoded><![CDATA[Was für ein wunderschöner Tag das war, dieser 5. November 2008, als Barack Obama mit seiner Frau Michelle und ihren beiden Töchtern auf die festlich geschmückte Bühne im Grant Park von Chicago trat und sich mit erhobenen Armen Hunderttausenden von Menschen als ihr soeben gewählter nächster Präsident vorstellte. Ich saß morgens um sechs mit angehaltenem Atem vor dem Fernseher und war überzeugt davon, dass ich gerade Zeuge eines historischen Ereignisses war. 
Die&nbsp; globale Finanzindustrie war im Begriff, auseinander zu brechen. Die Weltwirtschaft befand sich auf einer rasenden Talfahrt. Jeden Monat verloren, allein in Amerika, Hunderttausende ihren Arbeitsplatz. Immer mehr Menschen – am Ende waren es fast zwei Millionen – verloren auch&nbsp; ihre Häuser, weil sie ihre Hypothekenzinsen nicht mehr bezahlen konnten. Überall herrschte Verzweiflung, Angst, Hoffnungslosigkeit. Und dann kam ER – Barack Obama, der Retter, der Hoffnungsträger, die Lichtgestalt .
Besonders die junge Internetgeneration schwärmte für ihn. Obama versprach ihr, aufzuräumen mit der Washingtoner Lobbykratie, in der&nbsp; Interessengruppen durch Bestechung von Abgeordneten und mit&nbsp; teuren Desinformationskampagnen die parlamentarische Demokratie ad absurdum führen. 
&nbsp;Auch ich war begeistert von diesem lässigen, blitzgescheiten Afro-Amerikaner, der seinen Wahlkampf&nbsp; mit so viel Fairness, Offenheit und selbstbewusster Bescheidenheit geführt hatte. Mir war klar, dass er als Präsident vor einer ungeheuren Herausforderung stand, aber mit seinem Wahlsieg hatte seine Partei&nbsp; auch die Mehrheit im amerikanischen Abgeordnetenhaus und im Senat gewonnen. Obama hatte also die besten Startbedingungen. 
Drei Jahre später ist der Lack ab von der Lichtgestalt. Von „yes we can!“ kann keine Rede mehr sein. Der „mächtigste Mann der Welt“ ist von seinen Gegnern demontiert worden – von den Banken, den Energiekonzernen, der Pharma-Industrie, der Israel-Lobby, der Rüstungsindustrie und last, but not least, von dem rechtsextremen Flügel der Republikanischen Partei, der sogenannten Tea-Party, die ständig an Einfluss gewinnt. 
14 Millionen Arbeitslose. Die Wirtschaft am Abgrund. Nach zwei Jahren im Amt hat Barack Obama bei den Zwischenwahlen die Mehrheit im Kongress eingebüßt. Seitdem ist er auf die Unterstützung der Republikaner angewiesen, wenn er Großes vollbringen will. Aber die Republikaner stehen auf der Bremse. Sie haben nur ein Ziel: „Der Schwarze muss raus aus dem Weißen Haus!&quot; 
Dahinter verbirgt sich der düstere Schatten des amerikanischen Rassismus. Die Wahl Barack Obamas zum ersten afro-amerikanischen Präsidenten der Vereinigten Staaten wurde als der Sieg über den Rassismus gefeiert. Jetzt zeigt sich, dass die Angst vor dem schwarzen Mann tief in der Seele der weißen Amerikaner verankert ist – jedenfalls derjenigen Amerikaner, die den rechten Flügel der republikanischen Partei beherrschen. Für sie ist ein schwarzer Präsident eine Katastrophe. Sie wollen ihn los sein, koste es was es wolle. Sie haben das Gerücht gestreut, er sei gar nicht in Amerika geboren worden. Deswegen sei seine Wahl zum Präsidenten gesetzeswidrig gewesen. 
Umfragen haben gezeigt, dass jeder fünfte Amerikaner den Schwindel glaubt, obwohl er tausendfach widerlegt worden ist. Für sie ist Obama ein Ausländer. Sie haben Angst vor diesem schwarzen Sklaven im Maßanzug. Er passt nicht in ihr Weltbild. Die amerikanische Nation ist so tief gespalten wie noch nie.
Mit seiner Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses hätte Obama Washington aus den Angeln heben können, so wie er es im Wahlkampf versprochen hatte. Daraus ist nichts geworden. Anstatt Washington umzukrempeln, ist&nbsp; Obama von&nbsp; Washington verschluckt worden. Viele meiner Freunde – hier und in Amerika – sind maßlos enttäuscht. Auch ich war es – bis ich die spannende Obama-Biografie von David Remnick gelesen hatte, dem Chefredakteur des Magazins „The New Yorker“. („The Bridge“- Verlag Knopf, 2010). Dieses Buch machte mich mit dem wirklichen Barack Obama bekannt. Der wirkliche Obama ist kein Idealist und erst recht kein Ideologe. Er ist ein Mann des nüchternen Kalküls – kein Revolutionär, sondern Pragmatist. 
Er ist zwischen zwei Welten aufgewachsen, als Sohn einer weißen Mutter und eines Schwarzen aus Kenia. Seine Bezugspersonen waren seine weißen Großeltern, bei denen er den größten Teil seiner Kindheit verbrachte. Er wuchs nicht im schwarzen Ghetto auf. Er musste sich in Schulen bewähren und durchsetzen, die fast nur von weißen Kindern besucht wurden. Er musste ein besserer Schüler sein als die anderen, um anerkannt zu werden. Er durfte nicht aus der Rolle fallen, sich keine Feinde machen, er musste sich anpassen, ohne sich aufzugeben. 
Das sind die Prägungen, die zunächst seine Karriere als Harvard Professor beflügelten und später seinen politischen Stil formten – vom Lokalpolitiker in Chicago bis zum Präsidenten im Weißen Haus. Barack Obama, der ausgleichende Faktor zwischen den Extremen, der Versöhner der Gegensätze, der taktvolle Manipulator, der geschmeidige Vermittler, der Mann, der zutiefst davon überzeugt ist, dass in allen menschlichen Konflikten am Ende die Vernunft siegt.
Mit dieser charakterlichen Ausstattung war Obama für einen Fehlstart in Washington geradezu prädestiniert. Dabei ist die Bilanz seiner bisherigen Amtszeit gar nicht mal so schlecht. Immerhin ist es ihm – damals, 2009 - gelungen, den Absturz der Wirtschaft in eine tiefe Rezession zu verhindern. Und mit seiner Gesundheitsreform hat er 35 Millionen Menschen die Tür zu einer Krankenversicherung geöffnet - gegen den geballten Widerstand der Pharmaindustrie und anderer mächtiger Interessengruppen.
Von Anfang an aber gab er seinen Anhängern Rätsel auf. So umgab er sich zum Beispiel, als es nach dem Zusammenbruch der Finanzindustrie darum ging, die Wirtschaft vor dem Absturz in eine tiefe Depression zu bewahren, mit Leuten, die durchweg aus der Finanzindustrie kamen und für das Chaos an der Märkten mitverantwortlich waren. Als Berater des Präsidenten sorgten sie nun dafür, dass die Großbanken nicht nur gerettet wurden, sondern einfach so weiter machen durften wie bisher. Warum hörte der Präsident nicht auf den Rat der beiden Nobelpreisträger Paul Krugman und Josef Stiglitz?&nbsp; Sie wollten, dass die&nbsp; Banken für den Schaden, den sie angerichtet hatten, haftbar gemacht werden und sich in Zukunft scharfen Kontrollen unterwerfen. 
Was ist&nbsp; stattdessen geschehen? Obama hat die Banken mit vielen Milliarden an Steuergeldern aus dem Sumpf gezogen, damit sie so weiter machen können wie bisher. Das Spielcasino an der Wallstreet&nbsp; ist wieder geöffnet. Kein einziger von den Herren, die mit ihren kriminellen Geschäftsmethoden die Finanzindustrie an die Wand gefahren haben, ist zur Verantwortung gezogen worden. Und dann auch noch dies:&nbsp; Ohne jede Gegenleistung hat Obama die milliardenschweren Steuererleichterungen, die sein Vorgänger George W. Bush den Reichen und den Superreichen gewährt hatte, um drei Jahre verlängert. 
Yes we can? Dem Pragmatiker Obama ist offenbar nichts anderes übriggeblieben, als sich den&nbsp; Machtverhältnissen in Washington zu beugen. So hat er gezeigt, was er nicht kann. Zum&nbsp; Beispiel:
<ul><li>Der berüchtigte Folter-Knast von Guantanamo existiert immer noch.</li><li>In Afghanistan geht der Krieg weiter, obwohl die Mehrheit der Amerikaner den Krieg nicht will. Obama hat seinen Generälen nachgegeben und die Truppen in Afghanistan um 30.000 Mann verstärkt. Der Krieg kostet jeden Tag eine Milliarde Dollar – die&nbsp; Rüstungsindustrie freut sich.</li><li>Obamas Friedensbemühungen im israelisch-palästinensischen Dauerkonflikt sind an der Israel-Lobby kläglich gescheitert. Der Bau israelischer Siedlungen auf palästinensischem Boden – das Haupthindernis auf dem Weg zum Frieden – geht ungebremst weiter, obwohl Obama einen sofortigen Baustopp gefordert hatte. </li></ul>
Unsere Erwartungen an den jungen Präsidenten waren viel zu hoch. Entsprechend groß ist nun die Enttäuschung: 
Trotzdem bin ich froh, dass der amerikanische Präsident Barack Obama heißt und nicht George W. Bush. Und wenn ich mir die Leute aus der republikanischen Partei anschaue, die bei der Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr gegen Obama antreten wollen, weiß ich, dass ich meinem Freund Barack die Daumen drücken werde. Er hat es mit der Vernunft versucht und ist gescheitert. Aber jeder andere an seiner Stelle wäre auch gescheitert. Einer seiner Berater sagte kürzlich: „Baracks größter Fehler ist der, dass er mit unvernünftigen Leuten vernünftig reden will.“
So leidet Amerika weiter unter Angst, Hoffnungslosigkeit und Depression. 60 Prozent der Amerikaner glauben, dass Amerika auf dem falschen Weg ist. Damit haben sie Recht. Aber sie glauben auch, dass sie daran nicht schuld sind, dass „Washington“ dafür verantwortlich ist oder die Islamisten, die Umweltschützer, die Sozialhilfeempfänger, die Terroristen und natürlich Barack Obama, der „Sozialist“ (schlimmstes amerikanisches Schimpfwort!) der die Steuern erhöhen will.
&nbsp;Das ist die Lehre, die wir aus Obamas Problemen ziehen können: positive Veränderungen werden nicht von Politikern in Gang gesetzt – seien sie auch noch so charismatisch. Sie können erst stattfinden, wenn eine kritische Masse ein Bewusstseinspotenzial aufgebaut hat, das vernünftige Entscheidungen und aufgeklärtes Handeln auf allen Ebenen möglich macht. 
Die kritische Masse – das sind wir. Während die Welt immer schneller zusammenwächst, ist Bewusstseinswandel ein Phänomen mit globaler Ausstrahlung. Jedes Individuum, das sich positiv verändert, stärkt die Energie des Wandels in der ganzen Welt. Das ist die gute Nachricht.]]></content:encoded>
			<category>Artikel zum aktuellen Zeitgeschehen</category>
			
			
			<pubDate>Fri, 16 Sep 2011 01:17:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Das späte Rom – neu aufgelegt</title>
			<link>http://www.hierjetzt.de/</link>
			<description>Über die Arroganz und den Niedergang der sogenannten Eliten</description>
			<content:encoded><![CDATA[Was der 62-jährige Schürzenjäger mit den Frauen anstellte, war bisher nur ein unterhaltsames Gesprächsthema im engen Kreis der französischen Power-Elite gewesen. Ein bisschen riskant waren seine erotischen Eskapaden ohne Frage, aber in dem hektischen Milieu der Chef-Etagen ist unkonventionelle Triebabfuhr offenbar kein Delikt, sondern eine harmlose Entspannungsmethode. Bis der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) Dominique Strauss-Kahn (kurz DSK genannt) in einer New Yorker Luxus-Hotelsuite ein schwarzes Zimmermädchen anfiel und angeblich zum Oralsex zwang. 
Da hörte der Spaß auf. Das war ein Schock. Plötzlich sah man, wie einer der mächtigsten Männer der Welt mit Handschellen gefesselt in einem New Yorker Gerichtssaal mitten unter Zuhältern, Drogendealern, Totschlägern, Einbrechern und anderen Ganoven erleben musste, dass eine kleine Haftrichterin ihn eiskalt in die Zelle eines Untersuchungsgefängnisses einwies, obwohl seine Anwälte eine Million Dollar Kaution angeboten hatten. Der Spiegel machte aus dem DSK-Skandal eine interessante Aufmachergeschichte unter dem Titel „Macht und Sex“. Aber im Grunde geht es um mehr – es geht um die Beziehung zwischen dem Volk und seinen Eliten. 
Die Beziehung ist zutiefst gestört. „Die Menschen draußen im Lande“ (Parlamentarier-Jargon) fühlen sich von ihren Eliten verarscht – nicht nur hierzulande, sondern inzwischen weltweit. Das ist der Grund, warum die Affäre DSK überall mit einer solchen Wucht einschlug. 
Die Arroganz der Mächtigen bekam ein Gesicht und manifestierte sich in einer unvergesslichen Szene mit hohem Fantasiegehalt: DSK kommt splitternackt aus dem Badezimmer und steht plötzlich vor einem Zimmermädchen – 1,80 groß, 32 Jahre alt, dunkelhäutig, schlank, aber nicht besonders attraktiv. Was macht man in einer solchen Situation? Man zieht sich einen Bademantel an und geht dem Mädchen aus dem Weg. Nicht so DSK. Der geht auf das Zimmermädchen los wie ein Hengst auf die Stute.
Der Mega-Skandal verbreitete sich mit Lichtgeschwindigkeit über den ganzen Globus. Der Mann, der die Macht hatte in das Leben von Millionen von Menschen einzugreifen, wurde als Repräsentant einer heruntergekommenen politischen Elite wahrgenommen.
Das Verhältnis zwischen dem Volk und seinen Eliten verändert sich ständig im Auf und Ab der Geschichte. Wenn die Eliten sich an Werten orientieren und ihnen das Wohlergehen der Menschen wichtig ist, herrscht zwischen Volk und Eliten Harmonie. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Deutschen ihr kaputtes Land wieder aufbauten, gab es zwischen oben und unten ein starkes Gemeinschaftsgefühl. 
Die Manager dieser Zeit waren nicht nur am Geldverdienen interessiert. Ihnen lag auch das Wohlergehen der Menschen am Herzen. Der Konsens zwischen Wirtschafts-Elite und Volk erhielt später einen Namen: soziale Marktwirtschaft. Sie war das Fundament für einen rasanten Wiederaufbau, der schließlich darin gipfelte, dass die Bundesrepublik zur zweitstärksten Export-Nation der Welt aufstieg.
In Epochen kulturellen Niedergangs schlägt das Pendel in die andere Richtung aus: Die sogenannten Eliten verlieren ihre Glaubwürdigkeit. Ihre Mitglieder sitzen immer noch an den Schalthebeln der Macht. Aber sie haben ihre Vorbildfunktion verloren. Während sie damit beschäftigt sind, ihre Privilegien zu genießen und zu verteidigen, fallen sie in der Öffentlichkeit vor allem durch hemmungslose Gier auf. Ihre Affären gehören zum gewinnträchtigsten Nachrichtenstoff der Medien: Sexskandale, Steuerhinterziehung, Korruption, Betrug, Pleiten, Intrigen und so weiter und so fort. 
Es gibt natürlich auch Manager, die in den Chefetagen der Konzerne gute Arbeit machen und nicht unangenehm auffallen. Aber auch sie sind vom Milieu ihrer Kaste geprägt. Sie freuen sich über ihre millionenschweren Boni und Aktien-Optionen. Und sie genießen die Statussymbole, die für Spitzenpolitiker schon seit langem selbstverständlich sind: Bodyguards, gepanzerte Luxuslimousine und obendrauf noch das Große Bundesverdienstkreuz.
Der Weg in den Niedergang beginnt damit, dass die Eliten sich wie im späten Rom vom Volk entfernen. Es ist hier nicht die Rede von den mittelständischen Unternehmern. Sie sind das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, aber sie gehören nicht zur Kaste der „Global Players“, die an den Schalthebeln multinationaler Konzerne, Hedgefonds und Großbanken sitzen und die Weltwirtschaft in ein gigantisches Spekulationskarussell verwandelt haben. Wenn die sich verspekulieren und der Pleitegeier über ihren Unternehmen aufsteigt, können sie sich darauf verlassen, dass die politische Elite ihnen zu Hilfe eilt und sie mit dem Geld der Steuerzahler aus der Patsche zieht. Der Staat funktioniert inzwischen wie eine Versicherungsgesellschaft, die den Spekulanten das Risiko abnimmt. Kostenlos natürlich. Die Banker werden inzwischen als kriminelle Schmarotzer wahrgenommen. 
Für Politiker gibt es nur noch Verachtung. Die meisten Menschen sind der Ansicht, dass sie vor allem damit beschäftigt sind, die gigantischen Privat-Vermögen, die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges entstanden sind, politisch abzusichern. Das heißt im Klartext: Die Politik sorgt dafür, dass die Milliarden in den Taschen der Reichen bleiben und nicht zur Finanzierung von Kindergärten, Schulen, Universitäten und zur Tilgung von Staats-schulden herangezogen werden.
Die Menschen spüren nicht nur, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden – sie lesen es auch in der Zeitung. Und sie fragen sich: Warum bleiben die Topbanker, die mit einer geradezu unfassbaren kriminellen Energie die globale Finanzwirtschaft um ein Haar in den Abgrund gerissen hätten, völlig unbehelligt? Warum dürfen die Spekulanten weitermachen wie bisher, so als sei überhaupt nichts passiert? Der nächste Finanzcrash sei schon vorprogrammiert, warnen die meisten Wirtschaftswissenschaftler. Aber wer will das schon hören?
Die parlamentarische Demokratie funktioniert nicht mehr zum Wohle des Volkes – sie ist zum Erfüllungsgehilfen der Geld-Aristokratie degeneriert. Kürzlich war aus dem Bundesfinanzministerium zu hören, dass deutsche Steuersünder jedes Jahr geschätzte 100 Millionen Euro Schwarzgeld ins Ausland verschieben. Wie funktioniert das eigentlich? 
Die Weisheit des Tao sagt uns: Bevor die Dinge gut werden können, müssen sie erst richtig schlecht werden. Sind sie schon schlecht genug, so wie in der arabischen Welt, wo Hunderttausende von jungen Menschen ihr Leben riskieren bei dem Versuch, sich von ihren Schmarotzer-Eliten zu befreien? Ihre Not und ihre Verzweiflung können wir kaum nachempfinden. Dafür geht es uns (noch) zu gut. Wir bewundern ihren Mut, aber ihre Sorgen sind nicht unsere Sorgen. Sie proben die Revolution. Das haben wir Europäer schon hinter uns – und haben dabei die Erfahrung gemacht, dass Revolutionen blutige Experimente mit starker Nebenwirkung sind: Sie bringen nicht den Neuen Menschen hervor, sondern laufen am Ende darauf hinaus, dass die Privilegien der alten Eliten auf die neuen Eliten übergehen, die mit der Revolution an die Macht gekommen sind. 
Was wir brauchen, ist eine Revolution des Bewusstseins. Sie beginnt mit der Einsicht, dass wir die Eliten haben, die wir verdienen. Daraus folgt: Nur wenn wir uns selbst verändern, können wir eine Ordnung hervorbringen, die nicht auf Raffgier, Machthunger, Ausbeutung und Gewalt basiert. 
Vielleicht ist die leidenschaftliche Debatte über den Atomausstieg ein Zeichen dafür, dass die Revolution des Bewusstseins schon begonnen hat. Die von Angela Merkel einberufene Ethik-Kommission könnte durchaus als ein bahnbrechendes Ereignis in die Geschichte eingehen. Angesehene Fachleute und hervorragende Vertreter aller gesellschaftlichen Gruppen diskutierten tagelang den Ausstieg aus der Atomwirtschaft – und die Fernsehkameras waren immer dabei. Transparenz statt Kungelei zwischen Politikern und Lobbyisten hinter verschlossenen Türen. Am Ende formulierte die Ethik-Kommission einen Katalog von Empfehlungen, der bei der politischen Willensbildung eine wichtige Rolle gespielt hat. 
Vielleicht wird der Atomausstieg Signalwirkung haben. Die Herausforderung ist riesig. Denn es geht ja nicht nur um Atomkraftwerke, sondern auch um globale atomare Abrüstung. Der Abschied von der Atombombe kann nicht mit Gewalt durchgesetzt werden. Er braucht Vertrauen und die Einsicht, dass der Mensch nur dann eine Zukunft auf diesem Planeten hat, wenn er lernt, seine Konflikte friedlich zu lösen. 
Fangen wir doch schon mal an damit. Jeder Tag ist kostbar!

P.S.: Um DSK brauchen wir uns übrigens keine Sorgen zu machen. Seine Anwälte – die besten und die teuersten, die es gibt – werden ihre Millionen-Honorare damit verdienen, dass sie das Zimmermädchen fertigmachen. Am Ende wird man sie den Schöffen als eine verlogene Hure präsentieren, die abkassieren und sich mit ihrer Story interessant machen will.
Juli, 2011]]></content:encoded>
			<category>Artikel zum aktuellen Zeitgeschehen</category>
			
			
			<pubDate>Sun, 14 Aug 2011 01:16:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Livio und die Welt von morgen</title>
			<link>http://www.hierjetzt.de/</link>
			<description>Sind unsere Kinder auf die Geburt eines neuen Zeitalters vorbereitet?</description>
			<content:encoded><![CDATA[Eine Zehntelsekunde Unaufmerksamkeit – und schon ist es passiert. Fahrradunfall. Eine stille Landstraße, kein Verkehr, weit und breit kein Mensch. Der Krankenwagen kommt. Er braust mit Blaulicht und Sirenengeheul los. Im Kreiskrankenhaus ergibt die Röntgen-Untersuchung: nichts gebrochen. Dafür flächendeckender Bluterguss. Im Krankenbett zu Hause rückt die Welt mit ihrem hektischen Getriebe in weite Ferne. Und ich habe – befreit von Terminen und Verpflichtungen – reichlich Muße, sie zu betrachten. 
Als Erstes fällt mir mein Enkel Livio ein. Vor ein paar Wochen war der Zehnjährige mit seiner Mutter Anatto und seiner Schwester Ghita (4 Jahre) aus Kapstadt zu Besuch bei uns. Tagelang waren Gitama und ich damit beschäftigt, ein attraktives Programm für die beiden Kleinen zu planen und uns Geschenke auszudenken. Für Ghita war das pinkfarbene Plastik-Handtäschchen mit Lippenstift, Spiegel, Haarbürste und Schlüsselanhänger der Hit schlechthin. Und Livio war von dem schwarz rot goldenen Trikot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft begeistert. Er spielt in einer Jugend-Mannschaft, die am Kap einen guten Namen hat. „African Brothers&quot; heißt sie. Schwarze und weiße Kids sind in einem verschworenen Team vereint. 
Livio geht in Kapstadt auf die deutsche Schule, aber eigentlich ist er multinational. Sein Vater ist Italiener. So schaltet Livio mühelos zwischen drei Sprachen um – Deutsch, Englisch und Italienisch. Sein bester Freund ist ein Schwarzer namens Paul. Auf die Frage, warum er mit Paul so eng befreundet ist, antwortete er: &quot;Weil ich mit dem am besten lachen kann&quot;. 
Während ich in meinem Krankenbett lag, erinnerte ich mich daran, wie ich im Tor stand und Livio auf dem Rasen hinter dem Haus seine Elfmeter-Raketen abfeuerte. Bald taten mir die Hände weh und ich gab auf. Wie klein doch so ein Junge mit zehn Jahren noch ist, dachte ich. Einerseits durchaus robust, andererseits aber auch so zart und verletzbar. 
Als ich so alt war wie Livio, wurde ich in ein Nazi-Internat eingeschult – eine so genannte Napola. Die Disziplin war geradezu sadistisch. Wenn man beispielsweise zum Stubendienst eingeteilt war, musste man vor dem Zu-Bett-Gehen den Raum putzen, in dem jeweils zehn Jungs zusammen lebten. 
Am späten Abend inspizierte der diensthabende &quot;Jungmann“ den Raum und suchte nach Staub. Mit gelecktem Finger zwischen den Rillen der Zentralheizung zum Beispiel oder hinter Spinden an der Wand. Wenn ich Stubendienst hatte, wusste ich schon, was auf mich zukommen würde. Denn wer sucht, der wird auch fündig. Gegen Mitternacht kam der Jungmann vom Dienst in den Schlafraum und brüllte: „Jungmann Elten raus!&quot; Mit einem Satz war ich auf den Beinen und eine Minute später ging die Schleiferei los. 
Barfuß und nur mit Badehose bekleidet durch die Eispfützen der Reitbahn robben, auf Bäume klettern und wieder runter, auf dem Bauch unter dem Drahtverhau der Hindernisbahn hindurch kriechen, auf einem glatten Balken über eine vier Meter tiefe Grube balancieren, die Palisade anspringen, im Klimmzug hoch und drüber weg… so ging das fast eine Stunde lang. Das Finale fand im Duschraum statt. Drei Minuten stramm stehen, während eiskaltes Wasser auf die Schädeldecke prasselte. Anschließend zurück ins Bett. 
Ich kann mir nicht vorstellen, dass mein geliebter Enkel Livio diesen Stress ausgehalten hätte. Mir ist ja selbst auch nicht ganz klar, wie<em> ich</em> die rauen Riten der Napola überlebt habe. Ich weiß nur, dass ich mit der Gewissheit aufgewachsen bin: „Nichts auf der Welt haut mich um!“
Die Geburt eines neuen Zeitalters hat begonnen, und sie wird für diejenigen schmerzhaft sein, die nicht darauf vorbereitet sind. Sind unsere Kinder und Enkel darauf vorbereitet? Diese Wohlstands-Geschöpfe mit ihren Gummibärchen und Nintendo Spielen? Wir verwöhnen sie nach Strich und Faden.&nbsp; Dabei leben wir seit Jahrzehnten über unsere Verhältnisse und häufen – Schizophrenie in Aktion! - gigantische Schulden an, die wir unseren Kleinen als teuflische Erbschaft hinterlassen. Wie werden sie damit zurechtkommen, wenn obendrein das Klima kippt, die Ölreserven versiegen, die Landwirte kein Dieselöl für ihre Traktoren und Mähdrescher mehr auftreiben können und statt Überfluss plötzlich Hungersnot herrscht?
Sie sind nicht abgehärtet. Sie kennen keine Not. Auch nicht die Hartz IV Kinder, die statistisch gesehen jenseits der sogenannten Armutsgrenze leben. Fast täglich beamt uns das Fernsehen grauenhafte Bilder von der ostafrikanischen Hungerkatastrophe ins Wohnzimmer. Sie zeigen uns, dass selbst die Ärmsten unter uns im globalen Vergleich noch auf hohem Niveau leiden. (Worauf wir uns freilich nichts einbilden können, denn es ist natürlich ein Skandal, dass die zweitgrößte Exportnation der Welt nicht genug Geld für ein umfassendes modernes Bildungswesen aufbringt, das <em>allen</em> Kindern kostenlos zugutekommt). 
Seit Jahrzehnten wissen wir, dass unsere Kultur des Überflusses reines Gift für junge Menschen ist. Fettleibigkeit, Konzentrationsstörungen, Schlaflosigkeit, nervöse Unrast, Computer-und Fernsehsucht sind typische Wohlstandserscheinungen – und sie breiten sich immer schneller aus. 
Was tun wir dagegen? So gut wie nichts. Wir müssten eine Kultur der Bescheidenheit entwickeln. Aber damit ist eine moderne Konsumgesellschaft natürlich überfordert.
Es gab Zeiten, in denen spartanische Kindererziehung hoch angesehen war. In preußischen Kadettenanstalten zum Beispiel oder in den Internaten der englischen Oberschicht. Auch die Napolas gehörten dazu und die sowjetischen Kaderschmieden. Wichtige Tugenden waren Gehorsam, Disziplin, Härte, Ausdauer und Pflichtgefühl. Hier wurden Menschen erzogen, die kämpfen und herrschen sollten. Gottlob sind diese Zeiten vorbei. Wir brauchen in Zukunft keine Kämpfer und Herrscher, sondern junge, bewusste Menschen, die mit dem Leben fließen und heilende Kräfte entwickeln.
Heute werden Tugenden gebraucht, die früher als Untugenden galten. Zum Beispiel Ungehorsam. Damit hat Livio überhaupt kein Problem. Als er bei uns zu Besuch war, hatte ich Gelegenheit, die Grenzen meiner Toleranz zu testen. Eine interessante Erfahrung. In Zukunft wird der aufgeklärte Ungehorsam der Bürger die Ohnmachtsgefühle vertreiben, die so viele Menschen daran hindert,&nbsp; sich gegen die Arroganz der Mächtigen aufzulehnen und ihr Leben in eigener Regie zu gestalten. 
Härte? Abgesehen von seinen Elfmeterschüssen konnte ich bei Livio keine Härte entdecken. Aber auch das fand ich eher gut. Livio ist nicht der Typ, der mit dem Kopf durch die Wand geht. Zur Härte gehören auch Sturheit und eine eingeschränkte Sicht. Die gehen Livio völlig ab. Er ist einer, der zuhören kann und der auf Widerstände flexibel und kreativ reagiert. Ich finde das sehr wichtig in einer Welt, in der unglaublich viel geredet und fast überhaupt nicht zugehört wird. 
Er ist neugierig und hat keine Vorurteile. Auch das gehört zu Livios Stärken, die er gut gebrauchen kann. Und dass er in Südafrika aufwächst, halte ich geradezu für einen Glücksfall. Für ihn ist Nelson Mandela das große Vorbild, der einzige visionäre Staatsmann, den die Welt seit Charles de Gaulle hervorgebracht hat. 
Schließlich wächst Livio in Osho…˜s Energiefeld auf. Ein zweiter Glücksfall für ihn. Denn der indische Weise hat der Menschheit eine Lehre hinterlassen, die alle wichtigen Zukunftsfragen beantwortet. Die Essenz der Lehre ist einfach: Übernehme die Verantwortung für dich selbst Mache keine Kompromisse aufs Kosten deiner Integrität. Lebe dein Leben total. Sei dir in jedem Augenblick bewusst, was du tust und was du denkst. Fange bei dir an, wenn du die Welt positiv verändern willst.
Livio wird nicht kämpfen und nicht herrschen. Aber wenn er sein Leben bewusst gestalten will, braucht er Disziplin und Ausdauer – zwei alte Tugenden, die in meiner Kindheit schändlich missbraucht worden sind. Wenn er mich das nächste Mal besuchen kommt, werde ich ihm eine kleine Geschichte erzählen, die ich von Osho habe:
„Es begab sich, dass ein Sufi-Meister mit seinem Schüler durch die Wüste zog. Am Abend kehrten sie in einer Karawanserei ein. „Kümmere dich um die Kamele“, befahl der Meister seinem Schüler. Als sie am nächsten Morgen weiterziehen wollten, waren die Kamele verschwunden. „Wo sind die Kamele?“, fragte der Meister. „Keine Ahnung!“ antwortete der Schüler. 
„Habe ich dir nicht gesagt, dass du dich um die Kamele kümmern sollst?“
Der Schüler zog ratlos die Schultern hoch und antwortete: „Ja, das hast du gesagt. Aber du sagst auch immer wieder, dass ich vertrauen soll und dass Allah sich um mich kümmern wird.“
„Das ist richtig“, sagte der Meister. „Aber Allah kümmert sich nur um dich, wenn du dein Kamel anbindest!“ ]]></content:encoded>
			<category>… zu spirituellen Themen</category>
			<category>Artikel zum aktuellen Zeitgeschehen</category>
			
			
			<pubDate>Sun, 14 Aug 2011 01:14:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
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			<title>Das Drama auf dem Platz der Freiheit</title>
			<link>http://www.hierjetzt.de/</link>
			<description>In Ägypten manifestiert sich die Macht der Internet-Generation</description>
			<content:encoded><![CDATA[Seit Tagen demonstriert das Volk auf dem Tahrir Platz, dem Platz der Freiheit, im Zentrum der ägyptischen Hauptstadt. Hunderttausende von Demonstranten brüllen im Chor: &quot;Mubarak raus, Mubarak raus, Mubarak raus!&quot; Schlägertrupps des Diktators greifen mit Schlagstöcken, Messern und Molotow Cocktails an. Steine fliegen. Verwundete werden aus der Kampfzone geschleppt. Dazwischen Soldaten der ägyptischen Armee auf schweren Panzern. Werden Sie schießen oder nicht? Die Situation steht auf Messers Schneide. 
Ich wähle eine Telefonnummer in Kairo. Beim dritten Anlauf komme ich durch. Am anderen Ende der Leitung ist Leila. Ich kenne sie aus der Zeit, als ich in Kairo lebte, als Nahost Korrespondent für die „Süddeutsche Zeitung“. Das war vor fast 50 Jahren. Damals war Leila eine Star-Journalistin. &quot;Bist du o.k.? &quot; frage ich meine alte Freundin. Und sie jubelt ins Telefon: &quot;Ich bin o.k.! Ich bin sogar begeistert!“ 
Sie wohnt in einem feinen Wohnviertel auf der Nilinsel Samalik. Der Tahrir Platz ist nur einen Kilometer entfernt. &quot;Wenn ich 50 Jahre jünger wäre, würde ich natürlich auf dem Platz sein und mitmachen&quot;, lacht sie.&nbsp; Kairo ist in Aufruhr, aber in Leilas Gegend sind die Geschäfte geöffnet und es gibt genug Lebensmittel. &quot;Meine Medikamente bestelle ich übers Telefon“, sagt sie „und die Apotheke schickt sie mir ins Haus&quot;. 
Während wir miteinander telefonieren, verfolgen wir das Drama auf dem Tahrir Platz auf der Frequenz des arabischen Nachrichtensenders Al Dschasira. Wir sehen also die gleichen Bilder zur gleichen Zeit, und es kommt mir so vor, als säßen wir im gleichen Zimmer. So klein ist die Welt geworden!
Al Dschasira wirkt wie ein Turbolader auf die Energie des Aufstands. Der Nachrichtensender versorgt die Organisatoren der Demonstration rund um die Uhr mit wichtigen Informationen. So können sie im Fernsehen beobachten, wie angeschlagen das Regime des Diktators ist. Sie erfahren das Neueste aus den Hauptstädten der Welt, vor allem aus Washington. Dort sitzt Barack Obama, der Hoffnungsträger der jungen Generation, und weiß nicht, wofür er sich entscheiden soll: für sein Herz, das für die aufständischen jungen Menschen auf dem Tahrir Platz schlägt, oder für seinen Verstand, der sich nicht mit der jüdischen Lobby in Washington und den Bossen der Ölkonzerne anlegen will. 
Die Organisatoren des Aufstands nutzen die Mikrofone und Kameras von Al Dschasira, um dem amerikanischen Präsidenten Mut zu machen. Er soll sich endlich entscheiden – aber Obama zögert. Und Millionen von jungen Al Dschasira- Fans zwischen Rabat und Damaskus sind maßlos enttäuscht von ihm. 
Nach wenigen Tagen verwüsten Schergen des Regimes das Al Dschasira Büro in Kairo, verhaften die Reporter und Mitarbeiter des Nachrichtensenders und unterbinden seine Übertragungen. Aber Al Dschasira weicht sofort auf einen anderen Satelliten aus, filmt den Tahrir Platz mit versteckter Stand-Kamera und ist schon bald wieder auf Sendung.
Der Krieg um die Macht am Nil wird nicht mit scharfer Munition ausgetragen, sondern mit den Kameras und den Mikrofonen der internationalen Medien. Die Machthaber können es sich nicht leisten, den Aufstand des Volkes vor den Augen der Weltöffentlichkeit in einem Blutbad zu ertränken. 
Es gibt in diesem ägyptischen Drama Aspekte, die über die Tagesaktualität hinausweisen. So hat zum Beispiel die Revolution auf dem Tahrir Platz durchaus das Potenzial, einen Flächenbrand im ganzen Nahen Osten auszulösen - mit unabsehbaren Folgen für den Rest der Welt, besonders für die Industrienationen mit ihrem unersättlichen Energiehunger.
Von Tunesien sprang der Funke auf Kairo über und schon brodelt es auch in Marokko, Jordanien und im Jemen. Die ganze Welt schaut jetzt auf Saudi-Arabien. Wenn der Funke des Aufstands auf das mittelalterlich regierte Königreich überspringen sollte, bräche die Hölle los. Denn unter dem Wüstenboden Saudi-Arabiens lagern fast drei Viertel der bekannten Erdölvorräte der Welt. 
Neben Ägypten (unter Mubarak) und Israel gehört Saudi-Arabien zu den engsten Verbündeten Amerikas. In diesem Land wird eine Ehefrau, die sich einen Seitensprung leistet, öffentlich gesteinigt. Dieben wird die Hand abgehackt, Frauen dürfen kein Auto fahren, sich am Strand nicht im Badeanzug zeigen und ohne Erlaubnis ihres Ehemannes nicht verreisen. Ein seltsamer Bundesgenosse für Barack Obama
Die Imame der ultrakonservativen moslemischen Wahabiten-Sekte beherrschen die Moral und das öffentliche Leben dieses bizarren Wüstenstaates. Dabei reicht ihr Einfluss weit über die Landesgrenzen hinaus. Weltweit finanzieren und betreiben sie so genannte Madrasas, Koranschulen, in denen Tausende von jungen Moslems zu religiösen Fanatikern erzogen werden. Viele Selbstmordattentäter haben ihre prägenden Jahre in solchen Madrasas verbracht. 
Der Machtkampf am Nil kann lange dauern und sein Ausgang ist ungewiss. Aber wenn in Ägypten nach fast 60 -jähriger Militärdiktatur ein demokratischer Rechtsstaat entstehen sollte, mit einem frei gewählten Parlament, unabhängigen Gerichten und Medien, wäre es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Diktaturen der Scheichs, der Monarchen, der Prinzen und der Generäle in anderen arabischen Ländern zusammenbrechen. Ägypten ist das intellektuelle Zentrum im Nahen Osten. In Ägypten schlägt das kulturelle Herz der arabischen Welt. 
Es wäre naiv, zu glauben, dass der letztlich unvermeidbare Übergang von mittelalterlichen Strukturen zur modernen Demokratie in geordneten Bahnen verlaufen würde. Wir müssen uns also auf turbulente Zeiten gefasst machen. Wenn der Ölpreis in die Höhe schnellt, könnte es durchaus zur nächsten Weltwirtschaftskrise kommen und unsere Komfortzone, in der wir es uns so gemütlich gemacht haben, könnte&nbsp;sich als Fata Morgana erweisen. 
Ein paar unangenehme Fragen drängen sich auf: Warum haben wir die Augen zugemacht vor dem Elend der Menschen in Ägypten? Warum haben unsere Medien die Legitimation des Mubarak-Regimes nicht hinterfragt? Warum haben unsere Politiker diesen farblosen Diktator 30 Jahre lang wie eine Ikone staatsmännischer Weisheit und Größe behandelt? Warum haben die Freunde Israels nicht erkannt, dass die Sicherheit des jüdischen Staates auf den Bajonettspitzen einer arabischen Militärdiktatur schlecht aufgehoben ist? Wieso glauben wir überhaupt, dass wir die Ölquellen am Persischen Golf am besten dadurch schützen können, dass wir uns mit reaktionären Machthabern verbünden und sie mit modernsten Hightec-Waffen aufrüsten?
Es ist schon ein bisschen peinlich, zu beobachten, wie unsere rauschgifthafte Gier nach dem Öl unsere Moral korrumpiert und unser Gehirn lahmgelegt hat. 
Was wir im Augenblick erleben, ist der Übergang von einer Epoche, in der politischer Einfluss vor allem auf militärischer Stärke beruhte, zu einer Epoche, in der das Internet weltweit Hunderten von Millionen vor allem junger Menschen die Möglichkeit bietet, sich unbegrenzt zu informieren, sich auszutauschen, politische Überzeugungen zu entwickeln, ihre Interessen zu bündeln und sie schließlich solidarisch und friedlich zu vertreten und durchzusetzen. 
&quot;Mubarak ist passee&quot;, sagt Leila am Telefon. &quot;Der ist in einem anderen Zeitalter zuhause. Das geht jetzt gerade zu Ende. Das Internet hat dem Volk eine Stimme gegeben. Das lässt sich nicht mehr rückgängig machen.&quot;]]></content:encoded>
			<category>Artikel zum aktuellen Zeitgeschehen</category>
			
			
			<pubDate>Wed, 09 Feb 2011 20:56:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Leise rieselt der Schnee…</title>
			<link>http://www.hierjetzt.de/</link>
			<description>… und sorgt für Chaos im High Tech Land / Über die Kluft zwischen Technik und Bewusstsein</description>
			<content:encoded><![CDATA[Gegen zehn Uhr morgens merke ich, dass die Heizung kalt wird. Anruf bei Horst. Er ist der einzige, der eine Ahnung hat, wie unser Hightech-Holzschnitzel-Fernwärme-Heizkraftwerk funktioniert, das wir voriges Jahr in unserem Dorf hochgezogen haben. „Gut dass du anrufst“, sagt Horst. „Ich fahre sofort los“. Fahren? „Wieso kann denn der noch fahren?“ denke ich. Mein Auto steckt seit zwei Tagen im Schnee fest.
Eigentlich sollte unser Kraftwerk total betriebssicher sein. Der Spezialist, der den Bau überwacht hat, kann das Ding angeblich über seinen Computer fernsteuern – von einem Kaff in Brandenburg aus,&nbsp; 250 km von uns weg. Leider macht er wohl grade Ferien. 
Es schneit und schneit. Klirrender Frost. Eisiger Wind aus Nordost. Überall Schneeverwehungen. Frau Bumann, unsere Postbotin, hat es nicht geschafft, zu uns durchzukommen. Auch die „Ostsee Zeitung“ ist nicht geliefert worden. Ich komme mir vor, wie in einer Forschungsstation in der Arktis. Gottseidank ist der Kühlschrank gut gefüllt. Zehn Tage könnte ich durchhalten mit meinen Ressourcen. Nur die Heizung darf natürlich nicht ausfallen…
Ich ziehe mich warm an, klemme eine Flasche Nuss-Likör unter den Arm und breche zu meiner Nachbarin Hilde auf, um ihr frohe Weihnachten zu wünschen. Kaum aus dem Haus, versinke ich fast bis über zur Hüfte im Schnee und kämpfe um mein Gleichgewicht. Schon von weitem sehe ich: Aus Hildes Schornstein dringt weißer Rauch. „Die hat…˜s gut“, denke ich, „die hat noch Ofenheizung“. 
Hilde, 76 Jahre alt, schneeweißes Haar, strahlende graue Augen, ist eine einfache Frau, aber sie besitzt die Gnade der Altersweisheit. „Ich verstehe das ganze Theater um das Wetter überhaupt nicht“, sagt sie.&nbsp; „Früher haben wir uns über weiße Weihnachten gefreut. Jetzt reden alle von einer Wetterkatastrophe.“
„In Thüringen gibt es auf der Autobahn 100 km Stau in beiden Richtungen!“ wende ich ein. Hilde macht eine wegwerfende Handbewegung: „Na und? Das kommt davon, wenn man sich bei so einem Wetter ins Auto setzt.&nbsp; Geschieht denen ganz recht.“
„Es gibt ja auch viele, die mit der Bahn fahren wollen…“, sage ich und Hilde unterbricht: „Die sitzen jetzt auf ihren Koffern und warten auf Züge, die nicht kommen oder stundenlang verspätet sind. Was ist das denn für eine Bahn, die kaum noch fährt, wenn es schneit? Früher sind wir mit der Dampflokomotive gefahren. Die fuhr bei jedem Wetter. Pünktlich! Angeblich sind die Weichen eingefroren. Seit wann muss man denn Weichen heizen? Verstehst du das?“ 
Ich verstehe das auch nicht. Im Sommer haben die Klimaanlagen in den ICE’s schlapp gemacht. Im Winter frieren die Weichen ein. Hilde: „Was nützt eigentlich der ganze Fortschritt, wenn er nur Stress macht? Hast du im Fernsehen das Chaos auf den Flughäfen gesehen? Die Helfer tun mir leid. Die schenken rund um die Uhr Kaffee aus und verteilen Sandwiches. Und dann spucken ihnen die Passagiere ins Gesicht, weil die Flugzeuge nicht starten. Als wenn die was dafür könnten!
Hilde ist jetzt so richtig in Fahrt gekommen:„Wieso muss man auch über Weihnachten nach Thailand fliegen. Oder nach Afrika? Das ist doch reiner Wahnsinn!“
Um die Weihnachtszeit schien es so, als ob die Natur uns mal ihre raue Seite zeigen wollte, um uns aufzuwecken und bewusst zu machen, wie hilflos wir mit unserer großartigen modernen Technik umgehen. Hilde ist davon nicht betroffen. Sie hat kein Auto und ist noch nie in ein Flugzeug gestiegen. Ihr Reich ist ihr Gemüsegarten mit den Hühnern, den Kaninchen und den Enten. Sie kauft nicht im Supermarkt ein, sondern bei dem Händler, der zweimal in der Woche mit seinem Spezial-LKW ins Dorf rollt und fast alles an Bord hat, was der Mensch so braucht.
Hilde schwingt nicht auf der kurzatmigen Frequenz, auf der wir unsere Neurosen pflegen. Der Kern ihrer Weisheit ist ihre Bescheidenheit. 
Seit der Mensch das Beil erfunden hat, wird seine Erfindungsgabe von dem Drang beseelt, die gefährlich unberechenbare Natur unter Kontrolle zu bringen. Dabei sind im Laufe der Jahrhunderte immer neue, immer spektakulärere Wunderwerke des menschlichen Geistes entstanden. Das Flugzeug zum Beispiel, das dem Menschen ermöglicht, die Schwerkraft zu überwinden. Die Atomspaltung, die ungeheure und unerschöpfliche Kräfte freisetzt. Raumschiffe die den Globus umkreisen. Eingriffe in das menschliche Erbgut und die Fähigkeit, das Wunder der Zeugung im Reagenzglas zu ermöglichen. Die Transplantations Chirurgie, die es erlaubt, den menschlichen Körper mit Ersatzteilen zu reparieren. Und nicht zuletzt das Auto, das den uralten Traum von grenzenloser individueller Mobilität zu erfüllen versprach.
Die Dynamik des naturwissenschaftlich-technischen Fortschritts hat sich besonders in den letzten 300 Jahren dramatisch verschärft. In dieser Zeit wurde die Gier zu ihrer stärksten Antriebskraft. Es ging nicht mehr nur darum, sich vor den Unbilden der Natur zu schützen. Der Fokus verschob sich mehr und mehr auf die lukrative Ausbeutung des Planeten. Die Industrialisierung ging auf Kosten der Natur, von der sich die Menschen immer weiter entfernten. Das Gefühl dafür, dass Mensch und Natur eine Einheit sind, ging fast gänzlich verloren, und damit auch die Einsicht, dass Naturzerstörung ein Akt menschlicher Selbstzerstörung ist.
Die Disharmonie zwischen Mensch und Natur hat dazu geführt, dass sich die Dynamik des wissenschaftlich-technischen Fortschritts verselbstständigt hat und schließlich außer Kontrolle geraten ist. Wir beherrschen die Technik nicht mehr, sie beherrscht uns. Sie bedient unsere Gier, unsere Bequemlichkeit, unseren kindischen Spieltrieb, unsere Eitelkeit, unseren Größenwahn. Und damit ist ihr Reiz fast unwiderstehlich geworden. Mit anderen Worten: Wissenschaft und Technik haben sich viel schneller entwickelt als das menschliche Bewusstsein. Die tiefe Kluft zwischen Bewusstsein und &quot;Fortschritt&quot; hat dazu geführt, dass sich fast alle großen technischen Errungenschaften gegen den Menschen ausgewirkt haben.
So brachte uns zum Beispiel die Kernspaltung die Atombombe und das Atomkraftwerk, das wir nicht wirklich im Griff haben. Als das Auto erfunden wurde, schien der uralte Traum des Menschen nach grenzenloser Beweglichkeit in Erfüllung zu gehen. Was ist daraus geworden? Staus, Unfälle, Frust, Chaos, Umweltzerstörung. Die Hightech-Medizin hat dazu geführt, dass die Menschen länger leben, aber im Alter zu Millionen in Pflegeheimen dahindämmern. Und dann die Computer! Wir lieben und wir hassen sie. Sie haben uns die Welt des Internets beschert und sie treiben uns zum Wahnsinn, weil sie einfach nicht zuverlässig funktionieren wollen. Sie sind der Motor des Informationszeitalters und sie haben weltweit Hunderte von Millionen Arbeitsplätze vernichtet. Sie machen keinen Unterschied zwischen Gut und Böse. Sie dienen Menschenhändlern ebenso wie Wissenschaftlern, sie helfen Umweltschützern ebenso wie Hackern, die dein Kennwort klauen und dein Onlinekonto abräumen. Und jetzt werden sie auch als unheimliche Waffe in einem neuen Krieg eingesetzt, der unter dem geheimnisvollen Namen &quot;Cyber War“ die schlimmsten Befürchtungen auslöst. 
Überall auf der Welt basteln Programmierer an der Entwicklung von Software Programmen, die den Flugverkehr ins Chaos stürzen, Fabriken still legen, Kraftwerke außer Kraft setzen, Verkehrsströme und Informationsnetzwerke sabotieren und noch jede Menge anderen Blödsinn anrichten können. Computerspezialisten der Geheimdienste bereiten sich darauf vor, dass Terroristen im Cyber War zum Angriff übergehen.
Viele Menschen spüren natürlich, dass der so genannte Fortschritt ein unheimliches Phänomen ist. Was ist zu tun? Immer mehr Aktivisten organisieren sich und nehmen den Kampf gegen die Regierenden auf, denen sie die Schuld für unseren unverantwortlichen Umgang mit der Technik zuschieben.
Ohne Frage haben die Politiker versagt. Eine vernünftige Verkehrspolitik müsste zum Beispiel die Pendlerpauschale abschaffen und das Benzin noch stärker besteuern. Sie müsste die Autoindustrie dazu zwingen, viel schneller und energischer neue Mobilitätskonzepte zu entwickeln. Der Flugverkehr müsste viel teurer werden. Dafür müssten die Bahn- Tickets subventioniert und der Güterverkehr auf der Bahn drastisch gefördert werden. Mit anderen Worten: wir brauchen eine Politik, die uns, den Wählern, große Opfer abverlangt. 
Dazu hat der pragmatische und scharfzüngige luxemburgische Premier- und Finanzminister Jean Claude Juncker kürzlich einen trockenen Kommentar geliefert: „Wir Politiker wissen schon, was wir tun müssen. Wir wissen nur nicht, wie wir danach wiedergewählt werden können.“
Gregor Gysie, der Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, sieht das Problem vollkommen anders. In einem Dialog mit dem buddhistischen Mönch und Poeten Thich Nath Hanh, das schon vor zehn Jahren stattfand, formulierte der frühere DDR-Anwalt eine interessante Einsicht: „Ich fürchte eine gottlose Gesellschaft, weil ich weiß, dass sie eine Gesellschaft ohne Werte sein wird… Meine Frage ist, woher soll die Erkenntnis kommen, dass wir uns beschränken müssen, die Erkenntnis auch, dass ich das, was ich der Natur nehme, ihr auch wieder zuführen muss? Von den Regierenden und der Politik wird das nicht kommen. Deshalb komme ich zu der Erkenntnis, dass die Religion in diesem Jahrhundert eine größere Rolle spielen muss…“ 

P.S. Übrigens:&nbsp; Die Heizung ist nach ein paar Stunden wieder angesprungen. Dafür gibt es seit drei Tagen keine Internetverbindung: Die Telekom hat plötzlich die Zugangsdaten nicht mehr erkannt – und die neuen Daten noch nicht&nbsp; geschickt. Durchatmen…Ruhe bewahren…surrendern…]]></content:encoded>
			<category>… zu spirituellen Themen</category>
			<category>Artikel zum aktuellen Zeitgeschehen</category>
			
			
			<pubDate>Sat, 08 Jan 2011 20:17:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
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			<title>Die Intelligenz des Herzens</title>
			<link>http://www.hierjetzt.de/</link>
			<description>Im Kampf gegen den Terror brauchen wir die Power der Liebe</description>
			<content:encoded><![CDATA[Der „Krieg gegen den Terror“ hat zwei moderne Kämpfertypen hervorgebracht, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Nur eines haben sie gemeinsam: sie sind beide Symbolfiguren des Wahnsinns. 
Da ist zum Beispiel der 28-jährige Selbstmordattentäter Hassan. Er hat sein ganzes Leben in einem palästinensischen Flüchtlingslager verbracht. Dort ist er in einer Atmosphäre des Hasses aufgewachsen – Hass auf die Israelis, die ihre Eltern oder Großeltern aus ihrer Heimat vertrieben haben. Hass auf die Amerikaner, die mit Israel verbündet sind.
Hassan lebt unter israelischer Besatzung in Gaza wie in einem riesigen Gefängnis. Er hat im Flüchtlingslager mit UNO-Hilfe eine relativ gute Schulbildung genossen. Aber er ist arbeitslos. Gazas Wirtschaft wird seit fast zehn Jahren von einer Blockade gedrosselt, die Israel, die USA und Europa über den schmalen Landstrich am Mittelmeer verhängt haben. Hassan möchte gerne studieren und Ingenieur werden. Aber er hat kein Geld fürs Studium und außerdem gibt es in Gaza keine Universität. 
Hassan träumt von einer Freundin. Und natürlich von Sex. Aber der Sittenkodex des Islam verbietet Sex vor der Ehe, und zum Heiraten fehlen Hassan alle Voraussetzungen: kein Geld, kein&nbsp; Job, keine Perspektive. Nicht einmal einen Quicky bei einer Nutte kann er sich leisten. Hassans sexueller Frust produziert jede Menge Adrenalin. Er leidet unter einem fast unerträglichen Aggressionsstau. Der Märtyrertod erscheint ihm als Erlösung. 
Eines Tages ist es so weit. Auf abenteuerliche Weise gelingt es Hassan, Gaza zu verlassen. Über den Yemen und Katar reist er nach Pakistan. Die Reise wird von Männern organisiert und finanziert, die Hassan nicht kennt. 
Drei Wochen nach seiner Ankunft in Pakistan sprengt sich Hassan am Khyber Pass, dem Tor zu Afghanistan, in die Luft und reißt zehn Menschen mit sich in den Tod. Alle sind Zivilisten. Fünf Tanklastwagen mit Sprit für amerikanische Panzer und Hubschrauber gehen in Flammen auf. Amerikanische Soldaten entkommen dem Anschlag.
Auf der anderen Seite des Krieges gegen den Terror kämpft Andrew, der amerikanische Luftwaffenpilot. Auch er ist 28 Jahre alt. Seine Ausbildung zum Kampfpiloten hat den amerikanischen Steuerzahler eine runde Million Dollar gekostet. Andrew ist verheiratet und Vater einer zweijährigen Tochter. 
Im Kampf gegen den Terror in Afghanistan spielt Andrew eine ebenso wichtige wie ungewöhnliche Rolle. Ungewöhnlich, weil er an vorderster Front mitmacht, ohne persönlich anwesend zu sein. Andrew ist ein Long Distance Killer. 10 000 Kilometer von Afghanistan entfernt sitzt er im US-Staat Virginia in einem abgedunkelten Raum vor einem Bildschirm. Die Klimaanlage summt. Sonst ist es ganz still. Andrew ist der Pilot einer sogenannten <i>Drohne</i>. Mit seiner Rechten am Joystick steuert er den unbemannten&nbsp; Flugkörper über eine Satellitenverbindung. Es sieht so aus, als ob er in ein Videospiel vertieft ist.
Am liebsten schiebt Andrew Frühschicht. Nachdem er mit seiner Frau Terry und der kleinen Betty in der Küche eines hübschen Einfamilienhauses gefrühstückt hat, setzt er sich in seinen Porsche (ein Geschenk vom Schwiegervater), fährt 20 Minuten bis zu seinem Einsatzort und nimmt auf dem bequemen Bürostuhl vor dem Bildschirm Platz.
&nbsp;Zum Mittagessen ist er wieder zu Hause. Inzwischen hat er mit einem sanften Fingerdruck auf einen Knopf am Joystick ein Haus vernichtet, das in einer schwer zugänglichen Gegend an der Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan stand. Bei diesem Angriff sind 12 Menschen zu Tode gekommen, darunter drei Kinder und eine schwangere Frau. Andrew weiß das nicht. Vielleicht interessiert es ihn auch gar nicht. Das eigentliche Operationsziel, ein Taliban-Kommandeur, hatte das Haus rechtzeitig verlassen und kam mit dem Leben davon. Dumm gelaufen. Sorry.
Aber was hat diese Heldentat vom Bürosessel aus im Kampf gegen den internationalen Terror gebracht? Die Frage offenbart den ganzen Wahnsinn eines Krieges, der mit falschen Mitteln und am falschen Ort geführt wird. Inzwischen ist nämlich unbestritten, dass die Raketen der Drohnen mehr&nbsp; Terroristen produzieren, als töten. Allzu oft sterben dabei alte Menschen, Frauen und Kinder. Das ist scharfe Munition für die Propaganda der Al Kaida. Tausende von jungen Islamisten schwören Rache und brennen darauf, sich im Kampf gegen die „ungläubigen Kindermörder“ mit einem Sprengstoffgürtel ins Paradies zu katapultieren.
Viele NATO-Soldaten mussten sterben, bis ihre Kommandeure begriffen hatten, dass man Terroristen, insbesondere Selbstmordattentäter, nicht mit Panzern, Hubschraubern, Kampfbombern und Drohnen in Afghanistan besiegen kann. Längst ist es den Terroristen gelungen, den Krieg auf Europa und Amerika auszudehnen. Dabei bedienen sie sich einer neuen Variante des Terrorismus: Terror mit der Terrordrohung. 
Die Bombe muss gar nicht mehr hochgehen. Es reicht, wenn Al Kaida den westlichen Geheimdiensten eine konkrete Bedrohung ankündigt oder gar nur vortäuscht. Die Politik warnt vor einem Anschlag, die Medien wittern ein großes Quotenpotential und fahren auf die Story ab. Vor öffentlichen Gebäuden und auf Flughäfen schieben Tausende von Polizisten Sonderschichten. In Talkshows versichern Terror-Experten, dass man sich vor Selbstmordattentaten praktisch nicht schützen kann. Der Anschlag werde kommen – es gehe nur noch um das genaue Wann und das Wo. 
Al Kaida auf dem Vormarsch? So sieht es aus, aber ich vermute, dass der Terror den Terroristen mehr schadet, als uns. Schon jetzt hat der Al Kaida-Terror zu einem globalen Anti-Islamismus geführt. Millionen von Menschen halten - wie Umfragen zeigen - den Islam für eine Religion der Intoleranz und Gewalt. Schon wird jeder, der wie ein Araber aussieht, mit Misstrauen beäugt. Hat er vielleicht einen Sprengstoff-Gürtel am Bauch? Terrorismus-Hysterie ist gefährlich, weil sie leicht in Progrome ausarten kann. 
Es ist bekannt, dass Al Kaida sich intensiv bemüht, an atomare Sprengköpfe heranzukommen. Können wir uns vorstellen, was geschehen würde, wenn ein Selbstmordattentäter so ein Ding in einer New Yorker U-Bahnstation zündet? Millionen von amerikanischen&nbsp; Moslems würden in Konzentrationslagern verschwinden. 
Der Wahnsinn hat eine unerbittliche Dynamik entwickelt. Gewalt mit Gegengewalt und mittelalterlichen Foltermethoden zu bekämpfen, funktioniert heute nicht mehr. Diese barbarische Strategie war schon im Mittelalter idiotisch. Heute ist sie nicht nur dumm, sondern geradezu selbstmörderisch. Nur Betonköpfe bestreiten das noch. Es ist höchste Zeit für einen Strategiewechsel. 
Friedrich der Große hat einmal gesagt: „Gott ist immer auf der Seite der stärkeren Bataillone!“. Das stimmt nicht mehr. Zum&nbsp; ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ergibt sich eine Situation, in der die Überlegenheit der Waffen die Siegeschancen eher vermindert. Je härter wir zuschlagen, desto besser für den Gegner. 
Das zwingt uns mit unerbittlicher Logik zu einer 180 Grad Kehrtwende: Keine Gewalt, sondern Umarmung. Keine Raketen, sondern Aufklärung. Kein Hass, sondern Mitgefühl. Keine Empörung, sondern Verständnis. Ich nenne es die Strategie der Liebe. Natürlich werden mich&nbsp; alle sogenannten „Realisten“ und „Realpolitiker“ für geistesgestört halten. Dabei ist doch unbestritten, dass die Liebe eine ungeheuere Power besitzt, wenn sie sich mit ihrer Intelligenz verbindet. Die Intelligenz der Liebe ist stärker, als die Intelligenz des Verstandes. Denn das Herz ist näher an der Natur, als der Kopf. Und die Natur ist die Wahrheit.
Haben wir genug Fantasie, uns vorzustellen, was geschehen wäre, wenn Präsident Bush am 11. September 2001 nicht dem blinden Reflex der Rache für den Anschlag auf das World Trade Center in New York gefolgt wäre? 
Was wäre geschehen, wenn Bush nicht die stärkste Armee der Welt auf den Irak und auf Afghanistan losgelassen hätte? Wenn er stattdessen versucht hätte, mit dem Oberterroristen Osama bin Laden Kontakt aufzunehmen, um ihn anzuhören? Wenn er bereit gewesen wäre, auf die Beschwerden radikaler junger Islamisten einzugehen? Wenn er ihre Nöte gesehen und ihre Verzweiflung verstanden hätte?&nbsp; Wenn er begriffen hätte, dass auch Amerika zu den Ursachen des Konflikts beigetragen hat?
Wir wissen nicht, was geschehen wäre. Wir wissen nur dies: ein paar Hunderttausend Menschen wären heute noch am Leben.]]></content:encoded>
			<category>Artikel zum aktuellen Zeitgeschehen</category>
			<category>… zu spirituellen Themen</category>
			
			
			<pubDate>Wed, 15 Dec 2010 21:14:00 +0100</pubDate>
			
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