Ganz entspannt im Hier und Jetzt

Ein Bestseller, der zum Kultbuch wurde, lockt Tausende auf den Weg nach Indien

von Michael Geffken

Millionen von Lesern kannten ihn. Seine Reportagen aus aller Welt erschienen im „Stern“, als dieses Magazin seine Glanzzeiten erlebte. Jörg Andrees Elten war das, was man im Journalisten-Jargon eine „Edelfeder“ nennt. Er fuhr einen Mercedes-Dienstwagen, ließ seine Anzüge in Rom schneidern und war auf Vernissagen und Partys der Hamburger Society ein gerngesehener Gast.

Eines Tages, es war im Sommer 1977, fuhr der Star-Reporter nach Indien, um den Ministerpräsidenten Morarji Desai zu interviewen. Auf der Reise nach Neu Delhi folgte er einer Eingebung, und machte einen Umweg über Poona, um dort den indischen Weisen Bhagwan Shree Rajneesh (gesprochen: Schrie Raschnisch) zu besuchen, der später den Namen „Osho“ annahm.

Die Begegnung mit dem indischen Mystiker war für Elten im wahrsten Sinne des Wortes schicksalhaft. »Bhagwan saß, ganz in Weiß gehüllt, auf einer von üppigen Tropenpflanzen umwucherten Terrasse«, schrieb der Reporter später. »Als er mich kommen sah, breitete er die Arme aus, lachte und sagte: 'Da bist du ja endlich! Ich habe gewartet und gewartet…' Das größte Abenteuer meines Lebens hatte begonnen.«

Elten kehrte als Swami Satyananda von seiner Indienreise zurück – er hatte sich von Bhagwan als Schüler einweihen lassen. Sein Sanskrit-Name bedeutete „Wahre Seligkeit“ .

Eltens Artikel im „Stern“ machte Osho von einem Tag auf den anderen im Westen berühmt. Man traute seinen Augen nicht: in Oshos Aschram – so zeigten die Fotos im Stern – sprangen Meditierer aus dem Westen wie die nackten Wilden herum.

Elten erklärte, dass es sich um Szenen aus therapeutischen Selbsterfahrungs-Gruppen handelte, in denen gestresste und verklemmte Zivilisationsmenschen ihre physischen und psychischen Blockaden loswerden konnten: „In den Selbsterfahrungsgruppen des Aschrams geht man erschreckend furchtlos mit den Aggressionen um, die in jedem Menschen schlummern,“ sagte er.

Aus einer solchen furchtlosen Veranstaltung war Elten mit zwei gebrochenen Rippen herausgekommen. „Ich habe die Perspektive des distanzierten Beobachters bewusst aufgegeben“, kommentierte Elten damals, „weil ich nicht nur schreiben, sondern vor allem auch an mir selber arbeiten wollte.“

Inzwischen sind die Selbsterfahrungsgruppen in Poona sehr viel sanfter geworden. Laut Osho sind sie absolut notwendig, um die Menschen auf die Meditation vorzubereiten. „Ihr könnt nicht mit Gott verschmelzen, wenn ihr voller Neurosen seid“, sagte der Meister.

Mit seinem sensationellen Artikel über Osho nahm Elten 1977 Abschied von seiner Vergangenheit. Bald darauf löste er seinen Hamburger Haushalt auf, gab seinen Mercedes in der Stern-Garage ab, verabschiedete sich von seinen Freunden und tauchte in Oshos Aschram in Poona unter.

„Ich war fünfzig Jahre alt,“ erinnerte er sich später, „ich war immer erfolgreicher geworden und immer routinierter. Ich fand, dass es höchste Zeit war, mit dem letzten Drittel meines Lebens mal etwas ganz verrücktes anzufangen.“

Im Aschram teilte Swami Satyananda ein acht Quadratmeter großes Zimmer mit zwei anderen Sannyasins. Keine Privatsphäre mehr, keine Privilegien – der verwöhnte Reporter lernte die Schmerzen kennen, die mit dem Abbau des Egos verbunden sind. „Das Ego“, so hörte er von Osho, „steht deiner Erleuchtung im Wege, es ist die Barriere, die dich von der Existenz trennt.“

Jeden Tag notierte Swami Satyananda seine abenteuerlichen Erlebnisse. Er beschrieb seine Ekstasen und seine Tränen, seine Begeisterung und seine Zweifel, seine Hoffnungen und seine Enttäuschungen, seine Illusionen und seine Ängste, seine Liebschaften und seine Einsamkeit. Jeden Morgen saß er auf dem kalten Fliesenboden des Aschram-Auditoriums und lauschte den Vorträgen des Meisters.

Während exotische Vögel in dem dschungelartigen Tropengarten des Aschram ihr Konzert anstimmten, sprach Osho über Liebe und Eifersucht, über Einsamkeit und Alleinsein, über Meditation und Erleuchtung, über Bewusstsein und Moral, über Gott und die Welt. Elten war fasziniert von der Klarsicht dieses Inders, von seiner phänomenalen Allgemeinbildung und von der Furchtlosigkeit, mit der er die Tabus, die Heiligen Kühle, die Moral einer Menschheit zerfetzte, die ihre Werte dem Materialismus geopfert hatte.

Nach einem Jahr kehrte Elten nach Deutschland zurück, um seine Aufzeichnungen im Rowohlt Verlag zu veröffentlichen. Das Buch »Ganz entspannt im Hier und Jetzt – Tagebuch meines Lebens mit Bhagwan im Aschram von Poona« wurde zur Sensation der Frankfurter Buchmesse von 1979, denn es traf einen empfindlichen Nerv: Der Vietnamkrieg hatte die Studenten auf die Barrikaden getrieben. Massive und brutale Polizeieinsätze führten zu einer Eskalation der Gewalt. Mitte der Siebziger Jahre artete die einst friedliche Anti-Kriegsbewegung in den Terrorismus der Roten Armee Fraktion aus. Der kapitalistisch-demokratische Staat machte mobil – Ende der siebziger Jahre war der radikale Studentenprotest zerschlagen. Desillusioniert und resigniert wandte sich die studentische Linke von der Politik ab.

In dieser Situation verkündete Elten die neue Botschaft: „Wer die Welt verbessern will, muss bei sich selbst anfangen!“ Fortan pilgerten immer mehr desillusionierte Protest-Studenten nach Poona, um zu Füßen eines indischen Weisen die Kunst der Ego-Überwindung zu lernen. „Aggressive Menschen können der Welt keinen Frieden bringen“, lehrte der Meister.

Heute ist Eltens Bestseller ein Kultbuch, das immer noch – fast 20 Jahre nach der Erstveröffentlichung – viele Menschen dazu bringt, nach Indien zu fahren, um in der Osho-Kommune zu Poona an Selbsterfahrungsgruppen teilzunehmen und zu meditieren. Viele von ihnen kommen aus den Neuen Bundesländern, denn jetzt erst erobert das Buch die ehemalige DDR. Inzwischen ist der Buchtitel »Ganz entspannt im Hier und Jetzt« auch dort zum geflügelten Wort geworden.

Im Klappentext der Erstausgabe von »Ganz entspannt im Hier und Jetzt« hieß es damals: „Gehirnwäsche? Scharlatanerie? Oder doch religiöse Erneuerung? Dieses Tagebuch eines Aussteigers ist ein aufregendes Dokument. Hier spricht ein Kronzeuge für eine rasch wachsende Zahl vor allem junger Menschen, die sich verzweifelt von dem lebensfeindlichen Materialismus der Industriegesellschaft abwenden und die Rettung durch Selbstveränderung suchen… An diesem Buch scheiden sich die Geister. Wer es liest, wird wütend – oder neugierig.“ Der Klappentext ist heute so aktuell wie damals.

Nach Oshos Tod im Januar 1990 hat sich sein Ashram in Poona zum größten Meditations- und Therapiezentrum der Welt entwickelt, das jedes Jahr mehr als 40.000 Besucher zählt. „Die Begegnung mit Osho war das wichtigste und glücklichste Ereignis in meinem Leben“, sagt Elten.

Die Tatsache, dass Osho zu den umstrittensten Persönlichkeiten seiner Zeit gehört, kommentiert Buchautor so: „Jeder authentische Meister ist umstritten. So war es schon immer und so wird es ewig bleiben. Denn ein Meister redet den Leuten nicht nach dem Munde, wie die Politiker. Ein Meister sagt den Menschen die Wahrheit, und das tut oft weh. Ein Meister ist wie ein Spiegel, in dem die Menschen sich mit all ihren Schwächen sehen. Wer sich seiner eigenen Realität mutig stellt, kann mit Hilfe des Meisters sein Bewusstsein verändern und sein Glücksgefühl von äußeren Umständen immer unabhängiger machen.“

Elten hat den Lernprozess mit seinem Meister abgeschlossen. Er bezeichnet sich heute als einen Freund Oshos. „An meinem Buch scheiden sich immer noch die Geister“, sagt er. „Der Materialismus ist schlimmer denn je. Aber das Pendel schlägt schon in die andere Richtung aus. Hunderttausende haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten ihre Spiritualität entdeckt und mit der Arbeit an sich selbst begonnen. Ich bin froh, dass ich mit meinem Buch dazu beitragen konnte.“

Elten leitet heute das »Institut für Kreativität und Meditation« und veranstaltet Seminare, in die er seine Erfahrungen als spiritueller Sucher aber auch als lebens- und welterfahrener Autor einbringt.

Ganz entspannt im Hier und Jetzt – das Buch