Alle spirituellen Meister gehen ihren Mitmenschen auf die Nerven


Die Hamburger Publizistin und Radiomoderatorin Gabriele Heise im Gespräch mit Jörg Andrees Elten. Schwerpunkt des Gesprächs ist der indische Weise Osho, dem Elten in den 70er Jahren als Berichterstatter des "stern" im Aschram von Poona begegnete. Seine Reportage brachte damals Tausende von jungen Menschen vor allem aus den reichen Industrienationen dazu, sich nach Indien auf den Weg zu machen und den Weg der meditativen Selbsterforschung zu entdecken.

 

Herr Elten, wir sind uns schon einmal begegnet -  vor 30 Jahren.  Sie saßen im roten Kleid unter einem Baum neben der Meditationshalle auf dem Gelände des Aschrams von Poona und tippten in eine Reiseschreibmaschine. Haben Sie die Entscheidung, sich vor 30 Jahren Bhagwan anzuschließen, jemals bereut?

Nein, überhaupt nicht. Ich betrachte die Begegnung mit Osho als den größten Glücksfall in meinem Leben. Er hat mir geholfen, die Vergangenheit hinter mir zu lassen. Die Geldmaschine Elten verschwand - der spirituelle Sucher Elten machte sich auf den Weg. Ich habe damals meinen Job hingeschmissen, meinen Haushalt aufgelöst und bin nach Indien gegangen. Es war ein Drahtseilakt ohne Netz. Ich kam dabei ganz schön ins Schwitzen. Aber das Risiko hat mich lebendiger gemacht. Ich bin jetzt 80 und fühle mich wie 40. Ich habe gelernt, die Welt jeden Tag frisch anzuschauen.

Damals waren die Medien voller Sensationsgeschichten und Warnungen vor einem Guru, der freie Liebe und Meditation verordnete. Hat Sie das nicht zweifeln lassen?

Für die Boulevard-Presse war der Aschram von Poona natürlich ein gefundenes Fressen. Mit dem Reizwort "Freie Liebe" hat sie Rudelbumsfantasien geweckt und die Spießerinstinkte des Stammtischs mobilisiert. Dabei gibt es doch keine Liebe, wenn sie nicht frei ist. Und Meditation ist inzwischen für viele Menschen eine Überlebenstechnik im Zeitalter des globalen Wahnsinns. Hatte ich Zweifel? Ja, natürlich. Schließlich war ich als Reporter nach Poona gekommen, und Reporter sind berufsmäßige Zweifler. Ich habe Bhagwan sehr kritisch unter die Lupe genommen. Auf keinen Fall wollte ich auf einen Scharlatan hereinfallen.

Damals in den 70er Jahren war eine Zeit  des radikalen Problematisierens und Selbstthematisierens. Auf der einen Seite propagierte die Rote Armee Fraktion (RAF) um Ulrike Meinhoff und Andreas Baader den gewaltsamen Umsturz des Systems, auf der anderen Seite wuchs die Bereitschaft vieler junger Menschen, sich durch Meditation selbst zu verändern. Sehen Sie einen Zusammenhang?

Die radikale Protestpolitik der RAF ist an der Arroganz der Aktivisten gescheitert. Die hielten sich für die revolutionäre Speerspitze des Proletariats, dabei konnten sie keinen Satz sprechen, den irgendein Arbeiter hätte verstehen können. Sie redeten viel und konnten nicht zuhören. Ich war einmal zu einem hochkapitalistischen Ereignis eingeladen - zum festlichen Bankett anlässlich der Schiffstaufe eines Hamburger Bananendampfers. Meine Tischdame hieß Ulrike Meinhof. Die radikale Kolumunistin und spätere RAF-Chefin war sehr stylish gekleidet. Mit ihrem Mann war sie in einem postgelben Porsche vorgefahren. Bei Tisch diskutierte ich mit Ulrike über den Schah von Persien. Ich kannte ihn und sein Land ganz gut. Ulrike war nie im Iran gewesen. Sie war charmant und tanzte gut, aber sie hatte keine Ahnung, wovon sie sprach. Dabei wollte sie mich natürlich belehren. Ich fand sie erschreckend unintelligent, denn für mich ist Intelligenz unvoreingenommene Neugierde. Sie war, wie alle anderen RAF-Revolutionäre, weder unvoreingenommen, noch war sie neugierig. Sie hatte einfach Recht…

Als Sie nach Poona gingen, hat man Ihnen vorgeworfen, Sie hätten jeden Realitätssinn verloren.

Was ist Realität? Viele RAF-Leute und Sympathisanten der Szene saßen auf einem ungeheuren Aggressionspotential, das sie auf den Staat projizierten. So demonstrierten sie z. B. mit der Parole "Wer den Frieden will, muss zu den Waffen greifen!" Ist das Realität? Als die RAF Bewegung zum Terrorismus degenerierte, begriffen immer mehr Sympathisanten, dass sie auf dem falschen Dampfer waren. Viele gingen damals zu Osho nach Poona, weil sie verstanden hatten, dass sie bei sich selber anfangen müssen, wenn sie die Gesellschaft positiv verändern wollen. Das ist der realistische Ansatz. Denn mit der Gesellschaft ist es wie mit der Materie. Wenn ich Materie verändern will, muss ich bei den Molekülen ansetzen. Wenn sich die Gesellschaft verändern soll, muss sich das Individuum verändern. Das ist die große Herausforderung unserer Zeit.

Die meisten Poona-Reisenden sind wieder nach Deutschland zurück gekommen - mit der Mala um den Hals und in orangenen Kleidern. Sind die nicht bloß im Auftrag eines Gurus marschiert?

So könnte man es sehen. Für mich war es eher eine Mutprobe, mit der Mala und in Rot gekleidet in Talkshows aufzutreten und mich der Empörung meiner Mitmenschen auszusetzen. Ich erfuhr am eigenen Leib, was es heißt, Mitglied einer kleinen missverstandenen Minderheit zu sein. Als mich am Hamburger Bahnhof ein Taxifahrer nicht einsteigen ließ, weil er mich als Sannyasin identifiziert hatte, war ich schockiert. Seither kann ich nachempfinden, wie es den Juden zumute war, als sie unter Hitler mit dem Judenstern am Revers herumlaufen mussten. In meiner roten Verkleidung habe ich natürlich für Osho Reklame gemacht, wie Tausende von anderen Sannyasins auch, die überall auffielen. In Nullkommanichts war Osho in der ganzen Welt bekannt. Das war sicher ein Trick des Meisters, so wie später auch seine Rolls Royces. Sie dienten dazu, ihn weltweit ins Gespräch zu bringen und den globalen Autofetischismus ad absurdum zu führen. Osho hatte nicht die Absicht, in leeren Kirchen zu predigen.

Die Kommune in den USA wollte eine Gegengesellschaft aufbauen, die auf Meditation und Liebe gegründet ist - mit einem dramatischen Ende.

Die Kommune in Oregon habe ich als ein multidimensionales Experimentierfeld für Bewusstseinsentwicklung erlebt. Osho hatte sie so konzipiert, dass jeder, der dabei war, interessante Erfahrungen mit sich selbst machen konnte. In der östlichen spirituellen Tradition arbeitet ein Meister nicht wie ein Pfarrer, ein Professor oder gar wie ein Politiker. Er sagt nicht, was richtig und falsch oder was gut und was böse ist. Er ist kein Moralist. Er ist wie ein Spiegel, in dem seine Schüler ihr wahres Gesicht ohne Maske sehen können. Immer wieder lässt er seine Schüler ins offene Messer ihrer Unbewusstheit laufen. So haben wir z.B. mit großem Engagement die Musterkommune des 21. Jahrhunderts aufgebaut, uns aber überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, was die Kommuneleitung im Umgang mit unseren Nachbarn, mit den Behörden und den Politikern so alles anrichtete. Das war zweifellos Unbewusstheit. Osho hatte sich ins Schweigen zurückgezogen und die Geschäfte seiner Sekretärin Sheela anvertraut. Wir ließen sie machen und waren froh, dass wir nix mit Politik zu tun hatten. Sheela führte die Kommune mit der Kaltschnäuzigkeit eines Mini-Diktators. Sie belohnte ihre Lieblinge und gab denen, die sie nicht mochte, unbeliebte Knochenjobs. Da konnte man sich schon mal prüfen, ob man sich an sie ranschmiss, oder ob man sie ignorierte, ob man Mitläufer war oder die innere Emigration vorzog. Es waren die gleichen Erfahrungen, die man unter dem Nazi-Regime oder als DDR-Bürger machen konnte. Das Experiment in Oregon erinnerte mich tatsächlich an einen Laborversuch unter kontrollierten Bedingungen. Wir waren stolz auf uns, weil wir in atemberaubendem Tempo eine Stadt in der Halbwüste hochzogen - Straßen bauten, einen Flugplatz anlegten, eine eigene Fluggesellschaft gründeten, eine Meditationshalle für 10 000 Leute bauten, Häuser für 1 500 Menschen und ein modernes Hotel aus dem Boden stampften, unsere Abwässer biologisch aufbereiteten und damit eine moderne ökologische Landwirtschaft bewässerten. Gleichzeitig haben wir uns nicht darum gekümmert, was Sheela und ihre Leute gemacht haben.

In Poona sollten sich östliche Weisheitslehren mit Methoden der humanistischen Psychologie zu kosmischem Bewusstsein verbinden. Ging es Ihnen auch um Erleuchtung?

Osho hat seinen Schülern die Erleuchtung wie eine Karotte vor die Nase gehalten, damit ihnen bei ihrem oft schmerzhaften Selbstfindungsprozess nicht die Luft ausging. Alle Sannyasins wollten natürlich erleuchtet werden. Dabei kann man Erleuchtung nicht erreichen, wie ein ehrgeiziges Karriereziel. Wenn überhaupt, so ereignet sie sich am Ende eines langwierigen Prozesses der Harmonisierung mit der Existenz. Sich hingeben und in Einklang bringen, Vertrauen aufbauen und Ängste abbauen, gelassener werden, das Leben akzeptieren mit all seinen Höhen und Tiefen - das ist der Weg.

Wie bringt man sich in Einklang mit der Existenz?
 
Leider müssen wir dazu unser vielgeliebtes Ego loslassen. Das Ego redet uns ein, dass wir von der Existenz getrennt sind. Hier bin ich und dort ist die Natur, die Existenz, das Universum, Gott oder wie immer wir es nennen wollen. In Wahrheit jedoch ist die Trennung eine Illusion. Gott ist in uns. Wir sind untrennbar eingebunden in das Ganze. In allen spirituellen Traditionen geht es um die Überwindung des Egos und des Getrenntseins. Das Ego fühlt sich in der Unendlichkeit des Universums bedroht. Aber wo Angst ist, gibt es kein Vertrauen. Und ohne Vertrauen gibt es keine Liebe. 

Und wie überwinde ich mein Ego?

Ich versuche, etwas bewusster, etwas liebevoller, etwas aufmerksamer, etwas wacher zu werden. Jeden Tag und immer wieder. Ich sehe das Leben als einen Entwicklungsprozess, der den Menschen seit Urzeiten auf seinem Weg vom Tier zum Gott begleitet. Ich übernehme die Verantwortung für mich selbst. Ich stelle mich jeder Herausforderung, die mich auf dem Weg weiter bringen kann und versuche, sogenannte Schicksalsschläge in Wachstumschancen zu verwandeln…

Das klingt ja beinahe etwas abgehoben. Wo ist der Bezug zur Realität?

Die Realität bin ich. Die größten Herausforderungen unserer Zeit werden wir nur bewältigen, wenn sich der Einzelne tiefgreifend verändert. Angesichts der drohenden Klimakatastrophe und der wachsenden globalen Kluft zwischen Arm und Reich müssen wir unser Bewusstsein, unsere Werte, die Art und Weise, wie wir mit der Natur und miteinander umgehen, fundamental verändern. Alles muss auf den Prüfstand. Wenn wir nicht endlich aufwachen und den Politikern und Wirtschaftsbossen Dampf machen, werden wir diese Probleme nicht lösen, und unsere Kinder und Enkel werden uns eines Tages fragen: "Warum habt ihr damals  geschlafen? Warum habt ihr den Planeten versaut?" Genau wie wir unsere Eltern gefragt haben: "Warum habt ihr damals weggeschaut, als sechs Millionen Juden vergast wurden?"

Wir leben in einer Zeitenwende. Die meisten Deutschen glauben, dass der Klimawandel unvermeidbar sein wird. Es  breitet sich Angst aus. Schlechte Voraussetzungen dafür, großzügiger zu werden, oder?

Ich bin durchaus nicht pessimistisch, sondern stelle mir vor, dass die Menschen die Bedrohung erkennen und sich ihr stellen werden. Sie sind schon heute viel weiter, als die Politiker. Während die von den Lobbyisten ausgebremst werden, ist die Mehrheit der Bevölkerung der Meinung, dass für den Klimaschutz viel zu wenig getan wird. So ist die Mehrheit z.B. für die Einführung des Tempolimits auf den Autobahnen. Aber die Politiker beugen sich dem Druck der Auto- und Erdölkonzerne und wollen von Tempolimit nichts wissen. Die Bosse dieser global operierenden  Konzerne werden als die größten Verbrecher unserer Zeit in die Geschichte eingehen. Ihr raffgieriger Opportunismus auf Kosten der Umwelt kann aber auch durchaus dazu führen, dass die Menschen mehr Eigeninitiative entwickeln. Millionen werden sich über das Internet vernetzen und an der Politik vorbei aktiv werden. Wir werden in Zukunft sehr viel Grassroots Initiativen erleben. Das zeichnet sich schon deutlich ab.

In Ihren Tagebüchern schreiben Sie viel über Angst. Hat Ihr Weg Ihnen geholfen, Angst zu überwinden?

Als ich noch in die Konkurrenzkämpfe des Medienmarktes verwickelt war, hatte ich oft das Gefühl, dass jederzeit der Absturz kommen kann. Inzwischen fühle ich mich in der Existenz gut aufgehoben. Meine Ängste sind verschwunden. Ich vertraue dem Leben.

Und wo ist da die spirituelle Dimension?

Das Ziel ist, mit dem Leben zu fließen. Für viele Menschen ist das gar nicht so leicht. Sie haben kein Gottvertrauen. Für sie ist das Leben ein ewiger Kampf, ein Kampf ums nackte Überleben, ein Kampf um Macht und Einfluss, ein Kampf um Ansehen, ein Kampf zwischen den Geschlechtern. Jede Niederlage ist für sie eine Katastrophe. Ego in Aktion!  Es ist ein zuverlässiges Programm zum Unglücklichsein. 

Wir leben in einer  Wettbewerbsgesellschaft. Müssen wir nicht ständig kämpfen, damit wir nicht untergehen?

Sicherheit durch Kampf ist eine Illusion. Das lehrt uns die Geschichte.

Aber wenn ich z. B. bei Airbus arbeite,  ist die Angst um den Arbeitsplatz doch berechtigt.

Na klar! Dann stellt sich allerdings die Frage, ob ich in dieser beschissenen Firma überhaupt richtig aufgehoben bin. Ich würde lieber Schuhe putzen, als bei Airbus arbeiten.

Wenn man Familie hat und das Geld jeden Monat braucht, ist die Freiheit eng  gesteckt, oder?

Ich kenne viele Leute, die mutig aus Arbeitsverhältnissen herausgesprungen sind, weil sie ihnen ihre Lebensfreude und ihre Energie abgewürgt haben. Ihre Angstfreiheit hat ihnen neue Kraft gegeben und ihre Kreativität belebt. Ich selbst bin ein gutes Beispiel dafür. Je mehr Sicherheit wir haben wollen, desto unfreier und unkreativer werden wir. Wirkliches, lebendiges Leben gibt es immer nur auf Messers Schneide.

Aber ist das nicht sehr elitär? Das kann sich doch kaum jemand leisten, nur  auf seine Kreativität zu setzen.

Ja, das höre ich oft: "Herr Elten, Sie haben sich in eine elitäre Idylle zurückgezogen - was macht denn der Opel-Arbeiter?"  Was der Opel-Arbeiter macht, ist allein seine Sache. Ich habe unter den gleichen Zwängen gelebt wie er. Ich bin nicht in der Idylle gelandet, sondern bei mir selbst. Meine Kreativität ist die einzige Sicherheit, die ich habe. Das gilt für alle Menschen. Ich würde es schon mal ganz toll finden, wenn sich diese Erkenntnis wenigstens unter den Eliten im Lande herumspräche.

Der Philosoph Peter Sloterdijk sagt, Osho sei der moderne Wittgenstein gewesen und preist seine Belesenheit und die List, mit der er denkt. Er  sagt aber auch,  dass man bei Intellektuellen mit einem Zitat des Psychoanalytikers und Philosophen Jaques Lacan glänzen kann, aber nicht mit einem Rajneesh-Zitat. Damit würde man sich lächerlich machen.

Ja, das erklärt sich aus dem Unterschied zwischen Philosoph (Lacan)  und spirituellem Meister (Osho). Ein Meister will nicht informieren. Ein Meister will transformieren. Er hat den Anspruch, die Menschen aufzuwecken. Das ist schon immer ein undankbarer Job gewesen. Alle Meister haben durch die Jahrhunderte ihre Mitmenschen mit unbequemen Wahrheiten genervt und mit merkwürdigen Methoden erschreckt. Ein Philosoph macht das nicht. Er erntet öffentliche Anerkennung. Dagegen ist kein spiritueller Meister zu seinen Lebzeiten populär gewesen. So kam es, dass Jesus ans Kreuz genagelt wurde. Den Sufimeister Mansur hat man gesteinigt. Sokrates musste den Giftbecher nehmen...

...und Bhagwan soll ja auch ermordet worden sein. Halten Sie das für wahrscheinlich?

Wenn ich an Guantanamo denke, halte ich es nicht für unwahrscheinlich, dass er im Gefängnis vergiftet worden ist.

80 Jahre - ein hohes Alter. Haben Sie Angst vor dem Tod?

Ich habe keine Angst davor, weil ich ein pralles, erfülltes Leben geführt habe. Dabei denke ich, dass die Jahre, die noch vor mir liegen, die interessanteste Zeit meines Lebens sein werden. Denn sie werden mich dazu bringen, meine Identifikation mit dem Körper ganz allmählich aufzulösen und mich mehr mit den Energien zu verbinden, die jenseits des Körperlichen sind. Der Körper ist nicht mehr so leistungsfähig, und man muss mit ihm freundlich und vorsichtig umgehen und seine Begrenzungen respektieren. Das ist ein ganz schöner Prozess.

Es wird zunehmend über Sterbehilfe diskutiert. Möchten Sie den Schalter am Ende selbst umlegen?

Ich möchte die Freiheit dazu zu haben, ohne dass mir der Staatsanwalt in den Arm fällt. Ich möchte über meinen Körper selbst bestimmen. Deshalb trete ich auch dafür ein, dass Frauen das Recht haben sollen, ob sie ihr Kind austragen wollen oder nicht. Ich trete für die Selbstverantwortlichkeit des Menschen unter allen Bedingungen ein. In Amerika habe ich ein paar Monate lang einen Bus für Körperbehinderte gefahren. Dabei bin ich viel in Pflegeheimen rumgekommen. Dort habe ich Lebensverhältnisse gesehen, denen ich mich ganz bestimmt nicht aussetzen werde.

Wo ist  Ihre Mala jetzt?

Da drüben in meinem Regal.
 
Würden Sie die noch mal umhängen?

Das hab ich seit Jahren nicht gemacht. Aber sie ist für mich nach wie vor eine Antenne.

Haben Sie eine Vorstellung, wo Bhagwan jetzt ist? Er ist ja jetzt seit 17 Jahren tot.

Osho ist wie ein Radiosender 24 Stunden am Tag auf Sendung. Wenn man sich auf ihn eintunen will, braucht man nur auf seine Welle zu gehen und auf Empfang schalten.

Und was sendet er Ihnen?

Wenn ich eine Frage hätte, würde ich eine Antwort erhalten. Aber meine Fragen hat er beantwortet, als er noch am Leben war. Ich habe keine Fragen an ihn mehr.

Wie schaltet man denn auf Empfang?

Indem man sich mit seinem innersten Kern verbindet. In einer intakten Meister-Schülerbeziehung ist der Meister letztlich meine eigene innere Stimme. Wenn die Arbeit mit ihm abgeschlossen ist, verabschiedet sich der Meister vom Schüler. Aber die energetische Verbindung bleibt erhalten. Das Bewusstsein des Meisters verschmilzt mit dem eigenen Bewusstsein. Man muss es persönlich erfahren, um es verstehen zu können.

Wie geht das, sich mit der inneren Stimme zusammen zu bringen?

Meditation ist der Weg, der mich von der Peripherie meines Wesens nach innen führt. Die äußeren Turbulenzen treten zurück. In der Stille beobachte ich meinen Körper, meine Gedanken, meine Gefühle. Durch diese wache Beobachtung komme ich in einen Zustand, der immer tiefer nach innen führt.

Also still sitzen ist gefragt....

Im Laufe der Zeit wird Meditation zu einer Lebenshaltung. Ich brauche die Übung im Lotussitz nicht mehr, um mich in einen wachen Hier-und-Jetzt-Zustand zu bringen. Das sollte auch in der Abflughalle eines Flughafens möglich sein. In diesem Zustand löse ich mich als Ego auf. Die Gedanken kommen zum Stillstand und ich erfahre einen zeitlosen Moment von Ewigkeit. Der Sufi-Meister Kabir drückt das mit einer Metapher so aus: "Der Tropfen geht im Ozean auf und der Ozean im Tropfen." Es gibt keine Begrenzung. Du bist als Persönlichkeit nicht mehr vorhanden und wirst Teil der unendlichen Kraft des Ozeans. Viele Menschen kennen solche Momente. Man erlebt sie z.B. im Augenblick des Orgasmus, wenn man sich als formloses pulsierendes Energiephänomen empfindet. Aber auch beim Tennisspielen gibt es solche Momente, wenn jeder Ball mühelos sitzt oder in einem Konzertsaal, wenn man sich in der Musik vollkommen auflöst. In solchen Momenten der Ich-Auflösung sind den großen Wissenschaftlern ihre bahnbrechenden Einsichten zugeflogen und die Künstler haben quasi traumwandlerisch epochale Werke geschaffen.

Peter Sloterdijk hat einmal gesagt, es hätte eine bleibende Aufhellung seines Gemütes bewirkt, was er in Poona gelernt hat. Er wäre unempfindlich geworden für Theorien, die zum Schluss immer der Depression Recht geben. Was haben Sie sich aus der Zeit mit Bhagwan erhalten?

Es geht mir ähnlich wie Sloterdijk. Kein Frust mehr, keine Untergangsfantasien. Alle Probleme fangen damit an, dass man die Dinge anders haben will, als sie sind. Ich gebe mich hin an das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen. Was immer geschieht, ich gehe damit so um, dass es mir einen positiven Impuls gibt. 

Bhagwan ist tot, um die Sannyas-Bewegung ist es ruhig geworden. Wo finden sich denn noch Spuren von diesem Aufbruch?

Die Bewegung hat es eigentlich nie gegeben. Es gab ein paar hunderttausend Individualisten, die sich in rot gekleidet, aber ihr gewohntes Umfeld nie verlassen haben. Nur relativ wenige Sannyasins waren im Aschram von Poona und in den Osho-Meditationszentren weltweit aktiv. Viele Zentren gibt es inzwischen nicht mehr. Die meisten Sannyasins gehen ganz unspektakulär ihren Berufen nach. Viele arbeiten mit Menschen, vor allem als Ärzte, Psychotherapeuten,Heilpraktiker, Sozialhelfer, Lehrer, Personalberater und Coaches. Sie tragen keine Mala und kein Rot mehr. Aber was sie bei Osho gelernt haben, tragen sie sicher weiter.

Wäre so etwas wie Poona heute wieder möglich?

Nein, jedenfalls nicht in dieser Form. Osho ist nicht mehr in seinem Körper und die Menschen, die heute ihren Weg als spirituelle Sucher gehen, sind ganz anders als früher. Ich denke aber, dass die Kommune als Lebensform eine große Zukunft hat. Viele Menschen sind schon dabei, sich in Lebensgemeinschaften zu organisieren. Es ist nicht die Blutsverwandtschaft, die sie zusammenführt, sondern eher der Gleichklang spiritueller Interessen. Viele träumen von modernen Landkommunen, die über das Internet mit der ganzen Welt verbunden sind. Sie wollen umweltfreundlich leben, ihre Kinder in eigenen Schulen erziehen, eine ökologische Landwirtschaft betreiben und ihre Kreativität auch künstlerisch entfalten. Das Internet verbindet die tiefste Provinz mit der Welt. Während ich hier mit Ihnen in meinem Zimmer sitze und bis zum Horizont kein Haus sehe, bin ich beispielsweise an meinem Computer mit dem Archiv der "New York Times" und der FAZ verbunden und kann die Bibliothek der Stanford University besuchen.

Wird Bhagwan vergessen? War's das? Oder kann seine Lehre  eine Renaissance erleben?

Er ist seiner Zeit um mindestens 50 Jahre voraus. Aber immer mehr Menschen sehen in ihm das, was er von Anfang an war: einen Weisen, der die Antworten auf viele existenzielle Fragen unserer Zeit hat. Seine Bücher erzielen weltweit Millionenauflagen. Sein Gesamtwerk ist vor zwei Jahren in die Bibliothek des indischen Parlaments aufgenommen worden - eine Ehre, die bisher nur noch Mahatma Gandhi zuteil geworden ist. Ein deutliches Zeichen dafür, dass Osho zumindest in Indien angekommen ist und ernst genommen wird.

Sie sind jetzt 80 Jahre alt und einen sehr ungewöhnlichen Weg gegangen. Meinen Sie, dass die jüngere Generation von Ihnen etwas lernen kann? Oder ist das alles zu eskapistisch?

Nein, das ist nicht eskapistisch, sondern eher pragmatisch, was ich meinem Enkel raten werde, wenn er das rechte Alter erreicht hat. Ich werde ihm vor allem dies raten: meditiere jeden Morgen eine halbe Stunde. Lerne die Sprache deines Körpers und achte auf seine Signale. Sei dir in jedem Augenblick bewusst, was du tust und was du denkst. Gehe nicht wie ein Roboter durch den Tag – de-automatisiere dich. Habe den Mut, immer wieder bequeme Sicherheiten loszulassen und Neues anzupacken. Mache keine Kompromisse auf Kosten deiner Integrität. Sei dir bewusst, dass du nicht auf der Welt bist, um die Erwartungen anderer Leute zu erfüllen. Wisse, dass Liebe nichts mit Nehmen zu tun hat, sondern nur mit Geben. Trenne dich von Beziehungen, die nicht mehr lebendig sind und von Arbeitsverhältnissen, die dich herunterziehen. Freue dich nicht nur über deine Erfolge, sondern auch über deine Niederlagen, denn sie sind dein bester Lehrmeister. So, das reicht erst mal…