„Ich spucke den Mächtigen gerne in die Suppe“

Wie der Internetaktivist Julian Assange das Zeitalter der totalen Informationsfreiheit einleitet


Blasses Gesicht, weißblondes Langhaar, wache Augen, hohe Stirn, schlank, lässig, und auf bescheidene Weise selbstbewusst – als ich den 38-jährigen australischen Internet-Aktivisten Julian Assange zum ersten Mal auf einem Video sehe, spüre ich eine Ausstrahlung von solider Erdung, innerer Ruhe und lebhafter Intelligenz. Kaltblütig hatte er auf seiner Internet-Plattform WikiLeaks.com 75 000 geheime militärische Dokumente aus dem Afghanistankrieg ins Netz gestellt – ein Enthüllungs-Coup, der den umstrittenen Krieg am Hindukusch als das entlarvte, was er ist – ein hoffnungsloses, brutales Abenteuer.

Die Reaktion überraschte niemanden: Schrille Empörung im Pentagon, dem amerikanischen Verteidigungsministerium, Entsetzen im Weißen Haus, Befremden in den Regierungszentralen der kriegführenden NATO-Mächte, fieberhafte Aktivität der westlichen Geheimdienste. Wer hatte WikiLeaks das explosive Material zugespielt?? Es gibt einen Verdächtigen: Der US-Gefreite Bradley Manning, ein militärischer Geheimdienst-Analytiker, hatte Anfang des Jahres auf die WikiLeaks Webseite ein sensationelles Video hochgeladen: Darauf ist aus der Sicht der Bordkamera eines US-Hubschraubers zu sehen, wie die beiden Piloten irakische Zivilisten auf einer Straße in Bagdad ins Visier nehmen und unter zynischen Bemerkungen einfach abknallen – einen nach dem anderen, so als wären sie Figuren aus einem Computerspiel.

Der Gefreite Manning wurde zum berühmtesten „Whistle Blower“ (Geheimnis-Enthüller) aller Zeiten, als er das Video auf die WikiLeaks Internetplattform hochlud. Leider hatte er Pech: ein Computerhacker, dem er sich anvertraut hatte, zeigte ihn an. Nun drohen ihm 52 Jahre Gefängnis.

Auch Julian Assange muss mit dem Schlimmsten rechnen. Im Pentagon sucht man fieberhaft nach Beweisen dafür, dass WikiLeaks mit der Veröffentlichung der geheimen Dokumente die Namen von Afghanen preisgegeben hat, die mit den NATO-Streitkräften gegen die Taliban und Al Kaida zusammenarbeiten. Die Absicht der US-Militärs ist eindeutig: sie wollen Assange moralisch fertig machen. Der Generalstabschef der US-Streitkräfte, Admiral Mike Mullen behauptete schon mal: „Was immer Mr. Assange und seine Leute über ihre hohen Ziele im Namen des Guten sagen mögen – Tatsache ist, dass schon jetzt das Blut einer afghanischen Familie an ihren Hände kleben könnte.“ Mit anderen Worten: WikiLeaks liefert unsere Freunde ans Messer der Taliban.

Assange konterte mit einem schlauen Schachzug: Er bat das Pentagon um Hilfe bei der Überprüfung von 15 000 besonders delikaten Dokumenten, die WikiLeaks noch nicht veröffentlicht hat. Aber die US-Militärs gingen auf das Angebot nicht ein. Sie fordern die sofortige Rückgabe aller Dokumente und erhöhten mit finsteren und zweideutigen Drohungen den Druck auf das WikiLeaks Team.

Die schrille Aufregung der Politiker und Militärs ist ein Indiz dafür, dass der Enthüllungcoup mehr ist als ein Sturm im Wasserglas. Zum ersten Mal hat sich gezeigt, dass im Zeitalter des Internet die Geheimnisse der Mächtigen nicht mehr gesichert werden können. Jeder Whistle Blower kann seine Informationen über kriminelle Machenschaften mit einem Mausklick ins Licht der Öffentlichkeit stellen.

Assanges mutige Tat war ein Frontalangriff auf die Kultur der Vertuschung, der Geheimniskrämerei, der Desinformation und der Korruption. Diese Kultur der Unaufrichtigkeit herrscht überall – in den Kommandozentralen der Militärs, den Hinterzimmern der Politik, den Chefetagen globaler Konzerne, im Vatikan, im Profi-Sport und last but not least in den Amtsstuben der Bürokratie. Sie zersetzt das moralische Gewebe, das für das Zusammenleben der Menschen so wichtig ist. Sie ist das wesentliche Merkmal einer Welt, die aus den Fugen geraten ist.

Wir stehen am Beginn einer Neuen Zeit, in der das sogenannte Herrschaftswissen der wenigen Mächtigen zum Allgemeingut wird. Die Power der Information geht auf den Bürger über. Er verwandelt sich vom ahnungslosen Opfer in einen „Mitwisser“, der einschreiten kann. Er kann zum Beispiel Anzeige erstatten und den Staatsanwalt in Marsch setzen, wenn er erfährt, dass sein Bürgermeister in Grundstücksschiebungen verwickelt ist. Überall auf der Welt wird das Ende der Geheimniskrämerei gewaltige basisdemokratische Kräfte freisetzen und das Internet zum Vehikel einer globalen Bewusstseinsentwicklung etablieren.

Dass die Kraft des Geistes die Entwicklung der Welt wie ein Dynamo antreibt, hat der französische Jesuitenpater, Philosoph, Anthropologe und Paläontologe, Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955) als wissenschaftliche These postuliert und damit viele Kollegen brüskiert. Für sie hatten Geist und Materie nichts miteinander zu tun. In Teilhards Standardwerk „Der Mensch im Kosmos“ heißt es jedoch: „Zunehmende Zentrierung auf geistiger und zunehmende Komplexität auf materieller Ebene sind das Wesen der Entwicklungsgeschichte“.

Teilhard sieht die Welt im Übergang von der zweiten zur dritten Entwicklungsstufe. Die Menschheit sei im Begriff, die Phase der sogenannten „Noogenesis“ abzuschließen. Die Noogenesis ist die Phase, in der sich der Mensch, als ein Wesen, das Bewusstsein besitzt, flächendeckend über den Planeten ausbreitet – er forscht, plant und denkt und schafft dabei einen alles durchdringenden Materialismus.

Nach Teilhard beginnt nun eine Zeit, in der die in der Noogenesis frei gewordenen Kräfte des Bewusstseins in eine „psychische Expansion“ münden. Genau wie die biologische Expansion breitet sie sich flächendeckend über den Planeten aus. So entsteht ein weltumspannendes planetarisches Bewusstsein. Teilhard spricht von einem Zusammenschluss der Welt zu einem Ganzen und von der Gestaltung eines Geistes der Erde. Dieser geistige Vorgang, so sagt er, habe eine zielgerichtete Dynamik – er nennt sie „Omega“.

Als Teilhard seine These entwickelte, ahnte er nichts vom Internet. Aber es ist offensichtlich, dass das Internet heute das Vehikel für die „psychische Expansion“ ist. Teilhard sah voraus, dass sich das Bewusstsein der Individuen vernetzt und dabei ein planetarisches Energiefeld bildet – die „Brutstätte des Neuen Menschen“. Omega, so sagt der Jesuit, der übrigens von seiner Kirche nicht geliebt wurde, Omega bedeutet Herrschaft des Geistes über die Materie. Omega ist die ultimative Zentriertheit des Bewusstseins. Omega ist die Liebe als treibende Kraft allen Lebens.

Zeitgenössische Denker knüpfen an Teilhards Noogenesis an, wenn sie über die Entstehung eines „globalen Gehirns“ diskutieren, in dem die Internetnutzer an ihren Computern sozusagen die Zellen sind. Philip Hefner, amerikanischer Theologie-Professor und Teilhard de Chardin-Spezialist, ist der Ansicht, dass Teilhard das globale Gehirn als einen dialektischen Prozess sehen würde: die komplexe Vernetzung auf der Hardware-Ebene wäre der eine Pol der Entwicklung – der andere Pol wäre die spirituelle Entwicklung der „Zelle“, die in Omega mündet. Diese Entwicklungsphase ist im Bauplan des Universums angelegt. Wir Internet-nutzende „Zellen“ spielen in diesem kosmischen Spiel nur eine kleine Rolle. Aber wir können uns damit trösten, dass wir auf unserem Weg zu Omega die Freiheit haben, positive Impulse ins Netz zu schicken.

„Liebe macht frei!“ sagt Teilhard de Chardin.

Und Assange sagt in aller Bescheidenheit: „Ich spucke den Mächtigen gern in die Suppe“.