Willkommen im Paradies

Neulich kamen Birgit und Björn zum Meditieren zu uns. So lernten wir ein ungewöhnliches Paar kennen, das mit seinem „Traumtänzer“ - Stelzentheater auf Märkten, Messen, Galas und vielen anderen Veranstaltungen die Menschen mit hinreißenden Kunststücken, Späßen und Zaubereien in seinen Bann schlägt.

Zum Abschied drückte mir Birgit ein Buch mit dem viel versprechenden Titel „Willkommen im Paradies“(1) in die Hand. „Das ist die Geschichte unserer Segelreise nach Papua Neuguinea“, sagte sie – und dann waren die beiden auch schon verschwunden. Papua Neuguinea? Auf dem Bucheinband lese ich: “Voller Abenteuerlust, doch mit wenig seglerischem Wissen, lässt ein junges Paar auf seiner 10-Meter-Yacht die australische Küste hinter sich zurück. Das genaue Ziel wird der Zufall bestimmen…“ Ich fange an zu lesen – und lege das Buch nicht mehr aus der Hand.

Auf den ersten Seiten schildert Birgit wie sie zu ihrem Boot gekommen sind. Björn (inzwischen 40), ein blonder Riese, der in Hamburg Sport und Ethnologie studierte, hatte von einem Dozenten gehört, dass er sich in den Semesterferien als „volontario“ in der Casa Guatemala nützlich machen könne, einem Waisenhaus in dem karibischen Inselstaat. Ein paar Wochen später fütterte er braune Babys, wechselte Windeln und brachte den Kleinen das Jonglieren bei.

In den nächsten Semesterferien kam Birgit mit zum Waisenhaus nach Guatemala. Irgendwann hörten die beiden, dass flussaufwärts im Dschungel eine Segelyacht zu verkaufen wäre. Im Schlauchboot fuhren sie los - und fanden Mico. Mit diesem Boot wollten sie ihren lange gehegten Traum von einer Segelreise durch die Südsee verwirklichen. Birgit schreibt: „Ein kleiner schnuckeliger Fahrtensegler, etwa 10 Meter lang, aus Kunststoff, mit schön geschwungenen Formen.“ Ihr Traumboot. Aber wie soll es bezahlt werden und wo soll das Geld für die geplante Südseereise herkommen? Björn finanziert sein Studium als Jongleur und Zauberer. Was übrig bleibt, hat er fleißig gespart. Aber wird es reichen?

An dieser Stelle wird klar, dass es bei dem Buch „Willkommen im Paradies!“ nicht nur um eine Reisebeschreibung geht. Es geht vor allem auch darum, wie zwei junge Menschen ihren Traum verwirklichen – gegen jede Vernunft, gegen scheinbar unüberwindliche Widerstände. Sie wollen sich nicht anpassen. Sie planen keine Karrieren, sie denken nicht an eine gesicherte Zukunft. Sie fürchten sich nicht vor Orkanen und Schiffbruch. Sie wollen einfach ihren Traum leben.

Sie finden den Besitzer der Yacht in der Schweiz. Ein Jahr später nehmen sie sich ein ganzes Semester Auszeit und segeln – „ohne jede Erfahrung“ – einfach los: von Guatemala nach Belize und Honduras, durch den Panamakanal zu den Galapagosinseln, dann in die Südsee und quer durch Französisch – Polynesien, die Cookinseln und Westsamoa nach Australien. Birgit kommentiert trocken: „Nach neun Monaten und neuntausend Seemeilen hatten wir – getreu unserem Motto Probieren geht über Studieren - dann endlich das Segeln gelernt. Wenigstens die Praxis, denn irgendwelche Scheine haben wir bis heute nicht.“ Sie sind keine begeisterten Segler. „Das einzig Unangenehme an Segelfahrten“, sagt Birgit „ist das Segeln selbst.“

Sie wollen Menschen kennen lernen, die noch kein Fremder besucht hat, sie wollen das Paradies entdecken. Sie setzen buchstäblich ihr Leben aufs Spiel, um sich ihren Traum zu erfüllen. Immer wieder geraten sie mit ihrer Nussschale in schweres Wetter – Orkanböen zerfetze Segel, Nachtfahrten durch haushohe Wellen, peitschender Dauerregen, kein trockener Faden am Leib, Übelkeit, Kotzorgien, kaputtes Geschirr und Bohnensuppe auf dem Kombüsenboden, alle zwei Stunden Wachablösung an der Pinne, Schlaflosigkeit rund um die Uhr… „Mein Gott, warum tun wir uns das an?“ schreibt Birgit ins Tagebuch.

Eine vernünftige Antwort gibt es darauf nicht. Was zählt, ist die Herausforderung. Sie nehmen sie an. Und der Entschluss zwingt sie dazu, ihre Grenzen immer wieder zu überschreiten. Sie leben non-stop am Limit, hellwach und kreativ in jedem Augenblick. Das ist Totalität im Hier und Jetzt.

Bei der Lektüre des Buches erinnerte ich mich an ein Gespräch mit Laura, einer gescheiten und witzigen Fernsehregisseurin. Wie bei vielen Freischaffenden gibt es immer wieder mal Durststrecken, wenn nichts läuft. Keine Aufträge! Projekte platzen, das Telefon klingelt nicht mehr.„Manchmal“, sagt Laura, „habe ich regelrechte Angstattacken. Dann wird mir bewusst, dass ich nicht mal meine Altersvorsorge auf der Reihe habe. Ich stelle mir vor, dass ich wie eine Gurke im Rollstuhl sitze und mir keine Schmerztabletten kaufen kann, weil ich einfach kein Geld dafür habe.“

Ich kenne viele Menschen, denen es so geht wie Laura. Besonders Leute, die das Zeitgeschehen aufmerksam verfolgen und analysieren, fühlen sich massiv bedroht. Sie glauben zu wissen, was auf sie – was auf uns alle - zukommt: Klimakollaps, Globaler Wirtschaftscrash, Inflation, Zusammenbruch des Rentensystems, Bankrott der medizinischen Versorgung. kein Geld für Benzin und Heizöl, randalierende Moslems, Selbstmordattentäter in Kirchen und Kaufhäusern - und so weiter und so fort. „ Sobald wir die Massenarbeitslosigkeit nicht mehr finanzieren können“, sagte Laura, „werden sich die Massen von der Fernsehcouch erheben und die Politiker und die Reichen an den Laternenpfählen aufhängen. Der Aufruhr in den französischen Vorstädten war nur ein Anfang…“

Die schlimmsten Schreckensszenarien erscheinen uns inzwischen nicht mehr als Hirngespinste, sondern durchaus plausibel. Was können wir tun, um uns vor Not im Alter zu schützen? Geld auf dem Konto und ein Rentenanspruch beruhigt viele nicht mehr. Kein Vertrauen. Woher soll es auch kommen in dieser Zeit des Umbruchs?

Bei der Lektüre von „Willkommen im Paradies!“ fiel mir auf, dass Björn und Birgit ihre Abenteuer mit einem geradezu kindlichen Vertrauen bestanden haben. Sicherheit? Keine Spur davon! Aber auch keine Angst. Wie erklärt sich das? Ganz einfach: die beiden befanden sich ständig im Hier und Jetzt. Als sie fernab von stillen Häfen und rettenden Ufern ihre Nussschale durch die tobende See steuerten und sich auf einsamen Inseln mit Menschen befreundeten, für die es kein Gestern und kein Morgen gibt, machten sie sich keine Sorgen um die Zukunft. Jeder Augenblick war neu und frisch. In jedem Moment gab es neue Herausforderungen. Wie soll man da an die Rente denken? Es ging immer nur darum, ganz wach und aufmerksam zu sein - und kreativ.

Ist das nicht genau die Lebenshaltung, die wir brauchen, wenn wir einigermaßen heile durch die Turbulenzen unserer Zeit hindurchkommen wollen? Die einzige Sicherheit, die wir haben, ist die Sicherheit, mit der Björn und Birgit die stürmische Reise zu ihrem Paradies bewältigt haben. Unsere Sicherheit ist unser Mut, ist unsere Kreativität, ist unsere Disziplin.

Wirkliche Sicherheit kommt nicht von außen – sie ist eine innere Kraft. Je mehr wir sie verkümmern lassen, desto ängstlicher werden wir, und schließlich macht uns unser neurotisches Bedürfnis nach Sicherheit depressiv und hoffnungslos. Wir hoffen auf das Testament der Großmutter, wir erwarten Hilfe vom Staat, von der Kirche, von anderen Menschen, die ihrerseits Hilfe erwarten – und werden dabei immer unlebendiger.

Wir müssen nicht unbedingt auf Stelzen laufen und in einer Nussschale den Gewalten des Meeres trotzen, um unser Sicherheitsgefühl zu stärken. Unser Alltag bietet genug Herausforderungen, die unsere Kreativität und unsere Lebendigkeit auf die Probe stellen.

Vielleicht reicht es schon, wenn wir nichts mehr auf die lange Bank schieben, sondern JETZT springen. Den Job loslassen, der uns nicht mehr erfüllt. Die Beziehung beenden, die sich längst überlebt hat. Die Wohnung auflösen, in der zu viel Vergangenheit wohnt. Einen lang gehegten Traum verwirklichen - JETZT

Übrigens: Björn und Birgit haben ihr Paradies gefunden. Sie kreuzten von einer Trauminsel zur anderen, ankerten direkt vor den Hütten der Einheimischen. Wie würde man sie empfangen? Auf den unberührten Inseln begegneten sie Menschen mit offenen Gesichtern und strahlenden Augen, Menschen, die ihnen Geschenke brachten und keine Gegengeschenke erwarteten, Menschen, die sich gegenseitig halfen und kein Geld brauchten, um glücklich zu sein. Björn und Birgit hatten Spaß daran, ihre Gastgeber auf dem Dorfplatz mit Zauberei und Jonglieren zu überraschen und wenn sie auf ihren Aluminiumstelzen daher kamen, flohen die Kinder mit fröhlichem Gekreisch in den Dschungel.

Manchmal landeten sie aber auch auf Inseln, wo der Tanz ums Goldene Kalb begonnen hatte. Das waren die Inseln, wo internationale Firmen Rohstoffe abbauten. Dort begegneten Björn und Birgit misstrauischen Blicken oder dumpfer Gleichgültigkeit. Da gab es Bettelei, Dreck, Alkoholismus, Apathie und Schikanen.

Auf der Rückfahrt – als das Paradies der stillen Inseln hinter dem Horizont verschwand, die Sonne unterging und die Sterne am Himmel funkelten, schrieb Birgit in ihr Tagebuch. „Wir brauchen Abstand zu unserer Gesellschaft mit ihren fest gefügten Regeln. Wie oft habe ich doch von meiner Familie oder von Bekannten gehört: 'Das kann man doch nicht machen – du musst dies tun und du musst das tun… Doch hier draußen unter dem weiten Himmel höre ich eine andere Stimme: …šDu musst nichts und du kannst alles!' Und diese Stimme hat Recht: „Ich muss nichts. Ich kann alles. Ich muss es nur wollen!“

(1)Willkommen im Paradies!, Delius Klasing Verlag, 269 Seiten, € 12,00