Die Chinesen kommen

Unter dem Ansturm der Asiaten ist der Massentourismus in seine apokalyptische Phase eingetreten

August 2006

Ich finde, dass es immer schwerer wird, sich umweltfreundlich zu verhalten. Zum Beispiel neulich, als Tina und ich in die Toskana reisten, um meine Tochter und Enkel Livio zu besuchen. Unter www.bahn erfuhr ich, dass die Fahrt nach Rom 20 Stunden dauert und man viermal umsteigen muss. Das ist was für Umweltfanatiker – nichts für mich. Also klickte ich www.lufthansa.de an. Hamburg – Rom hin und zurück: 850 Euro für eine Person. Zu zweit  also 1.700 Euro. Und dann noch der Mietwagen mit ca. 100 Euro pro Tag, Benzin extra. So bin ich schnell bei fast 3.000  Euro allein für die Mobilität. Das geht zu weit.

Andererseits sind Familienbande natürlich wichtig in dieser Epoche der Beziehungslosigkeit. Einmal im Jahr muss der Enkel besichtigt werden, das steht fest. Mit schlechtem Gewissen klicke ich airberlin.com an. Hier kostet das Rom-Ticket nur halb so viel wie bei der Lufthansa. Und schon bin ich drin im Schnäppchensog der Billigflieger. Wir verschieben die Daten noch etwas hin und her und am Ende fliegen wir mit Air Berlin nach Rom und mit Ryan Air von Pisa aus zurück nach Lübeck- für 200 Euro insgesamt. Der Mietwagen ist  teuerer als der Flug.

So geht es: du willst die Umwelt schonen, aber unversehens bist du nicht mehr nur kritischer Beobachter, sondern aktiver Teilnehmer am modernen Massentourismus, der den Planeten wie ein giftiger Mikrobenschwarm befällt.

Am Tag unserer Ankunft in der Toskana setzte eine Hitzewelle ein. Jede Bewegung wurde zum Kraftakt. Livio überredete mich, zu einem  Croquet-Spiel. Nach zwei Stunden war ich fix und fertig,  aber der Kleine kam erst richtig in Fahrt. Erst als ich ihn nicht mehr gewinnen ließ, fand das Turnier ein jähes Ende und ich ließ mich erschöpft in einen Liegestuhl fallen.

Hitze hin oder her - auf die Sixtinische Kapelle im Vatikan-Museum wollten wir nicht verzichten. Also früh am Morgen ab nach Rom. Auf dem Petersplatz sahen wir das Fenster, in dem der Papst manchmal auftaucht. Aber der Papst ließ sich nicht blicken. Trotzdem waren Tausende von Menschen auf dem Platz. Eine Schlange hatte sich gebildet, die scheinbar kein Ende nahm. „Wir wollen ins Vatikanmuseum. Wo ist denn das?“ fragte eine junge Amerikanerin. Jetzt wussten wir, was uns blühte. Von hier bis zum Eingang des Museums waren es fast zwei Kilometer. Die Schlange (mindestens jeweils vier Menschen nebeneinander) wand sich um die Vatikanmauer herum und bewegte sich kaum. „Hier stelle ich mich nicht an“, sagte Tina entschieden. „Schauen wir mal, wie es vorne aussieht“, schlug ich vor, denn ich hatte noch einen Trumpf in der Hinterhand .

Nach 20 Minuten Fußmarsch hatten wir den Kopf der Schlange vor dem Museumseingang erreicht. Ich ging forsch auf einen adrett uniformierten Museumsbeamten zu, zückte meinen Presseausweis und sagte: „Ich recherchiere einen Artikel über Rom und kann hier unmöglich stundenlang anstehen.“ -  „Wie viele sind Sie denn?“ fragte der Beamte. „Wir sind zu zweit“, antwortete ich. Darauf gab er uns mit einer Kopfbewegung den Eintritt frei. Tina war schwer beeindruckt: „Ich glaub’s nicht!“

In der Eingangshalle des Museums ging es zu wie in einem Großflughafen. Menschenmassen wälzten sich über mehrere Rolltreppen nach oben. Taschenkontrolle, elektronische Sicherheits-und Ticket- Checks. Es dauerte gut 20 Minuten, bis wir uns zur Sixtinischen Kapelle durchgekämpft hatten. Da standen wir nun mit mindestens 500 anderen Besuchern im Inneren dieses weltberühmten Heiligtums und starrten - den Kopf im Genick -  angestrengt auf Michelangelos nur schwach beleuchtete Deckengemälde.

Das prachtvolle Gewölbe war erfüllt von einem babylonischen Sprachengewirr: Fremdenführer versuchten ihren Kunden lauthals zu erklären, was hier auf den Wänden der Kapelle abging. Mir fiel auf, wie viele Chinesen in der Sixtinischen Kapelle waren. Es wird gern behauptet, dass man ein Schlitzauge nicht von einem anderen unterscheiden könne. Falsch. Die Japaner tragen Brille unter der Golfmütze und eine Kamera vor dem Bauch. Die Chinesen tragen keine Golfmützen und drängen sich eng an einander, so als suchten sie Schutz in der Gruppe. Plötzlich sah ich fast nur noch Chinesen, und zum ersten Mal wurde mir bewusst: es ist so weit – die chinesische Invasion rollt! Der globale Massentourismus tritt in seine apokalyptische Phase ein!

Zwei Tage später Abschied von Enkel und Tochter und weiter nach Assisi zum Grab des Heiligen Franziskus. Die Anfahrt zur Kathedrale ist gesperrt. Tausende von Bus-Touristen sind auf den Weg nach oben. Wir parken auf einem der PKW- Parkplätze. Es ist drückend heiß und der Anstieg zur Kathedrale übersteigt meine Kräfte. Der Parkplatzwächter greift zum Handy und ruft ein Taxi.

Eine halbe Stunde später sitzen wir auf einer Gebetsbank in der Grabkammer des Heiligen Franziskus. Die Besucher kommen und gehen in Pulks und haken mit ausdruckslosen Gesichtern auch diesen Programmpunkt ab. Wir schließen die Augen und heben mit der unglaublichen Energie dieses Kraftplatzes zu einem meditativen Höhenflug ab. Die Zeit steht still. Wir sind wie in einem Rausch.

Am Abend treffen wir in Florenz ein. Am Süd-Tor der Stadtmauer ignorieren wir ein Verbotsschild und fahren weiter zu unserer Pension. „Sie haben Ihr Auto mit hier her gebracht?“ fragt der nette junge Empfangschef besorgt. „Da hat Sie die Polizeikamera am Tor schon erwischt!“  Per E-Mail informiert er sogleich die Polizei, dass wir nur zum Gepäckausladen in die gesperrte Altstadt gefahren sind. Um beim Massenbetrieb des globalen Kunsttourismus den totalen Verkehrscrash zu vermeiden, ist die Altstadt von Florenz zur Sperrzone erklärt worden.

Das Autoverbot trifft auch viele Florentiner, die keine Sondergenehmigung haben. Sie parken ihre Autos jenseits der Stadtmauer. Dann steigen sie auf  Motorräder um und verwandeln die engen, malerischen Gassen von früh bis spät in eine tosende Hölle. Schwärme von Mofas und Vespas kurven in akrobatischem Schlangenkurs um Busse und Autos herum und scheuchen die Fußgänger an die Häuserwände. In dem ohrenbetäubenden Lärm kann ich mich mit Tina nur im Brüllton verständigen. 

Tina will in die Uffizien, wo die Bilder der Renaissance-Titanen hängen – Michelangelo, Leonardo da Vinci, Raffael, Botticelli, Lippi  und viele andere. Die Tickets haben wir sicherheitshalber schon vor Wochen online gekauft. „Zu den Uffizien gehen Sie besser zu Fuß“, sagt unser Pensions-Empfangschef am nächsten Morgen. „Taxis kommen nicht gerne in die Altstadt. Ist denen zu mühsam.“ Also hinein in die Hölle und ab zu Fuß. Unser Besuchstermin ist 11 Uhr. Wir sind pünktlich und brauchen nicht anzustehen.

Ein paar tausend andere Touristen sind schon da. Langsam schieben wir mit der Menge von einem Ausstellungsraum in den nächsten. Von stiller Besinnlichkeit kann keine Rede sein. Aber vor manchen Bildern vergessen wir alles und blenden die Menschenmasse um uns herum aus. Aber nach drei Stunden verlassen uns die Kräfte. Wir haben genug von dem Geschiebe und dem Geplapper der Fremdenführer. 

Am letzten Tag fliehen wir mit dem Mietwagen hinauf nach Fiesole. Dort ist es etwas kühler. Wir fahren auf schmalen Asphaltstraßen durch die Berge und bewundern die Prachtvillen der Reichen, die dort schon seit Jahrhunderten wohnen. Schließlich muss der Presseausweis noch einmal herhalten, als ich dem Chefportier des Hotels „San Michele“ erkläre, dass wir uns gerne ein wenig umsehen wollen in diesem Nobelhotel, das zu den zehn stilvollsten und vornehmsten der Welt gehört. Früher war es ein Kloster.

Hier wohnen die Leute, die mit Chauffeur und privater Kunstexpertin im schwarzen Hotel-Mercedes zu den Uffizien fahren – außerhalb der offiziellen Öffnungszeiten natürlich. Sie liegen oberhalb des Hotels auf der Pool Terrasse auf blütenweiß bezogenen Liegen und schauen auf Florenz. Der Abgasdunst über der Stadt dämpft die Sonne und lässt die unvergleichliche Kulisse der Kunstmetropole in magischem Licht erscheinen.

Wir trinken einen Cappucini unter den Arkaden des langgestreckten Klostergangs. Aus der Hotelbroschüre erfahren wir, dass wir hier schon ab 385 Euro übernachten können. Die besseren Suiten kosten 2100 Euro. „Daran hindert mich mein Geiz“, sagt Tina, und so verabschieden wir uns von dem netten Kellner und fahren zurück nach Florenz.

Zum berühmten Dom und der Medici Kapelle  haben wir es nicht mehr geschafft. Dreißig Minuten Fußmarsch waren uns einfach zu viel. Erschöpft lagen wir auf dem Bett, atmeten die kühle Luft der Klimaanlage ein und sammelten Kraft für Mahlzeiten in schönen Osterien.

Einen Tag später waren wir wieder zu Hause. Hitzewelle. Italienische Temperaturen an der Ostsee. Global Warming zeigt uns ein gespenstisch freundliches Gesicht. Vielleicht bringt uns die Erderwärmung dazu,  im Sommer zu Hause zu bleiben? Wer keinen Enkel im Süden hat und mit ihm Croquet spielen will, sollte vielleicht lieber, ganz umweltfreundlich, die eigene Heimat als Ferienparadies entdecken. Die Werke der großen Meister kann man auch am heimischen Bildschirm bewundern, auf  DVD.