Der Erlöser

Barack Obama mobilisiert Amerikas Jugend mit spiritueller Energie


In Amerika spielt sich ein Spektakel ab, das die Medien weltweit seit Monaten in Atem hält: Wer wird bei den amerikanischen Wahlen im November für die Republikaner und wer für die Demokraten um die Nachfolge von George W. Bush kämpfen? Der Republikaner steht schon fest. Senator John McCain – einst als Jagdflieger über Vietnam abgeschossen, vier Jahre im Gefangenenlager bei Hanoi, seither als Kriegsheld verehrt. Heute ist er im Alter von 71 Jahren ein querköpfiger alter Herr, und viele meinen, er sei viel zu alt, um noch Präsident werden zu können.
Der Fokus der Medien richtet sich eher auf die beiden demokratischen Bewerber; denn sie stehen für einen Paradigmenwechsel in der amerikanischen Politik: Hillary Clinton, 62, Senatorin aus New York, Frau von Ex-Präsident Bill Clinton, kämpft wie eine Besessene darum, als erste Frau ins Weiße Haus einzuziehen. Eine Frau an der Spitze der einzigen Supermacht des Planeten? Eine Frau als Oberbefehlshaberin der größten Militärmaschine der Welt? Vor wenigen Jahren hätte man das in den USA noch für eine aparte Hollywood-Idee gehalten. Heute halten es Millionen von Amerikanern für eine gute Idee.

Der schwarze Kennedy
Für eine noch größere Sensation sorgt ein junger farbiger Amerikaner, der mit wortgewaltigem Pathos wie ein Erlöser auftritt: Barack Obama – 18 Jahre jünger als seine Rivalin Clinton – Senator aus Chicago, Sohn eines Schwarzen aus Kenia und einer amerikanischen Mutter. Während ich dies schreibe, sieht es so aus, als hätte er eine gute Chance, Anfang des nächsten Jahres ins Weiße Haus einzuziehen. Er wäre der erste schwarze Präsident der USA. Sicher ist freilich noch gar nichts. Hillary gibt sich nicht so leicht geschlagen.
Aber auch wenn Obama es nicht ins Weiße Haus schaffen sollte, ist dieser Mann ein Ereignis. Denn sein Wahlkampf offenbart einen Bewusstseinswandel in der jungen Generation. Dieser wurde bisher jedoch kaum wahrgenommen, weil er sich während der katastrophalen Amtszeit von George W. Bush sozusagen unter der Oberfläche des Tagesgeschehens entwickelt hat.
Obama ist es gelungen, Millionen von Nichtwählern zu mobilisieren, vor allem junge Menschen, die angewidert sind von den kleinkarierten, verlogenen und scheinheiligen Machtkämpfen in der modernen parlamentarischen Demokratie. Für sie ist Obama ein Visionär. Mit ihm wollen sie heraus aus den Niederungen eines öden und lebensfeindlichen Materialismus. Sie wollen eine Welt gestalten, die nicht von Angst, Geld und Gewalt beherrscht wird, sondern von Hoffnung, Liebe und Solidarität.
Sie sind die Avantgarde eines politischen, psychologischen und kulturellen Umbruchs, der weit über Amerika hinaus wirken könnte, so wie in den 60er- und 70er-Jahren, als die kreative Energie der Flower Power Kids von San Francisco und die studentische Rebellion im kalifornischen Berkeley auf Europa übergriff und das Lebensgefühl der jungen Generation prägte.
Obamas Wahlkampf offenbart, dass das Pendel in Amerika im Begriff ist, die Richtung zu ändern – weg vom sterilen und gewalttätigen Materialismus der Ära Bush und hin zu einer spirituell orientierten kreativen Lebendigkeit. Barack Obama wird vom Schwung des Pendels angetrieben, aber er verstärkt ihn auch.
In den Medien nennt man Obama gerne den „Schwarzen Kennedy“. Auch John F. Kennedy wurde vom idealistischen Schwung der jungen Generation getragen. Er begeisterte durch seine lockere, offene Art, seine elegante Körpersprache und seinen unwiderstehlichen Charme. Er war ein charismatischer Führer.
All das trifft auch auf Obama zu. Aber sonst haben die beiden eher wenig gemein. Der junge Kennedy profitierte vom Geld und von den Beziehungen seines Vaters zu den Power Players der Wirtschaft, der Politik und sogar der Unterwelt. Barack Obama verdankt seinen Aufstieg allein seiner eigenen Energie und Intelligenz.

Stärken und Schwächen
So wie Kennedy hat er auf der amerikanischen Eliteuniversität Harvard studiert. Aber während Kennedy ein mittelmäßiger Student war, hat Obama sein Jura-Studium mit einem glanzvollen „summa cum laude“ abgeschlossen. Kennedy wuchs in der opulenten Welt des amerikanischen Geldadels auf. Barack Obama ging als junger Rechtsanwalt in die Slums von Chicago und half dort als Sozialarbeiter den Armen und den Hoffnungslosen. Kennedy heiratete eine Beauty aus der amerikanischen High Society. Obama führte eine attraktive Studienkollegin zum Altar, deren Vorfahren als schwarze Sklaven aus Afrika in Ketten nach Amerika importiert wurden.
Zu den großen Überraschungen der amerikanischen Vorwahlen gehört die Tatsache, dass Barack Obama auch viele weiße Wähler fasziniert. Er punktet über die Rassengrenzen hinweg bei den Menschen mit höherer Schulbildung. Hillary Clinton findet ihre Wähler vor allem unter der weißen Arbeiterschaft industrieller Notstandsgebiete und bei älteren Frauen, die endlich mal eine Frau im Weißen Haus sehen wollen. Aber die Kinder dieser Frauen sind zumeist Obama Fans und finden es cool, zur „Generation Obama“ zu gehören.
Hillary war an der Seite von Bill Clinton acht Jahre lang die First Lady Amerikas. Sie verfügt über beste Beziehungen zur amerikanischen Power Elite. Sie hat einen brillanten Verstand. Sie ist fleißig, hat große politische Erfahrung und verfügt als Senatorin von New York über eine formidable politische Power-Basis. So trat sie bei den Vorwahlen zunächst als Favoritin an.
Schon bald zeigte sich freilich, dass Hillarys Stärken auch ihre Schwächen sind. So hat ihre politische Erfahrung sie nicht daran gehindert, im Senat für den Krieg gegen Irak zu stimmen. Obama hat gegen den Krieg gestimmt. Und wann immer Hillary in ihrem Wahlkampf damit punkten will, dass sie eine viel größere politische Erfahrung habe als der „unerfahrene“ Obama, kontert ihr junger Rivale gelassen: „Es kommt nicht darauf an, wer die größere Erfahrung hat, sondern wer die richtigen Entscheidungen trifft.“
Das kommt bei den Studenten und Ober­schülern gut an, die landesweit über das Internet vernetzt sind, in Chatforen von Obama schwärmen, und überall rund um die Uhr als freiwillige Wahlkampfhelfer die Massen mobilisieren und die Auftritte ihres Idols vorbereiten. Und per E-Mail blitzartig politische Aktionen ankurbeln, You­Tube mit Werbespots füttern und Geld für die Kriegskasse sammeln. Die Kleinspenden für Obama türmen sich immer wieder zu hohen Millionenbeträgen, während Hillary vor allem auf Sponsoren angewiesen ist, die sich mit ihren Spenden politische Gefälligkeiten erkaufen wollen.

Wer macht das Rennen?
Für die Jungen ist Hillary Clinton Repräsentantin einer politischen Kultur, die vom Establishment in Washington geprägt wird – von den Lobbyisten der Konzerne und zahlloser Interessengruppen, von korrupten Berufspolitikern, opportunistischen Journalisten und einfallslosen Beratern. Das Establishment in Washington dreht sich um sich selbst. Die Interessen des Volkes sind ihm eher gleichgültig.
Barack Obama sitzt zwar im Senat in Washington, tritt aber nicht als Parteipolitiker an. Er gibt sich eher als Visionär, als einer, der über den Dingen steht. Er ruft die Menschen auf, sich über alle rassischen, religiösen, ethnischen und politischen Gräben hinweg die Hand zu reichen und stolz darauf zu sein, dass sie alle gemeinsam Bürger eines großartigen Landes sind. Er appelliert an den Gemeinschaftssinn der Menschen, an ihre Opferbereitschaft, an ihr Verantwortungsbewusstsein. Er projiziert keine Schreckensbilder an die Wand, um die Menschen ängstlich und gefügig zu machen. Er macht Hoffnung und appelliert an das Gute im Menschen. Das ist die Sprache, auf die das junge Amerika offenbar gewartet hat.
Ob „der Erlöser“ es schließlich schaffen wird, bleibt ungewiss. Die Kräfte der Beharrung sind nach wie vor groß. Je länger das Ren­nen zwischen Clinton und Obama anhält, desto größer wird die Gefahr, dass sich die Demokratische Partei spaltet und damit ihre Siegeschance bei den Präsidentschaftswahlen verspielt.
Die gute Nachricht ist, dass es einen Mann im Hintergrund gibt, der sich als der wahre Erlöser erweisen könnte: gemeint ist Al Gore, der Papst der Umweltbewegung, Produzent des riesig erfolgreichen Films „Die unbequeme Wahrheit“, Nobel- und Oscarpreisträger, einst Vizepräsident unter Bill Clinten, dann Beinahe-Präsident der USA, dem George W. Bush vor vier Jahren durch Wahlmanipulation den Sieg geklaut hat.
Es könnte gut sein, dass Al Gore dem Drängen einflussreicher Freunde nachgibt und seine Partei vor der Spaltung bewahrt. Zwei Szenarien sind denkbar: Al Gore wird der Kandidat der Demokraten und zieht im November mit Barack Obama als Vize in den Wahlkampf. Oder Obama wird Kandidat und Al Gore stellt sich als Vize zur Verfügung. Beide Varianten wären wie ein Schlüssel für das Weiße Haus. Und mit Amerika könnte die ganze Welt aufatmen.