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Inhalt
Wenn Männer weinen
Das harte Leben unserer Fußballmillionäre
Im ganzen Land herrschte zwei Wochen lang Ausnahmezustand: In den Fußballstadien von Polen und der Ukraine tobte die Schlacht um die Europameisterschaft. Auch ich geriet in ihren Bann, zumal mein Enkel Livio (elf Jahre alt) aus Kapstadt zu Besuch bei mir war. Während die europäischen Regierungschefs in Brüssel bis tief in die Nacht um die Rettung des Euro rangen und die Zukunft der Weltwirtschaft auf Messers Schneide stand, saß ich mit Livio vor dem Fernseher: Deutschland gegen Italien. Als die Italiener das erste Tor schossen, riss Livio die Arme hoch und stieß einen tierischen Jubelschrei aus. JUHUUUU!
Mein Enkel hat einen italienischen Vater. Das gab natürlich dem Spiel Deutschland gegen Italien eine heikle Würze. Er brüllte für das italienische Team, während ich eher stumm vor der Glotze saß und mich vor patriotischen Exzessen hütete.
Schon gleich am Anfang, als die beiden Mannschaften ihre Nationalhymnen sangen, war mir allerdings klar, dass die Deutschen das Spiel praktisch schon verloren hatten. Die Italiener sangen aus vollem Hals – hingebungsvoll, leidenschaftlich und voll fiebriger Energie. Die Deutschen sangen entweder überhaupt nicht, oder sie sangen ohne Pepp, so als wollten sie ein lästiges Ritual hinter sich bringen. So präsentierten sich dann auch die Spieler in ihrem Duell – die Deutschen spielten mit dem Kopf, die Italiener mit dem Herzen. Leidenschaft gegen Kalkül.
Für den Perfektionisten Joachim Löw, der jedes Spiel als wissenschaftliche Herausforderung begreift und seine Spieler wie Schachfiguren einsetzt, ist die Rechnung nicht aufgegangen. Die Zeiten, da ein genialer Trainer wie Sepp Herberger seine Spieler mit der einfachen Instruktion aufs Feld schickte „geht auf den Rasen, Jungs, und spielt Fußball“ ist längst vorbei. Heute werden Fußballspiele mit dem Computer vorbereitet.
Das Spiel wurde zur Metapher. Sie machte mich auf einige zeittypische Trends und Zustände in Deutschland aufmerksam, die sich im Fußball manifestieren. Zum Beispiel das Thema Integration. Ich freue mich jedes Mal riesig, wenn ein schwarzer Spieler ein Tor schießt und seine weißen Team-Kumpels ihm begeistert um den Hals fallen.
Fußball - ein Dynamo der Integration. Dachte ich. Aber dann kamen Zweifel auf, als ich vor dem Spiel Deutschland gegen Italien beobachtete, wie die deutschen Spieler mit „Migrationshintergrund“ beim Absingen der Nationalhymne stumm blieben.
Dabei sind sie doch in Deutschland aufgewachsen und sprechen akzentfrei Deutsch. Der schwarze Jerome Boateng zum Beispiel, ein Berliner Junge mit Wurzeln in Ghana. Oder Lukas Podolski, in Polen geboren und in Köln zuhause. Mario Gomez, Sohn spanischer Eltern, Sami Khedira, der einen tunesischen Vater hat und Mezut Özil mit Wurzeln in der Türkei.
Ist es zufällig, dass sie nicht mitgesungen haben? Oder fällt es ihnen schwer, sich mit Deutschland zu identifizieren? Möglicherweise interessiert sie das Thema überhaupt nicht. Denn Fußballhelden gehören zu einer neuen trans-nationalen Spezies, die nicht von ihrer rassischen oder nationalen Zugehörigkeit geprägt wird, sondern eher von ihren beruflichen Anforderungen und Umständen.
Die Globalisierung hat diesen neuen Menschen-Typ hervorgebracht. Im Fußball spricht man von „Söldnern“. In der Finanzindustrie heißen sie „global Players“. Sie kennen keinen nationalen Patriotismus. Sie sind auf dem Weltmarkt zuhause.
Wie die Finanzindustrie ist auch der Fußball ein globales, vielschichtiges Milliardengeschäft. Das Geld ist die zentrale Antriebskraft. Gier und Korruption gehören dazu. Der Unterschied zwischen Finanzindustrie und Fußball besteht darin, dass die Spekulanten anonym bleiben, während das Fußballgeschäft vom Nimbus seiner Stars lebt, die auf Schritt und Tritt von Pressefotografen und Reportern verfolgt werden. Der Star-Kult ist die Geschäftsgrundlage der Fußballindustrie.
So ist eine Fußball-Europameisterschaft nicht nur ein sportliches Ereignis mit starkem Emotionsgehalt. Für die Spieler ist sie vor allem auch eine Art Fußball-Messe, eine Veranstaltung, bei der sie sich vor den Augen zahlloser, aus allen Teilen der Welt angereister, Fußballfunktionäre in Szene setzen können. Wenn ein Spieler im richtigen Augenblick ein glanzvolles Tor schießt, das seine Mannschaft im Kampf um den Titel einen Schritt voran bringt, kann er allein mit diesem Schuss, und im Bruchteil einer Sekunde, seinen Marktwert um viele Millionen Euro steigern. Wenn das nicht sexy ist…
Auf dem Rasen riskieren die Fußballstars ihre Knochen, auf dem Weltmarkt werden sie wie kostbare Kunstwerke gehandelt. Der Argentinier Lionel Messi zum Beispiel hat gegenwärtig einen Marktwert von 100 Millionen Euro. Der portugiesische Star Christiano Ronaldo kostet 90 Millionen Euro. Der deutsche Torjäger Mario Gomez wird an der Spielerbörse mit 42 Millionen Euro gehandelt. (Quelle: www.tranfermarkt.de)
Kein Wunder, dass bei einer Umfrage unter jungen Frauen mehr als die Hälfte angaben, sie würden am liebsten einen Fußballstar heiraten. Jung, reich, makelloser Körper – und sooo berühmt! Unschlagbar!
Wenn mein Enkel Livio über seine Helden Andrea Pirlio, Antonio Cassano und Mario Balotelli spricht, leuchten seine Augen. Er weiß so gut wie alles über sie. Wann sie wo welche Tore geschossen oder Torvorlagen platziert haben. Wann sie in Zweikämpfen verletzt wurden und wie lange es gedauert hat, bis sie wieder fit waren. Mit wem sie verheiratet sind und wie ihre girlfriends aussehen - die meisten sind hübsche, blonde Models.
Livio ist nur einer von vielen Millionen Kids, die Fußballhelden als ihre großen Vorbilder verehren. Als ich in seinem Alter war, haben wir die Helden des Zweiten Weltkriegs verehrt. Fußballhelden sind mir lieber als Kriegshelden. Es gibt also einen Fortschritt. Aber für ideale Vorbilder halte ich Fußballstars auch nicht. Sie sind durchweg nette Jungs, und wenn sie spielen, sind sie Meister in der Kunst, im Hier und Jetzt zu sein. Aber viele von ihnen sind auch Opfer ihres Milieus, das allein vom Glanz des Geldes geprägt wird.
Als die Stars der deutschen Nationalmannschaft nach ihrer Niederlage gegen Spanien die Heimreise antraten, warteten auf dem Frankfurter Flughafen drei Privat-Jets, mit denen sie und ihre Freundinnen auf Kosten des Deutschen Fußballbundes (DFB) direkt an ihre Urlaubsorte weiterfliegen konnten. Das hat die BILD-Zeitung zum Anlass genommen, sich die Privilegien unserer Fußballhelden etwas genauer anzusehen. Zu Beginn der EM, als die Spieler in einem Fünf-Sterne-Hotel in Danzig eintrafen, wartete in ihren Zimmern „ein großer Geschenke-Berg“ auf sie, berichtete Reporter Mathias Sonnenberg.
Gemeint waren ein neuer Laptop, ein Handy, eine Digitalkamera und ein luxuriöses Kofferset, „in das die Spieler ihre Designer-Anzüge und Schuhe (natürlich auch umsonst) stopfen konnten“. Schon lange vor dem Turnier hätten die Spieler eine Bestellung aufgegeben – Hemden, Hosen, Pullover – alles gratis. Sonnenberg: „Von einem anderen Sponsor gab es eine Nobel-Uhr mit Gravur (natürlich in limitierter Auflage). Und damit beim Erwerb eines Luxus-Autos keine unnötigen Kosten für die Millionäre entstehen, wird ihnen eine Leasingrate von einem Prozent gewährt.“ Und natürlich gab es auch einen Bonus: 100 000 € für jeden Spieler, als die Mannschaft das Viertelfinale erreichte.
Ich gönne den Spielern diese luxuriöse Verhätschelung. Nicht so toll finde ich, wenn fußballbegeisterte Kids sie darum beneiden oder sie sogar verehren. Denn mit dem wirklichen Leben kommen die Stars überhaupt nicht in Kontakt.
Dass BILD unsere Nationalspieler mit Häme überzieht und sie „Memmen“ nennt, weil sie nach der Niederlage gegen Italien geweint haben, (Schlagzeile: „Memmen gegen Männer“) finde ich indiskutabel. Für mich waren es allein diese Tränen, die unsere teuren Verlierer als Vorbilder qualifizierten. Denn es gehört Mut dazu, sehr viel Mut, sich offen zu seinen Gefühlen zu bekennen.
Diesen Mut hatten, nebenbei gesagt, auch die italienischen „Männer“, als sie ein paar Tage später nach ihrer spektakulären Niederlage gegen Spanien (0:4) in Tränen ausbrachen.
Kontextspalte
„Ganz entspannt im Hier und Jetzt – Tagebuch über mein Leben mit Bhagwan in Poona“ feierte im Oktober 2010 seinen 30. Geburtstag.

Aus diesem Anlass gab der Autor Jörg Andrees Elten / Satyananda ein Interview, in dem er von dem merkwürdigen, lustigen aber manchmal auch weniger lustigen Entstehungsprozess seines Buches erzählt.
Alles ganz easy in Santa Barbara

Jörg Andrees Elten / Satyananda:
Alles ganz easy in Santa Barbara
Aktualisierte und überarbeitete Neuauflage
Juli 2009
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