Sweet surrender

Wie Krishna Prem die Hingabe lernte und sich mit Würde vom Leben verabschiedet


Wenn seine Ärzte Recht behalten, wird mein Weggefährte Krishna Prem diesen Klartext nicht mehr lesen können. Denn KP, wie ihn alle nennen, liegt im Sterben. Falsch! Er liegt gar nicht, er steht jeden Morgen auf, geht an den Computer und schreibt an seinem letzten Buch, das von seiner Reise mit Osho handelt. Jeden Tag fällt ihm das ein wenig schwerer. Aber er macht weiter solange der Körper noch mitmacht. Während ich diese Zeilen schreibe, ist seine Uhr eigentlich schon abgelaufen. Im April haben ihm die Ärzte noch höchstens drei Monate gegeben.

 KP gehört zur alten Garde um Osho. Er ist Kanadier und lebt in den blauen Bergen oberhalb von Sydney/Australien. Für alle, die in den siebziger und achtziger Jahren in  Poona waren, ist er ein Begriff - ein quirliger  Intellektueller, ein intensiver Diskutierer und vor allem ein witziger, bunter Vogel, dessen Lied überall im Aschram zu hören war.

 Ende Juni verschickte KP die folgende E-Mail an seine Freunde:
„Die Ärzte haben festgestellt, dass ich Krebs (Metastasen) in Leber und Lunge habe. Und die Sache ist nicht heilbar. So entschied ich mich, auf Chemotherapie und andere Heilmethoden zu verzichten. Bei meiner ganzen Reise mit Osho ging es vor allem um Hingabe. Und da die Existenz offenbar wünscht, dass ich meinen Körper verlasse, werde ich mich hingeben und mich mit Anstand und Würde verabschieden. In der Medizin geht es darum, das Leben zu verlängern. Da für mich die Zeichen eindeutig sind, betrachte ich medizinische Eingriffe nur als unnötige Einmischung. Ich fühle mich gut und bin auch gut aufgehoben. Sourabh ist bei mir und einige enge Freunde, mit denen man gut lachen kann, während ich den Abschiedprozess beginne. Seit die Nachricht sich herumspricht, klingelt das Telefon rund um die Uhr. So bitte ich euch alle, mir lieber eine e-Mail zu schicken. Ich möchte meine Energie dazu nutzen, nach innen, in die Stille zu gehen – nicht nach außen, in geselligen Austausch. Ich spüre, wie meine Bindungen gelöst werden und wie der Ballon langsam aufsteigt und davon schwebt. Das ist tatsächlich ein ganz schönes Gefühl. Ich schicke euch viel Liebe…“

„Death is not the enemy…“ Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich diese Worte zum ersten Mal von Osho gehört habe. Er hat sie oft wiederholt, denn letztlich ist es die Angst vor dem Tod, die der Erleuchtung im Wege steht. „Der Tod ist nicht der Feind..." Wir hören es, wir verstehen es vielleicht sogar, aber werden wir, wenn es so weit ist, die Arme ausstrecken und den Tod freundlich begrüßen? "Da bist du ja endlich, alter Junge! Willkommen! Freut mich, dich kennen zu lernen!" Wir werden es erst wissen, wenn wir selber vor dem ultimativen Bewusstseins-Test stehen. Inzwischen macht uns K. P. Mut, und dafür wollen wir ihm dankbar sein.

Hingabe - im englischen heißt es Surrender -  war die Vokabel, die Osho in seinen täglichen Vorträgen am häufigsten benutzt hat. In dem Wort Surrender steckt etwas mehr als Hingabe. Wenn es um die Arbeit mit einem spirituellen Meister geht, bedeutet surrender zum Beispiel, dass der Schüler sich total ausliefert, dass er bedingungslos vertraut und auf eigene Vorstellungen und Erwartungen verzichtet. Deshalb hat Osho auch die Leute, die mit ihm arbeiten wollten, immer wieder und manchmal auch auf geradezu abenteuerliche Weise auf die Probe gestellt. Reicht ihr Vertrauen aus? Sind sie wirklich bereit?

Für KP, den extravaganten, sensiblen Ästheten, gehörten solche Surrender-Tests quasi zur täglichen Arbeitsroutine. Denn Osho hatte ihm den Horrorjob schlechthin verpasst: Pressesprecher des Aschram von Poona. In der Praxis sah die Arbeit etwa so aus: Osho schlachtet jeden Tag eine heilige indische Kuh, provoziert und schockiert Politiker, Journalisten, Bürokraten und - last not least - die Heiligen Männer des indischen Religionsbetriebs. Und KP muss sehen, wie er mit den Journalisten zurechtkommt, die manchmal geradezu mit Schaum vor dem Mund über ihn herfallen. Sein Charme und sein Witz konnten ihm dabei meistens auch nicht helfen.

Die indischen Lokalreporter gehörten im Großen und Ganzen nicht zur schreibenden Elite des Landes. Sie hörten nicht gerne zu. Dass sie auch nichts verstanden, kann man ihnen nicht übel nehmen, denn auch wir hatten manchmal Mühe, Osho zu verstehen. Jedenfalls war es vollkommen hoffnungslos, ihnen Osho nahe zubringen. Kurzum -  die Arbeit des Pressereferenten bestand vor allem darin, der Prellbock für eine aufgebrachte Medien-Meute zu sein.

Die Journalisten aus Übersee waren - von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen -  arrogant, ängstlich und misstrauisch. Osho liebte es, sie auf die Palme zu bringen. Einem Spiegel-Korrespondenten gab er sein berühmtestes Zitat zu Protokoll:" Hitler? I love the man!“ Der deutsche Führer -  das war der Kontext des Zitats -  sei wenigstens ehrlich gewesen und habe alles, was er später angerichtet hat, in seinem Buch "Mein Kampf" angekündigt. Also bitte keine Ausreden. Jeder konnte wissen, was der Mann im Schilde führte. Aber der Kontext fiel natürlich unter den Tisch. Das Zitat „I love the man!“ machte weltweit die Runde.

KP versuchte denen, die nicht zuhören wollten, alles zu erklären -  geduldig bis zum geht nicht mehr. Er durfte nicht ausrasten, ihnen nicht das Mikrophon auf den Kopf hauen und sie nicht einfach rausschmeißen. Surrender war angesagt! Wenn KP seinen Meister manchmal verflucht haben sollte, so wird Osho es ihm gerne verziehen haben. Sein geliebter Schüler machte auf dem Wege zur Erleuchtung zweifellos gute Fortschritte.

Ein Mega-Skandal ereignete sich 1978. Die Vorgeschichte: Als ich im Sommer 1977 mit dem Sternfotografen Jay Ullal nach Poona kam, um eine Reportage über Osho und seinen Aschram zu recherchieren, beschwerte sich Ullal in einem Darshan bei Osho darüber, dass er daran gehindert werde, das Geschehen in den damals viel diskutierten Therapiegruppen zu fotografieren. Dort ging es vor allem um den Abbau von Blockaden, es ging um Angst vor Sex und Nähe und es ging um Gewalt und Liebe.

Die Teilnehmer waren durchweg entschlossen, aufs Ganze zu gehen und die Methoden der Therapeuten waren nicht zimperlich. Zum Teil legte man in den Gruppen die Kleider ab und ging nackt aufeinander los. Es ging zu wie in einem Tollhaus. Und plötzlich sagte Osho zu dem verdutzen Fotografen Ullal: "Du kannst überall fotografieren, soviel wie du willst!" Der Skandal war vorprogrammiert.

In Deutschland erregten Ullals Fotos Aufsehen, aber als sie ein Jahr später in dem "New Delhi Magazin" veröffentlicht wurden, schlugen sie in der verklemmten und sexbesessenen indischen Gesellschaft wie eine Bombe ein. Ein Aufschrei der Empörung ging durchs ganze Land. Es kam sogar zu Anfragen im Parlament.

Osho entschied, dass eine Delegation zum Krisenmanagement in die indische Hauptstadt fliegen sollte. KP (als Pressesprecher des Aschram), Swami Somendra (als Therapeut der „Leela Gruppe“, aus der die meisten Skandal-Fotos stammten), Ma Divya (Therapeutin und Stahlfaust im Samthandschuh), sowie ich als Verfasser des Stern-Artikels machten uns auf den Weg. Als wir am Flughafen von Neu Delhi ankamen, empfingen uns mehr als 100 indische Sanyassins mit fröhlichem Jubel. Sie winkten uns hektisch zu,  tanzten und sangen und hängten uns Blumengirlanden um den Hals. Somendra ließ sich mit Wonne Hände und Füße küssen. Wir anderen kamen uns plötzlich wie Sektenmitglieder vor und hatten unsere Mühe damit.

Am nächsten Tag veranstalteten wir eine Pressekonferenz im Intercontihotel. Und KP, unser Delegationsleiter, demonstrierte, dass er uns auf dem Weg des Surrender um mehr als eine Nasenlänge voraus war. Mit einer geradezu erleuchteten Geduld versuchte er, in dem Chaos durcheinander brüllender und hektisch gestikulierender Journalisten zu Wort zu kommen und ein bisschen Vernunft zu verbreiten. Schließlich riss Divya der Geduldsfaden. Mit flammendem Blick und ausgestrecktem Zeigefinger sprang die südamerikanische Beauty auf und brüllte die Meute an: “Wisst ihr was ihr seid? Ihr seid ein Haufen von sexverklemmten Idioten!“ Mit einem Schlag war Stille im Raum. Zu einer Verständigung kam es jedoch nicht. Nur zu sprachloser Verblüffung.

Wir wohnten im Osho-Meditations-Zentrum in Delhi. Spät in der Nacht saßen wir im Meditationsraum beisammen und die Spannung entlud sich in schallendem Gelächter, als wir den Tag noch einmal an uns vorüber ziehen ließen. Wir lachten vor allem auch über uns selbst. Was machten wir hier eigentlich? Wie zum Teufel konnte es geschehen, dass wir in diesem Irrenhaus-Theater als handelnde Personen auftraten, mit langen Haaren, Rauschebart und Mala um den Hals? Wir, die wir doch vor kurzem noch erfolgreiche und angesehene Mitglieder der westlichen Gesellschaft gewesen waren!

Als das Lachen verklungen war, wusste KP die Antwort. „Sweet surrender!“ sagte er trocken.

Wir rollten unsere Schlafmatten aus und meditierten eine halbe Stunde. Dann sagte Divya in der Dunkelheit: „Osho war da!“
„Ach, hast du es auch gemerkt?“, sagte Somendra.
Und KP: „Und er hat gelacht.“
Und ich: „Ja, was denn sonst?“