Glanz und Elend des Lachenden Gottes

Im Westen ist er beliebt wie ein Pop-Star, aber in Tibet kann der Dalai Lama die Uhr nicht mehr zurück drehen


Zehntausend Menschen sind in der Tennis-Arena am Rothenbaum in Hamburg. Auftrieb wie bei einem Popkonzert. Seine Heiligkeit der Dalai Lama ist da. „Der lachende Gott“, wie der „Spiegel“ ihn nennt. Nach dem Mittagessen, und nachdem er seinen Vortrag zum Thema „Frieden lernen“ gehalten hat, erscheint er plötzlich hinter der Bühne, wo die Organisatoren und ihre Helfer im Verborgenen wirken. Auch Roger Willemsen, der Moderator der Massenveranstaltung, ist dort. Später erinnert er sich: „Seine Heiligkeit erschien mit einer Zahnbürste im Mund und weißem Schaum im Gesicht“.

Es war dieser nicht öffentliche Auftritt des Führers der Tibeter, der sich mir am stärksten eingeprägt hat. Dieser humorvolle, liebenswerte Mann, der von seinen Anhängern als Gott verehrt wird, hat offenbar kein Problem damit, sich wie ein normaler Mensch zu verhalten. Oder war der Auftritt mit der Zahnbürste etwa kalkuliert? Das kann man beim Dalai Lama nicht so genau wissen, denn er spielt im Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit verwirrend viele Rollen und ist ein Mann mit vielen Gesichtern. Seine wichtigste Rolle ist die des Chefdiplomaten, der geschmeidig um die Gunst der Mächtigen buhlt, damit sie ihm helfen, sein Volk aus chinesischer Knechtschaft zu befreien.

Wahrscheinlich gefällt ihm diese Rolle überhaupt nicht. Denn sie passt so ganz und gar nicht zum Wesen eines authentischen spirituellen Meisters. Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass es dem Dalai Lama leicht gefallen ist, den Charakter und die Führungseigenschaften des amerikanischen Präsidenten zu loben. Als Diplomat hat er es offenbar für opportun gehalten, als spiritueller Meister hätte er George W. Bush öffentlich als Kriegsverbrecher und Folterknecht anprangern müssen. Der Dalai Lama hat darauf verzichtet, obwohl ihm sein freundlicher Umgang mit den Mächtigen dieser Welt doch nur Enttäuschungen eingebracht hat. Den Politikern und Wirtschaftsbossen sind lukrative Geschäfte mit China allemal wichtiger, als das Schicksal des tibetischen Volkes. 

Die dritte Rolle Seiner Heiligkeit ist die des einfachen Menschen. Diese Rolle macht ihm offensichtlich am meisten Spaß. Das Lachen des Dalai Lama ist weltberühmt. Er lacht, wo er geht und steht, und er lacht auch oft ohne jeden Anlass. Je einfacher er sich gibt, desto mehr lieben ihn seine Anhänger in aller Welt - und von Tag zu Tag werden es mehr. Es ist seine Schlichtheit, die ihn zur Pop-Ikone gemacht hat. Besonders Menschen, die in der Tradition des Christentums aufgewachsen sind, finden es wunderbar, dass der „Papst der Buddhisten“ ohne pompöse Rituale auskommt, ohne liturgischen Singsang, Weihrauchschwaden und kostbare Gewänder. Auf der Tribüne im Tennisstadion von Hamburg lieferte der Dalai Lama dazu ein Kontrastprogramm ab. Das „Hamburger Abendblatt“ berichtete:  „Er unterhielt die Zuschauer mit humoristischen Einlagen, während der Dolmetscher seine Worte übersetzte -  spielte mit den Kopfhörern, blätterte im Programmheft, wiegte sich im Schneidersitz hin und her und lachte viel und laut“.

In allen Rhetorik-Lehrbüchern findet man den Satz: „Der Botschafter ist wichtiger als die Botschaft!“ Mit anderen Worten: es kommt nicht so sehr darauf an, was der Redner sagt, sondern wie er bei seinen Zuhörern ankommt. Der Dalai Lama beherrscht diese Kunst perfekt. Er kommt an, auch wenn das, was er sagt, oft nicht über schlichte Plattitüden hinausgeht. So fällt ihm zum Beispiel mit Bezug auf Israel nicht mehr ein als: „Gewalt führt zu Frustrationen, und Frustration zu noch größerer Gewalt. Deswegen müssen wir den Dialog führen.“ Wer hätte das gedacht?

Wenn er als religiöser Führer auftritt, hütet sich der Dalai Lama davor, die Funktionäre der Amtskirchen vor den Kopf zu stoßen, die den „Gott vom Dach der Welt“ am liebsten auf den Mond schießen würden. Schließlich hat eine Spiegel-Umfrage ergeben, dass der Dalai Lama in Deutschland populärer ist (44%), als der deutsche Papst Benedikt VI. (42 %). Damit seine Popularität die diplomatische Mission Seiner Heiligkeit nicht gefährdet, muss der Dalai Lama darauf bedacht sein, die Funktionäre der Amtskirchen zu besänftigen. So ermahnt er seine Anhänger immer wieder, an ihrem christlichen Glauben festzuhalten. Bei vielen Menschen kommt diese Geste gut an.

Sie finden es wunderbar, dass der lachende Gott so unkontrovers ist. Wir  brauchen uns  nicht wirklich auf ihn einzulassen, brauchen keine Angst davor zu haben, dass er uns den Spiegel vorhält und uns unser wahres Gesicht zeigt. Er lacht lieber und spendet Lob. Er ist ein charismatischer No-Risk Heiliger, den man einfach lieb haben muss. Selbst wenn wir seinen Rat missachten, unserer Kirche den Rücken kehren und zum buddhistischen Glauben übertreten, bleiben wir doch in der Komfortzone allgemein anerkannter Wohlanständigkeit. Wir springen nicht ins Ungewisse, wir tauschen lediglich eine ehrwürdige religiöse Tradition gegen eine andere aus. So ist es nicht nur in Hollywood, sondern auch hierzulande inzwischen richtig cool, Buddhist zu sein.
Der lachende Gott muss viele Kompromisse machen, um die Massen zu begeistern und die Mächtigen auf seine Seite zu bringen. Aber seinem Volk in Tibet konnte er bisher nicht viel helfen. Die Zeit arbeitet sogar gegen ihn. Die kommunistische Führung in Peking ist im Begriff, den einst isolierten und rückständigen Gottesstaat Tibet in eine moderne Industrie-Provinz zu verwandeln. Der Widerstand der Mönche gegen die chinesischen Eindringlinge ist nur noch eine ferne Erinnerung. Inzwischen profitieren die Tibeter von dem wirtschaftlichen Aufschwung der Weltmacht China. Lebensstandard und Schulbildung sind so hoch wie noch nie. Die jungen Tibeter wachsen mit der chinesischen Sprache auf und ihre Ambitionen und ihr Life-Style unterscheiden sich kaum noch von dem junger Menschen in Shanghai oder Peking.

Wie ist die Stimmung im Land? Schwer zu sagen, denn freie Wahlen gibt es nicht. Die hat es übrigens in Tibet noch nie gegeben. Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts stand das analphabetische Bergvolk unter der Knute machtbesessener Äbte und es herrschte finsteres Mittelalter. Nur eines ist gewiss: Der Dalai Lama kann die Uhr nicht mehr zurück drehen. Das weiß er besser, als jeder andere. Nach wie vor möchte er zu seinem Volk aufs Dach der Welt zurückkehren. Aber nicht mehr als Herrscher und Gott, sondern als einfacher Bürger. Er sei bereit, in den Ruhestand zu treten, hat er den Mächtigen in Peking signalisiert, wenn sie seinem Volk die Glaubensfreiheit geben und ihm die Rückkehr nach Lhasa gestatten.

Diese Offerte ist seine letzte Trumpfkarte. Und es könnte durchaus sein, dass sie sticht, denn in China zeichnet sich eine Wiederbelebung traditioneller Religiosität ab. Die Partei hat den Glauben an einen allein seligmachenden Kommunismus verspielt. Jetzt sollen Konfuzianismus und Taoismus das spirituelle Vakuum in Rot-China füllen - mit Zustimmung der Parteikader in Peking. Dieser Trend könnte durchaus auch dem tibetischen Buddhismus zugute kommen. Jedenfalls ist es nicht mehr so schwer, sich vorzustellen, dass der Dalai Lama eines Tages in seine Heimat zurückkehrt - als eine Ikone ohne politischen Einfluss. Vielleicht könnte er dann sogar bei der Modernisierung seines Landes eine wichtige Rolle spielen.

Im Zeichen der bevorstehenden Olympischen Spiele in China sind die Menschenrechte für die Regierung in Peking ein zunehmend wichtiges Imageproblem, und die Glaubensfreiheit in Tibet spielt dabei die Hauptrolle. Die Rückkehr des Dalai Lama nach Tibet wäre ein gigantischer PR-Coup nach Maß: die Gastgeber der Olympischen Spiele könnten sich als fortschrittlich-tolerante und weltzugewandte Player auf dem internationalen Parkett etablieren und damit auch und vor allem die eigene Bevölkerung beeindrucken.

Für den Dalai Lama wäre eine Rückkehr nach Tibet vielleicht kein politischer Triumph, aber in jedem Fall eine ungeheure persönliche Befreiung. Endlich könnte er die undankbare Rolle des Chefdiplomaten und PR-Clowns ablegen, der um die Gunst der Mächtigen und des Massenpublikums buhlt. Befreit von opportunistischer Rücksichtnahme, könnte er sein Charisma und seine spirituelle Kraft für das Wesentliche einsetzen - nicht für Event-Aktivismus und spirituelles Entertainment, sondern für den Versuch, die Menschen aufzuwecken und mehr Bewusstheit in die Welt zu bringen. Nur wenn alle ihre Lebensgewohnheiten  radikal verändern, kann es für den Planeten eine neue Blüte geben.