Wären wir doch untergegangen!!


Immer noch 30 Grad, wolkenloser Himmel, der Wind leicht aus Norden, und ich wünschte mir, wir würden untergehen. Absaufen, vom Meer verschlungen werden, Wasser in die Lunge und fertig. Es war der peinlichste Moment meines bis dahin 14 jährigen Lebens.

Aber von vorne. Schon mit 13 fand ich die üblichen Familienurlaube mehr als unangemessen für eine junge Dame meines Alters. Ein Jahr später empfand ich es als den Gipfel der Peinlichkeit, mit Eltern und drei jüngeren Geschwistern zusammen am Strand oder auf der Promenade gesehen zu werden. So sehr ich mich auch dagegen wehrte, meine Eltern kannten kein Pardon. Ich musste mit.

Kaum am Zielort angekommen, ging jedes Familienmitglied seinen typischen Urlaubsbeschäftigungen nach. Meine Mutter beschäftigte sich vorwiegend damit, auf dem Wochenmarkt die Preise für Gurken und Tomaten zu herunterzuhandeln wie ein Pferdehändler. Die Geschwister hatten die Eisläden des Ortes im Fokus und mein Vater beschäftigte sich mit Männerkram, aber dazu später mehr. Ich für meinen Teil ergab mich meinem Schicksal und war fest entschlossen, mich in den drei Wochen Jugoslawien ausschließlich damit zu befassen, möglichst kleidsam braun zu werden, elegant herumzuspazieren und auf diese Weise der Liebe meines Lebens zu begegnen, von der ich bereits genaueste Vorstellungen hatte. Glutäugig, hoch gewachsen und männlich sollte der Auserwählte sein, dem ich mich hinzugeben gedachte, wobei meine Vorstellungskraft in dieser Angelegenheit über einen zarten Kuss - selbstverständlich ohne Zunge - nicht hinausging.

Am nächsten Vormittag ging es an den Strand und da sah ich ihn: Schwarzes Haar, tiefbraune Augen, die Haut von vielen Strandtagen gebräunt, spielte er mit einer Gruppe weiterer Jungs Volleyball. „Zlatko“ rief einer und Zlatko fing den Ball. Fangen konnte er also, genau mein Fall! Die Peinlichkeit, dass ich mit Eltern und Geschwistern am Strand war, versuchte ich auszublenden, ebenso, dass meine Haut in ihrem Farbton nach dem ersten Sonnenbad eher an Erdbeerquark als an Café au Lait erinnerte.

Unter dem Vorwand, dass es doch reichlich eng hier sei, rückte ich mit meinem Handtuch deutlich von meiner Familie ab und gab vor, mich nur für mein Buch zu interessieren. Dass es sich um den Ratgeber „Der magische Blick oder wie Sie jeden Mann faszinieren“ handelte, hatten meine Eltern nicht mitbekommen. Von Zlatko und den Jungs hoffte ich inständig, dass sie zu wenig Deutsch sprachen, um den Titel zu verstehen. Den ganzen Vormittag übte ich ihn, den magischen Blick. Jedes Mal, wenn Zlatko auch nur ansatzweise in meine Richtung sah, neigte ich den Kopf etwas verrucht zur Seite und versuchte möglichst geheimnisvoll zu schauen, um seinen Blick einzufangen. Wahrscheinlich hatte ich noch nicht genug in dem Buch gelesen, denn er hatte nur Augen für den Ball. Unsere Blicke trafen sich nicht ein einziges Mal, so sehr ich auch versuchte, ihn herbeizuhypnotisieren. Aber egal, ich hatte ja noch drei Wochen vor mir und war ja auch erst in der Mitte von Kapitel eins.

Beim Umblättern von Seite 11 zu Seite 12 schaute ich kurz zu meinem Vater und stellte fest, dass er gerade sein wichtiges Gesicht aufsetzte. Das machte er immer dann, wenn er etwas zu verkünden hatte, das für alle, außer ihm selbst, höchsten Stress bedeutete. Oh nein, dachte ich, bitte nicht! Aber da war es schon heraus. Mein Vater hatte den ersten Urlaubstag genutzt, sich einen Traum zu erfüllen. Er hatte ein Boot gekauft. Eigentlich fantastisch, am Meer zu sein und ein Boot zu haben. Aber wer meinen Vater kannte, den beschlich schon bei den ersten Worten das ungute Gefühl, dass die Angelegenheit nicht ganz entspannt werden könnte. Mein Vater war ein sparsamer Mann, SEHR sparsam und hielt darüber hinaus sein absolviertes Medizinstudium als Beweis dafür, alles besser zu können, als jede noch so gut ausgebildete andere Person. Seit er die Herdplatten in unserer Küche repariert hatte, gingen sie nur noch volle Pulle oder gar nicht, genau wie die Heizung in unserem alten Auto, an die er Hand angelegt hatte. Passendes Werkzeug brauchte er für solche Aktionen nicht – die waren was für Blöde. Ihm reichten ein Kleiderbügel aus Draht, etwas Klebeband und ein russischer Hammer, den er von seinem Vater geerbt hatte. Und nun ein Boot.

Dass meine Mutter und meine Geschwister augenscheinlich mein mulmiges Gefühl teilten, machte die Sache nicht besser. Aber egal, bis zum Abend, als wir das Boot zum ersten Mal zu Gesicht bekommen sollten, konzentrierte ich meine Gedanken auf Zlatko und malte mir aus, wie wir unsere Tage innig verbunden an einsamen Buchten am Meer verbringen würden. Natürlich beide braun gebrannt. Hätte ich geahnt, was uns blüht, hätte ich Zlatko Zlatko sein lassen und hätte jetzt schon den Wurzenpass per Autostopp Richtung Norden passiert.

In der Hoffnung, Zlatko in dem kleinen Ort wieder zu begegnen, schenkte ich meinem äußeren Erscheinungsbild für den Abend besondere Aufmerksamkeit und steckte zum Nachlegen auch heimlich Mamas Lippenstift ein. Das Boot hatte ich schon wieder vergessen. Es tauchte erst wieder in meinem Bewusstsein auf, als mein Vater unseren abendlichen Familienspaziergang an der kleinen Marina, die von der belebten Dorfpromenade an drei Seiten umschlossen wurde, stehen blieb und auf die dort schaukelnden Sportboote, Fischerboote und kleinen Segelyachten zeigte. Ein Boot fiel aus der Rolle, es dümpelte im Schatten einer sehr hübschen Yacht ganz am Ende der Reihe vor sich hin. Es war ein rotes Gummiboot.

Nicht ganz klein, aber auch nicht sehr groß, mit einem Außenbordmotor, dem sogar ich ansehen konnte, dass er aus Ostproduktion stammen musste, die lange vor meinem Geburtsdatum lag. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen, ich träumte lieber von Zlatko und hoffte, er möge mir entgegen geschlendert kommen und mich, fasziniert von meiner Schönheit, ansprechen.

Vaters Stimme holte mich auf den harten Boden der Realität zurück. „So, dann fahren wir alle zusammen mal ne Runde.“  Mir wurde schlagartig klar, was mich erwarten würde. Als meine Geschwister und ich nach höchst wackeligem Einstieg endlich im Boot saßen, war es eigentlich schon voll. Wir zogen die Knie fast bis an die Ohren, als meine Mutter in der Mitte des Bootes landete. Jetzt war das Boot überfüllt, was meinen Vater nicht daran hinderte, auch noch hinab zu steigen und mit zu einem Trichter geformten Händen vor dem Mund einem Passanten zuzubrüllen, er möge die Leine losmachen. Die ersten Menschen blieben stehen. Der triumphierende Blick meines Vaters ließ mich noch Schlimmeres ahnen.

„Jetzt kommt das Beste! Ich habe den Motor gestern Nachmittag noch repariert“ hallten seine Worte in meinem Kopf nach, als der Tumult ausbrach. Vater zog an der Leine, die den Motor starten sollte. Der machte ein Geräusch wie ein startender Düsenjet, was augenblicklich weitere Schaulustige anlockte. Leider erstarb das Geräusch nach zwei Sekunden wieder. Vater zog mit größerer Wucht an der Leine, nichts tat sich. Die Menschen an der Wasserkante bildeten bereits eine geschlossene Reihe. Erste Lacher. Immer mehr Menschen sammelten sich, um das Schauspiel der Boatpeople im Hafen von Malinska zu bestaunen.

Jetzt brach Vaters jugoslawisches Temperament durch, er riss an der Leine, fluchte, riss wieder, das Boot wackelte, Vater brüllte den Motor an, brüllte uns an, der Kopf hochrot, riss immer heftiger, immer schneller, schwitzte, stampfte mit dem Fuß auf, brüllte sich immer mehr in Rage. Und dann geschah es. Über den Kopf meiner kleinen Schwester hinweg, trafen sich unsere Blicke. Zlatko. Das war der Moment, in dem ich mir wünschte, wir wären untergegangen.

Schnell ein Betonklotz, verklappt im Mittelmeer, endgültig.

Dunja, Stellshagen 2011