Mit Handwerkern im Hier und Jetzt

Betrachtungen in einem mecklenburgischen-Dorf - zwanzig Jahre nach der Wende


Zwanzig Jahre deutsche Einheit liegen hinter uns. Hier in unserem mecklenburgischen Dorf haben wir den Jahrestag nicht gefeiert. Die Erinnerung an die ehemalige DDR ist verblasst. Die jungen Leute interessieren sich nicht dafür, wie es damals war, als das Dorf noch im so genannten Zonenrandgebiet lag. Vergessen ist die Zeit, als bewaffnete Soldaten der Nationalen Volksarmee (NVA) im offenen Geländewagen auf dem Betonplattenweg entlang der Küste hin und her fuhren und Ausschau nach DDR Flüchtlingen hielten. Heute ist der NVA-Kolonnenweg glatt asphaltiert und gehört zu den schönsten Radwanderwegen Deutschlands.

Von unserem Ufer der Ostsee gesehen, erscheint die Holsteinische Küste so nahe, aber wenn man versucht, sie paddelnd auf einer Luftmatratze zu erreichen, ist sie doch verdammt weit weg. Viele DDR-Flüchtlinge haben es damals versucht, einige sind geschnappt worden, einige sind ertrunken und nur wenige sind durchgekommen.

Davon wird bei uns hier im Dorf nicht mehr gesprochen. Man erinnert sich eher an die angenehmen Umstände unter kommunistischer Herrschaft – an die festen Arbeitsplätze zum Beispiel, die niedrigen Mieten und an das enge Zusammengehörigkeitsgefühl, das man damals in kargen Zeiten empfand. Heute herrscht hier ein raueres Klima. "Jetzt macht jeder sein eigenes Ding", sagt mein Freund Horst, der oben im "Schloss" der Chef-Hausmeister ist. Ihm geht es ganz okay dabei. Er hat Glück gehabt. Das Schloss hat die Enkelin des früheren Gutsherren in ein dynamisches und erfolgreiches Bio-und Gesundheitshotel verwandelt und dabei 100 Arbeitsplätze geschaffen. Horst braucht also nicht zu pendeln.

Gitama und ich sind seit zwölf Jahren hier. In dieser Zeit hat sich viel verändert. Nahe gelegene Städte wie Wismar, Schwerin, Rostock oder die Seebäder Boltenhagen, Kühlungsborn, Heringsdorf und andere sind aus trister Apathie erwacht und strahlen in einem neuen Glanz. Viele Milliarden Euro sind beim Aufbau Ost verballert worden, aber die Behauptung stimmt einfach nicht, dass das meiste Geld in den dunklen Kanälen der Korruption versickert ist.

Auch unser Dorf ist ein Fördermittel-Paradies. Das Hotel hat seine Bettenkapazität mit Fördermitteln verdoppelt. In einem Nachbardorf ist ein zweites Gutshaus-Hotel mit Fördermitteln entstanden – hochmodern, aufwändig und baubiologisch restauriert.

Demnächst kriegen wir sogar einen superschnellen Internet-Breitband Anschluss. Und als nach langem zähen Gerangel mit der Fördermittel-Bürokratie endlich der Startschuss für die Erneuerung der unbefestigten Dorfstraße fiel, erschien es uns ganz selbstverständlich, noch einmal in den Fördermitteltopf zu greifen– diesmal für den Bau eines Holzschnitzel - Fernwärmekraftwerks. Mit diesem Projekt sind wir Wessis endgültig in unserem mecklenburgischen Dorf angekommen. Und zwar als Genossen! Gitama und ich sind Genossen einer Genossenschaft, die als Träger des Fernwärmekraftwerks gegründet werden musste. Wir sind also gewissermaßen kapitalistische Genossen.

Mecklenburg-Vorpommern ist nach meinem Geschmack das schönste deutsche Bundesland. Aber auf allen anderen Ebenen hinkt es hinter den anderen Bundesländern hinterher – bei der Bildung, bei der Nutzung des Internets, bei den Löhnen, beim Konsum usw. und so fort. Kein Wunder also, dass viele Menschen seit der Wende vor 20 Jahren in den Westen umgezogen sind. Neulich fragte ich Julia, meine Friseuse, die mir – nebenbei gesagt – für 5,50 € in 15 Minuten einen durchaus anständigen Haarschnitt macht, ob viele Leute aus ihrem Freundes-und Bekanntenkreis in die westlichen Bundesländer abgewandert sind. "Mindestens jede zweite", sagte sie. „Nicht alle sind für immer weg. Viele arbeiten über die Woche im Westen und verbringen nur noch das Wochenende hier“.

Und dann gibt es noch die Pendler, die jeden Tag stundenlang im Auto unterwegs zu ihrem Arbeitsplatz im Westen sind. Ein Wahnsinn natürlich, aber vielen, die nicht Hartz IV-Almosen annehmen wollen, bleibt gar nichts anderes übrig.

Das sind die Themen, die in unserem Dorf eine Rolle spielen – Arbeit, Geld, Kredite, Ratenzahlungen, das Wetter, der Garten, die Katzen, die Hunde und – ganz wichtig natürlich - das Auto. Politische Diskussionen gibt es hier nicht und auch über die Ernte wird nicht viel geredet. Wir haben nur einen Bauern, der beim Beackern seiner Ländereien mit viel Intelligenz und modernen Maschinen ohne feste Angestellte auskommt. Im übrigen wird die Landwirtschaft großflächig von einer Genossenschaft betrieben, die aus der früheren kommunistischen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) hervorgegangen ist. Zu DDR-Zeiten arbeiteten dort fast 200 Leute. Jetzt kommt man mit acht aus.

Am 20. Jahrestag der Einheit erinnerten die Medien daran, wie die DDR-Bürger damals in Leipzig, Berlin, Dresden und anderswo auf die Straße gegangen sind. Sie hatten es satt, sich von kommunistischen Funktionären gängeln zu lassen. Sie wollten nicht länger das kleine Brötchen backen, sondern mit der D-Mark einkaufen.

Plötzlich hatten sie keine Angst mehr. Die Mauer musste weg. Mit dem Protestschrei „Wir sind das Volk!“ wurden sie Vorreiter einer neuen Epoche, in der das Volk den politischen Eliten friedlich aber selbstbewusst klar macht, wer der Souverän ist. Die Epoche der Basis-Demokratie wurde in Leipzig eingeläutet. Es dauerte 20 Jahre bis sie im Westen ankam – nämlich in Stuttgart.

Bei den Feierlichkeiten in Berlin war der Fokus der Medien nicht auf das Volk gerichtet, sondern auf die Politiker, insbesondere auf den Altkanzler Helmut Kohl. Die CDU hat den 20. Jahrestag der Wiedervereinigung zu einer Parteiveranstaltung umfunktioniert, bei der Kohl zum „Vater der Einheit“ gekürt wurde. „Der Dicke“ saß im Rollstuhl und hatte Tränen der Rührung in den Augen. Schließlich war er so überwältigt von dem gut organisierten Rummel um seine Person, dass er der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel sogar die Hand küsste. „Mein Mädel“ nannte er sie damals gönnerhaft, als er ihr politisches Talent entdeckte und sie zu seiner Umweltministerin machte.

Als die Feierlichkeiten in Berlin beendet waren, stand Helmuth Kohl plötzlich auf der Kandidatenliste für den Friedensnobelpreis. Dabei bestand sein Verdienst um den Frieden doch nur darin, dass er den Dingen ihren Lauf ließ. Die Mauer bröckelte. Tausenden gelang die Flucht in den Westen. Die Regierungschefs in Westeuropa waren entsetzt. Sie hielten ein vereinigtes Deutschland für eine Katastrophe. Kohl erklärte ihnen, was ohnehin klar war: Die Wiedervereinigungsdynamik ist nicht mehr aufzuhalten. Es sei denn, sie wird mit brutaler Waffengewalt niedergeschlagen. Ein totales Chaos im Zentrum von Europa wäre die Folge.

So fügten sich alle in das Unvermeidliche – auch der sowjetische Staatschef Gorbatschow. Die wahren Helden der Wiedervereinigung waren nicht die Politiker, die sich so gerne selber feiern, sondern die Bürger der DDR.

Für das Hier und Jetzt ist das alles nicht wichtig. Im Hier und Jetzt geht es immer wieder darum, wie wir in unserem vereinten Deutschland zurecht kommen. Und da können wir in unserem Dorf nicht meckern, wie es so schön im Ossi-Jargon heißt. Das Bio-Hotel, das – nebenbei bemerkt – die höchste durchschnittliche Bettenbelegung in ganz Mecklenburg Vorpommern hat, betreibt inzwischen eine florierende Bio-Landwirtschaft. Ein Gesundheits-Zentrum ist entstanden, in dem 25 Therapeuten arbeiten. Und im Augenblick werden gerade 20 Häuser an das neue Holzschnitzelwärmekraftwerk angeschlossen.

Als der Bagger auf unserem Grundstück loslegte und einen schultertiefen Graben, von der Straße zum Haus aushob, ist unser ökologischer Impuls ein wenig gedämpft worden, muss ich ehrlich gestehen. Es kam uns so vor, als wäre ein Abrisskommando im Garten unterwegs. Eine Kettensäge brüllte auf und in Nullkommanix krachten drei haushohe Zypressen zu Boden. Der Bagger brauchte Platz und die Zypressen standen dem ökologischen Fortschritt im Wege.

Aber wir bemühen uns natürlich darum, die positiven Aspekte in jeder Situation zu sehen. Die blieben uns nicht lange verborgen. Als wir die Handwerker mit banger Neugierde bei der Arbeit beobachteten, fiel uns auf, dass wir eine Menge von ihnen lernen können. Diese beneidenswerte Meisterschaft, mit der sie die Kunst der Entschleunigung beherrschen! Diese meditative Gelassenheit! Diese Ruhe, wenn sie schweigend auf dem Stuhl sitzen, die Zigarette mit Tai-Chihafter Langsamkeit zum Mund führen und unverwandt in die Ferne schauen! Immer und immer wieder. Nichts passiert, jedenfalls nichts Offensichtliches. Die Zeit steht still. Und wir sind im Hier und Jetzt!