Mein Leben als Heide

Auf der Suche nach dem Glück fehlt irgendwann etwas - aber was?


August 2006

Vor der schönen alten Ziegelsteinkirche in unserer Kreisstadt Klütz steht ein großes Schild mit der Aufschrift: "Ihre Kirche ist offen für Sie. Treten sie wieder ein!" Das umschreibt die Situation mit zwei Sätzen: Die Kirche ist offen, aber die Leute haben nichts mit ihr am Hut. Viele sind ausgetreten. Die Kirche hofft, dass sie wieder eintreten.

Bis zu meinem 24igsten Geburtstag hatte auch ich keinen Bezug zur Religion. Meine Eltern ließen mich evangelisch taufen, gingen aber nicht in die Kirche. Mit neun Jahren kam ich auf eine sogenannte Napola, ein Eliteinternat für den Führungsnachwuchs des Dritten Reichs. Kinder aus religiösem Haus wurden dort zwar nicht daran gehindert, am Sonntag eine Kirche zu besuchen. Aber es waren wenige und Religionsunterricht gab es natürlich nicht. Statt Konfirmation gab es auf der Napola eine "Waffenweihe". Im Rahmen einer germanisch angehauchten Zeremonie erhielt jeder Schüler einen Ehrendolch. Auf der scharfen Schneide war ein Leitspruch eingeätzt, der heute total aus der Mode gekommen ist: "MEHR SEIN ALS SCHEINEN"

Bei Kriegsende brach die religiös angehauchte Naziideologie für mich zusammen und ich stand mit abgewetzten Klamotten und hungrigem Magen als Heide auf dem Boden der deutschen Realität. Es gab buchstäblich nichts mehr, an dem man sich festhalten oder wenigstens orientieren konnte. Oder doch?

Anfang der 50er Jahre lernte ich Elisabeth kennen, Journalistin bei der Abendzeitung in München, eine Frau mit Pepp und Feuer und viel Witz. Sie kam aus einer gutbürgerlichen Familie, die tief in der katholischen Tradition verwurzelt war. Als sie mir sagte, dass sie im Kloster Zangenberg erzogen worden war, fand ich das ganz interessant, denn dort ließ der katholische Hochadel seine Töchter erziehen. Auch Kaiserin Zita von Österreich war dort zur Schule gegangen.

Im Rückblick ist mir klar, dass ich Elisabeth heiraten wollte, weil mein Unterbewusstsein sich nach einer heilen Familie in einer heilen Welt sehnte. Sie hatte die Wurzeln, die mir fehlten. Eines Tages schwang ich mich aufs Motorrad und fuhr aufs Land, wo Elisabeths Vater als Forstmeister die Wälder und das Vermögen eines süddeutschen Fürsten verwaltete. Er wohnte mit seiner Familie in einem schönen Haus. Jeden Sonntag ging der Clan in die Schlosskirche.
Der Hammer kam herunter, als  ich bei Tisch verkündete, dass Elisabeth und ich heiraten wollten. Da fiel der ganzen Meschpoche buchstäblich der Löffel aus der Hand. Es war eine Katastrophe, denn ich war nicht nur nicht katholisch. Ich war auch noch Journalist, ein "windiger Schreiberling" im Dienste der gottlos-liberalen "Süddeutschen Zeitung".

Elisabeth - fortan das schwarze Schaf in der Familie -  hielt zu mir. Wir heirateten natürlich in einer katholischen Kirche mit allem drum und dran. Vorher hatte ich allerdings ein Dokument unterschreiben müssen, in dem ich mich verpflichtete, meine Kinder katholisch erziehen zu lassen. Damit hatte ich kein Problem. Im Gegenteil: inzwischen war ich sogar bereit, mich mit der Religion meiner Frau ernsthaft auseinander zu setzen. Ich hatte das Gefühl, dass der Mensch - oder doch jedenfalls ich selber - ohne Glaube kein harmonisches Leben führen könne. Mit anderen Worten: ich trug mich mit dem Gedanken, zum katholischen Glauben zu konvertieren.

Also traf ich mich einmal in der Woche morgens um sieben mit einem damals sehr bekannten Jesuiten, der im Bayrischen Rundfunk regelmäßig predigte. Er sprach leise und sanft. Ich hörte ihm aufmerksam zu. Aber alle paar Minuten kniff er den Mund zusammen und gähnte diskret hinter vorgehaltenem Handrücken. Ich deutete das als Mangel an Interesse. Nahm er mich und seinen Glauben nicht ernst?

Nach der dritten Sitzung mit dem Jesuitenpater war mir klar, dass wir nicht auf der gleichen Wellenlänge dachten und fühlten. Die unbefleckte Empfängnis, die Vergebung der Sünden im Beichtstuhl, die Unfehlbarkeit des Papstes, das Zölibat, das Enthaltsamkeitsgebot vor der Ehe, und nicht zuletzt die Behauptung, daß Jesus der Sohn Gottes sei, machten mir Probleme. Wer war Gott überhaupt? Ein Typ, der auf Wolke Sieben sitzt und dich pausenlos beobachtet, auch wenn du unter der Dusche bist? Um es kurz zu machen: mein Pater fand auf keine meiner dringlichen Fragen eine plausible Antwort. Nach der fünften Sitzung gaben wir beide auf und ich trennte mich von ihm als Heide.

Als solcher kam ich ganz gut zurecht im Leben. Das Finanzamt zog mir Kirchensteuer vom Gehalt ab. Ich hatte nichts dagegen. Aber eines Tages wurde mir der Einfluss der katholischen Kirche unheimlich. Das war, als mir bewusst wurde, warum Elisabeth - meine verständnisvolle und hochintelligente Frau - viele Bücher nicht anrührte, die ich wichtig fand und ihr empfahl. Elisabeth las sie nicht, weil sie auf dem katholischen Index standen! Ja, so was gab es noch in den 50er Jahren.

Ich hatte Spaß am Leben und an meinem Beruf. Mit dem Erfolg stieg das Gehalt und mit dem Gehalt stieg die Kirchensteuer, die jährlich in die Tausende ging. Eines Tages erhielt ich vom Finanzamt eine Mahnung: Ich sei der evangelischen Kirche den Betrag von DM 1,83 schuldig. Bei Nichtzahlung innerhalb von einer Woche drohe die Pfändung. Das war’s dann. Ich ging zum Standesamt und trat aus der evangelischen Kirche aus. Es war das formale Ende meiner Beziehung zu den Amtskirchen und ihrer Religion.

Aber als ich die Vierzig überschritten hatte, kam ein merkwürdiges Gefühl auf: Innere Leere. Gleichgültigkeit gegenüber beruflichen Erfolgen und dem damit verbundenen Ansehen. Ich hatte Beziehungsprobleme und wurde mir der Nichtigkeit meiner Existenz als Zahlmeister der Familie und geistiger Zulieferant der Medien bewusst. Es gab - außer meinen Kindern - nichts mehr in meinem Leben, was mir wichtig war. Irgendetwas fehlte mir zu meinem Glück. Aber was?

Die Antwort kam zu mir, als ich im Sommer 1977 nach Indien fuhr und Osho begegnete. Er breitete die Arme aus und sagte: "Here you are at last. I have been waiting and waiting. I know my people when I see them!"