Als Mensch bei Maischberger

Eindrücke auf dem Sofa einer Talkshow-Queen


Jens war am Telefon, ein junger Mitarbeiter in der Redaktion „Menschen bei Maischberger“. Ob ich vielleicht bereit sei, das nächste Mal mitzumachen, fragte er, es gehe um Sinnsuche. Tolles Thema, dachte ich. Aber ob es Sinn machen würde, mich zu Sinnsuche in einer Talkshow zu äußern, wo es doch eher um Entertainment als um Tiefgang geht?

Ich hätte die Einladung wahrscheinlich abgelehnt, wenn sie nicht von Sandra Maischberger gekommen wäre. Sie ist nicht nur gescheit und eloquent - sie schreckt auch nicht davor zurück, mächtige Gesprächspartner durch beharrliche Nachfragen in Verlegenheit zu bringen. Hübsch, sexy und charmant, aber unerbittlich. Ich habe sie einmal als  „Stahlfaust im Samthandschuh“ beschrieben, aber das war durchaus liebevoll gemeint. Ich bin ein Fan von ihr.

Mit 41 Jahren ist sie jetzt auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Sie interviewt nicht nur Prominente, sie ist selber eine. In der Berliner Society stehen ihr alle Türen offen. Kaum ein Jahr vergeht, in dem sie nicht irgendeinen Medien-Preis einheimst. Kurzum – sie ist ein eindrucksvolles Produkt der modernen Medienkultur, die nicht nur Inhalte produziert, sondern ihre Vermittler, die Moderator/innen, auf der Jagd nach hohen Einschaltquoten zu Stars hochstilisiert. Ohne Star-Glamour kommt der Journalismus offenbar nicht mehr aus.

Wem würde ich in Maischbergers Talkshow begegnen? Jens sagte, Hape Kerkeling habe leider absagen müssen.  War der vielleicht  seinem guten Riecher gefolgt?

Zusagen gab es von zwei Frauen, die unterschiedlicher kaum sein können - die Schriftstellerin Esther Vilar und die Schamanin Christa Yellowtail. Die Vilar hatte Mitte der Siebzigerjahre die Kühnheit besessen, mit einem rasanten Buch gegen Alice Schwarzer und ihre Frauenbewegung vorzugehen. „Der dressierte Mann“ erreichte eine Millionenauflage und trug der Autorin eine Tracht Prügel ein, als sie auf einer Hotel-Toilette von vier empörten Frauenrechtlerinnen angefallen wurde. Als es sogar zu Todesdrohungen gegen sie kam, flüchtete sie Hals über Kopf in die Schweiz.

Anders als die Vilar, hält Christa Yellowtail nichts von Konfrontationen und öffentlichen Streitgesprächen. Die Witwe eines indianischen Medizinmannes kommt aus dem Allgäu, wo sie erfolgreich als Geistheilerin praktiziert. Sie ist etwas gewöhnungsbedürftig mit ihrer überschwänglichen Begeisterungsfähigkeit, aber ich nahm  sie als authentisch, bescheiden und liebevoll wahr. Jens sagte, dass die Schamanin schon einmal bei Sandra war und ein überwältigendes Zuschauerecho ausgelöst habe. Aha, dachte ich, die ist also der Quotenrenner. Das Geschäft ist unerbittlich. Wenn die Quoten sinken, stürzen die Talkshow-Stars unweigerlich ab.

Ich überwand meine Zweifel und entschied, mich bei Sandra aufs Sofa zu setzen. Irgendwie würde ich eine Möglichkeit finden, das Thema Meditation ins Spiel zu bringen, und wenn das gelingen sollte, würde die Sendung für mich ihren Sinn erfüllt haben.

Einen Tag später kam Jens zu Besuch. Wir setzten uns in den Garten und er quetschte mich aus. Sein Job sei es, für Sandra ein Dossier über mich zu erstellen, sagte er. Ich sprach viel über Meditation und warum sie in dieser Zeit so wichtig ist. Jens nahm alles mit einem Aufnahmegerät auf.

Ein paar Tage später rief er aus Berlin an und sagte, er habe noch ein paar Zusatzfragen. Es habe doch angeblich Morde gegeben in Poona. Und wie das mit der „freien Liebe“ gewesen sei? Ich hatte gehofft, nicht mit Skandalgeschichten konfrontiert zu werden, die sensationsgeile Reporter vor 30 Jahren für den deutschen Stammtisch erfunden haben. Nun kam ich auf dem Boden der Tatsachen an. 

Vorurteile sterben langsam. Wenn ein Reporter etwas über Osho wissen will, geht er erst mal ins Archiv. Und was er in deutschen Presse-Archiven über Osho findet, besteht zu 90% aus Fehlinformationen von voreingenommenen Reportern. Damals führten die Amtskirchen eine höchst erfolgreiche Desinformationskampagne. Ihre Spuren sind bis heute noch frisch,  obwohl sich Osho inzwischen weltweit als einer der bedeutendsten spirituellen Meister etabliert hat und seine Bücher in Millionenauflagen erscheinen.

Ich bat Jens, seiner Chefin auszurichten, dass ich keine Lust hätte, mit ihr über alte Osho-Klischees zu diskutieren. Nein, versicherte Jens, das sei überhaupt nicht beabsichtigt. Ihm ginge es nur darum, einige Sachen abzuchecken. Dennoch flog ich mit gemischten Gefühlen nach Köln, wo die Sendung aufgezeichnet werden sollte.

Als ich im Studio  ankam, saßen die Teilnehmer schon in einem Warteraum. Die Stimmung war gedrückt. Bleiernes Schweigen. Da saß der bekannte Kabarettist Werner Schneyder breitbeinig und mit gefalteten Händen im Schoß in einem schwarzen Kunststoff-Sessel und schaute mit einem Ausdruck genervter Langeweile vor sich hin. Der Berufszyniker  war offenbar eingeladen worden, um die Talkshow mit Provokationen aufzupeppen.  Ihm gegenüber saß Esther Vilar.  Den Kopf zwischen den Schultern eingezogen, schaute sie mit ängstlichem Blick in die Runde und wirkte auf mich so, als müsste sie gleich den Gang zur Guillotine antreten.

Die beherrschende Figur im Raum war Sabine Ball.  84 Jahre alt. Schneeweißes, nach hinten gekämmtes Haar, sparsamer Schmuck – von Kopf bis Fuß eine imposante Dame. Sie hatte als junges Mädchen einen amerikanischen Millionär geheiratet und ein Leben in Saus und Braus geführt. Dann kam die Sinnkrise, die schließlich dazu führte, dass sie die Bibel entdeckte, eine „brennende Christin“ wurde und ihr ganzes Vermögen in den Aufbau einer Hilfsorganisation für Kinder und Jugendliche in Dresden steckte. Ich mochte diese Frau, noch bevor ich mit ihr ein Wort gewechselt hatte.

Neben mir saß Kristiane Backer. Als erste deutsche MTV-Moderatorin wurde sie Anfang der 90er Jahre eine internationale Berühmtheit, erfuhr ich aus ihrer Kurzbiografie zu Sendung. Aber der Erfolg machte sie nicht glücklich. Als sie den schönen pakistanischen Cricket-Spieler Imran Khan kennen lernte, erschloss sich ihr die islamische Welt. Dass die Begeisterung für den Islam sie nicht zur Nonne gemacht hat, die sich gern hinter dem Schleier versteckt, war erfreulicherweise auf den ersten Blick zu sehen. Neben mir saß eine hübsche, fröhliche Plaudertasche, die Werner Schneyder schon bald auf die Palme bringen sollte.  Später in der Sendung würde Esther Vilar sagen: „Für Imran Khan wäre ich vielleicht auch zum Islam übergetreten!“

Plötzlich tauchte unsere Gastgeberin Sandra  auf. Strahlendes Lächeln, Händeschütteln, für jeden ein paar nette Worte. Gleich gehe es los, sagte sie und Frau Yellowtail werde die Sendung mit einer kleinen schamanischen Zeremonie einleiten. Wir sollten bitte nicht warten, bis wir gefragt würden, ermahnte Sandra uns, sondern uns einmischen und das direkte Gespräch mit den anderen suchen. Kabarettist Schneyder gähnte verstohlen hinter vorgehaltener Hand.

Dann ging es ab ins Studio. Dort schwang die Schamanin schon eine große Muschel, in der sie Heilkräuter verbrannte, um eine „liebevolle Atmosphäre zu verbreiten“. Grelles Licht von allen Seiten. Fünf Kameras waren auf uns gerichtet.  Aber die Regie war nicht zufrieden. Über Lautsprecher dröhnte eine Stimme: „Wir brauchen mehr Qualm. Können Sie etwas zulegen?“ Die Schamanin legte zu. Kamera 2 ging auf Sendung und Sandra Maischberger hob ab.

Gemäß der alten journalistischen Erfahrung, dass sich der Mensch für nichts mehr interessiert, als für andere Menschen, bekam nun jeder von uns die Gelegenheit, seine eigene Vita zu erzählen. Das kostet Zeit. Als ich dran war, sprach mich Sandra sofort quotenträchtig  auf die Sache mit Oshos  92 Rolls Royces an. „Wenn man in dieser Mediengesellschaft gehört werden will“, sagte ich in etwa, „in der das Fernsehen jeden Tag eine andere Sau durchs Dorf treibt, muss man sich schon etwas Originelles einfallen lassen, damit man von den Medien wahrgenommen wird. Nur wer wahrgenommen wird, wird auch gehört. Osho hatte eine wichtige Botschaft. Er wollte gehört werden. Also wurden die Rolls Royces angeschafft. Als die ganze Welt von dem …šRolls Royce Guru' sprach, hatten sie  ihren Zweck erfüllt und wurden mit sattem finanziellen Gewinn an einen texanischen Autohändler verkauft“.

„Finden Sie das nicht eine witzige Idee“? fragte ich Sandra. Sie neigte den Kopf zur Seite und lächelte. „Wenn das so war, dann finde ich das schon“, sagte sie und ich bilde mir ein, einen Unterton von erstaunter Anerkennung gehört zu haben.
Hat es sich gelohnt, an dieser Talkshow teilzunehmen? Ich denke schon. Etwa zwei Millionen Fernsehzuschauer wissen nun, wozu die Rolls Royces gut waren. Der Berg der Vorurteile ist ein wenig kleiner geworden.
Ach so – über Meditation konnte ich auch noch ein paar Sätze sagen. Danke Sandra!

 

Wer die Sendung in Kurzfassung sehen möchte, kann folgende YouTube Links anklicken:
1. Teil : http://www.youtube.com/watch?v=dEL6ARGblTg
2. Teil: http://www.youtube.com/watch?v=bZ7B0lKdLqA.