Immer noch: „Ganz entspannt im Hier und Jetzt“

Sannyasin und früherer Stern-Journalist Jörg Andrees Elten feiert 80. Geburtstag / Vor 30 Jahren erschien seine Poona-Reportage


Erschienen in den ­­»Fränkischen Nachrichten« vom 30. März 2007

Von unserem Redaktionsmitglied
Sabine Braun

Meditatives Tanzen, Selbsterfahrung, zur Ruhe finden – diese Techniken und Vorstellungen sind heute ganz selbstverständlich Inhalt von Kursen und Gruppen. Doch vor 30 Jahren waren solche Ideen noch gänzlich unbekannt. Eine legendär gewordene Reportage des Stern-Reporters Jörg Andrees Elten, veröffentlicht im Jahr 1977, änderte das mit einem Schlag. Sein Poona-Tagebuch „Ganz entspannt im Hier und Jetzt“ wurde zum Bestseller und zum geflügelten Wort. Dreißig Jahre sind vergangen, und der Autor feiert heute seinen 80. Geburtstag. Grund für die Fränkischen Nachrichten, nachzufragen.

Jörg Andrees Elten, wie geht es Ihnen? Sind Sie heute „ganz entspannt im Hier und Jetzt“?

JÖRG ANDREES ELTEN: Ja, jedenfalls mehr als früher. Alle Probleme fangen damit an, dass man die Dinge anders haben will, als sie nun mal sind. Ich kann mehr geschehen lassen. Das entspannt.

Ihre erste Begegnung mit Bhagwan oder Osho, wie er sich später nannte, liegt fast 30 Jahre zurück. Was bedeutet er Ihnen heute?

ELTEN: Osho ist für mich immer noch sehr präsent. Wenn man mit einem Meister gearbeitet hat, dann ist diese Beziehung nicht der Mode unterworfen. Sie bleibt sehr lebendig.

Haben Sie eine Erklärung gefunden, warum die Oregon-Kommune scheiterte? War es wirklich so, dass Osho die Sache bewusst in die Katastrophe schliddern ließ, um seinen Anhängern zu demonstrieren, dass man zwar vertrauen, aber eben nicht blind vertrauen darf?

ELTEN: Ich denke, dass die Kommune von Anfang an nicht auf Dauer angelegt war. Wir haben zwar geglaubt, wir bauen dort die Musterkommune für das 21. Jahrhundert auf. Doch in Wahrheit hatte Osho das Ganze als einen temporären multidimensionalen Kursus in Bewusstseinsentwicklung angelegt. Solange er dauerte, konnte jeder interessante, oft auch schmerzliche Erfahrungen mit sich selbst machen. Es gab viele spannende, teils auch gefährliche Situationen, die das Vertrauen der Kommunemitglieder auf eine harte Probe stellten. Am Ende war klar, dass auch in einer spirituellen Kommune blindes Vertrauen nicht angesagt war. Hier hat die Kommune zweifellos versagt. Aber gerade im Scheitern lag der Erfolg. Als die Oregon Kommune auseinanderbrach, bin ich bereichert in die Welt zurückgekehrt.

In den 70er Jahren gingen viele den Weg in die Politik. Kam das für Sie nie in Frage?

ELTEN: Ich war 30 Jahre lang mit Leib uns Seele Journalist – also Beobachter der Politiker. Dabei habe ich einen Desillusionierungsprozess durchgemacht: Weder die Journalisten, noch die Politiker können das Hauptproblem der Menschen lösen.

Und das wäre?

ELTEN: Die wachsende Kluft zwischen dem menschlichen Bewusstsein und dem rasanten wissenschaftlich-technischen Fortschritt. Der Mensch gleicht immer mehr einem Kind, das in der Sandkiste mit einer entsicherten Handgranate spielt.

Als Reporter war es über drei Jahrzehnte Ihre Leidenschaft, Geschichten zu erzählen. Hatten Sie nach Ihrer Rückkehr nach Deutschland nie Lust, in den Journalismus zurückzukehren?

ELTEN: Nein. Ich habe noch ein paar Artikel für Spezialblätter geschrieben, aber die Rückkehr in den Mainstream-Journalismus konnte nicht stattfinden. Meine Sichtweise hat sich verändert.

Haben Sie ein Beispiel?

ELTEN: Zum Beispiel die Klimakatastrophe. Für die Medien ist sie ein Problem, das mit politischen Mitteln gelöst werden muss. Ich habe einen anderen Ansatz: ich denke, dass die Menschen sich verändern müssen. Es geht nicht um Politik, sondern um Bewusstseinsveränderung.

Das heißt konkret?

ELTEN: Wir müssen lernen, mit uns, mit anderen Menschen und mit der Natur anders umzugehen. Bescheidener, liebevoller, weniger ehrgeizig und einfach auch intelligenter. Jeder Einzelne muss die Verantwortung für sich selbst übernehmen. Wenn aus den Einzelnen viele werden und Tausende sich auf den Weg machen, kann schließlich eine Dynamik entstehen, die Millionen in aller Welt mit sich reißt. Das wäre der Anfang einer globalen Bewusstseinsveränderung. Ich sehe die drohende Klimakatastrophe eher als eine positive Herausforderung.

Das wäre der Weg der Sinnsucher. Gibt es die denn noch?

ELTEN: Ich treffe eigentlich nur solche Sinnsucher! Ich bin ja in der glücklichen Lage, ein „Institut für Kreativität und Meditation“ zu leiten. Dorthin kommen naturgemäß Leute, die ihr Leben verändern wollen. Es kommt darauf an, einen Bewusstwerdungsprozess in Gang zu setzen, eine Kultur der aufrichtigen Selbstbeobachtung. Deshalb ist es mir so wichtig, den Menschen Meditation zu vermitteln.

Konnten Sie Ihre Vorstellung umsetzen, dass nur der die Welt verändert, der selbst friedvoll und positiv ist?

ELTEN: Ich glaube schon, dass ich etwas verändern kann, wobei ich natürlich nur ein winziges Energiepünktchen im Kosmos bin. Wie hat Leonardo da Vinci gesagt? „Der Vogel, der sich auf einem Ast niederlässt, bringt das ganze Universum ins Schwingen.“ Und ich bin ja nicht allein. Ich glaube fest daran, dass immer mehr Menschen die Meditation entdecken. Tatsächlich sind die Menschen schon viel weiter als die Politiker. Denken Sie an das Tempolimit: Die Mehrheit der Bevölkerung ist dafür, aber die Politiker bremsen, weil sie von den Auto-Lobbyisten an der kurzen Leine spazieren geführt werden.

Von Wünschen sollte man sich ja, so sagen Sie, frei machen, wenn man zur inneren Ruhe finden will. Dennoch: Wünschen Sie sich etwas zum 80. Geburtstag?

ELTEN: Auf der Zielgeraden, und da bin ich jetzt wohl (lacht), möchte ich immer noch eine Menge dazu lernen. Natürlich muss dabei der Körper mitmachen, darauf muss man schon achten, mit Disziplin, Bewegung, Yoga. Aber auf das Lernen kommt es an. Wenn man damit aufhört, ist man eigentlich schon tot.