Die Hirnmaschinen kommen…

…und der Gegensatz von Segen und Unheil moderner Forschung spitzt sich immer mehr zu


Vor mehr als 30 Jahren hatte ich meine letzte Sekretärin. Frau von Fritzen nahm meine Diktate auf und tippte sie auf der Schreibmaschine. Wenn sie der Meinung war, dass ich ihr gerade Blödsinn diktiert hatte, fragte sie taktvoll: "Herr Elten, habe ich Sie richtig verstanden…?"

So sensibel ist mein Computer, Mullah Nasruddin, nicht - noch nicht. Mit Hilfe einer Spracherkennungssoftware tippt er, was ich ihm diktiere. Mehr nicht. Am Anfang gab es zuweilen Missverständnisse. Da wurde aus  "Gitama" schon mal "China". Aber das Schöne ist, dass der Mullah gerne lernt und ich ihm den Unterschied zwischen Gitama und China durchaus beibringen konnte. So schreibt er jetzt zum Beispiel nicht mehr "China lässt euch herzlich grüßen" sondern " Gitama lässt euch herzlich grüßen!"

Jeden Tag freue ich mich darüber, wenn der Mullah etwas Neues lernt. Dabei lehrt er mich vor allem Geduld. Geduld zählt nicht zu meinen großen Stärken. So kann es schon mal vorkommen, dass ich mich über Mullah Nasruddins vermeintliche Begriffsstutzigkeit ärgere und die Spracherkennungssoftware am liebsten in den Cyberspace blasen würde. Aber dann spitzt Mullah Nasruddin plötzlich die Ohren und überrascht mich mit einem Erkenntnis-Quantensprung. Mühelos schreibt er zum Beispiel Worte wie Atomwaffensperrvertrag, Erleuchtungshysterie, Nutzungsberechtigung, Brachialmethoden und andere Ungewöhnlichkeiten. Fehlerfrei!

Der Mullah und ich sind ein gutes Team. Es macht mir Spaß, mich zurückzulehnen, die Beine auf den Schreibtisch zu legen, vor mich hin zu plaudern und zuzuschauen, wie sich auf dem Bildschirm mühelos ein Satz an den anderen fügt. Neulich wurde mir die Sache allerdings etwas unheimlich. Da beobachtete ich zum ersten Mal, dass der Mullah sensibel darauf reagiert, wie ich gerade drauf bin. Wenn es mir mal nicht so gut geht, fängt er an, lauter Quatsch aufzuschreiben, den ich nicht diktiert habe. Wenn ich körperlich fit und ausgeruht bin, schreibt er komplizierte Texte über ganze Passagen hinweg fehlerfrei.

Das erinnert mich daran, dass Leute wie Ray Kurzweil und andere Forscher auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz schon seit vielen Jahren behaupten, dass Mensch und Computer im Begriff sind, zusammen zu wachsen. Ich bin da eher skeptisch gewesen, aber neuerdings würde es mich nicht wundern, wenn sich Mullah Nasruddin eines Tages wie Frau von Fritzen benähme und mir Bemerkungen wie diese unter die Nase reibt: "Satyananda, habe ich dich richtig verstanden...?" Wahrscheinlich arbeiten die Leute, die meine Spracherkennungssoftware entwickelt haben, schon seit langem fieberhaft daran, dass der Mullah mir seine Meinung sagen kann.

In den letzten Jahren ist die Zusammenarbeit zwischen Computerforschern und Neurologen  immer enger geworden, und sie legen ein rasantes Tempo vor. So kann man in der wissenschaftlichen Fachpresse neuerdings schrille Überschriften lesen:

Die Hirnmaschinen kommen - Forschung lässt Science-Fiction-Visionen wahr werden - Mediziner steuern über Elektroden die Gehirne von Patienten - Einige Forscher planen sogar die mentale Optimierung von Soldaten…

Mit Rhesusaffen hat es angefangen. Forscher des "Neuroscience Institute" im kalifornischen San Diego haben einen Affen vor den Bildschirm gesetzt und ihn ein Computerspiel spielen lassen. Während des Spiels wurden mit Elektroden die Gedankenströme des Tieres aufgezeichnet. Aus den Gehirnströmen filterten die Wissenschaftler die Daten für die Armbewegungen heraus und legten sie in einer Datenbank ab. Im nächsten Schritt wurde der Arm des Affen fixiert. Er spielte das Computerspiel nun mit einem Roboterarm, den er mit seinen Gedanken lenkte. Mit anderen Worten: Die zuvor aufgezeichneten Daten über die Gehirnströme setzten die Gedanken des Affen in Steuerimpulse für den Roboterarm um. Die Wissenschaftler sind davon überzeugt, dass man mit dieser Methode Körperbehinderten helfen kann, Prothesen mit Gedanken zu steuern.

Das Wissenschaftsmagazin "Bild der Wissenschaft" schreibt: "Die Verschmelzung von Gehirn und helfenden Maschinen schreitet mit Siebenmeilenstiefeln voran".

Tatsächlich hat die Hirnforschung eine beängstigende Eigendynamik entwickelt. Die Forscher beschränken sich nicht mehr darauf,  die Arbeitsweise des Gehirns zu beobachten. Längst sind sie dazu übergegangen, das Gehirn mit eingepflanzten Elektroden zu manipulieren.

So berichtete das Fachblatt "Nature" in einer Titelgeschichte von einem querschnittsgelähmten jungen Mann namens Matthew Nagle, der sich furchtlos den Hirn-Chip "BrainGate" der US-Firma Cyberkinetics Incorporation ins Gehirn setzen ließ. Das vier mal vier Millimeter große Implantat, das mit 100 spitzen Elektroden in seine motorische Hirnrinde eingepflanzt wurde, verwandelte den fünfundzwanzigjährigen Amerikaner in einen Cyborg, der mit Gedankenkraft einen Cursor steuert, seine E-Mails öffnet, den Fernseher ein- und ausschaltet und Computerspiele spielt.

Die Verschmelzung von Mensch und Maschine ist perfekt. Die Frage ist nur, wer ist Ross und wer ist Reiter? Bisher war es klar, wer im Sattel sitzt. Mit einem Chip im Gehirn kann es jedoch durchaus zu einem Rollentausch kommen: Der Mensch gehorcht dem Roboter. So ist es z.B. Neurophysiologen gelungenen, die unkontrollierte Körpermotorik von Parkinson Patienten mit Hilfe von Chips unter Kontrolle zu bringen. Die Patienten bekommen bei vollem Bewusstsein haarfeine Elektroden ins Gehirn gepflanzt. Ein Gerät unter der Haut sendet dann Stromstöße, die bestimmte Schaltkreise im Hirn blockieren.

Professor Manfred Kaps, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie,  spricht von einem "Gehirnsschrittmacher", und ist sich durchaus bewusst, dass das  "ethische Fragen aufwirft". Denn mit einem Gehirnschrittmacher kann man natürlich auch noch ganz andere Dinge machen, als das Leiden von Parkinson Patienten zu lindern.

In Grenzbereichen der Forschung kommt den Wissenschaftlern mitunter die Kontrolle abhanden und die Roboter übernehmen die Führung. Roboter in Menschengestalt. Der russisch-armenische spirituelle Meister George Gurdjieff vertrat die Ansicht, dass alle Menschen Maschinen sind - bewusstlos und ohne Selbstkontrolle - solange sie sich nicht durch " freiwilliges Leiden und bewusstes Bemühen" ein waches Bewusstsein angeeignet haben. In Grenzbereichen der Forschung können Wissenschaftler ohne Bewusstsein die Hölle auf Erden schaffen.

Im Kern geht es um die Frage, ob die Menschen ihre Zukunft gestalten, oder ob sie ihr Schicksal den Robotern anvertrauen wollen. Die Grenzen sind fließend. Moderne Roboter können dem Menschen helfen, sie können ihm beispielsweise Depressionen, Ängste und Traumata nehmen. Das ist der Heilungs- Ansatz, aus dem die meisten Forscher ihre Motivation beziehen. Aber jeder Fortschritt hat seinen Preis. Denn die Bewältigung unserer Ängste, Depressionen und Traumata ist natürlich wichtig für unsere Bewusstseinsentwicklung. Sie hilft uns, einen inneren Kern zu bilden und uns zu kristallisieren. Je mehr wir uns darauf einlassen, unser psychisches Gleichgewicht und unser physisches Wohlbefinden mithilfe von Robotern (oder auch chemischer Substanzen) herzustellen, verwandeln wir uns selber immer mehr in Roboter.

Und wo immer in Grenzbereichen geforscht wird, sind schließlich auch die Späher der Geheimdienste und der Generäle präsent, die alle wissenschaftlichen Erkenntnisse daraufhin überprüfen, ob man sie für die Entwicklung neuer Waffen oder für die Spionagetechnologie nutzen kann. Auf der Suche nach der Stelle, die für Parkinson zuständig ist, arbeiteten die Neurologen mit schwachen Stromstößen. Dabei fanden sie außer dem Parkinsonpunkt noch etwas ganz anderes - eine neuronale Vernetzung, die die  Aufmerksamkeit erheblich verschärft, wenn man sie mit elektrischen Impulsen reizt. Nun will das amerikanische Verteidigungsministerium einen Helm für Jagdbomberpiloten entwickeln lassen, mit dem man das Gehirn der Soldaten im Kampfeinsatz reaktionsschneller machen kann.

Dabei wird es nicht bleiben. Irgendwann gibt es den Helm, mit dem man Soldaten nicht nur schneller und aufmerksamer, sondern auch furchtloser und - ja, warum denn nicht? - auch fanatischer und gehorsamer machen kann. Die Forscher bleiben am Ball, so viel steht fest.

Übrigens finde ich es - obwohl ich kein Terrorist bin - doch etwas unheimlich, dass irgendwelche Geheimdienstfuzzies in meinem Computer herumschnüffeln können, während ich diesen Klartext schreibe. Ohne wissenschaftliche Vorarbeit wäre es ihnen jedenfalls nicht möglich, meine E-Mails zu lesen und meine Bankauszüge zu durchforsten. Und wer weiß, ob diese Leute nicht inzwischen schon im Stande sind, mir über den Mullah sublime Botschaften ins Gehirn zu transportieren, ohne dass mir das im geringsten bewusst wird.