„Nur die Mutigen wagen es, mit mir zu gehen…“


In dem Film „Guru“ geht es um Vertrauen und was passiert, wenn man es verliert

Von Jörg Andrees Elten

Beat Häners Augen leuchteten, als er mir von seinem Filmprojekt erzählte. Der Schweizer Filmemacher wollte der Frage nachgehen, ob und wie Oshos Lehre 21 Jahre nach dem Tod des Meisters in seinen Schülern weiter lebt. Ich fand seine Idee gut. Besonders sein Enthusiasmus gefiel mir. Ein Osho Lover in den Startlöchern, dachte ich. Aber war dieser sympathische Mann mit seiner unschuldigen Begeisterungsfähigkeit auch kantig genug, um sein positives Osho-Bild zu verteidigen, wenn Medienbürokraten meckern und Geldgeber kalte Füße kriegen?

Mein Instinkt hat mich nicht getäuscht. Ich weiß nicht was passiert ist, jedenfalls ist von Beat Häners schöner Film-Idee nur der Auftritt von zwei Protagonisten übriggeblieben, die im wesentlichen ihre Enttäuschungen mit Osho schildern. Die Rede ist von Oshos Ex-Generalbevollmächtigter Ma Anand Sheela und von Oshos Ex-Chefleibwächter Shiva.

Sheela hat damals ihren Job als Chefin der Osho-Kommune im US-Staat Oregon hingeschmissen und die Flucht ergriffen, ohne sich von Osho zu verabschieden. Das FBI war hinter ihr her. Als sie sich später vor Gericht wegen Anstiftung zum Mord und zahlreicher anderer Straftaten verteidigen musste, schob Sheela alle Schuld auf Osho. Sie sei ihm total hörig gewesen und habe immer nur seine Anordnungen befolgt.

Shiva hatte ein anderes Problem. Im Aschram von Poona war er als Chefleibwächter ein Star mit vielen Privilegien gewesen. Wenn Osho auftrat, war der attraktive Schotte mit seinem flammenroten Bart und der schulterlangen Mähne stets neben dem Meister – hellwach und präsent. Er wohnte in Oshos Haus, gab Craniosacral-Behandlungen und genoss es, mit anderen Motoradfreaks durch die Landschaft zu brettern.

Plötzlich war die herrliche Zeit vorbei. Osho zog mit seiner Kommune nach Amerika um. Ein neues Abenteuer begann: In der einsamen Weite einer heruntergekommenen, riesigen Ranch im US-Staat Oregon zogen die Sannyasins eine neue Stadt hoch – Rajneeshpuram. Im Winter sank das Thermometer auf minus 20 Grad. Wenn es regnete, steckte man bis zu den Knien im Schlamm. Der Meister zog sich ins Schweigen zurück. Um seine Sicherheit kümmerten sich jetzt Stadtpolizisten unter Führung eines amerikanischen Sheriffs. Ein Chefleibwächter wurde nicht mehr gebraucht. Plötzlich war Shiva nur noch einer von vielen und schob Zwölf-Stunden-Schichten auf dem Bau. Er tat mir damals leid, aber ich sah auch den positiven Aspekt dieses Schockers: Ganz offensichtlich wollte Osho Shivas Vertrauen testen. Der Test fiel negativ aus: Als Sheela ihm auch noch verbot, mit dem Motorrad herumzufahren, hatte Shiva genug. Er verschwand von der Ranch, und man hörte erst wieder von ihm, als er mit einem bitterbösen Buch über Osho an die Öffentlichkeit trat.

Sheela und Shiva sind nicht die einzigen Sannyasins aus Oshos näherer Umgebung, die sich von ihrem Meister abgewendet haben. Jeder von ihnen hat seine eigene Geschichte, aber eines haben sie gemeinsam: sie haben in Osho den Über-Vater gesehen. Sie wollten ihm so nah sein wie möglich, sie wollten, dass er die Verantwortung für sie übernimmt und sie schließlich für erleuchtet erklärt.

Das war freilich nicht Oshos modus operandi. Immer wieder hat er seine Schüler ermahnt, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Sie sollten ihn nicht als Heiligen verehren und sich nicht mit seiner Person verbinden, sondern mit seiner Präsenz, mit seiner Botschaft. Die persönliche Beziehung ist an die Zeit gebunden. Die Verbindung mit der Präsenz eines Meisters ist ein zeitloses spirituelles Phänomen – jenseits von Leben und Tod, jenseits von Emotionen, von Erwartungen, von Ängsten und auch von Enttäuschungen.

Der Mensch lernt nicht durch Belehrung, er lernt durch Erfahrung. Seit vielen Jahrhunderten besteht die Arbeit eines spirituellen Meisters im Wesentlichen darin, Situationen herzustellen, in denen seine Schüler wichtige persönliche Erfahrungen mit sich selbst machen können. Er möchte sie aufwecken, notfalls mit schmerzhaften Schocks. Er sagt ihnen nicht, was gut ist und was böse. Er wirft sie immer wieder auf sich selbst zurück und lässt sie in das Messer ihrer Unbewusstheit laufen. Er ist wie ein Spiegel, in dem jeder sein wahres Gesicht sehen kann. Wer mit ihm arbeitet, muss bereit sein, durchs Fegefeuer zu gehen. Osho: „Ich will euer Ego zertrümmern, damit ihr frei sein könnt und wie neu geboren…Nur die Mutigen wagen es, mit mir zu gehen.“ Totalität war angesagt. Halbheiten gab es mit Osho nicht.

In dem „Guru“ Film nennt Shiva seinen früheren Meister „einen Kaiser ohne Kleider“ - also einen Scharlatan. Sheela beteuert, dass sie Osho nach wie vor liebt. Aber dann nennt sie ihn plötzlich „einen drittklassigen Feigling“ – weil er „die Kommune im Stich gelassen“ habe. Ich bin Osho in diesem Film nicht begegnet. Was ich gesehen habe, waren die Osho-Projektionen der beiden enttäuschten Hauptpersonen Sheela und Shiva. So erklärt sich wohl auch, warum in dem 90-Minuten Film Oshos phänomenales Lebenswerk mit keinem Wort erwähnt wird.

Seine Botschaft wird von Tag zu Tag aktueller. Wenn man in dem Online-Bookstore Amazon.de das Stichwort „Osho“ eingibt, erscheinen mehr als 140 Osho-Titel allein in deutscher Sprache. Die Leserbewertungen erreichen mit 4 - 5 Sternen die Höchstquote. Millionen von Menschen rund um den Globus greifen Oshos Botschaft auf und geben sie weiter. Inzwischen gibt es sogar in China Osho-Meditationsveranstaltungen mit mehr als 500 Teilnehmern. Aber Sheela und Shiva hat die Botschaft des Meisters offenbar nicht erreicht.

Osho war es zeitlebens völlig egal, wie die Medien über ihn urteilten. Skandale gehörten zu seinem Handwerkszeug, hat er mir einmal verraten: „Sie erzeugen Reibung und Reibung erzeugt Energie“. Er wollte vor allem wahrgenommen werden, um seine Botschaft global zu verbreiten. Gar nicht so einfach in einer Welt, in der das Fernsehen jede Woche eine neue Sau durchs Dorf treibt. Aber wenn man eine Flotte von 92 Rolls Royces anschafft und jeden Nachmittag um Zwei auf der Ranch in Oregon vor jubelnden Anhängern karnevalistische „Drive Bys“ inszeniert, fliegen Reporter aus aller Welt ein und berichten über den komischen „Rolls Roce Guru“. Was so aussieht, wie die eitle Selbstdarstellung eines durchgeknallten Narzisten, war tatsächlich ein genialer Werbe-Witz. Ohne ihn gäbe es bei Amazon keine 140 Osho-Bücher und DVDs und auch keinen Guru-Film aus der Schweiz. Als sie nicht mehr gebraucht wurde, kaufte ein texanischer Autohändler die gesamte Rolls Royce Flotte auf und zahlte dafür mehr, als sie ursprünglich gekostet hatte. Sannyasins, die für die Anschaffung von Oshos Rolls Royces gespendet hatten, erhielten ihr Geld zurück.

Übrigens: Ist die Osho-Kommune wirklich ein katastrophaler Fehlschlag gewesen, wie im Guru-Film behauptet wird? Oder gibt es auch hier zwei Wahrnehmungsebenen, die sich drastisch unterscheiden? Wer das Kommune - Experiment in Oregon vorurteilsfrei betrachtet und dabei unter die Oberfläche geht, kann eine interessante Entdeckung machen: Die Ranch war Oshos „Mysterienschule“- das größte, schärfste, riskanteste und erfolgreichste „Human Growth“-Experiment aller Zeiten.

In der Tat gibt es viele scheinbare Ungereimtheiten. Warum, zum Beispiel, etablierte Osho eine reine Frauenherrschaft auf der Ranch? Und warum wurden nicht die qualifiziertesten Frauen auf den wichtigsten Posten eingesetzt, sondern eher die schwierigen, psychisch instabilen Typen - allen voran Sheela? Sie sorgten vor allem dafür, dass viel Sand ins Getriebe kam und den Männern die Knöpfe gedrückt wurden. Und warum wurde Rajneeshpuram nicht auf einer Südsee-Insel hochgezogen, sondern mitten in einer Semi-Wüste, wo nur Wacholder Büsche wuchsen? War denn etwa nicht von Anfang an klar gewesen, dass es hier keine Baugenehmigungen für den Aufbau einer Stadt geben würde?

Viele Anzeichen deuten darauf hin, dass Rajneeshpuram, Oshos Stadt, überhaupt nicht als langfristiges Projekt angelegt war. Was so aussah, wie der Versuch, eine Modell-Kommune für das 21. Jahrhundert aufzubauen, war tatsächlich ein multidimensionales und genial konzipiertes Experiment für die Entwicklung des Bewusstseins. Jeder, der das Glück hatte, daran teilzunehmen, konnte jeden Tag interessante und oft auch schmerzhafte Erfahrungen mit sich selbst machen. Sheela hatte die Gelegenheit, mit ihrer kriminellen Energie in Kontakt zu kommen. Shiva hätte erkennen können, wie sein Ego seine Wahrnehmung beeinträchtigt. Ich war viele Monate – zwölf Stunden täglich – auf dem Recycling Yard damit beschäftigt, rostige Nägel aus altem Bauholz zu ziehen und meine totale Unwichtigkeit zu reflektieren - eine Erfahrung, die mich nachhaltig bereichert hat. Wir alle können Osho dafür dankbar sein. Und wer weiß – vielleicht existiert die Mysterienschule ja noch virtuell, und das Experiment mit Osho geht weiter. Dann hätte auch Beat Häner noch eine Chance, sein Gesicht im Spiegel des Meisters zu betrachten.